Schlössli
Pädagogik

Tagebuch von Ueli Seiler-Hugova

 


02. April 2017

Es ist Frühling. Bald ist Ostern, die Zeit der Auferstehung. Der Sieg der Lebenskräfte über die Materie: Aus dem Boden schiessen die Zwiebelgewächse, die sich schon lange vorher vorbereitet haben: Tulpen gelb und rot, die blauen Trommelschlägel, die Hyazinten. Aus dem Winterholz öffnen sich millionenfach die Knospen: Wie frischer Schnee die Kirschblüten, rosarot die Apfelblüten, die fein zusammengefalteten Ginkgo-Blätter, grüne Blätter allüberall. „Es ist eine Ros’ entsprungen, aus einer Wurzel zart“, „Da haben die Dornen Rosen getragen“. Die in den Weihnachtsliedern prophezeiten Rosen blühen am Holz, am Todeskreuz Christi, am Auferstehungs-Ostermorgen. Das Rosenkreuz.

Gestern, am 1. April, gab es ein Konzert im Runensaal des Druidenhofs: Das seltene Orchester : Eine Formation von zwölf jungen Berner Musikschaffenden. Dass diese Profimusiker im Schlössli ihre „Hauptprobe“ zelebriert haben, bevor sie im Studio eine Woche lang Aufnahmen für eine CD produzieren werden, ist mir eine Ehre. Die von den Musikern eigens komponierte Jazz-Musik ist hohe moderne Kunst: Experimentell, von chaotischer Geräuschkulisse bis wohlharmonierendem Swing im Beni Goodman Bigband -Stil, von klassischen, meditativen Klängen zu spritzigen unerwarteten Tonoffenbarungen, die in ihrer Mächtigkeit einfach beeindrucken. Bläser, Streicher und Hackbrettspieler profilierten sich einzeln wie auch orchestral. Jeder zeigte in echter Jazz-Manier seine Solokünste, begleitet und getragen durch das Musiker-Kollegium. So viel Können auf einem Platz hat seltenheitswert. Ich bin überzeugt, dass diese Gruppe einen herausragenden Platz in der gegenwärtigen Musiklandschaft erreichen wird. Herzlichen Dank an INSgeheim dafür, dieses Musikereignis im Schlössli organisiert zu haben.

Vorab am selben Tag, der dritte Teil der vom Tonwerk /Kultur-Kraft-Ort organisierten Rhythmusreihe. Der Dreier-Rhythmus war angesagt.

Nachfolgend mein Text dazu:

 


01. April 2017

DREI

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – haben wir bei der Zwei, der Polarität gesagt.

Das Ganze der Polarität ist das Dritte. Aus der Polarität gebärt sich das Dritte. Mann und Frau erzeugen das Kind. Das Dritte. Das Kind ist das Dritte. Eigentlich ein Mehr als Vater und Mutter. Eben das Ganze.

Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Ur-Drei. Vergangenheitsbezogen, gegenwärtig und zukünftig. Doch dem Vater ist der Heilige Geist gegenüber. Doch dieser Geist ist mehr eine Geistin. Etwas Weibliches: Hildegard von Bingen und Wladimir Solowiof sprechen von der göttlichen Sophia. Sie ist das Pendant zum väterlichen Schöpfer. Sie ist die immer weiter schöpferisch schaffende Kraft. Sie ist die Muse aller Künstler, die an der Welt weiter schafft, die Schöpfung ständig erneuert. Ist das Väterlich- Schöpferische die Vergangenheit, das Gewordene, ist das mütterlich Schöpferische, das stets Neues Gebärende der Sophia, das Zukünftige. Das Zukünftige ist das Offene, noch nicht Geschaffene, aber eben das neu zu Schaffende.

Doch die Mitte vom Vater- und Mutter-Prinzip ist das Kind. Es ist das Projekt der stets gegenwärtigen Zukunft. Der Sohn, oder die Tochter zwischen Vater und der heiligen Geistin, der Sophia ist Christus, also das Dritte, das Gegenwärtige. Die Mitte. Das Kind als das stets unbekümmerte Gegenwärtige. Das Dritte.

Isis und Osiris. Erde und Himmel. Osiris wurde durch Seth zerstückelt. Isis hat ihn wieder ganz gemacht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. So entstand Horus. Das ägyptische Weltenkind. Die aufgehende Sonne. Die Hypotenuse des ägyptischen Dreiecks: Die Dreiecksseiten 3 zu 4 zu 5. Der Satz des Pythagoras: a im Quadrat, plus b im Quadrat, ergibt c im Quadrat.

Askese und Trieb als feindliche Polaritäten. Sie können nur durch das Dritte, den Eros versöhnt werden. Nur die Liebe, als heilende Dritte vermag Gegensätze zu einem höheren Ganzen zu verschmelzen.

Liebe als goldene Horizontlinie zwischen Himmel und Erde: Venus. Das künstlerische Prinzip, das den Geist in der Materie erklingen lässt. Der Eros der künstlerischen Tätigkeit als das Heilende, Ganzmachende. Das Dritte, nicht der Dritte, oder die Dritte, sondern das neutrale Das. Das Kind. Das wunderbar Ganzheitliche, nicht Geschlechtliche, das Menschliche.

Eins, Zwei Drei, das Huhn schlüpft aus dem Ei. Das Geborene aus dem Jenseitigen ins Diesseitige. Ins Leben. Als Mitte zwischen Ungeborenheit und Nachtodlichem. Das Leben als Durchgang durch die Materie, durch das Fleisch, durch die Inkarnation.

Das Prinzip Drei, das sich zwischen Geist und Fleisch, impulsiert durch den Eros, zu einem Menschen entwickelt, zu etwas Drittem, zum Eigenen, Selbstverantwortlichen.

Eins, Zwei Drei, der Walzerschritt, das lebendig Bewegende im Kreis. Zwischen Askese und Trieb, zwischen Mönchsein und Bohemien.

Kopf, Herz und Hand. Die pestalozzische Urformel. Dabei ist das Herz die Mitte. Wir brauchen Herzgedanken und Herztun. Wir brauchen das wärmende Herz. Die Wärme zwischen Kälte und Hitze, zwischen kühlen Gedanken und heissem Tun.

Wir brauchen den schillerischen Spieltrieb zwischen dem Form- und Stofftrieb. Dieser kindliche, gegenwärtige Spieltrieb. Das Kind wiederum in der Mitte als Menschheitsrepräsentant. Wollen wir Mensch sein, müssen wir wie die Kinder sein.

Eins, Zwei, Drei. Eins Zwei Drei. Eins, Zwei Drei.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese soziale Forderung der Französischen Revolution. Die Verwirklichung in der Idee der sozialen Dreigliederung von Rudolf Steiner: Geistesleben, Staatsleben, Wirtschaftsleben. Eine sozialanthropologische Forderung unserer Zeit.

Seien wir in dieser Dreieinigkeit, dann gehe es uns gut.

 


04. März 2017

Heute haben wir im Tonwerk Klangraum von Martin von Allmen den Zweiertakt zelebriert. Ich habe folgenden Text geschrieben und vorgelesen:

ZWEI

Aus der Einheit in die Zweiheit. Zweifel ist angesagt. Zweifel an Gott. An die Einheit. Gott ist tot. Gibt es das Eine, Gott überhaupt? Zweifel ist angesagt. Das sichere Wissen um das Eine wird angezweifelt. Ich weiss nur, dass ich nichts weiss. Der Motor des vorläufigen Wissens ist das Nichtwissen. Ich zweifle, ob es das Wissen überhaupt gibt.

Wissen wird zum Ungewissen. Nichts ist sicher wahr. Nichts ist sicher falsch. Das Wissen wird zum Gewissen, das ewig hadert, was ethisch oder unethisch ist. Das Gewissen ist die Wunde, die niemals heilt, an der man aber auch nicht stirbt. Das eigene Gewissen an Stelle von Gott. Der Ichmensch ist ein Gewissensselbstquäler, der in seinem höchsten Innern diese Gewissensinstanz dauernd schmerzlich befragt, ohne endgültig Antwort zu bekommen. Ein echter Zweifler.

Parzival stolpert aus der Einheit. Aus dem Seligen, Mütterlichen, wird er in die Welt des Zwiefels gestellt. Er hadert mit Gott. Er trotzt mit Gott. Und ist alleine. Aus der Einsamkeit der Ganzheit kommt er in die Einsamkeit seiner eigenen Existenz, seines Gewissens, seiner Individualität. Der Zweifler hat immer recht. Auch gegen seinen eigenen Zweifel. Zweifel ist der Urgrund des modernen Menschen. Ich zweifle, also bin ich.

Zweiheit ist aber auch Dualität. Die Welt als Gegenüber. Die Welt als Gegen-stand. Das Andere ist anders als ich. Ich bekriege das Andere. So entsteht Zwietracht. So entsteht Krieg. Krieg Aller gegen Alle. Zerstörung dessen, was ich hasse, weil es anders ist als ich. Kampf innerhalb der Dualität: Mann und Frau. Schwarz und Weiss. Gut und Böse. Kapitalismus und Kommunismus. Reich und Arm. Ost und West. Süden und Norden.

Das Dualsystem, das binäre System kann nur auf zwei zählen. Unsere heutige Informations-Technologie baut auf diesem System auf.

Zweiheit ist aber auch Polarität. Hier als Ergänzendes: Mikrokosmos und Makrokosmos.  Erde und Himmel. Tal und Berg. Konvex und konkav. Yin und Yang. Mond und Sonne. Dunkelheit und Licht. Frau und Mann. Materie und Geist. Mensch und Gott. Frühling und Herbst. Sommer und Winter. Tag- und Nachtgleiche. Grün und Purpur. Gelb und Violett. Gelbrot und Blau. Ergänzungsfarben. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme und Beine, Hände und Füsse, zwei Lungenflügel, zwei Nieren. Diese Polarität ergänzt. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Eins ist der Punkt. Zwei ist die Linie. Verbindung zweier Punkte. Sie trennt zwei Flächen und berührt sie zugleich. Jede Berührung ist zugleich Verbindung und Trennung. Die Trennung der Geschlechter ist zugleich ihre Verbindung und Beziehungsfähigkeit. Liebe und Hass sind weit und nahe aneinander.

 


03. März 2017

Nun sind die Schneeglöcklein und Krokusse zu Tausenden da. Wie schnell lösen diese Licht- und Frühlingsboten den weissen Schnee ab. Weiss als Erinnerung an den Winter. Bald haben wir Tag- und Nachtgleiche.

Nach meinem dreiwöchigen Aufenthalt in Tschechien finde ich mich rasch zurück im Schlössli-Alltag. Es gilt weiter nach vorn zu schauen: Einige neue Vermietungen stehen an. Das Aetti Seiler-Fest am 16. September steht fest. Ich möchte Sinn und Idee der Stiftung Seiler näher beschreiben und veröffentlichen: Natürlich ist meine eigene Intention stark gefragt. Ich selber bin ja eher ein Initiativ-Mensch. Habe Ideen, die ich verwirklichen will. Als Leiter des Schlösslis in 34 Jahren, muss ich mich auch immer wieder fragen was ich für mich selber will. Im Niedergang der Schlössli Heimschule bäumte ich mich gegen den Zerfall und die Schliessung. Dieser Kampf hat mir fast das Leben gekostet. Der Hass und die Niederträchtigkeiten waren kaum auszuhalten.

Als wir dann im August 2014 neu angefangen haben die leeren Häuser zu vermieten, fragte man mich dauernd: „Du Ueli, was willst jetzt mit dem Schlössli machen?“ Ich wusste es nicht. Und ich begriff schnell, dass ich es auch nicht wissen musste. Der Paradigmen-Wechsel leitete die Stiftung Seiler an, die Häuser und Höfe nach dem Chaos und der Zerstörung wieder ganz zu machen. Hunderttausende Franken wurden investiert. Weiter ging es darum auf die Menschen zu warten und zu schauen welche Initiativen sich verwirklichen wollen.

War ich vorher männlich initiativ, wurde ich jetzt mütterlich abwartend. Wie eine Mutter, die in der Hoffnung ist und sich fragt, was für ein Kind wohl zu ihr kommen wird. Wir von der Stiftung sind offen für Menschen, die in den Schlössli-Räumen nachhaltige soziale oder kulturelle Initiativen verwirklichen wollten.

„Ja, sind das den anthroposophische Menschen?“ wurde ich gefragt. Nun, auch als Leiter der anthroposophischen Schlössli-Schule fragte ich mögliche MitarbeiterInnen nicht ob sie AnthroposophInnen seien. Ich versuchte zu erkunden, ob sie beziehungsfähig für unsere Kinder und Jugendlichen sind, ob sie künstlerische Begabungen haben und atürlich auch, ob sie interessiert sind und sich in die Steiner-Pädagogik hineinleben wollen.

Heute, nach fast drei Jahren, sind unsere Häuser alle wieder bewohnt. Darunter werden es immer mehr Leute, die die Schlössli Werk- und Aussenräume schätzen und nutzen. Es gibt etliche Bewohner und Initiantinnen (siehe Website) die am Schlössli ausserdem weit mehr geniessen als die Mietobjekte.

Etwas Gemeinsames wird hier aktiv gesucht: So gibt es z.B. die „Vollmondsuppe“, wo man sich mond-monatlich trifft. Es gibt Aktionstage, wo gemeinsam Arbeiten wie Laubrechen, Putzen, Hecken schneiden usw. organisiert werden. Die Jahresrituale werden wieder gefeiert. „INSgeheim“ lädt zu Theater und Konzerten ein. Jetzt wird ein Tanztheater für Kinder und Jugendliche ausgeschrieben. Das „Tonwerk“ veranstaltet zwölf Rhythmus-Tage. Die Kräuterschule produziert Teekräuter und Medikamente.

Am 16. September 2017 gibt es ein Schlössli-Fest mit dem Titel „100 Jahre Aetti Seiler – und wir schauen in die Zukunft“. Ein provisorisches Programm besteht schon. (Siehe KulturKraftOrt) Es haben sich viele Leute gemeldet, um das Fest mitzugestalten.

In meinem Tagebuch am 5. Januar habe ich über die Philosophie Ivan Illichs (1926 – 2002) geschrieben. Er gehört zu meinen Privat-Heiligen, wie Mahatma Gandhi, Jean Gebser, Erich Fromm, Rudolf Steiner. Ich schrieb von seine Ansichten über die Schule, die Kirche, das Gesundheitswesen, den Frieden, den Reichtum, die Wirtschaft, über Gefängnisse, über Spass und Freundschaften, und über das Christliche im Samariter. Im Zusammenhang mit der Schlössli sind mir Illichs Ausführungen über das Wohnen und über die Allmenden wichtig. Ich möchte erreichen, dass innerhalb des Schlösslis der Gedanke der Allmend zum Gedeihen kommt. Damit die MieterInnen sich aus eigenem Impuls für ihre Umgebung verantwortlich fühlen. Dafür bietet die Stiftung eine wunderbare Umgebung, Räume zum gemeinsamen Gebrauch. Diese Gemeinsamkeit muss wachsen, braucht Zeit. Ich bemühe mich also auch um Geduld.

 


28. Februar 2017

Unser Tschechien-Aufenthalt im Februar 2017

Mit Kamila bin ich am 9. Februar Richtung Tschechien losgefahren. So früh, dass wir nicht in den Stau kamen und bereits am Mittag in unserer Wohnung in Prag angekommen waren.

Am Samstag und Sonntag, 11./12. Februar, unterrichtete ich die Klassen 2 und 3 der Waldorflehrerausbildung in der Waldorfschule Jinonice. Thema war die Biografie von Rudolf Steiner.

Am Montag fuhr ich mit dem Bus nach Karlovy Vary an die dortige Waldorfschule. Sie hat nun schon 5 Klassen. Vor den Eltern der Kinder hier hielt ich einen Vortrag zum Thema: Wir lernen durch das Erlebnis. In Karlovy Vary wohnen heute überdurchschnittlich viele Russen. Für die Tschechen bedeutet es manchmal unangenehme Situationen. Doch erzählt wird auch, dass viele Russen aktuell weiterziehen in den Westen, z.B. nach Zürich.

Am Mittwoch und Donnerstag, 15./16. Februar, unterrichtete ich in der Akademie Tabor in Prag die TagesstudentInnen. Thema waren die Sterne, astrologisch und astronomisch gesehen. Mein Sternenbuch „Sternekunde integral“, das auch in tschechischer Sprache erhältlich ist, diente als Unterlage. Nun arbeite ich schon seit 25 Jahren an dieser Akademie.

Am Freitag und Samstag, 17./18. Februar, gab ich ein weiteres Sternenkunde-Seminar für das  1. Jahr Wochenendstudium an der Akademie Tabor. Die StudentInnen gestalteten u.a. eine Performance über die sieben Planeten.

Am Montag, 20. Februar, wurde ich in Prag abgeholt nach Litvínov in Nordböhmen. Dort in einer Teestube durfte ich Goethes Farbenlehre darstellen. Es kamen dort über 20 Frauen einer Waldorf-Initiative zusammen, die bereits schon einen Waldorfkindergarten führen und im Sommer 2017 neu eine Waldorfschule gründen wollen. Litvínov gehört zu den bekannten Kohlenförderungsgebieten in Tschechien. Nach 1989 haben sich im Laufe der Privatisierung einige Tschechen privat unheimlich bereichert. Heute fehlt das Geld für Umweltmassnahmen. Es ist eine ökologische und gesundheitliche Katastrophe. Darunter leiden vor allem die Kinder.

Am Dienstag, 21. Februar, nahm ich schon morgen früh den Bus nach Příbram, um in der dortigen Waldorfschule in der Epoche der 6. und 7. Klasse die Geschichte von Parzival zu erzählen. Am Nachmittag hielt ich den Eltern einen Vortrag über die heutigen Schwierigkeiten und Chancen der Pädagogik. Die Příbramer Waldorfschule ist eine besondere Schule, da in ihrer Oberstufe, dem Lyzeum, nicht nur die Matura, sondern auch praktische Lehren absolviert werden.

Schon am Mittwoch, 22. Februar, wurden Kamila und ich in der Akademie Tabor samt Farbprojektoren abgeholt, um nahe von Prag in Průhonice einen Farbenkurs zu geben. Ein Mitarbeiter der Forschungsstelle der Dendrologie (Botanik für verholzte Pflanzen) hatte zu zwei Tages-Seminarien über Goethes Farbenlehre eingeladen. Es kamen pro Tag 20 GärtnerInnen und Garten-ArchitektInnen. Ich glaube es ist mir gelungen, die Leute mit zahlreichen Experimenten für Goethes Farbenlehre zu begeistern. Vor allem die Nachbildfarben und die farbigen Schatten wurden als kleine Sensation gefeiert. Die TeilnehmerInnen kreierten einen Farbenkreis mit winterlichem Pflanzenmaterial. Es sah tatsächlich zwar etwas verhalten, aber farbig aus. ... Ich war schon oft in diesem riesigen öffentlichen Park in Průhonice. Den dendrologischen Garten aber sah ich zum ersten Mal.

Am Abend des zweiten Seminars in Průhonice fuhr man uns bereits wieder zurück in unsere Wohnung in Prag. Wir mussten aber gleich weiter, von Prag aus mit dem Bus nach Litoměřice in Nordböhmen. Von da wurden wir nach Řetoun geführt – für einen Besuch der Terezíner-Waldorfschule. Sie haben dort unterdessen zwei Klassen. Am nächsten Tag, Samstag, 25. Februar, durfte ich in der schönen Stadt Litoměřice wieder ein Seminar über Goethes Farbenlehre geben. Somit hatte ich in zwei Wochen viermal die Farbenlehre vermittelt.

Am Sonntag, 26. Februar, besuchten Kamila und ich die Vernissage der künstlerischen Abschluss–Arbeiten der Akademie Raffael, eine goetheanistische Kunststudienstätte in Bratislava, in der Christengemeinschaft in Prag. Viele Menschen bestaunten die hochqualifizierten Malereien und Skulpturen. Für mich war da ein grosser Aufsteller das Wiedersehen mit einer bekannten Schauspielerin und ehemaligen Präsidentschafts-Kandidatin Tschechiens. Sie liest gerade mein Grosses Parzivalbuch und findet es wunderbar.

Nach einem Ruhe- und Vorbereitungstag fuhren wir am Dienstag, 28. Februar, zurück in die Schweiz. Auch bei der Rückfahrt hatten wir Glück: Nach der Abfahrt um 3 Uhr morgens waren wir am Mittag schon wieder zuhause.

 


04. Januar 2017

Heute hat unser Eins-bis-Zwölf Ritual begonnen. Mit Martin von Allmen und sechs Gästen. Unter KulturKraftOrt sind alle Informationen zu finden. Martin leitete den Rhythmus am Schlagzeug. Mein Beitrag waren folgende geschriebene und gesprochene Worte:

EINS

Der Puls. Der Impuls. Im Puls sein. Sein Puls als Impuls.

Im Anfang war das Wort
Und das Wort war bei Gott
Und das Wort war Gott
Im Anfang war es bei Gott
Alles ist durch das Wort geworden
Und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Worte. Worte ohne Antworten. Worten. Ich /Du /Er wortet. Wir worten.

Im Anfang war der Puls
Und der Puls war das Wort. Der wortende Puls.
Der Anfang. Fang an! Fang endlich an! Mach Du den Anfang! Fang ihn, den Puls!

Was war vor der Eins? Die Null. Das Nichts. Das Chaos.

Die Null als Kreis, durch den die Eins geboren wird.
Die Null als Geburtskanal. Geborenwerden aus der Urmutter.

Geboren werden aus der Urmutter zum väterlich Eins.
Ich bin, der ich bin im Eins.

Ich bin Alles aus dem Nichts.

Ich bin der Puls, der aus der Wärme kommt.
Nur die Wärme kann im-puls-ieren.

Der Puls aus dem Herzen, das Erste und wohl das Letzte im Leben und in der Schöpfung. Der liebende Puls.
Im Puls bist Du alleine. Im All-Einen. Lieben ohne geliebt zu werden.

Spüre das Eine, die Eins in Dir. Die Schöpfung aus dem Nichts.

Die einzige wirkliche künstlerische Tat. Denn aus dem Nichts kommt alles, kommt das Neue, noch nie Dagewesene, das In-Dividuelle, nicht Teilbare. Die Eins. Aus dem N-ich-ts kommt das Ich.

Das göttlich Eine des Pythagoras ist unteilbar. Es gehört auch den Müttern, zu denen Goethes Faust hinunter steigt, um das Eine zu erfahren.

Durch die Eins sind wir bereit zum Vielen. Das Ei als Eins. Danach fängt die Zellteilung in Vieles an. Fang an!

Ursprung und Gegenwart.
Springen aus dem Ur in die Gegenwart. Gegen Warten.

Gehen. Geh endlich! Gehen ohne Ende, im Jetzt. Eins, Zwei, Drei, Vier usw. So fängt das Mathematisieren der Kinder an.  Zählendes Gehen, ohne Ende, in die Unendlichkeit: Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf usw.

 

„Geh deine ruhigen Schritte
und schaue die Weiten der Erde,
Die in der Hülle des Himmels
geboren sich weis und gehalten,
Die von der Sonne die Wärme
das Licht sich empfängt und das Leben
Und die zum Träger des Menschen,
der Tiere, der Pflanzen und Steine
Stetig bereit und nie müde
den Boden dir schenkt drauf zu schreiten.“ 

(Christa Slezak-Schindler)


30. Januar 2017

Memorial Day

Der Tag heute vor drei Jahren markiert den Tiefpunkt meines Lebens: Ich wurde vom Kantonalen Jugendamt nach Bern zitiert, wo man mir mitteilte, dass die Schlössli Heimschule auf Ende Juli 2014 geschlossen werde.

Am 10. Januar hatten der Vorstand des Vereins Schlössli Ins und die Geschäftsleitung der Schule beschlossen, auf Ende März 2014 zurückzutreten. Viele der MitarbeiterInnen versammelten sich daraufhin und es wurde ein Konzept erarbeitet, wie eine neue Führungsgruppe am 1. April 2014 die Heimschule übernehmen sollte. Dieser 1. April wurde ein tragischer Scherz – die hoffnungsvolle Initiative zur Weiterführung der Heimschule wurde durch das Jugendamt verhindert. Und bis heute verhindert das Jugendamt widerrechtlich, dass im Schlössli Heimplätze eingerichtet werden.

Diese staatlichen Interventionen erinnern mich an den Begriff von Hannah Arendt; das banale Böse. Hannah Arenth erlebte im Eichmann-Prozess in Israel, wie die staatliche Macht auf unbescholtene Bürger banal böse wirken kann: Ich hatte bis zum Schliessungsentscheid mit den meisten MitarbeiterInnen ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Nun wurden mir in nie zuvor erlebter Weise Hassgefühle entgegengebracht. Ich musste miterleben, wie das Schlössli durch einen staatlich verordneten Liquidator liquidiert wurde. Es wurden mehrere Tausend Adressen von ehemaligen MitarbeiterInnen und SchülerInnen zerstört. Das Schlössli sollte in dieser Form nie mehr weitergeführt werden können.

Ich selber bemühe mich seither, keine Hassgefühle in mir aufkommen zu lassen. Ich brauche meine Kräfte für das Zukünftige. Was wir seit August 2014 bereits alles neu aufgebaut haben, stimmt mich zuversichtlich.

Gestern erst waren die Künstler von Musique Simili (einmal mehr) im Runensaal zu Gast. Organisiert wurde das Konzert vom Kulturverein INSgeheim. Es wurde ein wunderbares Fest mit Johannes Brahms und vielen Besuchern. Ich freue mich weiter, die Schulzimmer nun vermieten zu können – es sollen im nächsten halben Jahr zwei neue Schulen im Geiste Rudolf Steiners entstehen.

Am 30. Januar, meinem persönlichen Memorial Day, denke ich vor allem an die Schlössli-Kinder von damals, die, als die bevorstehende Schliessung bekannt wurde, überall Plakate aufgehängt haben. Die Aufschrift:

„Schlössli soll bleiben,
es ist unser Herz
und wird unser bleiben“

Ihnen fühle ich mich in die Zukunft hinein verpflichtet.

 


16. Januar 2017

"Finsteres Glück" - Buch und Film

In den letzten Wochen sah ich den Film „Finsteres Glück“ von Stefan Haupt. Sogar zweimal, und ich besuchte den Regisseur in Zürich. Das Buch dazu von Lukas Hartmann las ich danach auch noch zum zweiten Mal. Stefan Haupt, der nun schon viele wertvolle Filme gedreht hat, kenne ich von früher. Er hat im Jahr 2000 seinen ersten Spielfilm „Utopia Blues“ z. T. im Schlössli gedreht. Wie „Finsteres Glück“ erzählt „Utopia Blues“ eine wahre Geschichte: Ein Schüler des damaligen Sozialpädagogischen Seminars Schlössli Ins (10. bis 12. Klasse) war schon in seiner Jugend ein Bluessänger und spielte in der Öffentlichkeit und an Festivals. Dieser Schüler hatte aber in seiner Schlösslizeit so grosse psychische Probleme, dass er zwischendurch immer wieder in Kliniken verbleiben musste. Am Ende der 12. Klasse machte er eine Diplomarbeit über seine Musik und seine Krankheit. Hoffnungsvoll glaubten wir, dass er seine Krankheit überwunden hat. Nach Schulaustritt lebte er mit Freunden in einer WG in Ins. Doch die Krankheit kam wieder und er war in dieser WG nicht mehr tragbar. So wählte er im Inser-Wald den Freitod und erhängte sich. Eine traurige Geschichte und doch immer wieder hoffnungsvoll: Ein Jugendlicher kämpft mit seiner Krankheit gegen das Einnehmen der Tabletten, die ihn unkreativ machen. Im Film verliert er den Kampf nicht und man sieht ihn am Schluss an den Füssen in einem Baum aufgehängt. Mit dieser indianischen Methode gelingt es ihm vielleicht, sich zu heilen.

„Finsteres Glück“ handelt von einem tragischen Autounfall, der eine fünfköpfige Familie fast auslöscht. Nur der jüngste Sohn Yves überlebt. Die Familie hat im Elsass im Sommer 1999 die Sonnenfinsternis beobachtet und ist bei der Rückkehr im Belchentunnel verunfallt. Im Spital trifft der Bub seine Trauma-Therapeutin Eliane, die schnell einen guten Zugang zu ihm findet. Mit grösster professioneller Sorgfalt tastet sie sich voran. Die Frage ist, wie kann der Knabe die Katastrophe ins Bewusstsein heben. Das Schicksal von Yves ist verstrickt mit schwierigen Verwandten, die einen Rechtsanspruch auf ihn erheben und ihn bei sich aufnehmen. Sie scheitern und er kommt in die Familie von Eliane. Auch diese Familie hat viele Probleme: Zwei Töchter, die eine studiert Jus und die andere pubertiert. Sie macht der Mutter und im Gymnasium grösste Probleme. Die Mutter ist alleinerziehend. Da ist aber noch der Vater der jüngeren Tochter, der getrennt von der Familie lebt, sich aber doch um die jüngere Tochter kümmert. Immer mehr schält sich heraus, dass die Trauma-Therapeutin selber ein Trauma zu verarbeiten hat: Ihr erster Mann, der Vater der älteren Tochter, ist auf einer Bergwanderung durch Herzstillstand gestorben. Was Eliane zunächst nicht wusste ist, dass er in den Armen einer langjährigen Geliebten starb. Diese schrieb der Witwe später einen klärenden Brief. Das hat Eliane nicht verwunden.

Obwohl es in der Geschichte eigentlich um Yves geht, der dann zuhause bei der Therapeutin auch von den Töchtern akzeptiert wird, zeigt das Buch und der Film die schwierige Vernetzung der verschiedenen Menschen.

Eliane fährt dann mit ihren Töchtern und Yves ins Elsass und er zeigt ihnen den Platz, wo sie die Sonnenfinsternis erlebt haben. Auch beim Autofahren steigt im Knaben wieder die schreckliche Erinnerung auf. Er glaubt, er sei Schuld am Unglück, weil er den Vater geschubst habe, aus Angst dass er die Mutter schlägt. Diese finstere Geschichte zeigt gegen den Schluss immer mehr die verfahrene Situation der Ehe von Yves Eltern. Vom Vater, der das Unglücksauto fuhr, fand man einen kurz vor der Autofahrt geschriebene Notiz, die die Auswegslosigkeit der Ehe charakterisiert: "Ich kann mit dir nicht leben und noch weniger ohne dich. All die Jahre bist du in mich hineingewachsen, du füllst mich aus, ich schleppe dich mit mir herum, eine Centnerlast“. Die Frage steht im Raum, hat der Vater die Familie bewusst in den Tod gefahren?

Doch hinter der Geschichte stehen eben nicht nur die tragischen Verflechtungen der Familien,  sondern das kosmische Ereignis der Sonnenfinsternis, das ja damals Tausende von Menschen beschäftigte. Diese Verdunklung der Sonne, aber eben auch wieder das Erscheinen, beeindruckte. Dass hier die Menschen in der Nähe von Colmar einen metaphorischen Zusammenhang sahen zum Isenheimer-Altar, ist naheliegend. Matthias Grünewald, der Maler des Altars, stellt die Kreuzigung von Christus als Sonnenfinsternis dar. In der Auferstehung sieht man die Korona der Sonne.

