Schlössli
Pädagogik

Aus dem Schlössli-Archiv

 

Meine Schlösslizeit 1969–1979 (von Claude Wehrli)

Nach meiner nicht gerade erbaulichen Jugendzeit, der Lieblingssatz meines Vaters war: aus dir wird sowieso nichts Rechtes und meine Mutter hätte lieber drei Schäferhunde als uns Kinder gehabt, hat mich der damalige Direktor des Seminars zu sich zitiert. Ich galt als äusserst freiheitsliebend, als Querkopf, während den Unruhen 1968/69 als rebellisch. Und ich hatte keine Ahnung, was ich wirklich wollte und konnte. Ich rechnete mit neuerlichen Strafen, da ich in der Nacht zuvor aus dem Internat abgehauen war. Es kam ganz anders. Der Direktor fragte mich, ob ich wisse, was Anthroposophie sei. Ich hatte keine Ahnung. Wenn er mir gesagt hätte, das sei eine tibetische Nacktschnecke oder eine Form altassyrischer Ravioli, ich hätte es wohl geglaubt. Nun so kam ich also im Herbst 1969 ins Schlössli in Ins. Zunächst als Müetis persönlicher Praktikant: das hiess Betten beziehen, putzen, in der Lingerie aushelfen. Schnell merkte ich, da weht ein anderer Wind, ein angenehmer, ein wohltuender. Die wunderschönen alten Häuser, die Parks und Gärten taten das Uebrige. Ich lernte unglaublich schnell und gerne. Stundenlange Gespräche mit Aetti bei mehr als einem Glas Rotwein, eröffneten mir den Zugang zur Anthroposophie. Er erzählte ohne zu schulmeistern. Ich nahm intensiv wahr, dass hier etwas gelebt wurde. Nach kurzer Zeit konnte ich als Klassenlehrer eine dritte Klasse übernehmen und ich merkte rasch, dass ich zwar Schule geben gelernt habe, aber nicht gelernt habe Schule geben zu leben. Kollegen, Lehrerbildung, Kurse am Goetheanum und in anderen Schulen haben mir gezeigt, was Anthroposophie wirklich ist, was Steiner bedeutet, was Pestalozzi bedeutet. Meine Mutter hat zwar dem Nachbarn erzählt, nun sei ich völlig verrückt geworden, ich sei einer Sekte beigetreten. Daran hat sie bis zu ihrem Tod festgehalten. Ich hatte jede Freiheit, keine Zwänge, ich bekam die Chance, meine eigene Kreativität zu finden und auszuleben. Die täglichen und wöchentlichen Rituale, die regelmässigen Anlässe und Feierlichkeiten, Gewölbe, Donnerstagswerken halfen mit, eine Gemeinschaft zu leben, Teil davon zu sein und dennoch die Individualität zu leben. In all den Jahren hatte ich die Möglichkeit immer wieder Neues zu injizieren: z.B. Der Bau des Bärwolfhauses (ursprünglich eine Militärbaracke!), Töpfern, Glasblasen, Malen mit Pflanzenfarben, Theaterspiel. Wunderschön war auch immer die Zeit im Feirefis, Abenteuer pur in Südfrankreich!

Menschliche und geistige Werte ohne Vorurteile zu fühlen, zu leben, zu erleben und weiterzugeben, das ist der Schlössligeist!

Und dieser Geist hat mich durch das ganze später Berufsleben geprägt und begleitet.

Später konnte ich als Generalagent das Schlössli weiterhin betreuen. Die Beziehungen blieben lebhaft, z. T. bis heute. Sicher haben auch wir damals nicht alles richtig gemacht. Aber war das Ziel? Wohl kaum. Viel wichtiger ist und war doch zu verzeihen, daraus zu lernen. Das war bis vor einigen Jahren die praktisch gelebte Anthroposophie. Das Schlössli wird weiterleben, in welcher Form auch immer!

Claude Wehrli,

ich wohne übrigens noch heute in Ins