Die Trauma-Therapeutin Eliane befasst sich im Film seit langem mit dem Isenheimer-Altar. Nun schaut sie mit Yves und den Töchtern den Altar an. Hier trifft nun auch der Vater der jüngeren Tochter ein. Er soll mithelfen, dem Knaben eine sichere Umgebung zu schaffen. Damit findet der Vater auch wieder den Weg zu Eliane und ihrer Familie.

Der Isenheimer-Altar ist zwischen 1506 und 1515 geschaffen worden um Schwerkranken beim Anschauen der Bilder Trost und Hoffnung zu geben. Einige empfingen heilende Wirkung. Nun heilt der Altar Familien-Tragödien.

Die tragischen Verflechtungen all der Personen dieser Geschichte, entwirren sich mehr und mehr. Wer hilft wem, wer therapiert und wer ist der Hilfsbedürftige? Alle belasten sich gegenseitig, aber zugleich bekommt das Leben einen Sinn, weil es hier darum geht, einen jungen Menschen zu retten. Das hilft allen. Jeder Schenkende wird hier beschenkt.

Nun warum hat mich dieser Roman und Film so beschäftigt? Ich selber führte im August 1999 ein heimpädagogisches Schlössli-Projekt durch: Ich fuhr mit etwa hundert Kindern und  Jugendlichen und etwa so vielen Erwachsenen mit dem Zug nach Strassburg und noch etwas nördlicher, um die totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Wir fanden einen Platz, wo wir mit Sonnenbrillen ausgerüstet, das kosmische Ereignis beobachteten. Nun war es in ganz Europa bewölkt. Dazwischen sah man schnell die immer mehr vom Mond verdeckte Sonne durch ein Wolkenfenster. Und tatsächlich, kurz vor diesem, auf Sekunden voraus berechneten Ereignis, tat sich die Wolkendecke auf. Das Finsterniswesen aus dem Nordwesten hüllte uns ein, das bleierne Dunkel liess die Vögel verstummen, man sah die Sterne, z.B. die Venus, leuchten. Dann der Diamant, die Sonne war wieder da. Unsere Jugendlichen haben applaudiert.

Wir fuhren dann nach Colmar, um mit den jungen Menschen den Isenheimer-Altar zu sehen. Am nächsten Tag schrieben die Schüler Aufsätze mit der Frage nach einem Zusammenhang der Sonnenfinsternis mit dem Isenheimer-Altar. Die Aussagen waren frappierend. Die Jugendlichen haben durchaus den Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis und dem Christusereignis selbständig gefunden, ohne jegliche moralisierende christliche Unterweisung.

Das ganze Projekt und die Aussagen der Jugendlichen habe ich in meinem Buch „Sternenkunde integral“ dokumentiert.

 


05. Januar 2017

Ivan Illich (1926 – 2002)

Der visionäre Wurzelwerker (Hg. Werner Pieper)

In den letzten Tagen las ich dieses Büchlein. Ivan Illich war mir schon in den Sechziger-Jahren bekannt: Sein Buch „Die Entschulung der Gesellschaft“ diente mir neben dem Studium der Soziologie Erich Fromms für meine politische Aktion der „Volksinitiative für freie Schulwahl“ im Kanton Bern (1980 – 1983). Illichs Radikal-Kritik hiess damals, dass die staatliche Beschulung der Kinder völlig ineffizient sei: „Schafft die Schule ab!“

Ivan Illich war ein Universalgelehrter, der 10 Sprachen beherrschte. Er ist am 4. September 1926 in Wien geboren. Seine Mutter stammte von sephartischen Juden ab, die 1412 von Toledo vertrieben wurden. Der Vater war ein römisch-katholischer, kroatischer Grundbesitzer. Ivan wuchs in Dalmazien, Split auf. Dann zogen sie nach Wien, wo Ivan im Hause Sigmund Freuds verkehrte. Als Fünfzehnjähriger musste er Wien wegen jüdischer Abstammung verlassen. Er machte in Florenz die Abitur. Er studierte an der Gregorianischen Uni im Vatikan Theologie. Dann arbeitete er als Priester in New York mit irischen und puerto-ricanischen Menschen. Von 1956 bis 1960 amtierte er als "Vice-Rector" an der Katholischen Universität in Puerto Rico. 1961 gründete er sein „Centro Intercultural de Documention“ in Mexiko. Als Befreiungs-Theologe wanderte er durch ganz Südamerika und setzte sich für die Entrechteten und gegen Milchpulver ein.

Mit dreiunddreissig Jahren wurde er zum jüngsten Bischoff. Doch durch seine Fundamental-Kritik an der katholischen Kirche fiel er beim Papst in Ungnade, worauf er das Priesteramt niederlegte.

Nun wurde er Gastprofessor in Deutschland. Seine Forschungsgebiete waren weit gestreut: Er befasste sich mit dem Schulsystem, mit der Krankenversorgung, mit Wasserwirtschaft, mit der Entwicklung des Computers, mit der Freundschaft, mit dem menschlichen Blick, mit der Allmend, mit dem Frieden, u.v.m.

Er starb an Krebs am 2. Dezember 2002.

Nun durch einen Artikel in der Zeitschrift „Das Goetheanum“ angeregt, kaufte ich mir dieses Büchlein. Ich versuche nun seine Thesen herauszulesen und vereinfacht zu dokumentieren. Dann folgt der Bezug zu meiner Arbeit.

Für Illich ist die Allmend wichtig. Die Menschen bezeichneten das als Allmend, was nicht zu ihrem Besitz gehörte, aber von allen genutzt und verantwortet wird. Die Gesetze der Allmend umfasste: das Wegrecht, das Recht zu fischen und zu jagen, das Vieh grasen zu lassen und im Wald Brennholz und Heilkräuter zu holen usw. Auch die Strassen sind Allmenden, worauf sich Menschen aufhalten können, ihre Waren anbieten, sich austauschen und begegnen. Das Recht auf gesundes Wasser, reine Luft und nicht verschmutzten Boden ist eine Selbstverständlichkeit. Doch der ausbeuterische Kapitalismus nimmt keine Rücksicht auf eine saubere Umwelt, die eigentlich Allgemeingut ist.

Die Idee der Allmend schwebt mir auch im heutigen Schlössli vor. Wir vermieten zwar die Wohnungen zum Privatgebrauch. Doch haben wir auch Treppenhäuser, Vorplätze, Gärten zur gemeinschaftlichen Nutzung. Weiter den Rosenhofpark, das Gewölbe, die Lilienhofküche mit dem Fenissaal, den Theatersaal im Druidenhof und verschiedenste Ateliers. Diese Räume werden Mietern gratis zur Verfügung gestellt. Es werden Vollmondsuppen, Jahresrituale, Feste veranstaltet. Die Familien laden ein, um sich kennenzulernen. Es werden gemeinsame Arbeits-Tage veranstaltet, um z.B. im Park zu lauben. Auch die Aufführungen im Theatersaal sind Orte, wo wir uns treffen. Alles Allmenden.

Zu wohnen ist eine Kunst. Sage mir, wo du wohnst und ich sage Dir wer du bist. „Zu wohnen bedeutet, in seinen eigenen Spuren zu wandeln, wo das Gewebe und die Knoten des täglichen Lebens und der eigenen Biografie Spuren in der Landschaft hinterlassen. Vielleicht haben mehrere Generationen Schleifspuren in Steine hinterlassen, oder durch Anpflanzen von Schilfrohr. Die Spuren der Wohnstätte sind so kurzlebig wie die ihre Bewohner. Diese Wohnstätten sind nie fertig, wenn sie bezogen werden – ganz im Gegenteil zu heutigen Mietwohnungen, die vom Tag des Bezuges verkommen.“ ...  „Gebäude vererben sich von einem Leben zum anderen; oft hinterlassen Rituale Spuren einer bestimmten Zeit.“ ...  „Doch Wohnen ist eine Aktivität, die jenseits von Architekten abspielt.“ ...  „ Es wäre ein Fehler, die Vorzüge des Wohnens auf die Inneneinrichtung zu beschränken; auch das was vor der eigenen Haustüre liegt, wird ja vom eigenen Leben mitgestaltet. Auf beiden Seiten der Türschwelle liegt gewohntes Gebiet. Die Schwelle wirkt wie eine Drehachse des belebten Raumes. Auf der einen Seite liegt das Heim, auf der anderen Seite die Allmend.“ ... „Wohnraum, der die Zeichen des Lebens trägt, ist so überlebenswichtig wie frische Luft und sauberes Wasser.“

Illich denkt über den Frieden nach: Die Politik braucht das Wort für Frieden, in dem sie den Frieden meint, der durch Kriege hergestellt werden soll. Ein solcher Friede ist kein echter Friede, er ist erzwungen. Die Geschichte wird meist beschrieben als Geschichte der Kriege. Die pax economica beutet die Erde aus, um immer noch mehr Rohstoffe zu generieren und hinterlässt Schutthalden.

„Kriege lassen Kulturen sich angleichen, während Frieden Bedingungen schafft, unter denen jede Kultur zur eigenen, unverwechselbare Blüte reift.“

Die Kriege der letzten Jahre haben überall nur noch mehr Chaos hinterlassen. Und positive eigene ethnische Strukturen sind zerstört worden. Friede kann nicht von Aussen erzwungen werden.

Reichtum macht nicht glücklich. Wir sind süchtig. Wir verschlingen Schmerzstiller, Antibiotika und Antdepressiva wie Süssigkeiten. Die Forderung nach mehr Wirtschaftswachstum bringt uns immer mehr in die Abhängigkeit des Konsums. Die Selbstversorgung geht in dieser Welt immer mehr zurück. Profite machen die Weltkonzerne. Die agressive Form der Finanzprofiteure richtet sich gegen Selbstversorger, Volkskultur, die Allmend, die Frauen. Die ausbeuterische Wirtschaft lebt mit dem Prinzip:

 „So der eine gewinnt, verliert der andere.“

Die Wirtschaft von heute greift nicht nur den Raum ausbeuterisch an, sondern auch die Zeit. Der Mensch ist immer mehr gestresst, hetzt zu seinem Job, täglich, wöchentlich, jährlich, sein Leben lang. Dieser Stress ist lebensfeindlich und untergräbt seine Gesundheit und Lebensfreude.

Gefängnisse. „In Lousiana hat ein Gericht 2015 Albert Woodfox befreit. Woodfox sass mehr als 40 Jahre in Isolationshaft, d.h. 23 Stunden täglich ohne jeglichen Kontakt mit anderen Menschen. Dabei wurde nie geklärt, ob er wirklich 1972 mit zwei Kollegen einen Wärter in Angola Prison getötet hat.“ ... „ Die langjährige Forschung zu diesem System ergab, dass die meisten Insassen nach der Gefängniszeit schwere Traumata mit sich tragen und bis zu 45% schwere mentale Krankheiten oder Gehirnschäden erleiden - die Selbstmordrate ist ungewöhnlich hoch - und grundsätzlich verstösst diese Inhaftierungsmethode gegen fast alle internationalen Menschenrechts-Abmachungen.“ ... „ Es gibt viele Methoden, einen Menschen  zu zerstören, eine der einfachsten und verheerendsten ist die längere Isolationshaft. Jeglichem menschlichen Kontakt entzogen zerrüttet auch der Gesündeste“. 

„Die Einigkeit der Gefängnisleiter beeindruckte mich. Jeder einzelne Bericht bestätigte, dass Gefängnisaufenthalte nie zu ihrem gewünschten Ziel führen. Sie verhindern keine Kriminalität, sie haben keinen positiven Einfluss auf Einstellung und Verhalten von Gefangenen, ihre Bestrafung bringt den Opfern ihrer Taten keine Befriedigung. Die anwesenden Knast-Chefs bestätigten eins ums andere Mal, dass Gefängnisse nutzlos sind. Doch alle forderten mehr Geld, um ihren Job verbessern zu können.“ ... „ Täglich (2015) werden durchschnittlich 48 Häftlinge erschossen.“

Wir lernten, keinen Spass mehr zu haben. „Wenn man alten Quellen vertrauen darf, feierten unsere Vorfahren gerne und exzessiv. Um 1600 jedoch setzte eine grössere Depression ein, die damals noch Melancholie genannt wurde. Wir wissen nun nicht: Liessen die grossen Gemeinde-Festivitäten nach, weil man keinen Bock mehr auf sie hatte, oder war die Rücknahme der Feste mit ein Grundauslöser für die folgenden Depressions-Epidemien?“ Die Calvinisten griffen die sogenannt überbordenden Festivitäten an. „Dieses Bedürfnis-Diskurs charakterisiert auch die zunehmende Entfremdung zwischen Menschen. Wir leben unter Fremden, die Fremde bleiben, obwohl wir uns verantwortlich fühlen, ihre Fürsorge zu finanzieren.“

Freundschaft „Ich möchte zurück greifen auf eine grosse rabbinische und - wie sie sehen werden - eine christlich-klösterliche Entwicklung, die über das hinaus geht, was die Griechen wie Plato oder Cicero schon über Freundschaft wussten: dass ich mich in Deinen Augen wiederfinde. Das schwarze Ding in Deinen Augen. Pupille, Puppe, Person, Auge. Dies ist nicht mein Spiegel. Sie macht mich zum Geschenk, das Ivan für Dich darstellt. Das ist der, der hier Ich sagt. Absichtlich sage ich hier nicht: Dies ist meine Person, meine Individualität, mein Ego. Nein, ich sage, dies ist derjenige, der Dir hier antwortet.“ ... „ Freundschaft, sie war eine fundamentale Grundlage einer politisch korrekten Gesellschaft, der poltaea. Inzwischen mag sie optimaler Beginn einer neuen Politik, politaea, werden. Das scheint schwierig, da bei Gastfreundschaft eine Reizschwelle überschritten wird, über die ich aber hinweg helfen kann. Freundschaft bedeutet, jemanden den Weg über die Schwelle zu zeigen. Zur Gastfreundschaft gehört ein Tisch, an den man sich gemeinsam setzen kann, und ein Schlafplatz, wenn der Gast müde ist. Um zu sagen zu können: Wir haben hier noch ein paar Matratzen,  muss man schon zu einer Subkultur gehören. Gastfreundschaft wird arg von dem Konzept der Persönlichkeit, dem Bildungsstatus geprägt. Ich denke, wenn es einen Begriff gibt, den man mit Hoffnung verknüpfen kann, so ist es die Gastfreundschaft. Praktizierte Gastfreundschaft, ein Tisch, Geduld, und die Fähigkeit, zuhören zu können, bereiten auf der einen Seite den Mutterboden für Tugendhaftigkeit und Freundschaft, auf der anderen eine Ausstrahlung, die zu einer möglichen Gemeinschaft, einer Wiedergeburt der Gemeinschaft führen kann.“ ... „Dann kam dieser umwerfende Kerl, Jesus von Nazareth, und durch seine Worte zerstörte er etwas Grundlegendes. Als man ihn fragte Wer ist mein Nachbar? erzählte er die Geschichte vom - bei einem Überfall verprügelten - Juden und einem Palästinenser, den man Samariter nannte, da er ein Palästinenser aus Samaria war. Erst gehen zwei Juden vorbei, ohne den Verprügelten zu beachten. Dann geht ein Palästinenser vorbei, sieht den Juden, nimmt  ihn in die Arme und kümmert sich um ihn, wozu ihn die hellenistische Gastfreundschaft nicht verpflichtet, und behandelt ihn trotzdem wie ein Bruder. Diese Sprengung der Eingrenzung von Gastfreundschaft, sie einer grösseren Allgemeinheit anzubieten, ihr zugänglich zu machen, kann durchaus als Botschaft des ursprünglichen Christentums gesehen werden.“ ... „Falls ihr die Gastfreundschaft institutionalisiert, entpersonifiziert, macht ihr sie zu einem Gemeindeakt und der Ruf einzelner Christen, die immer eine Matratze, ein Stück Brot und eine Kerze für jeden hatte, der an ihre Tür anklopft, wird abnehmen. Das meine ich mit der Institutionalisierung der Wohlfahrt. Ich habe zu entscheiden, wen ich in den Arm nehme, wem ich mich ausliefere, wen ich Aug in Aug als gleichwertig akzeptiere, wessen Gesicht ich zärtlich berühre und von wem ich, der ich bin, wie ich bin, als Geschenk angenommen werde.“ ...

 


22. Dezember 2016

Wintersonnwende

Gestern ereignete sich die Sonnenwendfeier im Rosenhof. Das Team von InSich hatte eingeladen. Musikalisch begleitet von Matz und Steffi, ging jeder Lieder singend sein Kerzlein im Zentrum der Spirale anzünden und auf dem Weg zurück, irgendwo abzustellen. Am Schluss brannten über dreissig Kerzen. Es war kalt, doch im Herzen machte es warm, dieses gemeinsame Kerzen anzünden in der Nacht. Ein Tätigkeit, die in unserer Zeit umso nötiger ist.

Dann gab es warmen Tee und wunderbares Gebäck von Regula.

In der alten Schlösslizeit machte wir das gleiche Ritual am ersten Advent mit der ganzen Heimgemeinschaft. Dieses Adventsgärtlein war ein wichtiger Anlass, in all den Jahresritualen des damaligen Schlösslis. Nun lebt es an Sonnenwend im neuen Schlössli weiter. Den Initianten sei herzlich gedankt.

Noch vorher, am Sonntag, 18. Dezember, durften wir im Druidenhofsaal das Weihnachtsspiel Scrooge der Compagnie PerpetuoMobileTeatro erleben. Die Aufführung folgte inhaltlich dem Original "A Christmas Carol", aber die künstlerischen Mittel waren aussergewöhnlich: Es wurde mit Masken, mit Komik, mit Artistik, mit Musik und Sprache gearbeitet. Auf höchstem Niveau. Alles war zu einem Ganzen zusammengeschmolzen. Am Schluss überraschten uns die Künstler, die so viele verschiedenen Personen gespielt hatten - da es nur zwei Männer und eine Frau war. Diese Künstler beherrschen die geschmeidige Art der Gestalt-Metamorphose, der Verwandlung.

Inhaltlich wird die geizige, menschenverachtende und kalte Seele des Geldverleihers Ebenezer Scrooge durch die Hilfe seines verstorben Kollegen zum Guten verwandelt, indem er sich in seine Kindheit, in seine Gegenwart und Zukunft führen lässt. Diese Weihnacht grenzt für Scrooge ans Wunderbare: Nachdem er sieht, dass er durch seine Geizigkeit an einer Kette baut und ihm die Konsequenzen seines Verhaltens bis über den Tod hinaus gezeigt werden, wird er wieder ein gutmenschlicher Scrooge.

Rudolf Steiner empfahl dieses Weihnachtsspiel neben den Oberuferer-Weihnachtspielen. Im früheren Schlössli haben die LehrerInnen das Stück inszeniert und den Kindern gezeigt. Auch hier wieder: Frühere Schlössli-Impulse leben mit auf.

 


13. Dezember 2016

Sterbenlassen

Heute Morgen früh las ich in der Zeitschrift „Das Goetheanum“. Unter vielen Artikeln sind mir zwei Motive geblieben: „Nur wenn ich den anderen echt sterben lasse, kann sie oder er - und kann ich - neu geboren werden.“ (Madeleine Ronner) „Immer sind es die Menschen -  Du weisst es – ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet.“ (Rose Ausländer)

Ich musste an Müeti denken, wie wir sie gehen liessen. Ihr Tod war wie der Prozess der farbigen Herbstblätter: Sie lassen sich fallen, lösen sich vom Baum und bilden einen farbigen Teppich. Wie ein Fest. All die Briefe die wir erhielten von ehemaligen SchlösserInnen war ein Fest, eine Würdigung, ein Abgesang. Sterben zu können um neu geboren zu werden.

Wenn wir unsere Mitmenschen innerlich sterben lassen würden, um ihnen die Chance zu geben neu geboren zu werden. Aber noch in diesem Leben. Vieles in uns ist alt geworden, zerbrechlich, kompliziert, schwierig. Könnten wir etwas davon sterben lassen, damit Neues entstehen kann? 

Einen Menschen den man lieb gewonnen hat innerlich freigeben, loslassen, sterben lassen - damit er Neues in sich gebären kann. Eine grosse und schwierige Herbstaufgabe. Doch ich bin sicher, dem Sterben folgt das Geborenwerden. Der Frühling naht, es wird neue Knospen, neue Blätter geben.

Meine Eiche, die ich vor mehr als drei Jahre an einem wichtigen Zeit-Punkt meines Lebens gepflanzt habe, behält die Blätter länger als andere Bäume. Kann er nicht loslassen? Doch auch seine neuen Blätter sind uns gewiss.

Die Schlösslikrise hat uns gelehrt loszulassen. Das nicht ohne Schwierigkeiten. Doch wir müssen dem Schlössli die Chance geben neue Blätter zu bilden.

Jedes Menschenherz als einen Stern zu sehen, der die Erde beleuchtet - ein wundervolles Bild. All die Millionen Sterne leuchten, beleuchten die Erde auf ihre eigene Art. Das gibt ein wunderbares Lichtermeer, Sterngruppierungen, heller und bescheidener, verschiedenfarbig. Tragen wir zu all den Lichtern Sorge.

 


05. Dezember 2016

Frauen

Jeden Tag schreite ich das Chartres-Labyrinth in der Rosenhofarena ab. Mitten drin rufe ich Müeti und Aetti an und frage sie um Hilfe für das Schlössli. Seit Jahrzehnten spüre ich, dass das Schlössli einen Schutzgeist hat. Einen Schlössligeist. Was ist dies für ein Wesen? Wenn überhaupt? Immer mehr bin ich überzeugt, dass es ein weibliches Wesen ist.

Aetti sprach oft, dass er die „Weiße Frau“ in der Arena gesehen habe. In der Suche nach der mythischen Weiblichkeit, fand ich sie z.B. mit sechzehn Jahren in der Natura in der Krypta der Kathedrale in Chartres als „Schwarze Madonna“. Diese Urmutter der frühen keltischen Zeit gibt es seit Jahrtausenden. Die Ägypter sprachen von der Isis, die Griechen von der Persephoneia, die Germanen von der Freya. Im Mittelalter wird sie von Hildegard von Bingen (1089-1179, Bild 1) als Sophia angesprochen. In ihren Visionen ist sie die Weisheit, Sophia. Hildegard von Bingen diktierte ihre Visionen ihrem Priesterfreund und Sekretär Volmar und lässt diese auch malen. So haben wir heute ihr geistig geschautes, malerisches Werk.

Ingrid Riedel schreibt in ihrem Buch Hildegard von Bingen, Prophetin der kosmischen Weisheit; „Geheimnisvoll ragt sie auf in der geistigen Landschaft des 12. Jahrhunderts, erst recht in derjenigen unseres Jahrhunderts. Sie überragt viele Gelehrte und tiefsinnige Geister unter den Männern; überragt sie alle in ihrer Einzigartigkeit als inspirierte Frau, die das Sehertum der germanischen und keltischen Frühe, das Prophetentum des Alten Testaments wiederbelebt, wiederfährt dabei einzigartige Bilder des Göttlichen, schaut und vernimmt: den Kosmos als Gottes Leib in der Mandorla-Gestalt der Weisheit in der Farbe des heiligen Grün, die das Weltenrad erfüllt. ...“ Ingrid Riedel sagt ganz richtig, dass die heute populären Kochrezepte und die Kräuter-Medizin Hildegards äusserst interessant sind. Doch wichtig ist die „Gesamtschau von Hildegard der Weisheit, die verschwistert mit kosmischer Liebe und dem schöpferischen Geist, das All durchwaltet, reinigt und erneuert.“ Das weibliche Antlitz Gottes als das Antlitz der Weisheit leuchtet bei Hildegard in einzigartiger Klarheit und Schönheit auf.

Die von Hildegard beschriebene Weisheit, die Sophia, ist die christliche Grünkraft, die wir in der Natur als metamorphosierende Lebenskraft wahrnehmen. Rudolf Steiner nennt sie die Ätherkraft. Bei den Germanen war sie die Freya, die fruchtbringend über die Felder und Herden zog. Aetti nannte sie die „Weiße Frau“.

 


Brunetto Latini (1220-1294, Bild 2), der Lehrer von Dante Algierhi, beschreibt sie als „Natura“. Eine uralte Weiblichkeit, die eben Hildegard von Bingen schon beschrieben hatte. In seinem über zweitausend Zeilen langen Tesoretto schildert er die Begegnung mit der „Natura“. Das war eine Einweihung in die höhere Welt, nach dem Schicksalsschlag, von Florenz verbannt zu werden. Ich habe aus dem ersten Teil des Tesoretto etwa hundert Zeilen heraus genommen und auswendig gelernt. Ich rezitiere sie, wenn ich am Morgen das Labyrinth beschreite:

Voll Trauer, gebeugten Hauptes
In Gedanken versunken weitergehend,
kam ich von der Hauptstraße ab
und geriet auf Irrwegen
in einen sonderbaren Wald.

Wieder zur Besinnung kommend,
wandte ich mich um und
richtete meinen Blick ringsherum auf einen Berg; und ich sah
eine große Schar von verschiedenster Tiere,
ich weiß nicht recht von welcher Art.
Es waren Männchen und Weibchen,
Hornvieh, Schlangen, Raubtiere,
große Mengen von Fischen
und vielerlei Arten
fliegender Vögel.

Auch Kräuter sah ich,
Früchte und Blumen,
Edelsteine und Perlen, die hochgeschätzt werden,
und so viele andere Dinge,
dass niemand Worte fände,
sie zu benennen 
oder zu unterscheiden.

Nur eines kann ich sagen:
Alle sah ich
In bezug auf Ende und Anfang, 
Sterben und Entstehen
Und das Annehmen der eigenen Art
Den Befehlen einer Gestalt folgen,
die ich erblickte.
Sie erschien mir manchmal 
wie verkörpert und manchmal wiederum ganz gestaltlos.

Oft berührte sie den Himmel,
als wäre er ihr Schleier,
und manchmal veränderte sie ihn
und manchmal verdunkelte sie ihn.
Die Himmel bewegten sich
Nach ihrem Geheiß.
Oft dehnte sie sich, so dass sie die ganze Welt mit
Ihren Armen zu umschließen schien.

Manchmal lachte sie und
Manchmal lagen Groll und Leid 
Auf ihren Zügen,
bis ihr Antlitz wieder
wie die Sonne strahlte.

Ihrer hohen Stellung und
Großen Macht eingedenk
Und meines eigenen Wagnisses
bewusst werdend, ließ ich mein früheres
trübes Grübeln fallen
Und fasste den Kühnen Entschluss, mich ehrfurchtsvoll ihr zu nähern, um sie besser zu sehen
Und mit Sicherheit zu erkennen, 
wer sie sei.

Nachdem ich diesen Gedanken
Gefasst hatte, begab ich mich
In ihre Nähe und hob den Blick
Zu ihrer Gestalt empor.
Nur so viel will ich sagen:
Wunderbar war ihr Haar,
wie aus feinem Gold,
Gescheitelt und ohne Zöpfe.
Wunderschön war auch alles
am Antlitz, unter der
weißen Stirne
Die schönen Augen und Brauen,
die purpurroten Lippen,
die fein geschnittene Nase,
die silberweißen Zähne,
der schimmernde Hals und alle
anderen schönen Eigenschaften, 
harmonisch verteilt,
jede an ihrem Ort.

Ich muss auf eine weitere Schilderung 
Verzichten, nicht wegen der Mühe, 
die sich mich kosten würde
noch aus irgendwelchem Verzagen,
sondern weil es weder mündlich
noch schriftlich möglich wäre, 
ihre Schönheit in vollem Masse
zu beschreiben, 
ihr Wirken in den Lüften, 
auf der Erde und im Meer,
im Schaffen und Entschaffen
und im Neuschöpfen,
sei es einer Idee, sei eines Keimes
oder eines anderen Urbeginns –
alles nach ihrem Bilde.
In ihrem Walten sah ich,
dass jedes Geschöpf,
das einen Anfang hat, auch Ende erreicht.

Dann, als sie mich erblickte, 
wandte sie ihr
lächelndes Antlitz zu mir
und nahm mich
ganz im Geheimen auf
und sprach dann sogleich:
„Ich bin die Natura 
und eine Schöpfung
des höchsten Erzeugers,
Er ist mein Schöpfer,
Er hat mich erschaffen“.

 

Hildegard von Bingen 1098 - 1194 (Bild 1)
Brunetto Latini 1220 - 1294 (Bild 2)
Rosa Mayreder 1858 - 1938 (Bild 3)
Lou Andreas Salome 1861 - 1937 (Bild 4)
Rosa Luxemburg 1871 - 1919 (Bild 5)
Anais Nin 1903 - 1977 (Bild 6)
Hannah Arendt 1906 - 1975 (Bild 7)
Simone Weil 1909 - 1943 (Bild )

Es beeindruckt mich, wie Brunetti nach dem Schicksalsschlag - das braucht es offensichtlich -  diese Einweihung erfuhr. Rudolf Steiner weist ausdrücklich auf diese Einweihung von Brunetti hin. Krisen können kreativ Wunder bewirken.

Brunetto Latini schildert hier diese Natura ganz konkret: Er findet sie, nachdem er die Besinnung verloren hatte und verirrt sich in einen sonderbaren Wald. Wieder zur Besinnung kommend, ist er mitten in der Natur bei den Naturwesen. Er nimmt die Wandlungskräfte bei Pflanzen und Tieren in der Natur wahr, von jedem Prozess Ende und Anfang, Schaffen und Entschaffen, Neuschöpfungen von Ideen. 

Er sieht eine Gestalt, die manchmal wie verkörpert ist und manchmal wiederum ganz gestaltlos. Sie berührt den Himmel als wäre er ihr Schleier. Manchmal dehnt sie sich, als würde sie die ganze Welt mit ihren Armen umschließen. Manchmal ist ein Lachen auf ihrem Antlitz und manchmal Groll und Leid. Ihr Haar ist wie aus feinem Gold. Brunetti schildert ihre Augen und Brauen als schön und spricht von purpurroten Lippen und einer feingeschnittenen Nase. Sie wirkt in den Lüften, auf der Erde und im Meer. Sie schaut ihn mit lächelndem Gesicht an und nimmt ihn im Geheimen in sich auf. Sie sagt ihm zum Schluss: 

„Ich bin die Natura, eine Schöpfung des höchsten Erzeugers, er ist mein Schöpfer, er hat mich erschaffen.“

Diese Natura wurde auch in der „Schule von Chartres“ im elften/zwölften Jahrhundert verehrt: Die Natura ist Imagination der Gesetze, die den Naturprozessen zugrunde liegen. Sie ist die große Wandlerin und Schöpferin der Natur, die Goethe als Metamorphose beschreibt.

Also der Natura als weibliches Wesen nähere ich mich allmorgendlich im Labyrinth.

 

Historische Frauengestalten haben mich schon immer beeindruckt. So zum Beispiel Rosa Mayreder (1858-1938, Bild 3): Sie ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine vermögende Familie hineingeboren worden, hat Privatunterricht erhalten und befasste sich schon als Sechzehnjährige mit Schopenhauer, Nietzsche und Wagner. Ihre große Frage war; kann eine Frau auch frei sein. Sie heiratete schon mit 18 Jahren den etwas älteren Architekten Karl Mayreder und befreite sich so von der Familie. Obwohl sie verheiratet war, ging sie intime Fremdbeziehungen ein und stand sogar öffentlich dazu. Rosa Mayreder ist eine der frühen Frauenrechtlerin und engagierte sich zum Beispiel für die Hilfe an Prostituierten.

In einem theosophischen Zirkel lernte sie Rudolf Steiner kennen. Sie standen im intensiven Briefkontakt, als Rudolf Steiner in Weimar an seiner „Philosophie der Freiheit“ schrieb und sehr einsam war. In dieser Philosophie gibt es eine Stelle, wo über die Beziehung zwischen Mann und Frau gesprochen wird. Hier spürt man Rosa Mayreders Eingebung an Rudolf Steiner: Wenn ein Mann auf eine Frau trifft, dann sieht er in dieser Frau zuerst die Frau. Wenn eine Frau auf einen Mann trifft, dann sieht sie in ihm zuerst die Persönlichkeit.

 

Für mich schon früh eine wichtige Frauengestalt war Lou Andreas Salome (1861-1937, Bild 4). Sie ist 15 Tage vor Rudolf Steiner geboren, am 12. Februar 1861. Im Zusammenhang mit der Geschichte der Psychologie, die ich in Riga und Prag unterrichtete und meiner Liebe zu den Gedichten Rainer Maria Rilkes, studierte ich das faszinierende Leben dieser Lou: Mit einem ursprünglich von Hugenotten in Frankreich abstammender Vater, hoher Militär in Russland und mit einer dänische Mutter, wuchs sie in einer Familie in Petersburg auf, wo Deutsch, Französisch und Russisch gesprochen wurde. Früh schon weigerte sie den Religionsunterricht, löste sich von der Familie und studierte Philosophie in Zürich. Sie begegnete Paul Rée und Friedrich Nietzsche in Rom. Die Männer wollten mit ihr intime Beziehungen. Doch Lou lehnte ab. Dann heiratete sie den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, aber nur für den Status einer verheirateten Frau. Sie vereinbarte mit ihm, keine sexuelle Beziehung einzugehen.

Sie nahm sich aber die Freiheit, mit anderen Männer intime Beziehungen zu pflegen, so mit Rainer Maria Rilke, der damals in München lebte und mit dem sie nach Russland auf Reisen ging. Sie distanzierte sich aber wieder von Rilke, da sie überzeugt war, dass er auf eigenen Füssen sich besser als Dichter entwickeln könne. Sie fand Kontakt mit Sigmund Freud und wurde von ihm als psychoanalytisch Interessierte anerkannt. Später machte sie auch in dieser Richtung Ausbildungen. Sie war eine beachtete Schriftstellerin, Therapeutin und setzte sich ein für Lebensreformen und die Emanzipation der Frau. Ihre Werke wurden wegen ihrer Nähe zum jüdischen Sigmund Freud von den Nazis konfisziert.

Ihre Gestalt wird ausgezeichnet dokumentiert im Film der Regisseurin Cordula Kabitz-Post. Hier wird gezeigt, wie eine Frau sich selbst bestimmt. Sich mit der damaligen Männer- und Kulturwelt verbindet und die Autonomie behält. Sie ist ein gutes Beispiel, wie eine Frau ihre Eigenständigkeit und Handlungsfreiheit durch das ganze Leben, bis ins hohe Alter, nie preisgibt. Das bewundere ich an ihr.

 

Rosa Luxemburg (1871-1919, Bild 5) interessiert mich nicht unbedingt wegen ihrem linken Gedankengut, sondern wegen ihrer ausserordentlich starken Persönlichkeit.

Sie wuchs in Polen mit jüdischen Eltern auf. Schon früh beherrschte sie Polnisch, Deutsch, Russisch, Latein und Altgriechisch, später Italienisch. Sie kannte sich in der Literatur aus, konnte gut zeichnen, interessierte sich für Botanik und Geologie, sammelte Steine und Pflanzen, liebte Musik. Sie litt zeitlebens an Hüftproblemen. Zwölfjährig zog die Familie nach Warschau. In ihrer Gymnasiumszeit beteiligte sie sich in marxistischen geheimen politischen Gruppen und studierte Karl Marx. Sie beendete das Gymnasium als Klassenbeste. Dann wurde sie politisch verfolgt, flüchtete in die Schweiz. 1889 belegte sie in Universität in Zürich Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. Später wechselte sie zu den Rechtswissenschaften, wo sie Volkswirtschaft, Finanzwissenschaft, Geschichtswissenschaften studierte. Ihr Doktorvater Julius Wolf bezeichnete sie als begabteste unter den StudentInnen. Sie hatte eine Liebesbeziehung zum polnischen Marxisten Leo Jogiches. Sie übersetzte marxistische Texte auf Russisch. Sie wurde Mitbegründerin der Sozialdemokratie Polens. In all den Wirren der Findung des sozialistischen Weges war sie als Redakteurin federführend. Man attackierte sie nicht nur als Sozialistin, sondern auch als Jüdin. Sie promovierte mit ihrer Doktorarbeit „Polens industrielle Entwicklung“ und zeigte darin, dass Polen unabhängig werden muss von Russland. Sie engagierte sich mit Erfolg in der deutschen SPD. Wegen Majestätsbeleidigung am Kaiser Wilhelm II. musste sie ins Gefängnis. Sie warnte schon frühzeitig vor dem Militarismus und Imperialismus und den kommenden Krieg. Ab 1907 unterhielt sie eine mehrjährige Liebesbeziehung zu Kostja Zetkin, aus welcher etwa 600 Briefe erhalten sind. Als Dozentin lehrte sie Nationalökonomie in der SPD-Parteischule in Berlin. In dieser Zeit begegnete sie auch Rudolf Steiner. Sie organisierte Demonstrationen gegen den drohenden Krieg. Beim Kriegsausbruch konnte sie nicht begreifen, dass die SPD den deutschen Krieg unterstützte. Rest ihres Lebens war sie fast nur noch im Gefängnis. Als politische Gefangene wirkte sie trotzdem in die Wirren des Krieges. Sie begrüßte die kommunistische Revolution Lenins, kritisierte aber zugleich die Diktatur des Proletariats. Bei Kriegsende versuchte sie sich mit Karl Liebknecht den Spartakusbund zu reorganisieren. In Zeitungen wurden Morddrohungen gegen die Spartakusführer publik. Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von einer “Bürgerwehr“ erschossen.

Die Rezeption ihrer Gedanken in Tagebüchern, Ansprachen, Artikeln und Werken sind immens: Sie hat sich zwar mutig persönlich dem Kampf für eine bessere Welt gewidmet, ihre theoretischen und intellektuell hochstehenden politischen Abhandlungen sind noch heute eine Fundgrube für die politische Wissenschaft. Sie kämpfte gegen den bourgeoisen Kapitalismus, wollte aber als Marxistin nicht eine Diktatur; Die Freiheit des einzelnen Mitstreiters müsse stets gewährleistet sein. Sie suchte das, was später 1968 im Pragerfrühling „Kommunismus mit menschlichem Angesicht“ genannt wurde.

 

Anais Nin (1903-1977, Bild 6) kannte ich schon früh aus ihren z.T. erotischen Tagebüchern. Da mir aber Henri Miller auch bekannt war, wurde die Beziehung zwischen Anais Nin und dem Schriftsteller mir wichtig. Immer ging es um die Geschlechterfrage. Anais Nin schien mir eine der herausragenden Frauengestalten die versuchte, ein unabhängiges eigenes Leben zu gestalten, vor allem auch gegenüber den Männern. Anais Nins Familie war international verankert: Der Vater war ein kubanisch-spanischer Musiker, die Mutter eine Dänin mit französischen und kubanischen Wurzeln. Die Trennung des Vaters von der Familie verarbeitete sie in ihren Tagebüchern. All die Tagebücher veröffentlichte sie später. Sie verließ schon früh die Schule, verheiratete sich mit zwanzigjährig und machte sich durch ihren Mann bekannt mit avantgardistischen Künstlern, so auch mit Henry Miller, dem Verfasser des weltbekannten Buches: „Der Wendekreis des Krebses.“

In der Bibliothek meines Freundes, führender avantgardistischer Anthroposophen und Kunsthistoriker, Diether Rudloff (1926-1989) fand ich den „Wendekreis des Krebses“ neben der „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner.

Im Film „Henry & June“ wird die Pariser-Zeit von Anais Nin und Henry dargestellt. In ihren Werken mischen sich Biografisches und Fiktives, Traumleben und Unbewusstes. Sie bewunderte die Psychoanalyse von Sigmund Freud und C.G. Jung. Gerade den Bezug zu ihrer Biografie in ihren Werken fasziniert mich sehr.

 

Hannah Arendts (1906-1975, Bild 7) Leben und Werk studierte ich vor allem während der Krise: Ihr Ausdruck vom banalen Bösen habe ich hautnah erlebt: Menschen, gut und wahr, wurden auf einmal durch ein bestimmtes Machtgefälle von Staat und Privatpersonen böse - in dem Sinne, dass sie plötzlich bereit waren, gegen das Schlössli und seine Träger zerstörerisch zu wirken. Die Macht korrumpiert nicht nur ihre Träger, sondern vor allem ihre Abhängigen.

Hannah Arendt war deutsch-amerikanische Theoretikerin und Publizistin. Sie wurde in eine gebildete jüdische Familie hineingeboren. In ihrer Familie gab es bedeutende Kommunalpolitiker und wurde schon früh mit liberalem sozialdemokratischen Gedanken vertraut gemacht. Ihr Vater verstarb früh. Schon früh las sie philosophische Werke und war im Gymnasium so aufsässig, dass man sie ausschloss. Später bestand sie das Abitur an einem anderen Gymnasium. 1924 begann ihr Universitätsstudium in Marburg bei Martin Heidegger. Als Familienvater verband ihn mit seiner Studentin eine Liebesbeziehung, die erst nach dem Ableben von Hannah bekannt wurde. Sie promovierte mit der Arbeit „Der Liebesbegriff bei Augustin“. Sie wurde auch bekannt mit dem C.G. Jung-Schüler Erich Neumann. Ein Thema, mit dem sie sich das ganze Leben über engagierte, war die Judenfrage und der Zionismus. Sie verstand sich immer als Jüdin im liberalen Sinn. Sie verheiratete sich mit dem bekannten Publizist Günther Anders. In der anfänglichen Nazi-Herrschaft bekämpfte sie in Deutschland dieses menschenverachtende politische System und durchschaute es. Sie war enttäuscht von vielen Intellektuellen, wie z.B. Heidegger, die dieses System, zu mindestens anfänglich, noch verharmlost haben.

Über Frankreich und zuletzt über Lissabon gelang es ihr und ihrer Mutter nach New York zu emigrieren. Sie ging vermehrt auch auf Distanz zum Zionismus. Als Publizistin wurde sie immer mehr bekannt mit was sie zum Nazi-Deutschland und zur Judenfrage zu sagen hatte. Sie arbeitete in jüdischen Organisationen und war auch als Dozentin tätig. Nach dem Krieg besuchte sie Deutschland und ihre ehemaligen Professoren. Sie veröffentlicht das Essay „Besuch in Deutschland - Die Nachwirkungen des Nazideutschlands“: „Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.“ Sie hatte große Hoffnungen, dass sich Israel zu einem Musterstaat entwicklen würde, wo Völkerversöhnung und freiheitliche Ordnung möglich sind. 1951 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin und wurde Professorin.

Hannah Arenth wurde weltbekannt, als sie im Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 ihre provokative These vom banalen Bösen prägte. Eichmann wurde ja als Nazimörder in Argentinien gefasst und in Jerusalem vor Gericht gestellt. Hanna war dort als Reporterin der Zeitschrift „The New Yorker“ akkreditiert. Ihrer Ansicht nach war Eichmann ein banaler Bürger, ein “Hanswurst“ und wurde durch die Macht der nazistischen Staatsideologie zum bösen Massenmörder. Sie kritisierte auch die Judenräte, die Helfershelfer der Nazis gewesen seien und Todeslisten zum Abtransport der Häftlinge in die Vernichtung unterzeichneten. Obwohl ihr viel Kritik entgegen kam, wurde sie mehr und mehr anerkannt, konnte als Professorin in der elitären „Princeton University“ lehren und bekam verschiedenste Ehrendoktorate. In Deutschland bekam sie den „Lessing-Preis“. Sie befasste sich z.B. mit Franz Kafka, mit Rosa Luxemburg und mit Jean Paul Sartres. Ihre Aussagen waren stets nüchtern, aber mit großer Überzeugung. Und sie blieb bei ihren Ansichten, auch bei starkem Gegenwind. In ihren „Denk-Tagebüchern“ kann man ihre Schlüsse nachvollziehen. Dort bemerkt man auch, dass sie die ganze klassische Philosophie bis in die Moderne in sich integriert hatte. Eine große Persönlichkeit, vor der man sich nur verneigen kann.

 

Simone Weil (1909-1943, Bild 8) ist mir zu einer Leuchtgestalt geworden. Sie war eine französische Philosophin, Dozentin, Lehrerin und Sozialrevolutionärin jüdischer Abstammung. Die Familie stammte ursprünglich aus Galizien, lebte großbürgerlich in Paris. Der Vater war Arzt, die Mutter Pianistin, der Bruder ein bekannter Mathematiker. Simone konnte schon vierjährig lesen, Gedichte rezitieren, war eigen- und starrsinnig und häufig krank. Sie ging ins Gymnasium, studierte dann Moral- und Religionsphilosophie, Platon, Spinoza, Descartes, Kant und Karl Marx.

1931 war Simone als Philosophielehrerin am Mädchengymnasium im Le Puy. Die Hälfte ihres Gehalts gab sie an Arbeitslose und beteiligte sich an sozialen Demonstrationen. Sie wurde als „la juive Weil“ und „vierge rouge“ bezeichnet. Sie verhalf Leo Trotzki, der auf der Flucht vor dem stalinistischen Russland in Paris weilte, zu Unterkunft im elterlichen Haus. Aber Simone Weil war mit seiner Ideologie nicht einig. 1934 arbeitete sie als Industrie-Arbeiterin, um das Schicksal der Arbeiterinnen zu teilen. Doch ihre schwache Konstitution hielt das nur kurz aus. 1935 reiste sie mit den Eltern nach Spanien und Portugal. Die portugiesische Musik Fado beeindruckte sie sehr. In Spanien unterstützte sie aktiv republikanische Kräfte gegen die faschistischen Francoisten. Dort könnte sie Aetti getroffen haben, der in dieser Zeit auch in Spanien war. Ab 1936 verweilte sie in Italien und fand in einer romanischen Kapelle des Heiligen Franziskus Zugang zum Christusimpuls. Sie erlebte Christus als persönliche wirkliche Gegenwart. Sie habe durch ihn die Gegenwart der Liebe empfunden, wie in einem Lächeln eines geliebten Antlitzes. Sie hatte eine Berührung zwischen einem menschlichen Wesen und Gott gespürt. Sie näherte sich dem Katholizismus, ließ sich aber nie von ihm vereinnahmen. Sie verurteilte die Inquisition, Kreuzzüge und Religionskriege der katholischen Kirche.

Sie floh in Frankreich als Jüdin vor der Gestapo nach Marseille. Sie führte dort mit einem Dominikanermönch Gespräche, interessierte sich für Sanskrit, indische und chinesische Philosophie, für spanische Mystik, für sephardische und chassidische Weisheiten. Über Amerika gelang sie nach England, wo sie sich der Befreiungsarmee Charles de Gaulles anschloss. Sie wurde krank und starb 1943 in England an Hunger.

Heinrich Böll beschrieb sie später als Rosa Luxemburg, als Prophetin: „Was sie geschrieben hat war mehr als Literatur, was sie gelebt hat, weit mehr als Existenz.“ Sie wollte die Politik individualisieren, Marxismus und Imperialismus lehnte sie ab. Der Mensch, vorwiegend der Arbeiter, sollte wieder Wurzeln fassen, erst die Verwurzelung in der Tradition gibt ihm die Hoffnung zum Leben. Die wahre Erkenntnis zu Gott gelingt nur durch die Überwindung des Ego. Wichtig ist die Aufmerksamkeit zum Gegenüber. Das Gebet ist Aufmerksamkeit in reinster Form. Dann bricht das Licht heraus. Gott hat den Menschen durch Liebe erschaffen. Der Mensch gibt die Liebe weiter zu Freunden, zur Schönheit der Natur, zu spirituellen Übungen. Das einzige auf der Welt, was der Zufall dem Menschen nicht rauben könne sei das Vermögen, „Ich“ zu sagen. Simone Weil war eine von vielen, die Christus als Licht erfahren haben. Die nicht an Christus glauben, sondern ihn erfahren. Rudolf Steiner prophezeite, dass es spirituellen Menschen im 20. Jahrhundert möglich machen wird, Christus als Licht zu erfahren. Rudolf Steiner spricht vom Erscheinen des ätherischen Christus. Simone Weil ist ihm offensichtlich begegnet.

 

So gäbe es noch viele weniger berühmte Frauen zu beschreiben. Seit der Schliessung der Schlössli Heimschule im Juli 2014 gibt es im neuen Schlössli vor allem starke Frauen, die mir helfen den Ort neu aufzubauen. Ihnen sei herzlich gedankt.

 


29. November 2016

Am 18. November fand das Bleigiessen statt, so wie ich es seit Jahrzehnten praktiziere - im Ättigewölbe: Die Menschen, die ihre Zukunft erforschen wollen, kommen ins Hüsli beim Rosenhof. Sie treten ein und sprechen laut ihren Namen. Dann hören sie von unten ein Flötenspiel und sie steigen die schmale Treppe in die Tiefe zum unterirdischen Gewölbe, wo Ätti seine alchemistischen Öfen hatte. Dort unten sitze ich und zeige den Besuchern einen Gegenstand, den sie benennen sollen. Jetzt gilt es eine Kelle mit heissem flüssigen Blei zu füllen und über einem Wassergefäss schnell zu entleeren. Und schon kann man das gegossene Blei aus dem Wasser ziehen. Das ist das Bild der eigenen Zukunft, die es jetzt zu enträtseln gilt. Dieses Ritual habe ich Jahr für Jahr für die interessierten SchlösslerInnen vollzogen. Ein Ritual, das Ätti Ende November, am Ende des kirchlichen Jahres, eingerichtet hatte. Für Viele ist es auch eine Möglichkeit das verborgene unterirdische Gewölbe einmal im Jahr zu besuchen. Tief in die Erde zu gehen um die eigene Zukunft zu erforschen, ist für jeden kreativen Menschen eine Selbstverständlichkeit. So wie uns die Vergangenheit beeinflusst, so kommen von der Zukunft wichtige Impulse entgegen. Die Zukunft ist noch flüssig, die Vergangenheit unveränderlich fest. Der gegenwärtige Akt des Bleigiessens ist dazwischen. Der zischende Laut wenn das flüssige Blei in die Form, in die Erstarrung kommt, ist das Orakel.

Am 28. November organisierten Mieter der Schlössli-Liegenschaften einen Werktag. Es kamen über ein Dutzend Leute die halfen den Rosenhof-Park zu entlauben. Es waren vor allem Mieter der Stiftung Seiler. Sie zeigen damit ihre Dankbarkeit, in dieser Umgebung wohnen zu können. Ganze Familien kamen mit ihren Kleinkindern. Es ist erstaunlich wie schnell das viele Laub zusammengerecht und entsorgt werden kann. Es entsteht eine fröhliche Solidarität. Man lernte auch Nachbarn kennen, die man sonst fast nie sieht. Für mich war diese Aktion schon etwas von meiner Hoffnung in die Zukunft, von einer neuen Gemeinschaft im Schlössli, die nicht aus einer Verpflichtung heraus sich tätig begegnen will, sondern aus Freude und Freiheit. Für die Stiftung ist es ein riesiges Geschenk, dass die Bewohner freiwillig helfen ihre Umgebung zu gestalten. So ist in diesem Herbst auch die Gestaltung des Tellenhofgartens gelungen: Es wurde ein massiver Tisch gezimmert und ein schöner Holzzaun und eine Feuerstelle errichtet.

 


27. November 2016

Nun bin ich schon bald wieder eine Woche zurück in Ins. Vorher war ich über drei Wochen in Tschechien. Die ersten beiden Wochen an verschiedensten Orten in Tschechien tätig. Am 19. November haben Kamila und ich an der Totenfeier in der Christengemeinschaft unseres verstorbenen Freundes und Zahnarztes Stanislav Cícha teilgenommen. Am selben Tag ist auch unser Sohn Manuel Karel nach Prag gekommen. Wir feierten seinen 20. Geburtstag. Vor bald 20 Jahren wurde er hier in Prag in der Christengemeinschaft getauft.

Am Wochenende vom 29. und 30. Oktober gab ich den drei ersten Klassen der WochenendstudentInnen der Tabor-Akademie einen Kurs in den Zwölf Sinnen von Rudolf Steiner. Wunderbar, das Singen mit über zwanzig Leuten. Am Samstag stellte ich ihnen die Zwölf Sinne im Zusammenhang mit der Menschenkunde vor. Am Sonntag experimentierten immer ein paar Studenten die einzelnen Sinne mit uns allen. Ich war erfreut, wie treffend die Sinne verstanden wurden. Es zeigte sich wieder einmal mehr wie praxis- und erlebnisnah dieses Konzept ist.

Am Montag, 31. Oktober, war ich in der Theresienstadt (Terezín) in der Waldorfschule. Dort wirken nun schon die erste und zweite Klasse. Eindrücklich, wie die zwei Klassenlehrerinnen in echter Waldorfmethodik die Kinder unterrichten: Alles geschieht rhythmisch wiederholend, körperorientiert, mit Ritualen, sprachlich, gesanglich, zeichnend, mit viel Bewegung. Die Lehrerinnen wissen genau was sie wollen, und doch erlebte ich kein Kind, dass Angst vor dem Versagen hatte, dass sich unfrei fühlte. Im Gegenteil, die Kreativität war entfaltet. Es ist wie ein Wunder, dass an diesem Ort des ehemaligen Grauens so etwas Heilendes und Lichtvolles geschehen kann. Es besteht die Hoffnung, dass diese reinen Seelenkräfte der Kinder diesem Ort helfen können.

Am Dienstag, 1. November, unterrichtete ich in der 6. Klasse der Prager-Waldorfschule in Jinonice Sternenkunde. Ich spürte dass diese Klasse, etwa gleichviel Mädchen wie Knaben, von der Klassenlehrerin wohlgeformt sind. Das Waldorfprinzip, wo dieselbe Lehrerin über Jahre die Klasse leitet, zeigt sich hier positiv. Die SchülerInnen hatten schon eine Sternen-Epoche hinter sich, wussten schon viel darüber und wollten noch mehr erfahren. Die Jinonicer-Waldorfschule, die ich seit über 20 Jahre immer wieder besuche, liegt mir auch darum besonders am Herzen, weil ihr Direktor Pavel Seleši vor vielen Jahren Student bei mir an der Tabor-Akademie war.

Vom 2. bis 4. November unterrichtete ich an der Akademie Tabor die Tagesstudentinnen der ersten Klasse über die megalithische Kultur. An dieser Grosssteinkultur, die sich zeitgleich zur ägyptischen Kultur entwickelte, also etwa 4000-1500 Jahre vor Christus, kann man sehr schön ablesen, wie die nördliche und südliche Strömung sich polar entwickelt: Die nördliche Megalithkultur orientiert sich ganz nach Aussen zum Kosmos, zur Natur, die südliche ägyptische Kultur schliesst sich von der Natur ab und sucht ihre geistige Verbindung ganz in der Seele. Diese riesigen Menhire, der grösste war über dreissig Meter hoch, diese zu Hunderten aneinandergereihten Steine, in sogenannten Alignementen, zeigen, dass sich der Mensch das erste Mal als aufrechter Mensch empfand. In mitten dieser zwei Kulturen zeigt sich die spätere griechische Kultur etwa um 500 Jahre vor Christus. Hier ist die Wiege der europäischen Kultur. Die Studentinnen machten eine individuelle Zeichnung zur neolithischen Darstellung der Grossen Mutter von Předmostí (Mähren). Die Darstellung fand man auf einem Mammuthzahn.

Über das Wochenende vom 4. bis 6. November war ich am Waldorflehrerseminar in der Waldorfschule in Brno. Dort stellte ich die integrale Sternenkunde dar, die ich in meinem Sternenbuch integral (auch auf Tschechisch erhältlich) dokumentiert habe. Ich zeigte ihnen, wie es schon Johannes Kepler und Tycho Brahe in Prag gezeigt haben, dass Astrologie und Astronomie zusammengehören. Diese Seminarklasse kenne ich nun schon seit drei Jahren. Sie lieben es auch, die vertrauten Kanons zu singen.

Am 7. November war ich den ganzen Tag in Budějovice in der Kinder-Mütterstätte Pansofia. Dort lagerten sich Mütter mit Babys um mich und stellten Fragen in Bezug auf Kleinkinder-Erziehung. Es war schön diese Kleinkinder zu sehen und sich vorzustellen, wie diese dann aussehen in zehn, zwanzig Jahren. Ich konnte ihnen zeigen, dass die Babys zwar physisch geboren waren, aber noch die Ätherhülle brauchen. Die Fragen wie "warum eigentlich Waldorfschule" habe ich gerne beantwortet. Am Nachmittag hielt ich dort einen öffentlichen Vortrag über das zweite Jahrsiebt. Ich besuche diese Tagesstätte schon seit 10 Jahren und bewundere die liebevolle Initiativkraft der Leiterin.

Am 9. und 10. November besuchte ich die Waldorfschule in Příbram. Ich hatte den Auftrag der 9. und 10. Klasse einen Farbenkurs zu geben. Dieser Kurs besteht ausschliesslich aus Experimenten. Als keine Farben-Theorie, sondern im Goetheschen Sinne eine Farbphänomenologie. Am späteren Nachmittag kam ich mit Eltern ins Gespräch über die Schülerbewertung. Hier versuchte ich darzustellen, dass es darum geht, nicht Urteile über SchülerInnen zu schreiben, sondern phänomenologische Beschreibungen der Leistungen zu dokumentieren. Auch dass es durchaus möglich ist, dass SchülerInnen ab der 7. Klasse mit den LehrerInnen zusammen Selbsteinschätzungen formulieren. Hier gilt der Satz von Heinrich Pestalozzi: „Vergleiche nie ein Kind mit einem andern, sondern nur mit ihm selbst.“

Danach war ich noch an der Sitzung des Lehrerkollegiums. Ich sollte eine Rückmeldung über ihre Schule geben. U. a. gratulierte ich ihnen zum Konzept der Oberstufe, das ermöglicht, dass nicht nur das Abitur, sondern auch Berufslehren möglich sind. Das ist ganz im Sinne Rudolf Steiners, der wollte, dass alle Schüler in der Oberstufe bleiben können.

Das Wochenende vom 11. bis 13. November verbrachte ich in der Waldorfschule Písek. Dort trafen sich der 1. und 2. Kurs der Waldorflehrerausbildung. Auch ihnen gab ich einen Farbenkurs. Diese fast 60 StudentInnen sangen wunderbar meine Kanons. Ich spürte wie wichtig es ist ein künstlerisches Erleben an den Anfang zu stellen. So wurden wiederum die Dunkelheits- und die Lichtfarben experimentiert, das Grün und Purpur als sekundäre Farben erlebt, das Grün als verbindende Farbe des Regenbogens. Es wurde die additive und die subtraktive Farbentstehung begriffen und als Höhepunkt die farbigen Schatten bewundert.

Zwei intensive Wochen liegen hinter mir. Mit grossen Freuden des Wiedersehens bekannter Menschen, die ich seit meiner über zwanzigjährigen Tätigkeit in Tschechien kenne, und des Kennenlernens neuer Menschen. Und mir wurde einmal mehr bewusst: der Waldorfimpuls in Tschechien lebt.

 


27. Oktober 2016

Ab morgen bin ich bis am 21. November in Tschechien. Hier mein Programm.

 


01. Oktober 2016

Das Michaeli-Fest ist gefeiert worden. Simone Graf und ihre MitarbeiterInnen haben eingeladen: Knöpfli, Wild, Marroni, mit verschiedenen Saucen usw. Wie zu besten Zeiten wurde gegessen, Drachenkampf zelebriert, Sinnesspiele probiert, mit der Armbrust geschossen. Das tat meiner Seele gut. Das Wiederaufleben der Schlössli-Rituale zeigt, dass der spirituelle Schlössli-Strom noch nicht versiegt ist. Dazu braucht es Menschen, die sensibel diesen unterirdischen Strom spüren und ihn nutzbar machen.   

Noch vorher haben Stephanie Imhelder und Helfer zur Vollmondsuppe in den Tellenhofgarten eingeladen. An diesem, von Bewohner gebauten, währschaften Tisch versammelten sich all die Familien rund um den Lilienhof-Tellenhof-Platz. Viele Kinder gehören dazu. Im Schlössliareal tummeln sich wieder Kinder. Diese Belebung tut dem Schlössli gut.

Ende September sind jetzt auch die zwei Familien im Lilienhof und Druidenhof eingezogen. Sie haben die Wohnungen nun während Wochen selber umgebaut und renoviert. Das sind nun die letzten Wohnungen, die zu vergeben waren. Über 40 Wohnungen sind vermietet.

Im Friedrich Eymann-Schulhaus wird das Dach saniert und isoliert. Dieses Haus ist schon seit jeher sanierungsbedürftig und diente ursprünglich als Pferdestall, Heustock und Remise für die Kutsche. Zudem hatte der Sohn des Arztes, der um die Jahrhundertwende im Lilienhof eine Krankenanstalt führte, darinnen ein Malatelier. Der Maler Hagen war später mit Ätti befreundet.

Nun haben wir auch die Holzzulieferung für die Holzheizung im Allemannenhof geregelt. Diese Heizung liefert die Wärme für den Burgunderhof, Schreinerei und Druidenhof. Noch etwa 100 Ster Holz liegen im Wald und warten um abgeholt zu werden.

Der Battenhof wird nun als Ganzes vermietet. Hier wohnen nun mehrere Familien und Einzelpersonen.

Kamila und ich hatten Besuch. Eine junge Ärztin aus Wien, die wir in Krummau kennengelernt haben, war einige Tage hier. Auch ein Ehepaar aus Wolfsrams Eschenbach, das wir schon viele Jahren kennen. Er ist Kurator im dortigen Parzival-Museum, fand endlich den Weg ins Schlössli. An diesen Menschen erlebte ich wiederum das Staunen darüber, was hier alles in den Jahrzehnten gewachsen ist und jetzt wieder nach der Katastrophe neu entsteht.

Dieser Herbst mit den vielen warmen Tagen zeigt, dass wir im Schlössli doch schon etwas zu ernten haben. Vieles ist noch unansehnlich klein gewachsen oder noch im Keimzustand. Es braucht viel Geduld. Vor allem das Mehrjährige, ja die Bäume, brauchen lange um Stamm und Krone zu bilden. Ein Gedicht, das Ätti oft im Gewölbe vorgelesen hat:

Die Bäume stehen stark und still,
Sie stehen dort wo Gott es will
Und tragen ihre Krone.

Sie sehnen sich wie du und ich
Nach Himmelsblau und strecken sich,
Das sie das Licht belohne.

Auch du sollst stehen still und stark
Und sei dein Erdreich noch so karg,
Auch du trägst deine Krone.

Was sorget deine Seele sich?
Ein Stücklein Himmel auch für dich,
Hält Gott bereit zum Lohne.

                            Verfasser unbekannt

 


07. September 2016

In den letzten Tagen haben Kamila Seiler, Tom Grossenbacher und ich während Stunden ein wichtiges Dokument erstellt: Schlössli Ins als Kultur-Ort - Spendenaufruf

Die Stiftung hat Liquiditäts-Schwierigkeiten. Wir brauchen Schenkungsgeld, um in unseren Liegenschaften besser investieren zu können. Dieser Schritt eines Spendenaufrufs wollte ich noch lange Zeit hinausschieben. Ich hatte in meiner über 50jährigen Schlösslizeit es nie vermocht Geld für das Schlössli aufzutreiben. Doch jetzt muss ich. Ich bin gespannt, ob es uns gelingen wird, Schenkungsgelder zu bekommen.

Der Rosenhofpark ist für viele ein Kraft-Ort geworden. Hier habe ich meine drei Projekte, die stark zu meinem Leben gehören: Das Tycho Brahe-Astrolabium, das Regenbogen-Instrument, das Chartres-Labyrinth in der Arena. Mit dem Astrolabium schauen wir in den Kosmos. Es ist ein Kugelgitter mit 5 Meter Durchmesser, mit Längen- und Breitengraden. So bildet es kleine Quadrate. Ein Gestirn hat gerade eine halbe Stunde, um sich durch ein Quadrat hindurch zu bewegen.  

Wir können Fixsterne, Planeten, Sonne und Mond in ihren Bahnen beobachten. Es geht darum, dass wir in eine Beziehung kommen zu dem bewegenden Kosmos. Wunderbar, wie - geozentrisch gesehen - alles sich um den ruhenden Polarstern kreisend bewegt: Gegen Norden in Gegen-Uhr-Richtung, gegen Süden in Uhr-Richtung. Alle Gestirne kommen jeden Tag vier Minuten früher an den gleichen Ort, in der Woche eine halbe Stunde früher, im Monat zwei Stunden früher. Ein Jahr später sind die Fixsterne wieder am gleichen Punkt, zur selben Zeit. So kann man im Osten zur gleichen Zeit in der Nacht während Wochen und Monaten immer neue Sternbilder heraufkommen sehen. Während Sternbilder, die uns seit Wochen und Monaten liebgeworden sind, nun am Westhorizont verschwinden. 

Im Astrolabium kann man verfolgen, wie die Sonne gegen den Sommer immer höhere Kreise zieht und dann nach dem längsten Tag, zunächst nur langsam, dann im Herbst sehr schnell immer tiefer kreist, bis sie am kürzesten Tag langsam die tiefste Bahn erreicht. Den Mond kann man ebenso beobachten, wie er vierzehn Tage lang, obsi, immer höher steigt, dann vierzehn Tage lang, nidsi, in seiner Bahn sinkt. Das alles und noch viel mehr kann man am Astrolabium beobachten. Im Buch Sternenkunde integral ist alles beschrieben.

Im Chartres Labyrinth in der Arena  wird der Weg nach Innen gesucht. Dreihundert Meter läuft man hinein bis ganz ins Zentrum. Nicht geradewegs, sondern in Schleifen nach Innen, dann wieder etwas hinaus, dann wieder bis zur Aussenmauer des Innersten hinein, dann in vielen Schleifen ganz in die Peripherie hinaus, dann wieder etwas hinein, dann ganz hinaus, um dann nach kurzer Strecke ins Zentrum zu kommen. Dieser Weg geht durch alle Planetensphären, schlussendlich ins Zentrum. Im Zentrum erwartet einem ein Gedicht von Christian Morgenstern. Es beinhaltet eigentlich die sechs Nebenübungen von Rudolf Steiner:

Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken.
Des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone.
Der flutenden Empfindung, Maß und Meister.
Zu tief, um an Verneinung zu erkranken.
Zu frei, als dass Verstockung in ihm wohne.
So bindet sich der Mensch ans Reich der Geister. 
So findet er den Pfad zum Thron der Throne.

Im äußersten Ring des Labyrinths sind die Tierkreiszeichen eingeschrieben. Sie weisen über das Labyrinth hinaus auf die Arenamauer, wo die entsprechenden Betonplastiken mosaikverziert, die Tierkreis-Throne stehen. Das ganze Labyrinth wird Jurte-artig überdacht. Dieser Platz ist als sakraler Ort zu würdigen, als Kraft-Ort. Er dient auch für Feste, zum Tanzen, zum Feuerentzünden. Wir haben dort auch schon Hochzeitsfeste gefeiert. Das Chartres-Labyrinth ist auf unserer Website genauestens beschrieben.

Das Regenbogen-Instrument ist einfach und eindrücklich: Durch Wasserdüsen gelangt das Wasser zu einer Regentropfenwand. Diese Regenwand kann man so drehen, dass sie rechtwinklig zur Sonneneinstrahlung liegt. Der Betrachter, der sich nun zwischen Sonne und Regenwand stellt und der Sonne den Rücken kehrt, kann nun an dieser Regenwand den Regenbogen sehen. Er kreist exakt um den Schatten des eigenen Kopfes. Jeder sieht nur den eigenen Regenbogen.

Je nach Standpunkt-Höhe des Betrachters oder Stand der Sonne kann sogar ein 360 Grad-Regenbogen gesehen werden. Die sogenannte Halo-Erscheinung, die etwa in den Bergen gesehen werden kann, wenn der Betrachter auf das nahe Nebelmeer blickt. Manchmal kann man dieses Phänomen auch vom Flugzeug aus sehen; den Schatten des Flugzeugs an einer Wolkenwand und darum herum ein wunderbarer Regenbogen. Einfacher geht das im Rosenhofpark bei unserem Regenbogeninstrument! Ich habe diese Phänomene in meinem Farbenbuch veröffentlicht.

Die drei Instrumente bilden eine Dreiheit: Im Astrolabium schaue ich hinaus. Ich erlebe die Welt mit den 12 Sinnen. Hier geht es um Naturerscheinungen, um Phänomene. Johann Wolfgang Goethe ist der Begründer der Phänomenologie. Der Mensch wird liebender Teilhaber der Natur, des Kosmos, der Aussenwelt. Im Labyrinth als Polarität zum Astrolabium schaue ich hinein. In mich, in meine Seele, in meine Gedanken, Gefühle und Willensintentionen. Es geht um meine Innenwelt, die ich erforschen will, mein Schicksal, meine Biografie, mein Zugang zur geistigen Welt. Dies hat Rudolf Steiner in seiner Anthroposophie dargestellt. Die Philosophie der Freiheit, ein Grundlagewerk von Rudolf Steiner, zeigt uns die Möglichkeit der Freiheit durch Intuition, durch moralische Phantasie. Ich habe in der Rudolf Steiner-Schule in Bern von der 5. bis zur 9. Klasse jeden Morgen den selben Morgenspruch gesprochen:

Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Türe fühlend leben,
In der der Mensch beseelt, dem Geiste Wohnung gibt;

Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn-und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da draußen,
Im Seelentiefen, drinnen.

Zu Dir, o Gottesgeist,
Will bittend ich mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.

In diesem Spruch sehen wir diese Polarität von „Ich schaue in die Welt“ und „Ich schaue in die Seele“. Es ist eine Ur-Gestik des Menschen, die den Mikrokosmos und den Makrokosmos umfasst.. In diesen zwei Orten im Rosenhofpark können wir dieses üben.

In der Mitte zwischen Astrolabium und Labyrinth steht das Regenbogeninstrument. Der Regenbogen verbindet die Polarität Außen und Innen, Dunkelheit und Licht. Im Grün des Regenbogens haben wir die ätherische Pflanzenfarbe zwischen Körper und Seele. So wie die Pflanze Vermittlerin ist von Himmel und Erde, so der Regenbogen Versöhnung zwischen Gott und Mensch. An diesen Instrumenten übe ich mich fast täglich. 

 


29. August 2016

Letzten Samstag hatte eine ehemalige Schlössli-Schulklasse, ihr Klassenlehrer war Luzius Sigrist, ein Treffen im Rosenhofpark. Es waren insgesamt etwa 15 ehemalige SchülerInnen, ebenso viele Frauen wie Männer. Sie sind vor etwa 20 Jahren aus der 9. Klasse ausgetreten. Beim Treffen haben sie viel erzählt von dieser Zeit im Schlössli. Man spürte, da waren viele gute Erinnerungen. Was sie in den Höfen, in der Klasse, im Theaterprojekt „Knie“, auf Klassenfahrten, in der Nacht erlebt hatten. Viele sprachen von der intensivsten Zeit in ihrem bisherigen Leben. Ich bemerkte, dass da Heimatgefühl vorhanden ist, auch eine Dankbarkeit dem Schlössli gegenüber. Und wenn sie jetzt erzählt haben, von ihrem Beruf (Kleinkindererzieherin, Informatiker, Maskenbildnerin in Filmprojekten u.a.), von ihren Familien mit bis zu vier Kinder, da standen vor mir selbstbewusste Menschen voll im Leben.

Und als wir uns zusammen im Hotel Bären an de Tisch gesetzt haben, sagte ich ihnen, dass ich immer wieder, wenn ich vom Schlössli spreche, die Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche aus schwierigsten Umständen erwähnen würde. Und ich fragte sie, wer sich denn von ihnen zu den damals Schwierigen zählen würde, da haben mehr als die Hälfte die Hand hochgehalten. Das zeigte mir ein Gefühl des tiefen Nacherlebens der Schlössli-Jugend. Da sehe ich wieder die Plakate, die Kinder und Jugendliche am Tag (30. Januar 2014) als das Jugendamt im Schlössli war und die baldige Schliessung verkündet hatte, worauf geschrieben stand: “DAS SCHLÖSSLI SOLL BLEIBEN, ES IST UNSER HERZ UND WIRD UNSER BLEIBEN.“

Gestern war die Derniere der Theater-Gruppe Stradini mit Lillith. Zurück von ihrer Schweizerreise mit ihrem fahrenden Theater. Dreißig Aufführungen in den vier Landessprachen - etwas müde aber immer noch mit viel Freude und Lust spielten sie die Derniere auf Französisch. Erstaunlich die vielseitige Virtuosität in Sprache, Gestik, Bewegung, Choreografie. Klamauk, Blödelei, episches Erzählen, tiefsinnige romantische Bilder bereichern den Besucher. Diese Land-Meer-Story mit alltäglichen Szenen und tiefmythologischen Bildern z.B. einer Seejungfrau, das Spiel mit der Verkleidung der Tochter zu einem Matrosen, die zwar ihren Mann stellt und doch Frau bleibt, die köstlichen Tierszenen, die amüsante Sohn-Mutter-Beziehung, die Rauferei der Matrosen, alles in einem Spiel. Tief menschlich mit viel Humor. Das Schlössli kann stolz sein, solche Menschen unter ihrem Dach zu beherbergen. 

 


24. August 2016

Seit einigen Tagen zurück aus Tschechien, bin ich voll und ganz hier. Und sinne natürlich ein wenig an die Zeit zurück, an den Kongress in Krummau: Dort konnte ich erleben, wie 200 TeilnehmerInnen eine Woche lang am Thema der Gesundheit sich für die Kindesentwicklung bis zum 9. Altersjahr erfreut haben. Dieser Kongress war fünf Jahre lang vor allem eine Weiterbildung für ÄrztInnen. Nun wollte man die Thematik mehr ins Pädagogische erschliessen. Und so kommen heute neben ÄrztInnen auch pädagogisch Interessierte, Therapeuten, Ernährungspädagogen usw.

Ich selbst unterrichtete an einem Nachmittagskurs, wo ich mit den TeilnehmerInnen gesungen, ihnen Märchen und Mythen im Rahmen des Waldorflehrplans bis zur 5. Klasse erzählt, pädagogische Zusammenhänge vermittelt habe. Der Kurs zählte 70 TeilnehmerInnen, auch ÄrztInnen. Ich habe ihnen eine exklusive Sternen-Exkursion angeboten und durfte ein großes Wohlwollen mir gegenüber erleben. Natürlich waren ein Viertel der TeilnehmerInnen ehemalige Studenten an meinen Seminarien in 20 Jahren. Nach der Katastrophe der Schlössli-Schulschliessung, wo ich derart gedemütigt wurde, ist solche Wertschätzung Seelen-Balsam. Ich habe gespürt, ich habe mit meinen 74 Jahren noch nicht ausgedient. Ich vermag noch etwas zu geben.

Nun bin ich wieder als Hauptverantwortlicher der Stiftung Seiler hier in Ins tätig. Ich mache mir sofort einen Überblick über alle Fragen und Probleme. Nun, obwohl ich mir diese Tätigkeit nicht ausgesucht habe, sondern sie als Schicksal entgegen genommen habe, versuche ich sie so gut wie möglich zu erfüllen. Die Tätigkeit als Dozent in Krummlau entspricht mir besser. Doch kann man im Leben die Aufgaben nicht immer aussuchen. Seit zwei Jahren führe ich nun diese Stiftung - seit der Schließung der Bildungsstätte Schlössli Ins. Mein Blick ist stets vorwärts gerichtet. Immer hoffe ich, dass es finanziell besser geht, dass die Initiativen sich konsolidieren, dass die Administration effizienter wird. Es läuft vieles besser, aber noch nicht gut genug.

Letzten Samstag war ich an der Eröffnungsfeier der Initiative InSich im Rosenhof, die nun schon ein Jahr lang vorbereitet wurde. Die über dreißig Gäste wurden durch alle Arbeitsbereiche geführt und ganz konkret das Konzept, die Arbeitsweise und das Menschenbild dargestellt. Die beeindruckende Demonstration von Simone Graf, Leiterin der Initiative, mit den Pferden beim Battenhof, zeigte innige Zärtlichkeit, Respekt und Liebe zu den Tieren. Nur ein Mensch, der mit sich innerlich klar ist, kann die Pferde führen. Ein Credo, das auch auf die Pädagogik übertragbar ist. Ich bin dankbar nach Hause gegangen, dankbar den Menschen gegenüber, die im Schlössli versuchen Mensch und Natur mit höchster Qualität zu begegnen.

 


25. Juli 2016

Heute ist es hochsommerlich heiß. Für Sonnenliebhaber bestens. Ein Auf und Ab diesen Sommer: zwischendurch mit Schnee bis weit herunter.

Die Welt außer Atem: Nizza, die Türkei, die Messer-Beil Attacke, die Trump-Nomination, das Münchner-Attentat, in Ansbach. Dinge, die man für unmöglich hält. Doch die Welt ist, wie das Wetter, außer Rand und Band. Was für atmosphärische und weltdynamische Kräfte. Vieles hat der Mensch, der gewohnt ist alles im Griff zu haben, nicht mehr im Griff. Versinkt die Welt in Schutt und Asche? Sind wir am Rande des Vulkans nur noch Zuschauer der Weltkatastrophe, bis wir selbst untergehen?

Vor kurzem haben wir uns den Film Tomorrow, Demain von Cyril Dion und Melanie Laurant angesehen. Sein Untertitel heißt: Die Welt ist voller Lösungen. An vielen Beispielen dokumentieren sie, wie zivilgesellschaftliche Initiativen die Welt im Kleinen zum Guten verändern: Pflanzenanbau zur Selbstversorgung z.T. mitten in heruntergekommenen Städten, Lokalgeld-Initiativen, Ökologische Unabhängigkeit gegenüber fossiler Energie ganzer Städte durch Windkraft und Sonnenergie, soziale, wirtschaftliche und ökologische Autonomie ganzer Betriebe usw.  Es werden indische Dorf-Initiativen gezeigt, wo es einem Bürgermeister mit Dorfräten gelingt, Dörfer wieder wohnbar zu machen und das Zusammenleben verschiedener Kasten durch architektonische Maßnahmen zu fördern. Am finnischen Schulsystem wird gezeigt, wie es möglich eine kreative Schule zu gestalten, wenn der Staat nicht mehr hineinredet und die LehrerInnen sich voll auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen einlassen können und wenn Impulse von Rudolf Steiner und Maria Montessori in die Schule einfließen können.

Die Rettung der Welt, so wird gezeigt, wird nicht von den weltzerstörenden, nur der Geld-Optimierung dienenden Megakonzernen und der korrupten Politik erwartet, sondern durch übersichtliche Sozialräume, wo Menschen sich wieder menschlich begegnen können, wo ihr Beitrag zur Verbesserung der Ernährung und des sozialen Zusammenhangs sichtbar wird.

Das Schlössli war in über 60 Jahren anarchistisch, autonom und staatskritisch. Wir haben uns selber geholfen. Der Staat beteiligte sich daran, diese eine der Oasen der Menschlichkeit (Albert Steffen) zu zerstören. Seit zwei Jahren versuchen wir nun auf den Ruinen dieses Schlösslis etwas Neues aufzubauen: Eben, etwas Neues, nichts Vergangenes. Wir sind heute an einem Punkt, wo Grundlagen für eine kreative Stätte, wo Pädagogik, Sozialpädagogik, Therapie, Handwerk und Kunst wieder möglich werden. (Siehe Initiativen in der Stiftung Seiler).

Ganz besonders freut es mich, dass diesen Sommer zum 25. Mal ein Gesangssommer möglich wurde. SängerInnen aus aller Welt versammelten sich hier, um bei Margreet Honig, der weltberühmten holländischen Gesangspädagogin und Therapeutin, zu lernen. Sie hatte als Sopranistin mit verschiedenen Ensembles, auch im holländischen Radio, Auftritte. Doch konzentrierte sie sich mehr auf den pädagogischen Teil des Gesangs: Sie ist Dozentin in verschieden Ländern Europas und in Amerika. Durch Margreet Honig erhalten SängerInnen aus der ganzen Welt in Meisterklassen die gesangstechnische Vervollkommnung, aber auch Therapie, für die hohe Kunst der Opern und Oratorien. Die Einzigartigkeit von Margreet Honig ist nicht nur das Technische des Singens. Sie versteht es den Leib als Abbild der Gottheit, in dem sich Geist und Seele einwohnen, ganzheitlich zu entwickeln. Jeder Leib, jede Seele, jeder Geist als individuelle Manifestation muss auch individuell entwickelt werden. Dieser ganzheitliche Mensch als Kunstwerk gilt es zu vervollkommnen. Margreet Honig kann das. Ihre tiefe Menschlichkeit, ihr lebensbejahendes Mutmachen erquickt die SängerInnen zu höherer Kunst.

Diese Gesangssommer konnten aber nur durchgeführt werden durch die Tatkraft meiner ältesten Tochter Manda Seiler. Sie als Sängerin, aber auch bis ins Praktische gehende Organisatorin zu haben ist entscheidend.

Margreet Honig hat mir mitgeteilt, dass diese Sommerkurse im Schlössli auch biografisch für sie wichtig wurden. Hier in dieser Schlössli-Umgebung, an diesem Kraftort fühlten sich die SängerInnen stets wohl. Diese Kurse wurden auch immer zu gesellschaftlichen Höhepunkten. Margreet Honig, so hat sie mir gesagt, konnte hier vieles entwickeln das es braucht, um die individuelle Stimme im individuellen Leib und der Seele zu vervollkommnen.

Dazu gehörten natürlich auch die zwei Männer: Da ist Paul Triepels, Atempädagog und Gesangslehrer, dann Hans Adolfsen, Korrepetitor. Sie gehörten beide zum hochqualifizierten Team mit Margreet Honig. Auch ihre hohe Menschlichkeit beeindruckte mich.

Nun sind die SängerInnen- Stimmen nach diesen zwei Wochen- Gesangssommer in unseren Häuser wieder wieder verstummt. Doch dieses 25jährige Singen bleibt im Ätherraum des Schlösslis. Sensible Menschen nehmen ihn als Kraftort wahr.

Im Schlössli hat sich in diesem Sommer viel Gutes ergeben. Im Herbst werden alle Wohnungen vermietet sein. Das Interesse ist groß hier in der Schlössli-Umgebung zu wohnen. Auch nach unseren Nebenräumen wird immer mehr gefragt.

Nun fahren Kamila, Alma und ich für gut drei Wochen nach Tschechien. Wir machen noch Zwischenhalt in Wolframs Eschenbach bei unseren Freunden. Ich werde an einem anthroposophischen internationalen Kongress in Krummau gastieren. Das Thema heißt: Kinder suchen Wahrheit. Ärzte, Therapeuten, Priester und Pädagogen versuchen in Vorträgen einzuführen in die Pädagogik und Gesundheit von Kindern bis zum 9. Lebensjahr. Mein Seminar trägt den Titel: Begleitung und Inkarnationshilfen für Kinder in den ersten 9 Schuljahren – Natur, Märchen, Mythen. Dazu werde ich mit allen Kongressteilnehmer singen. An einem Abend will ich den Teilnehmenden die Sterne zeigen.

Krummau ist eine wunderbare Stadt, Bern ähnlich, weil dort auch ein Fluss mäandernd die Stadt umfließt. Zudem gibt es ein sehr schönes Museum. Neben dem Kongress sind wir noch in Prag und in Velke Mesirici, beim Vater von Kamila.

 


4. Juli 2016

Heute ist der zweite Jahrestag der Schließung des Schlösslis. Vor zwei Jahren war mein tiefster Tiefpunkt in meinem Leben. Am Abgrund und das Neuentdecken des Rosenkreuzer-Motivs beim Finden des Büchleins:
„Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert“ von Isabelle Val de Flor. Ich habe dies am 15. Juli 2015 hier in meinem Tagebuch dokumentiert.

Am 7. Juli 2015 ist Müeti in die geistige Welt hinüber gegangen. Auch dieses wurde im Tagebuch festgehalten. Müeti wäre am 29. Juni 98-jährig geworden.

Letzte Woche vereinbarte ich mit Martin von Allmen, einem bekannten Berner Musiker (siehe Initiativen auf unserer Website), dessen Einzug in die Musikräume des Friedrich Eymann Schulhauses auf anfangs Oktober. Er wird dort als Komponist arbeiten und Schulungskurse für Musik anbieten.

Vorgestern hat die Compagnie Stradini ihre überarbeitete Lillith auf dem Bärwolfplatz wieder aufgeführt. Es sind viele Menschen gekommen. Das Spiel war wunderschön. Eine Steigerung der letztjährigen Produktion. Ich bin stolz eine solch professionelle, kreative und lebenslustige Gruppe im Schlössli zu beherbergen.

Heute Abend wurde die Kräuterschule Dr. Eisenbarth eröffnet. Lorenz Eisenbarth hat im Phönixhaus sein Zentrum für Kräuter-Anbau, -Verarbeitung und -Verkauf präsentiert. Er gibt hier Beratung für Heilmittel. Aetti und Müeti klingeln sicher die Ohren im Jenseits. Aetti als Alchemist, Müeti als Gärtnerin.

Zwei Jahre nach der Schließung der Heimschule zeigt sich das Schlössli initiativ. In den Liegenschaften lebt es wieder. Nicht dass das alte Schlössli wieder entstehen würde, das wäre eine falsche Nostalgie, sondern dass etwas Neues langsam beginnt zu werden: „Werde der du bist“, du Schlössli! Ich bin dem Schicksal dankbar.

 


25. Juni 2016

Im Juni ist einiges im Schlössli passiert, über das ich berichten möchte.

Die Beisetzung von Müetis Urne am 5. Juni: Es brauchte einige Zeit, bis auch Kathrin Tarelli aus Kolumbien kommen konnte und wir drei Kinder von Müeti, Kathrin, Michel und ich also gemeinsam anwesend sein konnten. Müeti wollte, dass ihre Asche bei Aettis ruhen darf, bei Aettis Stein. Hier haben wir uns mit Familienangehörigen und Freunden getroffen, haben Gedichte gesprochen und Lieder gesungen. So wurde nun aus Aettis Stein, Aettis und Müetis Stein.

Das vierte Kind von Müeti und Aetti, Beat (05.06.1952 – 13.01.1960) ist anfangs Januar 1960 gestorben. Er wäre am 5. Juni, bei der Urnenbeisetzung von Müetis Asche, 64 Jahre alt geworden. So war Beat, der an den Folgen einer Kinderlähmung gestorben ist, auch dabei. Ein vorläufiger Schlusspunkt in Müetis Leben.

Am 5. Juni war auch noch die Abstimmung über das Grundeinkommen in der Schweiz. Das Resultat zeigte, dass auch Zukunftsträchtiges die Menschen interessiert. Die Mehrheit glaubt allerdings immer noch mit altgewordenen Strukturen weiterfahren zu können.

Am 8. Juni war Jahresversammlung der Stiftung Seiler. Die finanzielle Lage der Stiftung ist immer noch angespannt. Wir haben in den letzten Jahren viele Schulden zurückbezahlt und stehen in Bezug auf die Schulden gut da. Doch die Liquidität macht uns Sorgen. Gut ist, dass wir in die Wohnungen investieren konnten und sie jetzt auch vermieten können. Das gibt Freiraum für weitere notwendige Investitionen. Die Wohnung Tellenhof I Süd ist fertig geworden. Eine junge Familie zieht nächsten Samstag ein. Dann sind die Wohnungen im Tellenhof alle vermietet.

In unserer Familie gibt es Zäsuren: Julian hat die Prüfung für den Abschluss der Wirtschaftsmittelschule bestanden und beendet bald sein Praktikum. Manuel hat die Maturitäts-Prüfung bestanden.

Die Brexit-Abstimmung in England mit einem Nein zu Europa ist eine Zäsur in Europa. Mir ist nicht klar, was daran gut und schlecht ist. Das Brüsseler-Zentrum scheint zu bürokratisch und zentralistisch. Autonomie der Länder hat die Chance, dass die Verantwortung nicht über die Grenze hinaus verteilt wird. Andererseits ist der Nationalismus auch ein Gift. Die Welt ist vernetzter geworden. Die Solidarität für die ganze Welt muss steigen.

Dass die Schweizer Fussball-Nati nicht über den Achtelfinal hinaus gekommen ist, obwohl sie so gut war, ist für viele Fans eine Katastrophe. Ob der Fussballrummel die Welt solidarisieren kann ist fragwürdig. Im Alten Rom brauchte es auch schon Brot und Spiele um das Volk bei Laune zu halten. Das Römische Reich ist trotzdem untergegangen.

Am 21. Juni organisierte Simone Graf mit ihren Leuten und anderen SchlösslerInnen das Mitsommerfest auf dem St. Jodel mit Feuer, Musik und Tanz. Meine Johanni-Tierkreis-Sprüche wurden auch gelesen. Mehr und mehr leben die Schlössli-Jahres-Rituale wieder auf.

 


01. Juni 2016

Heute wäre Aetti (Robert Hermann Seiler) 99-jährig geworden. Das schicksalshafte Jahr seiner Geburt (1917) hat Europa bis auf den heutigen Tag geprägt:

Eintritt Amerikas in den europäischen Krieg, die Machtübernahme der Kommunisten Lenins in Petersburg. Die Polarität zweier Wirtschafts- und Staats-Ideologien. Rudolf Steiner initiiert seine Soziale Dreigliederung. Diese Idee, die mit den Idealen der Französischen Revolution zusammenhängen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sind die Antwort auf destruktive Staats-Ideologien. Der Osten könnte das Geistesleben inspirieren, der Westen das Wirtschaftsleben und Mitteleuropa das Rechtsleben. Seine Ideen sind damals kaum wahrgenommen worden. 72 Jahre später ist das kommunistische System zusammengebrochen. Und der Kapitalismus zeigt immer mehr seine zerstörerische Kraft an Kultur und Natur.

Lithografie Kari Gerber

Aetti und Müeti haben 1953 das Schlössli gegründet. Hier konnte vielen Kinder und Jugendlichen geholfen werden. Ein Beitrag des Freien Geisteslebens im Sinne von Rudolf Steiner. Das Schlössli als Heimschule war über 60 Jahre eine Kultur-Insel, bis sie 2014 zerstört wurde.

Aetti ist am 6. September 2001, ein paar Tage vor der Katastrophe in New York, gestorben. Er ist 84 Jahre alt geworden. Während seines Lebens ist der Uranus einmal um die Sonne gewandert. Bei Geburt und Tod von Aetti war also gleiche Uranus-Konstellation. Aettis Leben und Werk haben viel mit dieser intuitiven, spirituellen Kraft zu tun.

Das Aetti-Bildnis rechts ist eine Lithografie von Kari Gerber, Maler und Jugendfreund Aettis, aus dem Jahre 1971.

Aetti hat viele Aphorismen geschrieben. Z.B. „Lichtmess I und II“ und das Trostbüchlein. Wer will kann diese  Aphorismen bei uns beziehen. Hier einige Beispiele aus dem Trostbüchlein:

  • Es sind keine Dinge der Welt zu klein, um nicht die Grösse des Universums zu enthalten.
  • Des Lebens ewige Brunnen sind Weisheit, Güte und Liebe. Wer zur jeder Stunde aus allen trinkt, den möchte ich zum Weggenossen haben.
  • Ein Kind: Ein Stern, der langsam eintaucht in das Feste der Erde und am anderen Ende neu aufleuchtet, als gereifter Mensch sie wieder verlässt.
  • Zu einer Mutter: Du gibst dein Kind mir in die Hände. Gib lieber es zu tiefst ins Herz, wo eine Stube bereitet ist eurer beide Freud und Leid.
  • Sammle um dich Menschen, die arbeiten und erkennen wollen. Menschen erziehen ist Gottesdienst. Es kann nichts Ewiges um irdischen Lohn getan werden.
  • Wohin du deine Kinder bringen möchtest, dahin trage sie des Nachts.
  • Wahrer Reichtum zeigt sich im Nichtbrauchen von dem, was im Überfluss ist.
  • Miss die Menschen nicht nach Grösse und Reichtum. Miss sie nach der Schwere des Schicksals.

 


29. Mai 2016

Kamila und ich sind vorgestern von unserem dreiwöchigen Aufenthalt in Tschechien zurückgekehrt. Ich werde nachfolgend berichten. Die Kräuterspirale ist in unserer Abwesenheit kräftig gewachsen. Im Schlössli sind Asyl-Bewerber in den ersten Stock Tellenhof Nord eingezogen. Ein Pilot-Projekt der Caritas Bern, das jungen Flüchtlingen verhilft, sich in der Schweiz integrieren zu können. Unsere Handwerker sind seit einem Monat an der Renovierung der Tellenhof I Süd-Wohnung dabei, damit anfangs Juli dort eine Familie einziehen kann. Letzten Freitagabend hat Stefanie alle SchlösslerInnen zu einer Halbmondsuppe in den Tellenhofgarten eingeladen. Schön, dort alle zu treffen, die sich im Schlössliganzen zugehörig fühlen. Übers Wochenende fand im Rosenhofpark und im Runensaal das Hochzeitsfest von Kiki und Jonas statt. Über 130 Gäste erlebten begeistert das Hochzeitsritual am Kraftort Schlössli. Geholfen haben auch die Wettergeister mit trockenem und sonnigem Wetter.

 


Bericht des Tschechien-Aufenthalts

Kamila und ich sind am Freitag, 6. Mai, über Karlsruhe nach Prag gefahren. Am Samstag/Sonntag habe ich in der Akademie für künstlerische Sozialtherapie in Prag einen Kurs über die Edda und die Runen gehalten.

Am Dienstag, 10. Mai, in Karlsbad an der Waldorfschule. In meinem Vortrag war über die Erlebnispädagogik durfte ich darstellen, wie gerade auch intellektuelles Lernen durch Bewegung gefördert werden kann. Die Schule ist in einem historischen, wundervollen Schulhaus und wird jetzt bis in die 4. Klasse geführt.

Am Mittwoch und Donnerstag hielt ich in der Akademie in Prag Vorlesungen über den russischen Philosophen Wladimir Solowjof. Solowjof beschäftigte sich wie Hildegard von Bingen mit dem Geheimnis der Sophia. Ich konnte seine eindrückliche Biografie darstellen und zeigen, wie Solowjof als Voranthroposophe die Fragen des Christentums, der Freiheit, der Liebe in spiritueller hochstehender Weise formuliert hat.

Am Donnerstag, 12. Mai, reisten Kamila und ich nachmittags in den Norden von Böhmen nach Litomercice. Dort fand über das Wochenende ein Festival für alternative Lebensweise statt. Verschiedenste Arten von Pädagogiken wurden vorgestellt. Ich hielt einen Vortrag über Waldorfpädagogik. Am Freitag besuchte ich die Waldorfschule in Terezin (Theresienstadt). Diese Waldorfschul-Initiative begleite ich nun schon einige Jahre. Eine wunderbare erste Klasse mit einer begabten Lehrerin. Mit Geldern aus Deutschland, Europa und der Stadt Terezin wird diese Kulturinitiative ermöglicht. Theresienstadt, als Ort wo die Elite europäischer Kultur durch die Faschisten hingemordet wurden, soll durch Kultur-Initativen geheilt werden. Dazu ist eine entstehende Waldorfschule bestens geeignet.

Am Wochenende fuhr ich nach Pardubice, um an einem Waldorflehrer-Seminar die Geschichte des Parzivals zu erzählen. Den Studenten wurde auch die Pädagogik der beweglichen Klassenzimmer in der dortigen Waldorfschule vorgestellt. Die Studenten waren begeistert.

In der Woche vom 16. bis 20. Mai hielt ich in der Epochenzeit der 11.- und 12.-Klässler der Primamer Waldorfschule einen Kurs über die historische Polarität von Ost und West, über die Biografie und das Werk Solowjofs und über die Soziale Dreigliederung Rudolf Steiners. Die Waldorfschule ist eine vollausgebaute Gesamtschule mit Lyzeum. Das Lyzeum hat einen gymnasialen und einen handwerklichen Zug. Dieses duale System ist zukunftsweisend. In der gleichen Woche besuchte ich in Prag das kleinste Kino in Tschechien mit 20 Plätzen. Ich schaute den autobiografischen Film Jean Paul Belmondos. Für mich war Belmondo anfangs der 60iger Jahre der Inbegriff der Nouvelle Vague -Filme in Frankreich. Jean Paul Belmondo, 80jährig, interviewt von seinem Sohn, eine Filmografie.

Am Samstag/Sonntag hielt ich in der Akademie in Prag einen Kurs über Hildegard von Bingen. Die Sophia- Visionen von Hildegard waren im Zentrum der Erörterungen. Die Studenten malten wunderbare Sophia- Bilder, die einzeln ausführlich besprochen wurde. Am Sonntagabend fuhr ich nach Ostrava zur dortigen Waldorfschule. Dort besuchte ich Montag und Dienstag als Mentor verschiedene Klassen und hielt einen Vortrag über Farben.

Am Mittwoch fuhr ich nochmals nach Pardubice zur Waldorfschule. Am Abend besuchten wir die dortige Sternwarte. Wir hatten Glück und konnten den Jupiter mit drei Monden durch das Fernrohr beobachten. Am Donnerstag unterrichtete ich die 7. und 8. Klasse in Astronomie und die 6. Klasse in Optik. Ich besuchte das Chorsingen. Erstaunlich wie begeistert hier die Oberstufen-SchülerInnen klassische und moderne Musik gesungen haben. Am späteren Nachmittag durfte ich vor LehrerInnen und Eltern einen Vortrag über den Zusammenhang von Astronomie und Astrologie halten. Nun fuhr ich zurück nach Prag und konnte die Eindrücke dieses dreiwöchigen Aufenthalts in mir vorüberziehen lassen. Ich war also im Westen, Norden, Süden und Osten Tschechiens: Eine reichhaltige Ernte.

In der folgenden Nacht am 27. Mai fuhren Kamila und ich von Prag nach Ins. Wir hatten Glück auf der Autobahn: Ohne Stau fuhren wir die 860 Kilometer in 8 Stunden.

 


04. Mai 2016

Schon ist wieder Mai. Die letzten Wochen waren noch kalt. Es hat viel geregnet. Die Vegetation grünt und blüht. Die Gänseblümchen bilden einen weißen Teppich in der Park-Arena. Jetzt werden die Tage sonnenreicher und wärmer. Auch im Schlössliganzen fängt es an zu blühen:

Wiederum waren die Veranstaltungen des Vereins INSgeheim wunderbar. Letzten Freitag mit Clownerie und Akrobatik. Gut besuchte Aufführungen und gute Atmosphäre. Plötzlich sieht man die vielbeschäftigten Stradini-Leute wieder. Gut, dass das Schlössli mehr und mehr ein Kulturfaktor wird. Es sind die ersten Flüchtlinge des Caritas Pilot-Projekts im Tellenhof I eingezogen. Es war seit Anfang ein Anliegen der Stiftung, die Beteiligung an der Hilfe für Flüchtlinge. Im Rosenhof entfaltet sich das Projekt Chugelrund. Mehr und mehr wird realisiert, was seit Monaten vorbereitet wurde. Immer mehr KünstlerInnen melden sich um unsere Ateliers zu beleben.

In zwei Tagen werden Kamila und ich wieder, jetzt sogar für drei Wochen, nach Tschechien fahren. Ich habe dort in Waldorfschulen Unterricht, Kurse und Vorträge. Und zwar in ganz Tschechien: in Prag, im Westen in Karlovo Vary, im Norden in Teresin (Theresienstatt), im Süden in Pribram, im Osten in Pardubice und Olomouc. Nachfolgend ist mein Programm dokumentiert:

Unser Programm Mai 2016

Sa 07.05. 14:00-19:00 Fernstudium Akademie TABOR 1. + 2. Jahr, Edda, Kalevala
So 08.05. 09:00 - 12:30 Fernstudium Akademie TABOR 1.+2. Jahr, Edda, Kalevala
Mo/Di 09./10.05.- ab 16:30 Vortrag in Karlovy Vary, Erlebnispädagogik
Mi 11.05. 09:00-12:30 und 14:00-17:30 Tagesstudium Akademie, Vladimir Solovjov
Do 12.05. 09:00-12:30 und 14:00-17:30 Tagesstudium Akademie, Vladimir Solovjov (abends noch Abfahrt nach Litomerice (+ dort Besuch im Theater)
Fr 13.05. Litomerice – Terezin
Sa/So 14./15.05. Waldorflehrerausbildung Pardubice, Parzival
Mo 16.05. Waldorfschule Pribram
Di 17.05. Waldorfschule Pribram
Mi-Fr 18.-20.05. Waldorfschule Pribram
Sa 21.5. Fernstudium Akademie TABOR 3.+4. Jahr, Hildegard (eventuell Rosenkreuzer, wenn beides geht)
So 22.05. Fernstudium Akademie TABOR 3.+4. Jahr, Hildegard (abends Abfahrt nach Olomouc)
Mo 23.05. Olomouc, abends Vortrag (Wunsch ist Thema „Farben“, wenn es so in einem Vortrag geht)
Di 24.05. Olomouc (nachmittags Abfahrt nach Prag)
Mi 25.05. Prag (abends Abfahrt nach Pardubice)
Do 26.05. Pardubice - ab 08:00 Uhr Unterricht, ab 17:00 Uhr Vortrag, beides Sternkunde


19. April 2016

Heute habe ich Geburtstag. Ich bin nun 74 Jahre alt. Als zweiter Zwilling geboren und zunächst fast nicht lebensfähig - mein kräftiger Bruder starb ein paar Wochen später unerwartet - wurde mir vergönnt, so alt zu werden. Mein erster Geburtstag an dem Müeti, meine Mutter, nicht mehr unter den Lebenden ist.

Nach der Schlössli-Katastrophe 2014 war die Zukunft des Schlösslis extrem von mir abhängig. Durch mich konnte wenigstens die Stiftung Seiler mit ihren Liegenschaften als Ort gerettet werden. Damals habe ich gehofft, doch noch ein paar Jahre leben zu können, um die Grundlage für neue Initiativen im Schlössli zu schaffen. Heute, nach zwei Jahren, gibt es schon Initiativen die realisiert sind und andere im Keimstadium. Die Hoffnung ist groß, dass diese Pflanzen erblühen und Früchte tragen. Alles braucht Zeit. So ein Schlössli ist ein Zeitorganismus. Ich bin dankbar, vorläufig hier noch wirken zu können. Das ist mein größtes Geburtstaggeschenk. Denn das Schlössli und ich sind miteinander schicksalshaft verhängt.

Mein zweites Geburtstagsgeschenk an mich ist mein Studium des russischen Philosophen Wladimir Solowjof (1853–1900), dessen Leben und Werk. Seine Idee der Entwicklung der Menschheit beeindruckt mich: Zuerst lebte die Menschheit im Dienste der Götter theokratisch gelenkt in der All-Einheit. Dann im Westen seit der Renaissance, aber auch schon im Epos Parzival von Wolfram von Eschenbach, die Individualisierung. Es führte zur Vereinzelung und Säkularisierung, zum Rationalismus, Materialismus, zur Atomisierung, zum Kampf aller gegen alle.

In der Zukunft muss daran gearbeitet werden, dass wieder ein Ganzes entsteht. Die Trennung von Gott und Mensch kann nun jeder von sich aus wieder überwinden lernen. Dabei ist Gott nicht mehr außerhalb des Menschen, wie in archaischen Zeiten, sondern im Menschen-Innern. Das heißt auch, dass der Osten und Westen wieder sich ergänzen müssen: Der Osten sieht in Christus nur einen Gott, der Westen allenfalls ein außerordentlicher Mensch (Albert Schweitzer). Nach Solowjof muss Christus wieder als Gott-Menschen angeschaut werden. Mit Christus gibt es  die Begegnung in Augenhöhe zwischen Gott und Mensch. War im ersten Menschheitsstadium der Schöpfer Gott aktiv, so schafft der Mensch am 8. Schöpfungstag an der unvollendeten Schöpfung weiter.

Zu dieser Neuschöpfung braucht es die Freiheit. Die Freiheit ist das ureigene Element des Menschen. Das Spezifische des Menschen gegenüber den Naturreichen und der Engel, die vollkommen sind, ist gerade seine Unvollkommenheit. Dies gibt ihm die Möglichkeit zu irren. Nur durch den Prozess des Irrens und das Erkennen des Irrtums, kann der Mensch sich frei entwickeln.

Zu diesem Prozess verhilft dem Menschen die Sophia. Solowjof hat in seinem Leben drei Mal ein Sophia-Erlebnis, eine Lichterscheinung wie es Paulus in Damaskus hatte: Das erste Mal mit sechs Jahren, in der Universitätskapelle in Moskau. Vorausgegangen war ein Verliebtsein in ein konkretes Mädchen. Wie Dante Alighieri ein Leben lang von seiner Beatrice inspiriert wurde, wird Solowjow von Sophia begleitet. Das zweite Mal in einer Bibliothek in London bekommt er von der Erscheinung der Sophia den Auftrag, Chemie zu studieren. Chemie heißt schwarze Erde. Schwarze Erde bedeutet aber auch Aegypten. So reist er nach Aegypten. Dort in der thebäischen Wüste, wo schon St. Antonius als Eremit den bösen Mächten trotzte, mitten in der Wüste, wird Solowjow von Beduinen ausgeraubt und fast getötet. Er verbringt die kalte Nacht inmitten von wilden Tieren und schläft ein. Am Morgen bei Sonnenaufgang erscheint ihm wieder Sophia. Nachfolgend hatte Solowjow drei konkrete Freundinnen. Alle hießen Sophia.

Für Solowjow ist Sophia die Purpurwolke am Morgen, die zukünftige Aurora, die schaffende Kraft in der Natur und im Menschen. Ihre Lust hat sie an dem unvollkommenen, Freiheit liebenden, schöpferischen Menschen, der an dem achten Schöpfungstag arbeitet. Solowjow ist Mystiker und Philosoph. Er ist Liebender der Weisheit, der Philo-Sophia.

 

Wladimir Solowjof

24. März 2016

Es ist Frühling. Wenn auch zögerlich. Immer noch kalt. Doch es grünt und blüht. Die Turteltauben turteln auf meinem noch kahlen Kirschbaum. Die Vögel lieden um die Wette. Es ist Frühling.

Was da knospet und grünt ist ein Wunder. Ein Wunder der gewissen  Reinkarnation. Jeden Frühling.

Wir sind in der Karwoche. Es ist Gründonnerstag und Vollmond. Zuerst Tag- und Nachtgleiche. Dann Vollmond und der nächste Sonntag ist Ostern. Es muss noch zuerst der Tod des Karfreitags durchlebt werden, um dann endgültig am Ostermorgen die Welt-Auferstehung feiern zu können. Diesmal früh im Jahr. Dank dem Sonnen-Mondrhythmus.

Die Tage sind nun wieder länger als die Nacht. Die Sonne hat über die Finsternis gesiegt.

Die Stiftung Seiler hat heute die letzte Wohnung vermietet. Ein Meilenstein. Doch wir müssen weiterhin achtsam sein, damit die Stiftung finanziell konsolidiert wird.

Über das letzte Wochenende war Kamila und ich in Prag. Ich hatte dort an einer Weiterbildung der tschechischen Waldorflehrer- es kamen über 150 KollegInnen- ein Sternenkundeseminar und einen Vortrag. Das Thema hieß: „Der künstlerische Prozess als Inkarnationsaufgabe. Das Gute und das Wahre im Schönen.“

In den zwei voran gegangenen Vorträge wurde von Neuen Mysterien, einer Neuen Ethik und vom Denken des Denkens gesprochen. Ein Direktor einer Waldorfschule, der halb so alt ist wie ich, sagte mir kürzlich, die Anthroposophie ohne die Idee der Reinkarnation und Karma, sei keine Anthroposophie. Ich bin einverstanden. Eine Soft- Anthroposophie reicht nicht mehr. Wir brauchen eine radikale Anthroposophie. Das heißt, dass wir die Inkarnation-Idee, die Verkörperung des Geistes in den Leib, in der Erziehung ernst nehmen

Die planetarische Entsprechung der Kunst, der Schönheit, der Liebe ist die Venus. Sie ist als Abend- und Morgenstern ein Horizontstern. Ihr Symbol ist das alchemistische Zeichen des Kreises und darunter das Kreuz. Das bedeutet Sonne und Erde, Geist und Materie. Am Horizont begegnen sich Himmel und Erde. Küssen sich zugleich. Im künstlerischen Prozess begegnen sich Geist und Materie. Der Geist inkarniert sich in den Stoff.

„Die Kunst ist nicht sichtbar. Sie macht sichtbar“ sagt Paul Klee. Die Kunst macht den Geist sichtbar, wenn es richtige Kunst ist. Doch die Kunst muss, wenn sie ein Ganzes werden will, auch gut und wahr sein. Mit dieser Dreiheit hat sich schon Plato und Aristoteles beschäftigt.

 Der menschliche Leib ist wohl das Schönste, das Wahrste und Moralischste(Gute) auf der Welt, wenn die Inkarnation des Geistes, der Individualität, vollzogen werden kann. Das ist vor allem eine erzieherische Aufgabe. Das geschieht in der Waldorferziehung durch den künstlerischen Prozess. Rudolf Steiner will, dass die Erziehung in erster eine Erziehungskunst ist.

Es wurde ein Wahrspruchwort von Rudolf Steiner durch die Pribramer-KollegInnen rezitiert:

Das Schöne bewundern
Das Wahre behüten
Das Edle verehren
Das Gute beschließen;

Es führet den Menschen,
Im Leben zu Zielen
Im Handeln zu Rechten,
Im Fühlen zum Frieden,
Im Denken zum Lichte;

Und lehret ihn vertrauen
Auf göttliches Walten
In allem was ist,
Im Weltenall
Im Seelengrund.
 

In diesen Worten ist das Schöne, das Wahre und Gute in einen Zusammenhang gestellt. Steiner gesellt dazu noch das Edle.

Jedes Kind, wenn es sich im Vorgeburtlichen aufmacht, in eine neue Inkarnation einzutauchen, nimmt sich eine Erdenaufgabe vor, ein Ziel, das es verwirklichen will. Wenn es geboren ist, hat es diese selbstgegebene Aufgabe vergessen. Wir Eltern und LehrerInnen haben nun die Aufgabe, dieses Ziel, die sich diese Individualität gegeben hat, sichtbar zu machen, damit dieses selbstgewählte Schicksal sich verwirklichen kann. Erst der Mensch, der dieses zu ihm gehörende Lebensmotiv biografisch leben kann, ist ein kreativer, authentischer Mensch.

Im Vortrag wurde die „Sixtinische Madonna“ von Raffael gezeigt. Dieses Bild, dass zur Waldorf-Ikone wurde, zeigt diesen mütterlichen Geburtsprozess: Das Kind wird durch die Gottesmutter auf die Erde gebracht. Diese kräftige Gestalt, mit dem Kind in den Armen, beschreibt die mittelalterliche Prophetin und Seherin, Hildegard von Bingen als Sophia. Sophia als die schöpferische Urkraft, die hilft, dass an der Schöpfung Gottes weiter gebaut wird. Die Schöpfung Gottes als unvollendet, so dass der kreative Mensch daran weiter arbeiten kann.

Das Formenzeichnen ist eine der originären Tätigkeiten der Waldorfschule. Ich wies darauf hin, dass mit der Geraden und der Krummen angefangen wird. Diese Form ist aber ein Urgebärde, daraus Vieles zusammengefasst werden kann. Es entstand vor den Waldorflehrern folgende Skizze:

Diese obenstehende Skizze fasst zunächst  das Wahre, das Gute und das Schöne zusammen. Das Wahre erfahren wir am Denken, das Schöne am Fühlen, Abwägen und Empfinden und das Gute durch das eigene Tun. Schon Erich Kästner sagte: „ Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Im Wahren und Schönen haben wir eine Polarität in Weisheit und Liebe. Rudolf Steiner charakterisiert in den zwei Weihnachtsevangelien diese Polarität. Im Matthäus-Evangelium erscheinen die Könige, die Kulturträger und Weisen aus dem Morgenland, im Lukas-Evangelium die naturhaften Hirten mit ihren Liebeskräften. Diese zwei Strömungen vereinen sich an der Jordantaufe. Christus-Jesus, der Gottmensch, bringt die Neuen Mysterien, die Neue Ethik, die Ich-Kraft, die Intuition und Moralische Phantasie zu den Menschen.

Die Weisheit kann sich pervertieren in den Intellekt und Lüge. Das war in den Augen der Edda Futter für den Fenriswolf.

Die Liebe kann sich pervertieren in Selbstliebe und Egoismus. Das war in den Augen der isländischen Sage Edda Futter für die Middgardschlange.

Diese polaren Kräfte nennt Rudolf Steiner den erdsüchtigen Ahriman und den erdflüchtigen Luzifer.

Diese beiden destruktiven Kräfte bilden also das polare Böse. Doch das Böse verhilft dem Menschen zur Freiheit, zum moralischen Tun. Doch dazu braucht er ein starkes moralisches Ich.

Rudolf Steiner schnitzte in jahrelanger Arbeit  den Menschheitsrepräsentanten. Inmitten Christus, der die polaren Kräfte in Schach hält.

In Goethes Faust heißt das Mischwesen(Luzifer und Ahriman) Mephistopheles, das dem strebenden Faust zur Entwicklung verhilft.

Wir brauchen also die Gerade und die Krumme. Wir üben im Formenzeichnen stetig die Symmetrie. Die Mitte, das eigene Ich, ermöglicht das vielfältig Krumme.

In jedem künstlerischen Prozess walten diese polaren Kräfte und die Mitte und im Geschaffenen zeigt sich, ob die Schönheit auch wahr und gut ist.

Im Vortrag wurde nun auch kurz gezeigt, dass jeder künstlerische Prozess, jeder Inkarnationsvorgang nur durch Wärme im Blut stattfinden kann. Die Wärme als Ursubstanz des Menschen, als erste Substanz im Saturnzustand, ist die eigentliche zentrale Ich-Kraft in der menschlichen Entwicklung. Doch meistens wird die Wärme als Polarität zur Kälte dargestellt und empfunden. Die Wärme ist aber in der Realität die Mitte zwischen Kälte und Hitze. Der menschliche Leib ist gesund bei etwas mehr als 36 Grad. Er wird krank, wenn er zu heiß(Fieber), oder zu kalt (Schüttelfrost) wird. Nachfolgende Skizze zeigt den Sachverhalt:

Gerade in der Pädagogik ist diese Wärme in der Mitte entscheidend. Ohne leibliche, seelische und geistige Wärme gibt es kein menschlich sozial-künstlerischer Prozess. Die Wärme darf sich nicht in der Hitze verbrennen, aber auch nicht in der Kälte erstarren. Sie braucht menschliche Nähe und Distanz. Sie braucht die moralische Kraft, ein herzhaftes Tun, Begeisterung, Empathie und moralische Phantasie(Philosophie der Freiheit).

Zum Schluss zeigte ich nochmals eine Mitte am goetheschen Farbenkreis:

Hier wieder die Dunkelheitsfarbe(Ahriman) Blau vermischt mit der Helligkeitsfarbe(Luzifer) Gelb ergibt das vermittelnde Grün. Hildegard von Bingen sieht in ihren Visionen die grüne Sophia als Schöpferkraft, Grün auch als Christusfarbe. Grün als die spirituelle Farbe, die wir in jedem schöpferischen Prozess brauchen.

Aber auch das Purpur, als Addition vom (luziferischen) Gelbrot und (ahrimanischen) Blauviolett – etwa im Prisma zu sehen im dunklen Balken - ist die höhere Integration der Farben, ist reine Königsfarbe. Im Namen Purpur haben wir das(französische) Rein-Rein. Es ist die moralische Reinheit. Im Purpurrot gibt es kein Gelb(Luzifer) noch Blau(Ahriman).

In allem Tun ist Mitte entscheidend. Dieser Farbenkreis wiederum als Metapher für den Inkarnationsprozess.

 


12. März 2016

Möglichst jeden Morgen vor dem Morgengewölbe(Ritual), schreite ich das Chartres-Labyrinth in der Arena im Rosenhofpark ab. Gelange durch all die Schleifen ins Innere und wieder hinaus. Dieses Labyrinth ist umgeben von einem Rasen. Darauf sind Hunderte von Gänseblümchen zu sehen. Erst dieses Jahr ist mir aufgefallen, dass durch das ganze Jahr hindurch, ob Trockenheit oder Nässe, ob Hitze oder Schnee, Sommer oder Winter, die Gänseblümchen immer blühen.

Dieses resistente Blümlein offenbart uns, so klein wie es ist, aber in der Vielzahl wunderbar beeindruckend, einem die Dauer sichert, über all die Sorgen und Mühen des Alltags, über die Freuden und Hoffnungen hinaus, stetig zu blühen. Das Köpflein tageszeitmässig immer nach der Sonne ausgerichtet. Es empfängt so die Sonnenkraft und gibt so ihm die Resistenz und Resilienz gegenüber den Unbillen der Natur.

Es ist uns Vorbild, sich selbst nach der inneren Sonne auszurichten, Kraft zu holen gegenüber Kummer und Schmerz.

Als Korbblüttler kann es sich sogar selbst bestäuben, ist  androgyn, ganzheitlich männlich und weiblich. Die krautigen Blattrosetten bedecken den Boden zum persönlichen Teppich, inmitten die  zarten Stielen aufwärts wachsen, die Blüte der Sonne entgegen bringen.

Viele verschiedene Namen hat das Volk im gegeben: Augenblümchen, Himmelsblume, Marienblümchen, Tausendschön, Gänsegismeli, Margrittli usw.

Gestern, am 11. März, hat die Caritas Bern ihr Flüchtlings- Projekt, ein Pilotprojekt, in einem unserer Häuser, der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier sollen junge Männer, die meistens ohne Familienbegleitung nach Europa geflüchtet waren und gerade volljährig geworden sind, beherbergt werden. Es ist eine Wohngemeinschaft von sechs Männern, denen die Möglichkeit gegeben wird während einer gewissen Zeit zu lernen miteinander zu wohnen, Sozial- und Selbstkompetenz zu üben. Sie versorgen sich selbst und nehmen Teil an Integrationskursen. Jeder hat sein persönliches Zimmer. Sie werden von der Caritas Bern betreut.

Wir von der Stiftung Seiler sind stolz etwas zur Flüchtlingsproblematik beitragen zu können. Seit Wochen haben unsere MitarbeiterInnen diese Wohnung umgebaut und renoviert. Die vielen Gäste der Vorstellung dieses Projekts, Nachbarn, Behörden von Ins und der Fürsorgedirektion des Kantons Bern, freuten sich ob der schönen Räumlichkeiten.

 


7. März 2016 ♦ Zum Troxlerjahr 2016

Gestern waren Kamila und ich am Festakt zum 150. Todestag von Troxler in Aarau.

Andreas Dollfuss hat im Zürcher-Zweig am 1. März 2016  das Troxlerjahr zum 150. Todesjahr von  Paul Ignaz Vital Troxler (1780-1866) mit einem wunderschönen Vortrag eingeläutet. Seine Schrift „Geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz“ (2005) ist mehr als lesenswert.

In der folgenden Pressekonferenz und Festakt in Aarau wird Troxler umfassend gewürdigt. Ein gleichzeitiges Philosophie-Seminar in Basel begleitet diese erste Woche des Troxlerjahres.

Auf den Strassen Aaraus begegnen einem eine Plakat-Aktion mit Troxler-Worten. Näheres kann auf troxlergedenkjahr2016.ch nachgelesen werden.

Am Festakt, dem genauen Todestag Troxlers (6. März) spielt Alena Cherny virtuos eine Beethoven- Sonate. Dann gab es Grußbotschaften der Regierungen der Kantone Aargau und Schwyz und der Stadtregierung Aarau. Hans Stöckli, der SP-Ständerat des Kantons Bern und Präsident der Neuen Helvetischen Gesellschaft brachte ebenfalls Grüße.

Troxler, der wohl best bekannte Politiker, Arzt, Philosoph und Pädagoge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Architekt unseres neuen Bundesstaates(1848), über hundertfünfzig Jahre in Vergessenheit geraten, sollte aufs Neue in der Schweiz bekannt gemacht werden. All die Beiträge der Referenten des Festaktes charakterisierten Troxler als eine vielfältige Persönlichkeit:

Promotor und Initiant des Troxlerjahres 2016 ist Franz Lohri. Er ist auch Mitherausgeber des im Futurum-Verlag zum Gedenkjahr neu herausgegebenen Buches “Ignaz Paul Vital Troxler,  Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker“. Im ersten Teil erscheint wiederum die Biografie von Max Widmer über Troxler, die schon 1980 zum 200. Geburtsjahr erschienen ist. Ich konnte damals noch selbst die begeisternden Vorträge über Troxler vom Steinerschullehrer und Musiker Max Widmer hören. Beim Wiederlesen dieser Biografie wird es einem warm ums Herz. Widmer besitzt die Kunst eine Individualität in all seinen Zusammenhängen ganzheitlich darzustellen. Eine Fundgruppe für Troxlers Leben und Werk. Franz Lohri fasst in einem sehr gut lesbaren 2. Teil alles zusammen, was es an Literatur und Wissen über Troxler gibt. Diese umfassende Rezeption ist gerade für Anfänger in die Welt von Troxler ein guter Einstieg. Das Buch besitzt dann auch eine biografische Übersicht und eine Bibliografie.

Biografische Skizze

Troxler, im luzernischen Beromünster aufgewachsen, durchlief die Schulen während der Französischen Revolution, traf in Solothurn französische Flüchtlinge und lernte zugleich Französisch. Mit achtzehn Jahren war er schon Sekretär in der Helvetik bei Vinzenz Rüttimann, der später sein politischer Hauptfeind wurde.

Doch er sah, wie die Politik korrupt macht und ging nach Jena an die Universität und studierte Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie. Er wurde Liebingsstudent vom Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Es war die Zeit  von J. W. Goethe, die Zeit der Klassik. Er promovierte 1803 in Medizin (Augenheilkunde) und praktizierte in Wien. Einer seiner Patienten war Ludwig van Beethoven. Er publizierte schon medizinisch-anthropologische Schriften.

1805 ist er wieder in Beromünster. Als praktischer Arzt hatte Erfolg bei einer grassierenden Epidemie und überwarf sich mit der luzernischen Regierung (Vinzenz Rüttimann) wegen seiner Kritik am miserablen Sanitätswesen. Er entzog sich einer Einkerkerung und reiste über Aarau wieder nach Wien.

Dort hatte er wieder eine Arztpraxis und befreundete sich u.a. mit Ludwig van Beethoven.

1809 verheiratete er sich mit Wilhemina Potborn aus Potsdam und kehrte nach Beromünster zurück. Seine Ehefrau war ihm das ganze Leben lang eine überaus geistreiche und praktische Lebensbegleiterin. Sie gebar ihm 11 Kinder, wovon drei starben. In Beromünster musste er noch eine Gefängnisstrafe absitzen. 1811 wurde er von der medizinischen Fakultät der Universität Berlin berufen. Doch er lehnte ab. seine Maxime durch sein ganzes Leben war:

Meine erste Liebe ist das Vaterland.“ Dieser Liebe blieb er sein ganzes Leben lang treu.

1812 publizierte er eine erste anthropologische Schrift: „Blicke in das Wesen des Menschen“.

Der Kaiser Napoleon musste abdanken. Alles was Napoleon an Freiheitsrechten gebracht hatte, wurde wieder in Frage gestellt. Es kam die Restauration. Die Aristokraten waren wieder mehrheitlich an der Macht. Troxler als Liberaler und Radikaler (das Wort stammt von ihm) kämpfte gegen diese rückschrittliche Politik in den Kantonen, schrieb Streitschriften und versuchte am Wienerkongress gegen diese Tendenzen zu wirken.

Bis 1819 lebt er in Aarau und betätigt sich neben der Arztpraxis publizistisch unter anderem mit der Pressefreiheit.

1819 wird er nach Luzern ans Gymnasium berufen, wo er eine begeisterte Schülerschaft fand. Seine freiheitlichen Ideen passten der Obrigkeit nicht und er musste wieder aus seinem Heimatkanton ins Exil nach Aarau.

Mit Heinrich Zschokke zusammen lehrte er in Aarau am Lehrverein, einer Art Fortbildungsschule nach dem Gymnasium. Diese freie Schule sollten die jungen Männer eine umfassende Bildung vermitteln, in der auch die Philosophie wichtig war. Für Troxler war es wichtig, dass das Bildungswesen ohne jegliche Einmischung der Kirche und des Staates sich frei entwickeln kann. Er kämpfte um die Freiheit im Bildungswesen. „Frei ist aber die Erziehung, welche in allem rein menschliche Bildung anstrebt und in diesem Streben durch Aussenverhältnisse kein Hinternis erleidet noch erduldet“. „Zwischen Erzieher und Zögling besteht demnach der höchste heilige Vertrag, der unter Menschen abgeschlossen werden kann“.

Der Lehrverein wurde zur Pflanzstätte des Liberalismus bedeutender kulturellen und politischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Die Zeit des Lehrvereins, in der Mitte seines Lebens, war wohl die glücklichste für Troxler.

Im damalige Europa gab es drei überaus bekannte Erziehung-Institute: Pestalozzis Yverdon, Fellenbergs Hofwil und der Lehrverein in Aarau von Troxler und Zschocke. Dies war ein menschheitlich schweizerisches Vermächtnis des damaligen Geisteslebens.

Am 17. März 1827 war Troxler in Brugg am Sterbelager seines Geistesfreundes Heinrich Pestalozzi.

1830 wurde er Professor und Rektor an der Universität in Basel. Er wurde von den Studenten mit Hosianna-Rufen voller Begeisterung empfangen und musste mit Schimpf und Schande und Drohungen nach 18 Monaten Basel wieder verlassen. Er hat sich für das sich regenerierende und selbständig werdende Baselland eingesetzt. So ging es schon Paracelsus 1528 in Basel.

Die Zeit um seine Professur in Basel ist heftig und nachträglich im Kampf um seine Rehabilitierung für Troxler und seine Familie überaus schwierig. Doch diese Auseinandersetzung brachte auch die Idee einer Schweizerischen Gesamthochschule zu Tage.

Jetzt ist er wieder in Aarau und wird im Kanton Aargau auch eingebürgert und wird in das kantonale Parlament gewählt.

Ab 1834 ist er in Bern erster Philosophie-Professor bis zu seiner Emeritierung 1853. (Als ich Ende der 60igerjahre an der Universität in Bern studierte, versuchte ich vergeblich StudentInnen, die Troxler kannten).

Am 21. März 1848 arbeitete von der Tagsatzung gebildete Kommission an einer neuen Verfassung. Der vorangehende Sonderbundskrieg entzweite die Lager der Föderalisten und der Unitarier. Hier Kantönligeist, dort Zentralismus. Die Kommission kam nicht vom Fleck. Da ging Melchior Diethelm, der Schwyzer-Vertreter, zu Troxler, der sein Lehrer war, und fragte ihn um Rat. Troxler gab ihm seine Schrift über das amerikanische Zweikammersystem, wo er echt eidgenössisch einen Nationalrat und einen Ständerat vorschlug. Diese Schrift besprach Diethelm mit dem solothurnischen Vertreter Joseph Munziger. Die zwei propagierten dieses Zweikammersystem und es wurde ohne Mühe von der Mehrheit angenommen. Der Friede unter den polarisierenden Kräfte konnten so gerettet und der Schweiz ein geistiges nachhaltiges Fundament gegeben werden. Es war der Tag des Niklaus von der Flüe, der im Stanserverkommnis 1481 ebenfalls den Zusammenhang der Schweiz gerettet hatte.

1858 nimmt er als 78jähriger an der 300-Jahr-Feier der Universität Jena teil. 1859 stirbt seine treue Frau und er selbst überlebt seine Frau noch um 7 Jahre und stirbt am 6. März 1866 in Aarau.

Einige Aphorismen zum Werk und Leben Troxlers

Troxler ist zunächst als Philosoph wichtig. Seine Philosophie wirkt  in das Lebenspraktische: In eine ganzheitliche Heilkunde, eine umfassende freiheitliche Pädagogik, eine gesellschaftlich freiheitliche Staatsverfassung.

Als Arzt entwickelte er eine lebenserweckende Anthropologie, als Philosoph eine spirituelle Philosophie. Er forderte eine anthropologische Philosophie und eine philosophische Anthropologie. Doch die musste auf eine höhere Ebene potenziert werden. Diese Quintessenz nannte er Anthroposophie. Troxler war eindeutig ein Voranthroposoph. Er ahnte diese höhere Weisheit. Er gab ihr die Richtung. Rudolf Steiner verwirklichte die schon hoch entwickelte Anthroposophie Troxlers. So ist der Architekt der Bundesverfassung in der geistigen Strömung der Rosenkreuzer, eines katharischen Niklaus von der Flüe, eines Jakob Böhme, eines Paracelsus, der Aufklärer, Idealisten und Romantiker Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Fichte und Novalis usw.

Er ist ein praktischer Arzt und dient dem Mitmenschen ganz konkret und individuell.

Er ist ein pflichtbewusster Familienvater und Verehrer seiner Frau. Durch den frühen Tod seines Vaters mit sechs Jahren und dem Sterben seiner Kinder, das er auch als Arzt nicht verhindern konnte, daran er unendlich litt, öffnete sich seinem Wesen die geistige transzentente Welt. Seine unendliche Liebe galt aber auch seiner Mutter. Zu dieser zog es ihn immer wieder hin. Die Schweiz war wohl sein Vaterland, das zu einer freien Republik er entwickeln wollte, doch die Schweiz war ihm auch Mutterland, wo seine tapfere und tüchtige Mutter wirkte.

Was in der Biografie Troxlers einem auffällt, ist die Sicherheit in seinen Schicksalsentscheidungen: Er studiert in Jena, der damaligen Hochburg der Philosophie. Er entzündet sich immer wieder an der bornierten Staatsgewalt, entfacht einen Streit, eine öffentliche Auseinandersetzung. Es geht immer um kreative Freiheitsrechte, die an der Macht der Staatsgewalt abprallen. Dieser Kampf bringt ihm und seiner Familie großes Leid. Doch aus diesen Kämpfen entwickelte sich schlussendlich die Regeneration, der neue Bundesstaat. Die Zielrichtung Troxlers ist von Anfang klar. Dazu Aussagen von ihm: „Die Wahrheit macht nicht nur frei, sie macht kühn“. „Kurz, in mir wird immer klarer – von Grund aus muss die Schweiz revolutioniert werden“. Die restaurative Heilige Allianz von Metternich, die auch Spione in der Schweiz hatten, sagten von Troxler: „Troxler, unter den Schriftstellern der Schweiz ist vielleicht der gefährlichste“. Troxler schrieb einmal: „Ich finde mich sehr geliebt und gehasst, um eigentlich unglücklich zu sein. Freunde und Feinde übertreiben es mit mir“.

War auch der restaurative Luzerner Rüttimann sein politischer Hauptgegner, so war erst Recht der Perücke umflorte Universalgelehrte Albrecht Haller(1708-1777) sein geistiger Opponent.

Seine Anthropologie bestand aus vier Elementen, von denen immer zwei einander in Polarität standen: Geist – Körper, Seele – Leben. Z. B. über das Leben sagte er: „ Das Leben ist der Ursprung und das Substrat von aller Idealität und Realität“.

Inmitten dieser Tetraktys steht das Gemüt, das Ich, die Individualität. Es ist die höchste, dem Göttlichen sich annähernde Mitte im Menschen. Das Gemüt steht mitten von Spiritualismus und Materialismus, von Idealismus und Realismus.

Die Philosophie wird erst durch  Mystik ergänzt und vollendet, so wird sie zur Philosophie des Übersinnlichen.

Die drei Vornamen Troxlers sind zugleich seine Lebensmotive:  Im Namen Ignaz haben wir das Feuer. Er war wirklich ein Feuergeist im Kampf gegen die retardierenden Kräfte, in der Begeisterungsfähigkeit gegenüber seinen Schülern, in der Zielstrebigkeit seiner Idealen, die real werden sollten.

Im Namen Paul ist das Paulinische ausgeprägt: Er spricht vom Licht, das er schaut, das im Gewissheit gibt vom Geistigen. Er ist ein Initiierter. Vital ist Programm seines Lebens. Mit größter Vitalität gestaltet er sein Leben. Die Biosophie ist seine Grundlage auch gerade in seinem Beruf als Arzt.

Sein Geburtsort ist zugleich auch ein Ort der geistigen Publizität:

1470 entsteht dort die erste Druckerpresse der Schweiz. Von Beromünster aus sendete der erste deutschschweizerische Landessender „Beromünster“. Am28. Dezember 2008 schaltete der 77 Jahre alte Sender ab und wurde zum Schweizer Radio DRS.

Friedrich Eymann (1887-1954) auch eine troxlerische streitbereite Natur und Begründer des Troxler-Verlags in Bern, sagte von Troxler:“ Während seine philosophischen Schriften jene Ruhe und Besonnenheit, den Gedanken in seiner Tiefe und Schönheit zum Erlebnis zu bringen, atmen, lernen wir im Politiker einen leidenschaftlich und streitbar Partei ergreifenden Menschen kennen“.

Peter Heusser, der als Arzt seine Doktorarbeit über Troxler schrieb: „Dass Troxler die Medizin auf dem Boden einer solchen Wissenschaft des Übersinnlichen neu begründen wollte, macht seine eigentliche medizinhistorische Bedeutung aus“.

Der heute noch immer grassierende Agnostizismus verunmöglicht die allgemeine Anerkennung  Troxlers umfassende Anthropologie.

An Troxlers Leben spiegelt sich der dramatische geschichtliche Verlauf der Helvetik, Mediation, Restauration und Regeneration.

Zum Volksgeist der Schweiz, sagt Troxler, dass dieser „Bildungstrieb des Volksgeistes“ durch das Gemüt (Individualität) schweizerischer Persönlichkeiten und Propheten wirke.

Troxlers Leben im Vergleich zu meinem.

Früh schon, etwa mit 18 Jahren, studierte ich das Leben und die Schriften von und über Troxler.

Sein Kampf um das Freie Geistesleben, insbesondere der Schule, begeisterte mich schon früh: im Manifest eines vierundzwanzigjährigen Berner Lehrers (1966), wo ich forderte, dass alle Lehrer sich in ihrer Schulstube als unabhängig vom Staat erklären sollen, begann ich mit einem Zitat von Troxler: „Die Wahrheit kann gegen nichts verstossen, was von Wert ist. Und verstösst sie gegen den Staat, so ist dieser nicht mehr in der Wahrheit, im realen Geist begründet.“

Beim Ungarnaufstand(1956) und beim Pragerfrühling beteiligte ich mich an Demonstrationen.

1980 initiierte ich die Volksinitiative für freie Schulwahl im Kanton Bern. Wir forderten, dass der Staat den Eltern, die ihre Kinder an eine nichtstaatliche Schule schickte, für ihre Kosten der Privatschule gegenüber, volle Rückerstattung erstattet. Die Volks-Initiative wurde zwar 1983 abgelehnt, jedoch 25 000 BernerInnen fanden die Initiative gut.

1883 beteiligte ich mich an den Nationalratswahlen mit der Freien Liste, einer Vereinigung liberaler Kräfte im Kanton Bern. Es gelang dieser politischen Gruppierung, deren Vizepräsident ich jahrelang war, schnell im Kanton Bern zwei Regierungsräte zu stellen und nachhaltige grüne Anliegen ins Gespräch zu bringen. Unser Motto hiess: „Wir stehen weder rechts noch links, wir gehen“.  Schon Troxler formulierte. „ Weder rechts noch links, sondern gerade aus“.

Ich hielt eine 1. August-Reden in Seedorf und ein Jahr später Burgdorf. Die Zeitungen monierten. „Einzige Rede, die zu reden gab.“.

Ich war Erstunterzeichner der Eidgenössischen Initiative zur Abschaffung der Schweizerarmee. Ich wurde in dem Zusammenhang vom Staate als gefährlich taxiert und fischiert.

Ende der Achtziger-Jahre war ich Mitbegründer der Organisation AAA, der Aktion abgewiesener Asylanten. Diese führte dann, dass ich als Achtundvierzigjähriger den Militärdienst verweigerte und vor Militärgericht kam, das mir dann mehrere Wochen Gefängnis aufbrummte.

Im Zusammenhang mit der Schließung der Schlössli Schule 2014, erlebte ich die brutale Staatsgewalt und die Ohnmächtigkeit des Bürgers Rechtssicherheit zu bekommen. Als Schlösslileiter in über dreissig Jahren, erlebte ich eine freie innovative Institution, die ihre Hauptaufgabe darin fand, sogenannten schwierigen Jugendlichen eine Lebensschance zu geben. Wenn Leute aus Deutschland kamen und fragten: „Ist das Schlössli staatlich anerkannt?“ So antworteten wir oft stolz oder auch arrogant: „Es ist bei uns eher die Frage, ob wir den Staat anerkennen.“ Vielleicht musste diese stolze Institution wegen ihrer Haltung dem Staat gegenüber geschlossen werden.

Über meine politische Aktivitäten kann noch mehr unter Ueli Seiler-Hugova auf unserer Website erfahren.


29. Februar 2016

Nur einmal in vier Jahren gibt es dieses Datum. Warum? Weil das Sonnenjahr etwas mehr 365 Tage dauert. Es braucht das Schaltjahr, damit das Neujahr nicht auf einmal im Sommer ist. Dieser vorangehende Text ist nicht so besonders: Man kann ihn alle vier Jahre am 29. Februar schreiben.

Doch der gestrige und heutige Tag wird in die Schweizergeschichte eingehen: Das erste Mal ist die anständige, liberale und humanistische Zivilgesellschaft der Schweiz der inhumanen und den Rechtsstaat völlig in Frage stellende SVP- Initiative, der Durchsetzungs-Initiative, entgegen getreten . Mit fast 60 Prozent Neinstimmen hat sie das populistische unmenschliche Ansinnen dieser Partei gestoppt. Dass es dieser Partei nicht darum geht Probleme zu lösen, sondern durch angstmachende Parolen Stimmen zu gewinnen und unser Staat zu destabilisieren, konnte durch diese liberale zivilgesellschaftliche Kampanien den Stimmbürgern klar gemacht werden Und dass junge AktivistInnen mit Scharm, Intelligenz und Witz einen so differenzierten politischen Kampf zu führen vermochten, konnte man heute in allen Zeitungen lesen. In dieser Kampagne konnten aber auch die Intelligenz und die Kulturschaffenden mobilisiert werden. Dieses gibt Mut, dass wir die Politik nicht nur den primitiv brüllenden Konsum- und Massamenschen überlassen müssen.

Dieser Kampf gibt es aber europaweit: Mich beindruckt Angela Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“. Und wenn ich die Politik in Deutschland verfolge, beobachte in den Kampf in Bezug auf die Flüchtlinge in dramatischer Weise. Was wir in der Schweiz mit SVP bezeichnen, heißt in Deutschland Pegida. Ich bin beeindruckt, dass es noch viele Persönlichkeiten in Deutschland gibt, die gegenüber den faschistischen Brandstifter ruhig Blut bewahren und Worte der Humanität aussprechen. Dieses ist wirklich ein geistiger Kampf. Und obwohl wir aus der Geschichte das faschistische Totengräbertum gerne als etwas Vergangenes betrachten möchten, sehen wir gegenwärtig dieses Übel überall wieder auflodern.

Der Kairos (günstiger Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen sich nachteilig auswirkt) dieser Tage wollte es, dass ein monatelanges Projekt einer Theatergruppe im Campus Muristalden Bern, gerade zu Aufführungen an diesem Abstimmungwochenende führte: GymnasiastInnen der Matura-Klasse inszenierten unter der Regie von Katharina Ramser das Stück „Kick“ von einem deutschen Autor Andreas Veiel. Das Spiel handelt faktisch von einem Mord an einem 17jährigen durch bestialisch handelnde Jugendliche aus der rechten Szene. Das Stück überzeugt, in dem es eigentlich ein Sprechtheater ist und aus recherchierten Aussagen besteht. Die sieben SchauspielerInnen, in z.T. verschiedenen Rollen, führten mosaikartig in dieses Geschehen ein. Eltern, Jugendliche, Staatsanwalt und Zeitzeugen dieser Geschichte wurde überaus authentisch dargestellt. Nicht das undifferenzierte Schwarz-Weiss-Schema, etwa zwischen Tätern und Opfern, wurde dargestellt. Sondern, dass wir alle zugleich Täter und Opfer sind. Dieses, dass wir doch alle in dieser schrecklichen Tat zusammen gehören, wurde choreografisch erschütternd gezeigt, durch ein liebevolles Zusammenstehen. Auch wurde geschickt multimediale Technik verwendet, indem einzelne Schauspieler projiziert wurden. Mir bleiben alle die wunderbaren Gesichter dieser jungen und sehr begabten SchauspielerInnen. Sie haben ihr Möglichstes gegeben.

Dieses Theater zeigte genau die Problematik der faschistoiden Jugendszenen: Alkohol, Macht, Primitivität und Gewalt über das Schwache. Dies ist aber genau auch die Problematik des Abstimmungswochenende. Jugendliche zeigten erschütternd eindringlich, was geschehen muss an Katharsis, um eine solche Welt retten zu können. Dieses Wochenende zeigt mir, dass es unseren Jungen nicht unmöglich ist, die Welt ins Positive zu verändern.

 


23. Februar 2016

Nun war ich 14 Tage in Tschechien. Hier mein Programm:

Programm Februar 2016

So  7.2.        -

Mo 8.2.       10:00 Zahnarzt (nachmittags möglich - Besuch auf Kollegium)

Di   9.2.       Treffung für interne Waldorflehrertagung in der Christengemeinschaft (wenn moglich)

Mi 10.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal

Do 11.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal

Fr  12.2.      09:00 – 12:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal; Abfahrt nach Brno Abends Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

Sa 13.2.      Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

So 14.2.      Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

Mo 15.2.     13:00 Zahnarzt

Di  16.2.      -

Mi 17.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Do 18.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Fr 19.2.       09:00 – 12:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Sa 20.2.       Fernstudium Akademie (1+2 Jahr) – Farbenlehre

So 21.2.       Fernstudium Akademie (1+2 Jahr) – Farbenlehre

Ich traf mich also mit den Referenten des Kongresses der WaldorfleherInnen in Tschechien in der Waldorfschule Jinonice vom 18. bis 21 März. Mein Thema heisst: Der künstlerische Prozess als Inkarnationsaufgabe. Das Gute und Wahre im Schönen.


Vom 10. bis 12. Februar unterrichtete ich bei den Tagesstudenten in der Akademie Tabor in Prag die Parzivalgeschichte. Es kamen zusätzliche HörerInnen. Seit 50 Jahren erzähle ich diese Geschichte. Noch immer bin ich erfreut, wie junge Leute in diesen Mythos eintauchen können. Wiederum malten die StudentInnen von ihnen ausgewählte Motive, die wir dann gemeinsam besprachen.

Am Freitag Nachmittag fuhr ich mit Tomas Peter nach Brünn an die Wochenendausbildung für WaldorflehrerInnen. Ich unterrichtete die Edda und die Kalevala. Unterrichtsstoff für die 4. Klasse.

Vom 17. bis 19. 2. war ich wieder in Prag bei den Tagesstudenten. Wir erarbeiteten das Phänomen von Kaspar Hauser.  Obwohl Kaspar als badischer Prinz vor mehr als 200 Jahre am 29. September 1812 geboren wurde, ist immer noch große Verwirrung im Wikipedia: Die Gegner von Kaspar Hauser sind immer noch aktiv und omnipotent. Warum auch? In keiner Wikipediaeintragung fand ich solche Gehässigkeit gegen eine Persönlichkeit. Diese größte Kriminalgeschichte Europas kommt wohl noch lange nicht zur Ruhe.

Am Freitagmorgen versuchte ich das erste Mal über das Werk und Leben von Hildegard von Bingen Studenten zu berichten. Ihre Visionen, ihr lebenspraktisches Werk ist einmalig. Sie hat der Göttlichkeit den weiblichen Aspekt zurück gegeben. Ihre alles durchströmende Grünkraft der schöpferischen Sophia ist für das spirituelle Verständnis einer Kosmologie unabdingbar.

Samstag und Sonntag gab ich an einem Wochenendseminar der Akademie Tabor einen Farbkurs. Die Begeisterung war groß beim Experimentieren am Prisma, mit den Farbigen Schatten und den Farbadditionen. Da plötzlich aus der Polarität Hell-Dunkel alle Farben erschienen machte Eindruck. Die Farben im Malen des Farbenkreises zu erleben krönte den Kurs.

In einem Gespräch mit meinem Verleger Jiri Wald wurde beschlossen, dass eine zweite Auflage meines Farbenbuches auf Tschechisch möglich wird.

Privat machten Kamila und ich Besuch in Velke Mesirici. Wir haben im Kino Filme gesehen, wie die von Lida Baarova und von Forman „Einer flog über das Kukuksnetz. Dazu gab es viele Begegnungen mit tschechischen Freunden.

Trailer LÍDA BAAROVÁ auf Youtube

Einer flog über das Kuckucksnest (1975) auf Youtube

Am Sonntag bei der Heimfahrt machte wir noch einen Zwischenhalt in Wolframs Eschenbach bei unseren dortigen Freunden. Auch am Montag nach Ins hatten wir freie Bahn.

So bin ich heute schon wieder mitten in der Schlössliwelt.

 


7. Februar 2016 ♦ DADA ist noch immer da.

Kamila und ich fahren seit 4 Uhr an diesem Sonntagmorgen durch leere Autobahnen von Ins nach Prag. Wir werden für diese Strecke von 870 Kilometer 8 Stunden haben.

Wir sinnen noch an den Abend zuvor im Druidenhof. Da trugen zwei Künstler, durch den Kulturverein INSgeheim organisiert, Geschichten und Lieder zum Thema Schicksal-Zufall vor. Wunderbar die Poesie der Bilder, der Töne, der Gestik(schloessli-ins.ch).

Wir haben schon wenig Benzin und müssen tanken. Eine Tankstelle überfahren wir, weil wir nicht aufmerksam genug sind. Dann auf der Frankenhöhe, in der Nähe von Wolframs Eschenbach, finden wir eine Tankstelle. Beim Zahlen des Benzins sehe ich die Süddeutsche Zeitung,  Sonntagsausgabe. Mit Bons der WC- Eintritte zahlen wir die Zeitung.

In Prag, in unserer Wohnung angekommen, lese ich in dieser Zeitung einen Spezialbericht über die Verdun-Schlacht im Ersten Weltkrieg. Es ist gerade 100 Jahre her als dieser Irrsinn anfing. Was ich schon immer aus dem Geschichtsunterricht wusste, lese ich hier exemplarisch: Eine der sinnlosesten Kriegsschlachten der Menschheit, wenn der Krieg überhaupt einen Sinn haben soll: 200 000 französische und deutsche Soldaten werden in einer Materialschlacht hingeopfert, für nichts. Die Kriegsfronten wurden dadurch nicht verändert. Diesen Irrsinn hatte ich schon oft meinen Schülern erzählt. Als Gipfel der Sinnlosigkeit.

 Nun in derselben Zeitung lese ich von der Geburt des DADA zur Zeit der Verdunschlacht. Dada ist eine Kunstrichtung die keine war und doch eine. Diese Geburt geschah in bourgeoisen Zürich im Kabarett Voltaire. Obwohl es schon Prädadaisten gab und Postdadaisten zuhauf. Also am 5. Februar 1916 liest man Texte von Else Lasker- Schüler, Blaise Centras, Franz Werfel, Hugo Ball usw. und spielt u.a. Debussy. Emmy Hennings singt Lieder von Aristide Bryant und  Erich Mühsams „ Revoluzzerlieder“.

Die Wände sind geschmückt mit Blätter von Pablo Picasso, August Make und Wassily Kandinsky (Blauen Reiter). Der Medizinstudent Richard Huelsenbeck aus Berlin macht „Negermusik“. Der Rumäne Tristan Tsara macht mit dem beatenden Berliner simultan ein „Poeme simultaneite“ mit Wortkompositionen in Deutsch, Französisch und Englisch.

Nun ist DADA beboren. Was ist DADA? Ein multimediales Netzwerk verschiedener Strömungen. DADA als Kunst am Rande des Nervenzusammenbruchs, Gleichzeitigkeit und Pluralismus.

DADA nicht als Kunstrichtung, sondern das Leben selbst. „Alles in unserer Zeit ist DADA, nur nicht die Dadaisten selbst. Wenn die Dadaisten Dadaisten wären, dann wären die Dadaisten keine Dadaisten“. Künstlerische Splitterbomben (Verdun), die nach allen Seiten explodieren. „Die Dadaisten arbeiteten wie eine Müllabfuhr im heruntergekommenen europäischen Ideen-Überbau“ (Sloterdike). Der Zivilisationsbruch des ersten Weltkrieges (Verdun) erlebten die Dadaisten als geistige Bankrott-Erklärung des Abendlandes. Dem Irrsinn des Krieges  setzten die Dadaisten den Unsinn, den Nonsens in der Kunst und im Leben entgegen.

Hugo Ball tritt in einem Pappkarton-Kostüm auf und rezidiert: „Gadji beri bimbal Gandridi  lauli lonni cadori, gadjama bim beri glassala.“ Obwohl Hugo Ball Zürich verlässt, DADA ist geboren und infiziert Künstler in Paris (Surrealisten); in New York Marcel Duchamp, in Petersburg das schwarze Quadrat von Malewitsch usw. Im Schwarzen Quadrat haben wir das Nichts von Verdun.  Innerhalb des bourgoisen Zürich versammeln sich fast unbemerkt die Revolutionäre des Nichts. Emigranten aus aller Welt suchen hier eine Insel der fröhlichen Nichtkunst. So auch Wladimir Iljitsch Lenin, der mit seinen Genossen in Zürich weilte und später in Bern, besuchte das Kabarett Voltaire. Im Jahre 1917 fährt er in einem von den Deutschen plombierten Zug nach Russland und löst die kommunistische Revolution aus. Auch ein Schwarzes Quadrat. Dieses System dauerte 72 Jahre, gerade so lang, bis die Erdachse sich um ein Grad bewegte.

Die Dadaisten lösten sich in Zürich selbst auf. Das DADA –PR-Genie Tristan Tzara sagt, dass DADA  in der fröhlichen Wissenschaft weiterleben wird: „DADA bleibt im menschlichen Rahmen das Schwache. Es ist aber trotzdem Scheisse. Aber wir wollen künftig in verschiedenen Farben scheissen“.

Zu DADA gehören die konstruktiven Dadaisten wie Kurt Schwitter, Hans Arp uns Sophie Täuber. Ihre bildenden und poetischen Werke prägen die Zwischenkriegszeit.

Ist DADA eine Reaktion auf die Tausendenden im Schlamm und Dreck verendenen Menschen in Verdun? Für nichts.

Dada gehört auch zu meinem Leben: Etwa 18jährig, ich war im Internat des evangelischen Lehrerseminars, aß ich gerne Datteln. Oft kaufte ich sie in Mengen und verteilte sie auch meinen Kollegen. Nun da immer wieder Rufe nach Datteln an mich kamen, hieß ich plötzlich DADAT. Überall in den Kaffees in Bern, wo wir verkehrten, nannte man mich DADAT. Nun fragte man mich immer wieder, ob ich ein Dadaist sei. Zunächst wusste ich von nichts. Doch mehr und mehr lernte ich die dadaistische Welt kennen. Später rezitierte ich Kurt Schwitters Ursonate  in der Schule.

Schicksal oder Zufall, an diesem 7. Februar fand ich die Süddeutsche Zeitung und darin den Zusammenhang mit Verdun und der Geburt von DADA.

 


30. Januar 2016

Heute früh am Morgen um 5.00 Uhr sah ich am Südwesthimmel hoch oben das Sternbild des Löwen mit dem prächtigen Jupiter. Eine Spanne links davon der abnehmende Halbmond. Um 7.00 Uhr Dämmerung am Osthimmel. Die Konturen der Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau schon deutlich sichtbar. Darüber der wunderbare Glanz der Venus. Dieses Himmelsschauspiel als sichere Ordnung seit Jahrtausenden. Und ich fühle, dort ist meine sichere Heimat. Auf die kann ich sicher vertrauen.

Die letzten Tage wirkliches Frühlingswetter: Die gelben Winterlinge leuchten im braunfeuchten Boden. Die Schneeglöcklein sind auf einmal da in ihrer unschuldigen Reinheit.

Heute sind es gerade 2 Jahre her, da ich auf das kantonale Jugendamt zitiert wurde. Dort sprachen sie das Verdikt, das Todesurteil der Schlösslischule aus: Die Heimschule soll Ende Juli 2014 geschlossen werden. Für mich war das wohl der schlimmste Tag in meinem Leben: Das über 60jährige Werk von Aetti,  Müeti und mir soll radikal durch Staatgewalt zerstört werden. Dieses Ohnmachtsgefühl, diese Unmöglichkeit gegen einen solchen Entscheid rechtlich Gehör zu bekommen, habe ich in unserem schweizerischen Rechtsstaat nicht erwartet. Dann mussten wir miterleben, wie bis Juli 2014 tatsächlich alles zerstört wurde.

Wir konnten wenigstens die Stiftung Seiler retten: Seit dem 1. August 2014 sind wir daran in den Schlösslihäusern die Möglichkeit zu bieten, dass „das Schlössli bleibt“, wie die Schlösslikinder es am 30. Januar 2014 in einem Aufruf verlangt haben und diesen Aufruf überall aufgehängt haben. Auch an meine Bürotür. Dort hängt er noch heute. Ich bin es den ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen schuldig dass das Schlössli als geistige Heimat bleibt.

Die Sterne geben mir immer neu die Kraft hier auf der Erde das zu tun, was getan werden muss: Der herzmutige Löwe gibt begeisternde Wärme, der Jupiter die reifende Weisheit, die Venus die Liebe zu Mensch und Natur, die strahlende Morgenröte, die hoffnungsvolle Aurora, Zukunftsmut, die warmen Frühlingstage Hoffnung auf neues Leben, auch im Schlössli.

 


19. Januar 2016

In den wenig klaren Nächten sieht man das Sternbild des Löwen stolz am Himmel prangen. Darunter der helle Götterfürst Jupiter. Hinter dem Löwen folgt die Jungfrau, dann die Waage und dann am Osthorizont der Skorpion. In diesen Sternbildern hinter dem Jupiter nachfolgend, Mars Saturn und Venus.

Hier unten auf der Erde hat sich die Kälte und der Schnee eingenistet. Im Seeland nur eine schwache Schneedecke. Doch endlich haben die schwarz-weißen Konturen Vorrang. Das Geäst der Bäume zeigen ihre filigranen Strukturen.

Am Sonntag, den 10. Januar um 16.00 Uhr das Konzert der Musik Simili im Drudenhofsaal. Dies war der eigentliche Start des Vereins INSgeheim mit ihren Konzerten. Der Saal war voll besetzt. Die Begeisterung groß.  Endlich ist dieser wunderbare Runen-Saal wieder belebt. Dem Verein INSgeheim sei gedankt. Das weitere Programm im Veranstaltungskalender.

Unsere Handwerker bauen die Lilienhofküche aus. Hier soll für Gruppen mit dem Fenissaal wieder gekocht, gegessen und gefestet werden.

 


22. Dezember 2015

Heute ist der kürzeste Tag. Exakt um 1.00 Uhr früh hat die Sonne ihren tiefsten Punkt erreicht. Nun geht nur noch aufwärts. Ist das auch im Seelischen wahrnehmbar?

Gestern wurde im Rosenhof das Sonnwendfest gefeiert. Im unteren Wiesenstück, vor dem Rosenhof, war eine begehbare Spirale mit Tannästen, Ginkgo-Blättern und Kristallen eingerichtet. In Ansprachen wurde auf das Ereignis in der Natur und in der spirituellen Welt hingewiesen. Jetzt konnte jeder seine Kerze an der Zentralkerze in der Mitte entzünden und irgendwo in den Spiralenkranz stellen. So erleuchteten die Kerzen mehr und mehr die Spirale. Am Schluss waren über 40 Kerzen angezündet. Es kamen auch Menschen aus dem Dorf. Am Schluss gab es heißen Most und wunderbares Spiral-Gebäck.

Schön, dass sich die Jahresrituale im Schlössli wieder mehr und mehr sich manifestieren.

Letzte Woche war das Vorkonzert des neugegründeten Kulturvereins „INSgeheim“. Das Trio, Geige, Gitarre und Bass spielten Jazz und Ethno-Musik. (Siehe „KulturKraftOrt“ Schlössli Ins). Dieses subtile und virtuose Spielen erfüllte den Runensaal im Druidenhof. Mit diesem Konzert begann nun eine kontinuierliche Kulturtätigkeit. Das Schlössli als Kulturort intensiviert sich, wird Tatsache.

Mit schnellen Schritten geht es der Weihnacht entgegen. Bald ist schon Neujahr. Was wird es uns bringen? Ich bin zuversichtlich. Erstaunlich, was wir Wenige in diesen anderthalb Jahren nach der Katastrophe wieder neu aufgebaut haben.  Mit der Sonne steigen wir aufwärts. Das Schlössli hat Zukunft!

 


12. Dezember 2015

Heute Abend, aber auch letzte Nacht, wunderbarer Sternenhimmel. Schon Vormitternacht Orion mit Sirius, Stier und Zwillinge. Dazu farbenprächtige Abend- und Morgenrot-Inszenierungen. Heute machte ich einen ausgiebigen Waldspaziergang bei schönster Sonne und Aussicht auf das Alpenpanorama. Der Seeländer-Nebel im Moment, wie weggeblasen.

Letzte Woche(9. bis 11. Dezember) war die Gruppe Lehrlinge der bio-dynamischen Landwirtschaftslehre mit Dorothee Vogel im Battenhof. Ich gab ihnen Einführungen in die Astronomie. Die biodynamische Lehre will dem Prinzip des Hermes Trismegistos folgen: Was Oben ist auch Unten. Mikrokosmos und Makrokosmos bilden sich gegenseitig ab. D.h. je nach dem der Mond sich in einem Wurzel-, Blatt-, Blüten-, oder Fruchtsternbild befindet, kann entsprechen gearbeitet werden.

Es ist Adventszeit. Advent heißt Ankunft, griechisch auch Erscheinung.

1. Advent ist der Beginn des Kirchenjahres. Die Adventszeit mündet in Heiligen Abend mit den nachfolgenden 12 Heiligen Nächte, die wieder ein Abbild der künftigen 12 Monate sind.

Die Adventszeit bereitet die Geburt des Heiligen Kindes vor. Eigentlich die Geburt aller Kinder. Advent heißt auch vor der Geburt. Die Seele, die auf dem Weg der Geburt ist, nimmt sich ja auch vor, was sie in diesem Leben vollbringen will. Jeder Mensch ist also der eigene Schmied seines Schicksals.

In der westlichen Welt braucht man, wenn überhaupt, den Begriff der Unsterblichkeit. Der Mensch ist unsterblich. Was ist unsterblich, wenn er stirbt?

Nun die Polarität zur Unsterblichkeit ist die Ungeborenheit. Für uns Westler eher ein ungewohnter Begriff. Das Ungeborene ist das noch nicht Geborene. Es gibt ein sehr schönes Gedicht von Max Hayek. Er ist 1882 geboren und in Auschwitz 1944 ermordet worden:

Das Leben, das ich selbst gewählt

Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
wird mir gezeigt, wie ich es leben würde:
Da war Kümmernis, da war Gram,
da war Elend und Leidensbürde.
Da war Laster, das mich packen sollte,
da  war Irrtum, der gefangen nahm,
da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Hass und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage
und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Menschenpein
entwunden als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mir wird gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir wird gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir war gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein Leben schaute,
da hört ein Wesen ich die Frage tun,
ob ich dies leben mich getraue,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme-
„Dies ist das Leben, das ich leben will“
gab ich zur Antwort mit entschlossner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So war ich geboren in diese Welt,
so wars, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenns oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab ich es bejaht.

 

Dieses wunderbare Gedicht zeigt, dass die Kinder mit einem zielgerichteten Willen, was sie sich vorgenommen haben, in dieser Welt verwirklichen wollen. Es geht darum, dass wir Erwachsene als Helfer und Begleiter ihnen beistehen dieses selbstgewählte Ziel zu erreichen.

Doch den Kindern sind viele Stolpersteine dazu in den Weg gelegt. Schlimmer noch: Es geht um den Kindermord, mythologisch im Matthäus-Evangelium gezeigt. Dort werden die Kinder in Bethlehem ermordet. Obwohl das Jesuskind gerettet wird, die Kinder mussten wegen der Machtgier des Herodes sterben.

Auch heute werden Kinder gemordet in all den Kriegen. Welch ein Potential unserer Welt, das mit neuen heilenden Kräften uns hätte helfen können. Der seelische Kindermord herrscht überall. Das Kind darf nicht Kind sein in der umsorgenden Umarmung der Mutter. Es wird in seiner Ureigenheit gestreckt und verkürzt, wie es die griechische Mythologie mit dem Prokrustesbett zeigt.

Die Ungeborenheit zeigt sich auch im Leben, wie es uns Rudolf Steiner zeigte: Der Mensch ist bei seiner Geburt nur physisch geboren. Es braucht noch die Schwangerschaft in der Ätherhülle der Mutter in den ersten sieben Jahren. Dann das Ausreifen unter der liebenden Autorität des Astralischen. Und wo finden heute die Jugendlichen noch die Begleitung von Persönlichkeiten, an denen sich ihr Ich entfalten kann? Doch die Ungeborenheit geht auch im Erwachsenenalter weiter: Zwiebelschale um Zwiebelschalen fallen. Doch der eigentliche zur Geburt entfaltete Kern ist nur andeutungsweise zu sehen. Das Ich als Wesensglied bleibt noch babyhaft unentwickelt. Ausnahmsweise, bei Persönlichkeiten kann das Ich segensreich und stark in die Gesellschaft hineinwirken.

Ungeborene bleiben wir. Wenn wir nur möglichst viel, das was wir uns vor der Geburt vorgenommen haben, verwirklichen können, ist es gut.

Doch, wenn auch nicht alles geboren werden kann, was veranlagt war, so wird auch nicht alles sterben. Das was wirklich geboren wurde von unser Ichheit, wird auch unsterblich bleiben. So wie wir aus dem Geiste ins Leben hinein sterben, werden wir im Tode in die geistige Welt hinein geboren.

In der Adventzeit, in der Zeit der Ungeborenheit ist alles so weihnächtlich heilvoll. Doch das Matthäus-Evangelium zeigt die Realität dieser Welt. Hoffnung zeigt aber das Überleben des Jesuskindes, das Träger wird des Christuswesen. Die Ichheit ist unsterblich, wenn auch oft noch ungeboren. Doch die Neuen Kinder zeigen oft schon starke Ichkräfte. Sie trotzen den widrigen Umständen. Sie führen ihre Ungeborenheit adventlich in die Unsterblichkeit.

 


2. Dezember 2015

Zwei Lichtblicke im Nebel behangenen Seeland, im Neuwerden des Schlösslis:

Bleigiessen im Schlössli

Letzte Woche am Freitag machte ich wieder Bleigießen im Aetti-Müeti-Gewölbe. Wie zuvor jahrzehntelang, kamen Menschen ins Gewölbe und bereiteten sich für das Zukunftsorakel vor. Im hinteren Gewölbe, wo uralte Zeichen in die Steinwände gemeißelt sind, standen sie nun und sprachen ihren eigenen Namen in die Tiefe. Mit Flötenmusik stiegen sie die schmale Steintreppe hinunter. Auf der Seite überall von Kerzen beleuchtete Nischen.  Unten nun standen sie vor zwei alchemistischen, von Aetti gebauten Öfen. Davor das flüssige Blei, wie das eherne Meer im salomonischen Tempel. Nun mussten die Ankömmlinge Fragen auf bestimmte Gegenstände beantworten. Z.B. gab man ihnen ein keltisches Kreuz mit einer Menschendarstellung. „ Ist darauf ein Mann oder eine Frau?“ Viele zögerten und sagten Verschiedenes: „Ein Mann, eine Frau, ein Mensch.“ Dann konnten sie ihr eigenes heißes Blei ins kalte Wasser gießen. Alle vier Elemente waren dabei beteiligt: Das feste, nun durch Feuer flüssig gewordene Blei, die zischende Luft beim Eintauchen des flüssigen Bleies ins kalte Wasser. Nun konnte man die Zukunftsform des starr gewordenen Bleies in den Hände haltend anfangen zu erforschen. Man konnte wieder die Treppe hinauf ans Tagelicht steigen. Das uralte Ritual am Andreastag Ende des Novembers. Tief hinab in die Erde steigen, in die Seele hinein. Aufhorchen in der Adventszeit, was sich da Neues ankündet.

Kulturverein“ INSgeheim“

Am 26. November ist von der Stradini-Schauspielgruppe und noch drei andern dieser Verein gegründet worden. Kernaufgabe  ist die Übernahme und Bewirtschaftung des Runensaals im Druidenhof. Es besteht schon ein Programm, wo ab diesem Monat jeden Monat ein Anlass mit Theater und Konzert stattfinden soll. Weitere Aufgaben des Vereins: Förderung des Kulturschaffens in Ins, partizipatives Mitwirken mit Vereinen, Institutionen und Schulen in Ins und in der Region Seeland, ergänzen des Kulturprogramm in Ins, Veranstaltungen mit Künstlern und Organisationen aus der ganzen Schweiz, insbesondere in den Bereichen Kleinkunst, darstellende Kunst und Musik für Kinder und Erwachsene, Organisation von Workshops.

Gestern abend fand eine erste Begegnung mit der Stiftung Seiler statt. Die Stiftung ist natürlich hocherfreut, dass wieder Kultur ins Schlössli einzieht. Die Stiftung betreibt ja eine eigene Organisation „KulturKraftOrt Schlössli Ins“. Diese Organisation organisierte ja schon Seminare und Anlässe. Jetzt wird dieser Kulturverein helfen, dass professionell Kulturanlässe organisiert werden. Der Kulturverein ist autonom und voll verantwortlich für den Runensaal. Die Stiftung wird weiterhin den Saal als Übungssaal vermieten. Aber die Koordination liegt beim Kulturverein. Alle ihre Einnahmen von Anlässen kommen in einen Theaterfond, der vom Kulturverein verwaltet wird.

Für mich ist diese Gründung ein weiterer Schritt dem Ziel entgegen, das Schlössli als KulturKraftOrt zu entwickeln. Den Stradinis sei Dank.

Heute Morgen um 5 Uhr wunderbarer Sternenhimmel: Orion mit Sirius und Prokion, Stier mit den Plejaden, die Zwillingssterne und der Grosse Wagen im Norden. Im Osten der Halbmond , links unten der helle Jupiter, noch weiter links unten die Venus. Der Kontakt zum Universum noch ganz offen. Um 6 Uhr etwas dunstig. Um 7 Uhr wieder ganz klar, offen zum Osthorizont. Seit 8 Uhr sind wir in weiße Watte eingepackt.

 


23. November 2015

Nun sind wir wieder in Ins. Im Rosenhof haben sie während unserer Abwesenheit das St. Martinsfest gefeiert. Über 60 Menschen daran Teil. Auch die jugendlichen Flüchtlingen. Mit und Lampions wie sich gehört.

Ich las alle Emails. Nun erfuhr ich, dass alle Flüchtlinge den Tellenhof für immer verlassen haben. Für die Organisation offensichtlich notwendig. Für uns unverständlich. Die Jugendlichen schätzten die Schlössli-Umgebung. Es gab auch schon viele Beziehungen mit Nachbarn. Schade.

Unsere zwei Handwerker haben repariert und Vieles aufgeräumt. Seit Sommer 14 haben wir noch an vielen Orten Inventar. Diese müssen teils entsorgt, teils in unser Möbellager gebracht werden. Mehr und mehr können wir uns auch mit Dingen befassen, die man auch liegen lassen konnte.

Tom Grossenbacher, unser Administrator, ist immer noch auf seiner Kubareise. In zwei Wochen ist er auch wieder da.

 


22. November 2015

Kamila und ich sind zurück vom über zweiwöchigen Aufenthalt in Tschechien:

Wir sind am 5. November nach Prag gefahren, auf der Fahrt dorthin in Wolframs Eschenbach(Nahe Nürnberg, Ansbach) kurz Freunde besucht.  Zuhause war nur die 65jährige Wirtschaftsleiterin, ihr Mann war gerade nach Ansbach gefahren, sie erzählte uns, wie sie täglich mit Flüchtlingen zu tun habe. Sie organisiert sich mit anderen Eschenbachern, um ihnen zu helfen.  Nur durch diesen nahen Kontakt verliere sie die Angst vor den Flüchtlingen. Dass sie da sind, ist nicht ihre Sache. Das habe etwas mit Politik zu tun. Nun, da diese Schicksale  da sind, gibt es nichts anderes als ihnen zu helfen.  Wir, die alles und mehr haben, können durch unseren direkten Kontakt nur so die Angst verlieren. Einige Bürger in der Stadt vermeiden den Kontakt und somit entwickeln sie noch mehr Ängste. Dieses Beispiel zeigte uns die menschliche Haltung einer deutschen Europäerin.

Schon am Freitag, den 6. November fuhr ich von Prag aus nach Příbram zu einem Waldorflehrerseminar. Eine interessierte Gruppe von über 30 Menschen verfolgten meinen Ausführungen über das Thema: „Neue Kinder brauchen eine Neue Pädagogik“. Immer zu Beginn der Lernblöcke sang ich mit ihnen Kanons. Der Kurs ging bis am Sonntagmorgen.

Am Montag, den 9. November zeigte uns der Direktor und seine Frau der Jinonicer- Waldorfschule die wunderbaren Werkräume und den Ausbau einer Freizeitschule. Der Direktor verlegt dort selber Elektrokabel.

Am Dienstag, den 10. November war ich den ganzen Tag in der Příbramer-Waldorfschule. Ich unterrichtete dort die Schüler in der Oberstufe und Lyzeum Parzival und Astronomie. Ich beriet die Lehrer und Schüler, wie sie auf dem Pausenhof eine Sonnenuhr und ein Regenbogeninstrument installieren können. Ich besuchte in diesen Klassen noch eine Englisch- und eine Musikstunde.

Vom Mittwoch den 11. November bis Freitag den13. November unterrichtete ich Tagesstudenten der Akademie Tabor in Prag die nordischen Mythologien Edda und Kalevala. Daneben traf ich mich mit meinem Verleger Jiří Wald, der meine Bücher Farben, Sternenkunde integral und Parzival auf Tschechisch herausgab. Es braucht eine zweite Ausgabe des Farbenbuches. Mit Kamila war ich in diesen Tagen noch in der Staats-Oper und sah und hörte von Verdi den Troubadour.

Am Freitag Nachmittag fuhr ich mit dem Seminarleiter Tomáš Petr nach Brno an die dortige Waldorfschule, wo ich am Waldorf-Lehrerseminar übers Wochenende Goetheanismus und Farbenlehre unterrichtete. Da ja alles Experimente waren, wir also Phänomenologie betrieben und auch sangen, wurde das Seminar mit grossem Interesse aufgenommen.

Am Sonntag traf ich Kamila und wir fuhren zu einer ehemaligen Schlösslimitarbeiterin. Nachher fuhren wir nach Velké Meziříčí. Dort wohnt der Vater von Kamila. Es kamen auch noch ihr Bruder mit Familie. Ein schönes Familientreffen.

Am Montag, den 16. November fuhren wir nach Prag in unsere Wohnung zurück. Am Abend besuchten wir die Leiterin der anthroposophischen Akademie Tabor, mit der ich diese Akademie vor mehr als 20 Jahren gegründet habe und seither darin immer wieder unterrichte.

Am Dienstag, den 17. November fuhr ich mit Kamila nach Terezín (Theresienstadt)  zur neu gegründeten Waldorfschule. Terezín erscheint einem als riesige Festung mit Burggräben, ursprünglich von der Donau-Monarchie als Bollwerk gegen die Preussen gebaut, im zweiten Weltkrieg als fürchterlicher Ort eines KZ missbraucht, wo die Elite von Tschechien zunächst eingekerkert, dann entsetzlich ermordet wurde. Wenn man in die Stadt hineinfährt, spürt man noch immer die schlechte Energie.

Dort wurde also anfangs September 2015 mit einer Waldorf-Klasse mit 12 Kindern angefangen. Seit Jahren fuhr ich zu der nahen Stadt Litoměřice in die Vorbereitungsgruppe. Nun wurde es Wirklichkeit. In einer staatlichen Schule erhielt die Privatschule zwei Klassenzimmer. Man spürt in den Räumen das Wirken dieser wunderbaren Pädagogik. Mit der Klassenlehrerin und dem Team hatten wir ein Gespräch und erhielten Auskunft. In den Schulräumen kommen einmal in der Woche Kinder zusammen, die sonst zuhause unterrichtet werden. Es war gerade der Tag des tschechischen Nationalfeiertags, 17.11. und darum schulfrei. Man feiert in Tschechien die Befreiung vom kommunistischen Regime.

So beginnt das kleine Pflänzchen Waldorfschule innerhalb dieser Festung zu wachsen. Die Stadt ist sehr interessiert an diesem Projekt. Später soll mitten in der Stadt ein leeres Gebäude zu einer Waldorfschule umgebaut werden. Das Gebäude steht  in der Nähe vom jüdischen Museum, wo all das  schreckliche faschistische Geschehen dokumentiert wird. Es besteht die Hoffnung, dass die Waldorfschule beitragen kann diesen Ort zu heilen.

Am Mittwoch, den18. November fuhr ich nach Olomouc und wurde dort von der Leiterin der Waldorfschule am Bahnhof empfangen. Sie wurde begleitet von einer Klassenlehrerin die Deutsch sprach. In einer Gaststätte  vernahm ich, wie es der Waldorfschule geht. Seit Jahren besuchte ich wiederholt die Schule und erlebte, wie gerade die Leiterin gegen schwierigste Probleme beharrlich ankämpft. Die Privat-Schule hat jetzt schon drei wunderbare Kindergärten und neun Klassen. Wobei die 7. Klasse fehlt. Über hundert Kinder gehen dort auf engstem Raum in die Schule. Es besteht ein Projekt, dass die Waldorfschule aus dem Staatsschulgebäude auszieht und in ein eigenes Schulhaus nahe Stadtzentrum einziehen kann.

Ich durfte bei der Deutsch sprechenden Klassenlehrerin übernachten und konnte auch ihren Mann, einen Projektleiter einer luxemburgischen Firma für Stahlbau, kennen lernen. Beide wunderbare Menschen. Sie waren als Familie auch in Saarbrücken und gaben damals ihre Kinder an die dortige Waldorfschule. Dann wohnte die Familie in Ostrava. Die Klassenlehrerin war an der dortigen Waldorfschule Fachlehrerin, Klassenlehrerin und Direktorin. Jetzt hilft sie der Schule in Olomouc immer mehr Waldorfschule zu werden.

Am Donnerstag und Freitag besuchte ich die 1., 3., 5., 6., 8. und 9.Klasse. Besprach mit den jeweiligen LehreInnen und dem Direktor den Unterricht. Ich war überall erfreut wie engagiert und z. T. auch didaktisch geschickt die LehrerInnen arbeiteten. Es herrschte nirgends angstvolle Disziplin. Die Kinder waren interessiert und fröhlich. Die Beziehung zwischen LehrerInnen und Schülern wahr liebevoll. Z. T. sah ich auch Gruppenarbeit, wo bessere Schüler schwächeren halfen. Die Lehrer versammeln sich jeden Morgen mit dem Gitarre spielenden Direktor zum Gesang.

Ich besprach mit dem Leitungsteam personelle Fragen und Unterrichtgestaltungen. An der Lehrerkonferenz konnte ich auch auf Fragen antworten. Am späteren Donnerstag versammelten sich über dreißig Eltern und Kollegen der Schule. Ich sang mit ihnen und führte sie ein in die 12 Sinne von Rudolf Steiner ein.

Am Samstag, den 21. November fuhren Kamila und ich mit einem Anthroposophen-Paar in die Nähe von Karlštejn. Sie zeigten uns ein gerade erworbenes Landstück an einem Abhang, gerichtet auf die (Grals) Burg Karlstein. In den Bauruinen und dem Land, das eine Quelle enthält und bis zu einem Flüsschen reicht soll eine anthroposophische-pädagogische Institution entstehen, die sich mit Tierpädagogik und Landbau beschäftigen will. Nachmittag waren wir bei den Initianten in ihrer wunderbaren Prager-Wohnung zum Essen eingeladen. Pläne wurden studiert, vieles besprochen. Eindrücklich bei einem Keim einer anthroposophischen Initiative dabei sein zu können.

Am Sonntag, dem 22. November fuhren wir ohne Stau in die Schweiz zurück.

 


1. November 2015

Wir im Schlössli haben eine ereignisreiche Woche hinter uns: Von Sonntag bis Samstag waren 11 Jugendliche mit vier Begleiter aus Tschechien bei uns und gestern Samstag ab 10 Uhr Duzende Gäste von der Schauspielgruppe Stradini, die ebenfalls mithalfen, überall in den Schlössliliegenschaften  zu arbeiten. Am Abend am Fest der Stradini im Rosenhofsaal und auf der Arena waren dann etwa 80 Menschen.

Die Gruppe aus Tschechien waren begleitet vom Direktor der Waldorfschule Jinonice in Prag und seiner Frau und einer Lehrerin und einem Schülervater. Eine Gruppe arbeiteten an den Wegen im Park. Die Wege mussten nach dem Unwetter im Sommer mit Mergel versehen und dann mit einer Maschine verdichtet werden. Eine andere Gruppe arbeitete an der Zubereitung eines Kompostes. Die dritte Gruppe errichteten auf dem Astrolabium ein neues Podium.

Die Motivation für dieses Arbeitslager war, dass Tschechien etwas zurück geben wollte ans Schlössli, was sie durch die über 20 Jahre Tätigkeit von Ueli Seiler-Hugova in Tschechien bekommen hatten. Die Begleiter sind alles ehemalige Studenten von Ueli Seiler.

Es war erstaunlich wie die Jugendlichen voller Kraft gearbeitet haben. Sie wohnten und aßen im Battenhof. Endlich war das Haus seit der Schließung der Schlösslischule  wieder belebt. Sie gaben dem Haus Leben zurück.

Jeden Tag bekamen sie eine Stunde Unterricht in der Sternenkunde durch Ueli Seiler-Hugova. Die Leiterin der Initiative im Rosenhof  Simone Graf führte sie konkret ein in die Welt der Wölfe und Pferde. Beim Herfahren aus Tschechien wurden sie durch das Goetheanum geführt. Am letzten Tag vor der Abreise besuchten sie den Berghof Stärenegg und wurden in der Kambly- Fabrik mit guten Schweizer-Gepäck beschenkt.

Der Besuch dieser tschechischen Gruppe hat mich tief bewegt: Hier kamen Menschen, die spürten, was für ein spiritueller Schatz im Schlössli liegt, der trotz der katastrophalen Zerstörung immer noch zu ahnen ist. Solche Solidarität brauchen wir für den Neuaufbau des Schlösslis.

Dem Aufruf der Stradinis für einen Aktionstag und Fest an ihre Freunde folgten über 70 Menschen. Ein rechter Teil kam schon Samstag Morgen, andere erst später. Folgende Arbeiten wurden realisiert: Weiterarbeit an den Wegen im Park, Gartenarbeit, Heckenschneiden, einen Blitzableiter an der Föhre hinter dem Fenishus wieder montieren und überall Lauben. Natürlich waren einige beschäftigt in der Küche für das Essen der vielen Leute. Am Abend war das Fest im Labyrinth mit Musik und Kreistänze.

Wiederum sind alle Menschen begeistert vom Park, von den Schlösslihäusern, aber auch von der Atmosphäre, vom Kraftort Schlössli. Wir brauchen diese Menschen, diese Solidarität. So kann dem Schlössli mehr und mehr wieder regenerierende Kraft eingehaucht werden.

Ich selber werde in den nächsten Wochen wieder in Tschechien sein und dort durch Vorträge, Kurse und Besuche in den Waldorfschulen helfen. Das schon seit über 20 Jahren. Mein provisorisches Programm:

 

Programm November 2015

  • Fr  6.11. - Abends: Waldorflehrerausbildung Pribram - Neue Kinder (geht auch mit Wärmepädagogik oder Inklusive Pädagogik zusammen?)
  • Sa  7.11. - Waldorflehrerausbildung Pribram - Neue Kinder
  • So  8.11. - Waldorflehrerausbildung Pribram - Neue Kinder
  • Mo 9.11. - 11.00 Uhr - Zahnarzt (nachmittags möglich- Besuch auf Kollegium)
  • Di  10.11. - Waldorfschule Pribram (vormittags in Klassen, nachmittags Vortrag)
  • Mi  11.11. - Tagesstudium Akademie - Edda, Kalevala  / (abends Vortrag Karlsbad?)
  • Do  12.11. - Tagesstudium Akademie - Edda, Kalevala
  • Fr   13.11. - Tagesstudium Akademie - Edda, Kalevala, Abfahrt nach Brno / Abends Waldorflehrerausbildung Brno - Farbenlehre
  • Sa  14.11. - Waldorflehrerausbildung Brno – Farbenlehre (bis spät)
  • So  15.11. - Abfahrt nach Prag, geht schon früh
  • Mo  16.11.     
  • Di   17.11. - Waldorfschule Terezín
  • Mi   18.11. - 11.00 Uhr Zahnarzt / Nachmittags Abfahrt nach Olomouc
  • Do  19.11. - Waldorfschule Olomouc
  • Fr   20.11. - Waldorfschule Olomouc
  • Sa  21.11. - frei, möglich Rosenkreutzerkonferenz
  • So  22.11.  - frei, möglich Rosenkreutzerkonferen

 


13. Oktober 2015

Heute Morgen kam auf den Balkon vor mein Büro immer wieder ein Rotbrüstli. Da seit einer Woche mein rechtes Auge operiert ist, ich aber vorher mein Leben lang schwer kurzsichtig war und nun hundert Prozent sehe, erkannte ich überhaupt das Vögelein. Es schaute mich immer wieder interessiert an. Was wollte es mir sagen? Ist es ein Botschafter aus höheren Welten? Auf jeden fall hat mich diese Begegnung tief berührt.

In der letzten Woche hat Regula Schmid, die Co-Hausmutter vom Rosenhof, an unserem Morgenritual im Gewölbe, einen Text von R. M. Rilke vorgelesen:

 

                                     Man muss den Dinge

                                         die eigene, stille

                           ungestörte Entwicklung lassen,

                                 die tief von innen kommt

                                und durch nichts gedrängt

                            oder beschleunigt werden kann,

                                  alles ist austragen- und

                                          dann gebären...

                                     Reifen wie der Baum,

                               der seine Säfte nicht drängt

               und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

                                            ohne Angst,

                             dass dahinter kein Sommer

                                        kommen könnte.

                                        Er kommt doch!

                    Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

                           die da sind als ob die Ewigkeit

                                         vor ihnen läge,

                                so sorglos, still und weit...

                                Man muss Geduld haben

                          mit dem Ungelösten im Herzen,

             und versuchen die Fragen selber lieb zu haben,

                              wie verschlossene Stuben,

          und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

                                      geschrieben sind.

                     Es handelt sich darum, alles zu leben.

                                 Wenn man Fragen lebt,

                           lebt man vielleicht allmählich,

                                   ohne es zu merken,

                                 eines fremden Tages

                                in die Antwort hinein.

 

Dieser Text hat mich beschäftigt: Als Choleriker will man gerne schon heute die Fragen endgültig beantwortet haben. Schön, wenn es einem manchmal gelingt warten zu können. Seit nun schon 15 Monaten arbeiten wir am neuen Schlössli. Vieles ist schon da. Doch mussten wir auch viele Rückschläge erleiden. Vielleicht auch Auswirkungen eines zu schnellen Handelns.  Doch einer meiner Lebensdevisen ist auch der Spruch: „Reculer, pour mieux sauter“. Das entspricht mir wieder mehr.

Ich will aber noch besser lernen Geduld zu haben mit dem Ungelösten des Herzens und versuchen, die Fragen lieb zu haben. Und getrost warten zu können. Der Frühling kommt sicher -  wenn es Zeit ist.

 


8. Oktober 2015

Unsere Jugendliche aus Eritrea, Mali und Afganistan im Tellenhof haben sich gut integriert. Kein schlechtes Wort höre ich im Dorf. Im Gegenteil: Mieter in unseren Häusern suchen Kontakt mit ihnen und bieten Hilfen an. Die Medien haben es erstaunlicher Weise noch nicht entdeckt, dass in  den Schlössli – Liegenschaften wieder mehr Kinder und Jugendliche sind als bei der Schließung der Schlösslischule Ende Juli 2014. Im Fenishus werden 10 Kinder in einer Tagesstruktur betreut, im Tellenhof 30 Jugendliche, im Rosenhof hat es angefangen, dass Jugendlichen dort Timeoutplätze angeboten werden. Dies alles tut meinem durch die Schließung verletzten Herz gut. Die Stiftung Seiler erfüllt wieder den Hauptstiftungszweck.

Von Francoise Folletete habe ich einen Dok – Film über Eritrea bekommen. Dunkle Schönheit Eritrea. Dieser Film zeigt ein Land mit ihrer spirituellen und ökologischen Kultur. Sie mutet geradezu postmodern und für uns als Vorbild an. Dort wird das Zusammenleben der zwei Weltreligionen – Christentum und Islam praktiziert.

Der Film zeigt nicht, warum unsere jungen Eritreer im Tellenhof Tausende Kilometer unter Todesrisiko unternahmen, um in unser scheinbar gelobtes Land Schweiz zu kommen. Vielleicht können sie uns SchweizerInnen einmal zeigen, was wirklich nachhaltige Kultur ist.

Für mich persönlich gibt es auch eine Erfolgsgeschichte: Seit ein paar Tagen sind meine Augen operiert. Heute Morgen um 6 Uhr stand ich unter dem Sternenhimmel und sah das erste Mal so viele Sterne, wie noch nie in meinem  Leben:  Die besondere Konstellation war, dass -  wie an einer Perlenschnur - die abnehmende Mondsichel, die Venus und der Mars am Himmel wie Gold glänzten. Alle standen im gut sichtbaren Löwen. Der Königsstern Regulus stand nahe der Venus. Majestätisch funkelte der Orion mit dem hellsten Fixstern Sirius und links oben der Prokyon. Darüber die liegenden Zwillinge. Rechts vom Orion der Stier mit dem rötlichen Aldebaran. Weiter rechts das Siebengestirn der Plejaden. Weiter westlich die Widdersterne. Daneben das Dreieck des Zeus: Hier hat  der Sternenkosmos Anfang und Ende, wie ich es in meinem Buch „Sternenkunde integral“ beschrieben habe. Hoch oben im Westen der michaelische Perseus, darunter die vor dem Drachen zu befreiende Andromeda.  Darüber die Kassiopeia, ihre Mutter, oder auch Himmels-W genannt. Um den kleinen Wagen sah ich den Drachen sich schlängeln. Weiter Rechts der Große Wagen auf dem Kopf. Für mich das erste Mal diese Sichtbarkeit. Ein wirklich erstmaliges Erlebnis meiner dreiundsiebzigjährigen Biografie.

 


27. September 2015

Gestern habe ich noch im Labyrinth gearbeitet. Da kamen drei Eritreer-Jugendliche vom Tellenhof.  Ich zeigte ihnen das Labyrinth. Schon liefen sie den Weg, lachten und rannten die Schleifen und wieder hinaus. Auch ihr Weg aus Afrika war labyrinthisch. Jetzt suchen sie ihre Heimat in ihrem eigenen Zentrum.

In den letzten Tagen schrieb ich noch die Meditation von Christian Morgenstern ins Zentrum des Labyrinths. Es sind die sechs Nebenübungen von Rudolf Steiner hinein geheimnist:

Geschöpf nicht mehr,
Gebieter der Gedanken.

Des Willens Herr,
nicht mehr in Willens Frone.

Der flutenden Gedanken
Maß und Meister.

Zu tief,
Um an Verneinung zu erkranken.

Zu frei,
Als dass Verstockung in ihm wohne.

So bindet sich der Mensch
ans Reich der Geister.

So findet er den Pfad
Zum Thron der Throne.

                           Christian Morgenstern

Dieser Spruch passt, weil er ein Meditationsprozess beschreibt, einen Übungsweg. Der Pfad zum Thron der Throne ist sinnig, da ja auch die Engelhierarchien ins Labyrinth eingeschrieben sind, also das Reich der Geister und die Throne nicht nur als Hierarchie in der Arena lebt, sondern auch die zwölf Tierkreis-Throne in der Peripherie.

Dazu bemalte ich noch mit gelber Farbe den Sonnenbogen, den Christusbogen. Damit zeigen wir deutlicher diese zentrale Halbschleife, die eben sonnenhaft ist.

 


24. September 2015

Nun sind sie da, die jugendlichen Flüchtlinge(bis 18jährig) aus Eritrea, Gabun und Afghanistan. Endlich, nach einem beschwerlichen, lebensbedrohenden Weg angekommen. Dankbare Gesichter strahlen einem entgegen, aber man spürt auch viel Schwieriges, das zu bearbeiten ist.

Für mich ist die Aufnahme der Jugendlichen  in einem unserer Häuser, im Parterre und 1. Stock des Tellenhofs, ein Freudentag: Aufs Mal sind da dreißig Jugendliche im Schlössli, gerade so viele ,wie es waren, bei der Schließung der Schlösslischule. Nach gut einem Jahr ist es uns gelungen, dass wieder Kinder und Jugendliche herum springen, lachen und schreien, spielen und sitzen, einfach da sind. Kindern in Not helfen, das war stets die Aufgabe der Stiftung Seiler.

Bedeutungsvoll könnte sein, dass diese Jugendliche im Tellenhof sind. Der Name Tell wird ihnen mindestens zunächst nicht geläufig sein. Die wenigsten Schweizer haben heute noch eine Beziehung zum Namen Tell. Ein Tell sein ist eine Aufgabe: Ein Tell handelt von sich aus, aus seiner Intuition und Individualität heraus. Das wünschen wir diesen flüchtigen Jugendlichen, die bisher instrumentalisiert wurden als politische Masse: Jeder soll sich selber werden, unveräußerliches Heimatrecht in sich selber finden. Die Tellen-Natur muss immer mehr die Welt ergreifen.

 


18. September 2015

Vieles bewegt sich im Schlössli. Kein Tag wie der andere.  Nun war Milan aus Tschechien mit seinem Sohn hier. Er kommt schon seit Jahren ins Schlössli. Er ist ein geschickter Handwerker und arbeitet speditiv. Nun war er 14 Tage hier. Mit unseren Handwerkern, Michal und Anatoli, zusammen, beendeten sie die Reparaturen im Dachstock des Tellenhofes und im Fenishus, die über ein halbes Jahr gedauert hatten. Die Holzsäulen des fast 50jährigen Bärwolfhauses sind wunderbar restauriert. Der ehemalige Kindergarten ist zu einer Wohnung umgebaut worden. Bei der Jurte(Rundzelt) in der Arena mussten die Stützen verstärkt werden. In einer Wohnung im Schärhaus wurde die Küche neu eingerichtet.

Mit Tom bin ich täglich im Büro um administrative Arbeiten zu erledigen. Julian hilft mit den Finanzen. Kamila hilft praktisch und beratend mit. So versucht unser kleines Team der Stiftung Seiler die Verantwortung für unsere Schlösslihäuser zu bewältigen.

Im Rosenhof mit Simone Graf hat sich eine Mitarbeitergruppe gebildet. Sie wollen Jugendliche aufnehmen, die es nötig haben, eine seelische warme Umgebung zu bekommen. Schon ist ein erster Betreuter eingetroffen. Das freut mich.

Neben täglicher intensiver Arbeit im Schlössli beschäftige ich mich auch immer wieder mit geistigen Dingen: Ich durchschreite jeden Tag das Schlössli-Labyrinth. Das ist meine Meditation.

Giovanni Segantini

Ende August sah ich den Segantini-Film von Christan Labhart im Inser-Kino. Diese Bilddokumentation, diese Texte von Bruno Ganz gesprochen, diese Musik vom Geiger Gyger inszeniert, waren etwas vom Schönsten, was ich je gesehen hatte. Darauf folgend las ich noch einmal die Biografie von Asta Scheib im Verlag Hoffmann und Campe 2011. Diese Biografie war auch die Grundlage des Filmes. Beim Lesen dieser Biografie erlebte ich das erschütternde kurze, aber einmalig kreative Leben des Giovanni Segantini: Diese eigentlich fast elternlose Jugend in Italien, dieser Kampf eines Kindes für das nackte Überleben. Dann die Zeit im Gefängnis und die Befreiung durch den Halbbruder. Jetzt arbeitet Giovanni schon in der Kunstschule in Mailand und findet dort den reichen Malerkollege und befreundet sich mit ihm. Durch ihn kommt er in die wohlhabende Bugatti-Familie und findet dort seine Frau Bice, die Schwester seines Freundes. Wie sich Giovanni und Bice finden, ist eine märchenhafte Schicksalsfindung, ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Jetzt malt Giovanni auf dem Land und gründet eine Familie mit Bice. Schlussendlich haben sie vier Kinder.

Dann ziehen sie, Giovanni staatenlos, nach Graubünden. Giovanni ist nun schon ein berühmter Maler. Trotzdem lebt die Familie immer wieder in Geldnot. Der Höhepunkt sind Arbeiten für die Weltausstellung in Paris. Er malt fast nur draußen, oft hoch oben in den Bergen. Dort stirbt der bisher immer gesunde Giovanni unerwartet an einer Bauchfellentzündung 41jährig. Warum dieser plötzliche Tod, der für Bice und ihre Familie eine Katastrophe war?

Obwohl Giovanni in seiner Jugend nicht schreiben gelernt hatte, gibt es wunderbare Zitate von ihm, von denen ich hier einige dokumentieren möchte:

Sind auf der Leinwand die Linien fest gelegt, die das, was ich geistig will, ausdrücken, so mache ich mich weiter an die so zu sagen allgemeine Kolorierung, als möglichst eng an die Wirklichkeit gehaltene Vorbereitung. Dazu benütze ich dünne, möglichst lange Pinsel, und ich beginne auf meiner Leinwand los zu arbeiten mit feinen dünnen und pastosen Pinselstrichen, in dem ich stets zwischen jedem Pinselstrich einen Zwischenraum lasse, den ich mit Komplementärfarben ausfülle, und zwar möglichst, wenn die Grundfarbe noch frisch ist, damit das Gemälde zerflossener wirkt. Das Mischen der Farbe auf der Palette führt dem Dunkeln entgegen; je reiner die Farben sind, die wir auf die Leinwand bringen, umso um so besser führen wir unser Gemälde dem Licht, der Luft und der Wirklichkeit entgegen.

Giovanni Segantini spricht in diesen Sätzen die wichtigen Prinzipien der Farbenlehre an, wie ich sie in meinem Farbenbuch dargestellt habe: Das Mischen(Subtraktion) führt immer in die Dunkelheit, das Addieren farbiger Lichter zur Addition, zum Licht.

Die Natur war für mich gleichsam ein Instrument geworden, das Töne von sich gab. Die all das, was mein Herz erzählte, begleitete. Und dieses sang die ruhigen Harmonien der Sonnenuntergänge und das innerste Wesen der Natur. So wurde mein Geist durch eine große Melancholie genährt, die in der Seele in unendlicher Süße wiederklang.

Es ist eine Art Naturfrömmigkeit, die ihn begleitet. Das Wesenhafte im goetheschen Sinne wird ihm offenbar. Die Natur wird ihm offenbares Geheimnis.

Suchet einen Gott  nicht außerhalb Eures Bewusstseins und Eurer Taten, weil Gott in uns  ist, und sich in unsern schönen Werken in den guten und edlen Tun enthüllt.

Hier haben wir den Mystiker und Ich-Menschen.

Der menschliche Geist soll in der Natur, der Mutter des Lebens wurzeln und mit dem unsichtbaren Leben der Erde und des Weltalls in Verbindung stehen.

Segantini der Kosmiker.

Ich werde an dem Tag glücklich sein, an dem wir, eine auserlesene Schar, vereint gegen die Banalität kämpfen werden für die sinnliche Schönheit der Farben, für das, das der Natur Leben gibt, für die lebendige und glühende Reinheit der Form, welche unserem Wirken jene ideale seelische Harmonie verleiht.

Kämpfer gegen die Banalität, die uns heute auf Schritt und Tritt begegnet.

Ich werde jetzt noch drei Bilder beschreiben:

Eines der bekanntesten Bilder ist „Ave Maria bei der Überfahrt“.

Wir sehen in einer Barke Mutter und Kind und ein betender Mann inmitten von Schafen. Die Gruppe wird um wölbt von runden Stangen. Diese geben der Gruppe wie ein Innenraum. Der Horizont mit Kirche zeigt die irdische Welt, die aber mit dem Kirchturm sich mit dem Geistigen verbindet. Sonst ist die Barke zwischen Himmel und Wasser, zwischen dem Geistigen und Seelischen. Das verbindende Element ist das Licht. Ein Weihnachtsbild.

Bünderin am Brunnen

Dieses Trinken aus drei kühlen Quellen über die warme Hand. Dieses Schöpfen aus der Dreieinigkeit, Vater Sohn und Heiliger Geist, oder: aus Gott geboren, in Christus gestorben im Heiligen Geist auferstanden, oder: Leib, Seele, Geist, oder: Kopf, Herz und Hand, usw.

Rückkehr vom Wald

Eine Frau zieht in einer Schneelandschaft einen Schlitten voller Holz nach Hause. Diese mühsame mütterliche Arbeit ist Vorsorge für die Wärme, die wir in der Kälte dieser Welt brauchen. Arbeit als vorsorgliche Fürsorge, als physische und seelische  Wärmegeberin. Wärme brauchen wir, dass unser Ich sich in dieser Welt inkarnieren kann. Ich habe in meiner Skizze über Wärmepädagogik schon lange auf dieses alchemistische Element der Transsubstantiation(Wesensverwandlung) hingewiesen.

 


2. September 2015

In den letzten Tagen las ich von Ibrahim Abuleish  „Die Sekem-Symphonie“. In diesem Buch beschreibt er autobiografisch sein Leben, sein Werk Sekem: Er wächst in Kairo in einer relativ reichen Familie auf. Er liest im Gymnasium Goethes „Werther“, während er selbst verliebt war.  Nach der Matur studiert er in Graz und wird Ingenieur der Ernährungswissenschaft und wird bekannt mit der bio-dynamischen Landwirtschaft. Er trifft eine ältere Anthroposophin, die ihn in das Werk Rudolf Steiners einführt. Er heiratet eine Österreicherin und es werde ihnen zwei Kinder geboren.

Er fährt nach Ägypten zurück und sieht wie das Land immer mehr ins  wirtschaftliche, politische und kulturellen  Elend versinkt. Er will selbst einen positiven Beitrag für Ägypten leisten: Nordöstlich von Kairo, mitten in der Wüste, gräbt er Brunnen, bewässert das Land, pflanzt Bäume, betreibt bio-dynamische Landwirtschaft, produziert Kompost. Heute ist diese Oase Sekem ein blühender Garten der Schatten spendet, Er wird Pionier der biologischen Baumwohlproduktion in Ägypten. Er gründet Firmen die Tee produzieren und verkaufen. Die Baumwolle wird zu Kleidern verarbeitet. Dazu kommen Pharmazie-Unternehmen. Aus den Gewinnen gründet er eine Waldorfschule, eine Eurythmieschule, Möglichkeiten für behinderte Kinder und Erwachsene, ärztliche Versorgung umliegender Bewohner, eine Universität Helipolis werden geschaffen.

Dies macht er mit Assoziationen, Handelsbeziehungen, Hilfswerken in Europa. Sekem wird weltweit bekannt und erhält den alternativen Friedenspreis. Sekem wird so zum Vorzeigeprojekt  Es zeigt wie die Welt gerettet werden könnte.

Er selbst ist Moslem, aber zugleich mit der Christologie Steiners bekannt

Er ist der Meinung, dass der Islam, wie zu Luthers Zeiten reformiert werden muss, arbeitet an einer, für die heutige Zeit entsprechenden Koranübersetzung. Er ist überzeugt, dass gerade durch die Polarität Islam-Christentum ein höheres Ganzes entwickelt werden kann.  Es ist das, was die Rosenkreuzer anstrebten: Eine Religion über den Religionen.  Ich habe Abuleish mein Grosses Parzivalbuch gewidmet. In dieser Geschichte verbindet sich der Christ Parzival mit dem Heiden Feirefis. Feirefis heiratet die Gralsträgerin Repanse de Schoye und gründet in Indien das sagenhafte Johannesreich.

Gestern hatte ich fünfzig 1. Klässler aus Port. Sie wollten in unserer Arena eine Stunde lang verbringen. Die Begeisterung war groß. Als ich sie auf die zwölf Tierkreis-Throne verteilte, wussten fast alle   in welchen Sternzeichen sie geboren sind. Dann liefen sie in Gruppen das Chartres-Labyrinth. Erstaunt waren sie wie da Umwege nach Innen und Außen gemacht werden müssen, um ins Zentrum zu kommen. Schlussendlich stiegen alle durch den höhlen oder höllenähnlichen Gang, durch die absolute Dunkelheit ins Licht, ins Paradies. Viele fanden dies megatoll und wollten gerade noch einmal hindurch.

 


30. August 2015

Nun bin ich schon wieder eine Woche hier in Ins, im Schlössli. Ich war mit Kamila und Alma zuerst in Wolframs Eschenbach bei unseren Freunden. Dann in Prag. Dann in Velke Mesirici in Mähren. Dann an einem Kongress im tschechischen Krumlau. Zurück in Prag über Mähren. Dann am 22. August zurück in die Schweiz.

Die ganze Zeit meines Auslandsaufenthalt las ich etliche Biografien: Henri Miller. Er hat mich schon früh fasziniert. Er ist vielleicht der obszönste Schriftsteller ohne obszön zu sein. Seine sexuellen Obsessionen ohne Gewalt sind aber eine Beschreibung eigener Wahrnehmungen und Erleben.

Das Geistige ist immer im Fleischlichen latent und umgekehrt, selbst in den ungehobelsten Stellen der Wendekreise. Alfred Perles.

Miller ist ein Anarchist und asketischer Mönch. In ihm leuchten die Höllenfarben Schwarz und Weiss und die Steigerung Purpur(Rein Rein) auf: Materie und Geist.

Miller befasste sich mit Svedenborg und Steiner. Offen gesagt, was ich heute noch entdecken möchte, sind die okkulten Autoren..  .Sie ziehen mich einfach an. Ich habe ein ausgesprochenes Faible für das, was man die okkulten Wissenschaft nennt. Henri Miller 1969. Henri Miller ist überzeugt, dass er mehrere Male gestorben sei. Seine Wiedergeburt sind ihm wirkliche Erfahrungen. Zu seiner Mutter, zu ihr er bis zu ihrem Tod keinen Zugang hatte, bekommt er nachtodlich ein versöhnliches Verhältnis. Im Traum trifft er sie und ruft: Mutter, ich hab dich lieb. Ich hab dich lieb. Hörst du mich rufen?

Bei der Totenwache am Sarge in seiner katalonischen Bibliothek meines Freundes und Kunsthistorikers Diether Ruddloff standen Henri Millers Wendekreise neben der Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner.

Frauen und Goethe: Goethe ist ein liebender Mensch. Sein Bezug zur Natur war liebend, umfangend. Seine Augen erblickte die Welt liebend. Und Lieben heißt zugleich Erkennen. Ohne Liebe ist keine  Wesenserkenntnis möglich. Sein Eros der Phänomenologie ist Liebe zur Schöpfung. Sein lebenslanges Lieben ist Kunst, ist Kunst des Liebens, wie es Erich Fromm beschreibt.

Die Liebe in Goethe ist immer früher als die von ihm geliebten Frauen. Die Frauen sind nicht Objekte, an denen sich die Liebe entzündet. Die Fähigkeit zu lieben ist immer schon vorher da.

Biografisch ist die sexuelle Liebe erst relativ spät von Goethe erfahren worden. Vorher floh er vor dieser im Irdischen angekommenen Liebe. Erst in Italien fand er die geschlechtsreife Liebe in einer Faustina. Zurückgekehrt fand er in Christiane Vulpius die sinnliche Liebe und zeugte seinen einzigen Nachkommen. Die eigentliche Liebe Goethes blieb bis ins hohe Alter in seinem Herzen, im Eros seines Genius. Die Frauen waren so Verkörperungen seines spirituellen und schöpferischen Schaffens.

Martin Buber: Seine Dialogik fand ich schon in den Sechziger-Jahren beeindruckend. Dass das Menschsein vor allem vom andern aus gedacht wird, vom Du aus, war entscheidend. Erst durch das Du kann sich das Ich entwickeln. Rudolf Steiner spricht vom Ich-Sinn, der eigentlich ein Du-Sinn ist und oberster Sinn der zwölf Sinne ist.

Der große humanistische Denker braucht ebenso die Welt der Offenbarungen. Sein chassidischer Humanismus gleicht den mystischen Erfahrungen z. B. eines Jakob Böhme.  Er ist der grosse Brückenbauer zwischen Judentum und Christentum.

Paracelsus: Schon vierzehnjährig las ich eine Biografie über Paracelsus aus Aettis Bibliothek. Er ist für mich einer der großen Renaissance-Menschen. Er wollte die Welt nur durch eigene Erfahrung verstehen. Er lernte das Handwerk Medizin nicht nur an der Universität, sondern vor allem auch bei einfachen Menschen und Hexen. Seine heute noch zukunftsträchtigen Weltsicht war ganzheitlich, spirituell: Er verband seine Tätigkeit als Arzt mit dem Kosmos und der jeweiligen konkreten Situation des Kranken. Sein Weltbild ist alchemistisch(Sulphur, Merkur und Sal) prozessorientiert, ätherisch, psychologisch und geistig. Er kämpfte gegen Ignoranz, Verstocktheit, Machtkartelle und war ständig auf der Flucht. Ein im echten Sinne Eidgenosse, der sich nicht von den Mächtigen dieser Welt runterkriegen ließ.

Rosa Luxenburg: Diese polnische Jüdin, die in der Schweiz studierte und vor allem in Deutschland als sozialistische Revolutionärin agierte und dann Ende des 1. Weltkrieg grausam ermordet wurde, hat mich schon immer beeindruckt. Sie kämpfte für ihre Ideale innerhalb und außerhalb der Gefängnisse kompromisslos als glänzende Rednerin für einen Kommunismus mit demokratischen, stets sich entwickelnden Wahrheiten. Nicht eine Machtelite sollte das Wahrheitsmonopol haben, sondern alle sollten sich für eine bessere Welt engagieren können. Sie ist eine Vorläuferin des Prager Frühlings, für einen Kommunismus mit menschlichen Angesicht, für den dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus.

So konnte ich mich mit Biografien beschäftigen, die auch meinen Lebensweg begleiten und beeinflussen.

In Wolframs Eschenbach konnte ich mich mit dem Dichter des Parzival verbinden und in der Bibliothek unseres Freundes und Dichter Peter Dreyling  neue Erkenntnisse entdecken. Ich fand doch einige Autoren, die Wagners Parsifal kritisch hinterfragen. Wenn auch Wagners Oper genial ist, sie überblendet den wolframschen Parzival und verfälscht ihn.

In Prag sahen wir eine Ausstellung der Maler und Visionäre von Monte Verita(Gräser) bis Hundertwasser. Eine Dokumentierung einer Fernsehsendung aus den Siebzigerjahren mit Hundertwasser zeigte eindrücklich seine visionäre Ökologie und phantasievolle Architektur.

Von Velke Mesirici aus besuchten wir das mährische Krumlau. Dort sahen wir vor Jahren eine Ausstellung über Paracelsus, die aber jetzt momentan? nicht zu sehen ist. Dort war Paracelsus vielleicht am östlichsten Punkt seiner europäischen Wanderung. In einem renovierten Teil des Schlosses war eine imposante Ausstellung über moderne Kunst zu sehen.

Dann fuhren Kamila und ich nach dem tschechischen Krumlau. Dort war nun schon zum 5. Mal ein anthroposophischer Kongress. Zunächst ging es dort um eine internationale Ärzteausbildung. Kamila hat dort immer übersetzt. Nun dieses Mal wurde der Kongress noch mehr geöffnet, auch für Therapeuten und Pädagogen. Das diesjährige Thema war die Partnerschaft zwischen Frau und Mann. Macht die lebenslange Ehe noch einen Sinn? Wunderbare Eurythmie in einem historischen Saal im Schlossareal. Dann nahmen wir Teil am Modellieren von embryonalen menschlichen Formen und an einem Kurs für die Beziehungspflege in der Partnerschaft. Gemeinsame Konzerte, Vorträge und Rückblicke im Theater mit etwa 300 TeilnehnerInnen waren eindrücklich.

Ich wurde gefragt, ob ich am Abend um 22 Uhr bereit wäre eine Nachtwanderung auf den nahen Kreuzberg zu machen. Über 50 Menschen folgten dem Zug durch die dunkle Nacht. Oben sahen wir das Sommerdreieck, den grossen und den kleinen Wagen, den Arkturus usw. Höhepunkt war der Meteoritenregen aus dem Perseus.

Dieser Kongress in diesem Dreiländereck(Tschechien, Österreich, Deutschland) wird von jungen Leuten geführt und ist ein Ort, wo viele auch junge Leute sich interessieren für die anthroposophische Sicht des Lebens.

Es ist gut möglich dass ich dort die vier nächste vier Jahre Lektor sein werde.

Diese wunderbare Stadt inner- und außerhalb der Flussschlaufen der Moldau, die historischen Häuser und das Schloss der Rosenberger, der Eggenberger und der Schwarzenberger ist wirklich ein Weltkulturerbe. Hier residierten die rosenkreuzerischen Rosenberger, die schändliche Dynastie der Eggenberger, die nach dem Kriege von Bila Hora mordend den tschechischen Adel, auch Comenius, vertrieben. Die Eggenberger, reiche Österreicher, kauften sich Adelstitel und bereicherten sich am hussitischen Volk unter dem Schutz der gegenreformatorischen katholischen Kräfte.

Die Stadt ähnelt der Stadt Bern. Sie hat auch einen Bärengraben.

Zurückgekehrt ins Schlössli konnte ich feststellen, dass meine Mitarbeiter in diesen drei Wochen meines Fortseins gut zur Stiftung geschaut haben.  Denn Vieles muss noch erledigt werden., Handwerkliches und Administratives. Wir in der Stiftung sind jetzt über ein Jahr daran, das Schlössli wohnlicher und menschlicher zu machen. Doch es hat immer noch viele Altlasten. Der tragische Tod von Elena, Mitarbeiterin in der Landwirtschaft und im Rosenhof, geben viele Rätsel und Fragen des Schicksals auf.

Simone Graf hat ihr Projekt im Rosenhof offiziell mit viel Musik und Ritualen eröffnet. Dieses Projekt hilft der Stiftung in einer Art Leaderposition die menschlichen Kräfte im Schlössli zu sammeln: Simone Graf übernimmt hinfort die Verantwortung von unserem Morgenritual, dem Gewölbe jetzt wieder um 8 Uhr. So hat es sich also gelohnt, dass die Stiftung das Gewölbe während eines Jahres durchgetragen hat.

Gestern hat uns der Rosenhof nun schon das zweite Mal eingeladen zu einem Vollmondfest. Suppe und Sonstiges gab es zu essen. Die Stradinileute waren auch da und bereicherten das Fest mit Musik und Feuerkunst auf dem Labyrinth. Sie sind zurück von ihrem Schweiz weiten Theatertournee.  Die Stradinis, die jetzt auch alle in unseren Schlösslihäusern wohnen, geben dem Schlössli den menschlichen und künstlerischen Zusammenhalt. In dieser Vollmondnacht ging ich glücklich ins Bett. Im Schlössli ist wieder eine Gruppe Menschen, die den Ort Schlössli dankbar schätzen und sich für den menschlichen Zusammenhalt engagieren.

 


25. Juli 2015

Ich sitze im Aetti-Müetigewölbe. Hier lagst Du Müeti vor Tagen im Sarg. Ein paar Tage und Nächte konnten wir von Dir Abschied nehmen. Dein in Stein gemeißeltes Angesicht harrte der Ewigkeit entgegen. Hier konnte ich frühmorgens bei deinem Sarg weinen. Eruptiv aus meinem tiefen Innern schluchzte und heulte ich. Schon lange habe ich nicht mehr geweint. Dann bei der Abdankung in der Kirche kam es wieder über mich. Ich konnte es nicht verhindern. Ich heulte öffentlich. Kaum konnte ich die Worte an die Anwesenden beenden. Es war mir tief peinlich. Doch ich heulte nicht, weil du endlich Dich von der Erdenwelt willentlich verabschiedet hast.

Ich spürte plötzlich all den Druck der letzten Schlössli-Jahre. Die Jahre der Katastrophe, der Schließung, der Anfeindungen, der Beleidigungen und Erniedrigungen. Offensichtlich habe ich das alles runtergebuttert.  Es ging ja nicht um mich, sondern um die Rettung des Schlösslis. Ich hörte Dich Müeti sagen: „Das isch doch kei Sach“.

Nun sitze ich vor Deiner Urne in diesem durch Dich geheiligtem Raum. Ich habe Dir an Deinem Sarg versprochen, weiterhin mich für den Kraft-Ort Schlössli einzusetzen. Mein ganzes Leben diene ich diesem Ort. Die Tage, Monate und Jahre, die mir noch verbleiben, werde ich es weiter tun. Ich kann nicht anders.

In diesem Gewölbe hat uns Aetti zu Gralsrittern geschlagen. Eine Art Initiation. Als Zwölfjähriger las ich den wolframschen Parzival in Versform. Dann habe ich eine Gralsburg im Rosenhof gebaut. Das heutige Türmli. Später Schülern und Studenten die Parzivalgeschichte erzählt und interpretiert. Dann konnte ich in den letzten Jahren all das in meinem „Grossen Parzivalbuc“ in deutscher und tschechischer Sprache veröffentlichen. All dies eine Frucht, deren Keim hier in diesem Gewölbe durch Aetti gelegt wurde.

Rudolf Steiner spricht im Zusammenhang mit dem Gral von Gradale. Es ist eine Stufenleiter zum Christlichen. Es wurde mein Zugang zum Christusimpuls.

Nun war ich gestern noch bei den sich verabschiedenden SängerInnen. Sie sangen mir noch ein chinesisches und portugiesisches Lied. Dann sangen und improvisierten sie beim Abwaschen und Sommerhitze „Oh Tannenbaum“ und „Stille Nacht“. Diese Kreativität beeindruckte mich. Der über zwanzigste

Gesangssommer ist Manda Seiler, meiner ältesten Tochter zu verdanken.   Auch diesmal aktivierten und verstärkten sie durch ihr Singen den Kraftort Schlössli.

Die Tatsache dieses Gesangssommers und die Gastfreundschaft von Simone Graf und ihren Helfern im Rosenhof stimmt mich frohgemut. Mein offensichtlich unbewusst blutendes Herz kann mehr und mehr genesen. Auch wenn im Schlössli noch weitere Herkulesarbeiten zu bewältigen sind, bin ich zuversichtlich.

Mit Müetis Tod ist ein wichtiger Abschnitt im Schlössli  zuende.    Nun fahre ich und meine Familie für fast einen Monat nach Tschechien. Zunächst nach Wolframs Eschenbach zu unseren Freunden. Peter Dreyling ist Kurator im dortigen Museum.  Er hat Hunderte von Büchern über Parzival.

Dann sind wir in Prag und Mähren. Wir nehmen an einer anthroposophischen Tagung in Krumlau teil.  Am 20. August sind wir wieder in Ins.

 


15. Juli 2015

Es sind Hitzetage. Doch am Morgen früh ist es noch kühl. Wenn ich zurück schaue, so waren die Tage von Müetis Sterben und die Abdankung eine wichtige Zeit, die in die Annalen vom SchlössLi eingehen werden.

Über ein Ereignis, das auch wichtig für das Schlössli ist, aber bis jetzt nicht in meinem Tagebuch formuliert werden konnte, ist das Rosenkreuzerseminar vom 4. Juli von Isabelle Val de Flor:

Das Thema des Seminars war Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert, wie Rudolf Steiner 1911 in Neuchâtel es formuliert hatte.

Isabelle Val de Flor forscht seit vielen Jahren vor allem nach dem Ort der Initiation von Christian Rosenkreuz durch die zwölf Weisen. Bei ihrer Forschung hatte sie noch den Neuenburger Schriftsteller Robert Ladame schriftlich befragen können. Doch die entscheidenden Angaben konnte ihr Aetti Seiler vom Schlössli Ins geben. Durch seine Hinweise konnte sie den „richtigen“ Rudolf von Fenis, Neuenburg und Nidau, den Troubadouren, identifizieren. (Es gibt nämlich drei) Er war der Beschützer der aus Südfrankreich flüchtenden Katarer. Er gründete das Kloster Gottstatt bei Orpund. Dort war vor allem eine Klosterschule, also ein spiritueller pädagogischen Impuls im 13. Jahrhundert im Seeland. Der Impuls kam von Rudolf von Fenis.

Nach Isabelle Val de Flor war Christian höchstwahrscheinlich in Gottstatt initiert worden.

Isabelle Val de Flor, Architektin aus Paris und Verfasserin des Büchleins „Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert“ im Trixel-Verlag erschienen, zeigte sich im Seminar als gute Kennerin der Katarer und der Templer.

Isabelle Val de Flors Erlebnis mit Aetti Seiler brachte sie zur Einsicht, dass Aetti mit Rudolf von Fenis karmisch tief verbunden ist. Sein Impuls 1953 im Schlössli Ins eine spirituelle pädagogische Initiative zu begründen,  sieht sie im  Zusammenhang mit Rudolf von Fenis und seine Klostergründung in Gottstatt.

Erstaunlich ist aber auch das Datum des Seminars vom 4. Juli 2015. Es ist exakt der Jahrestag der Schließung der Schlösslischule am 4. Juli 2014. Damals wurden noch die restlichen Kinder und Jugendlichen vom Schlössli entlassen. An diesem Tag war ich in Bern und besuchte die anthroposophische Buchhandlung Anthrovita. Dort lachte mich das kleine Büchlein von Isabelle Val de Flor über Christian Rosenkreuz an. Ich kaufte das Büchlein und setzte mich in ein Restaurant. Darin erfuhr ich von den Gesprächen mit Aetti. Ich las aber darin auch die Rosenkreuzer-Vorträge von Rudolf Steiner. Darin schildert er, dass, wer ein echter Rosenkreuzer werden will am Abgrund stehen muss, eigentlich ein Todesprozess durchmachen muss.

Ich selbst erlebte diesen Tag als der schwärzeste meines Lebens. Ich war verzweifelt. Und nun das Büchlein von Val de Flor. Durch dieses Büchlein bekam ich Kontakt zu Isabelle Val de Flor und wir machten das Datum für dieses Seminar für den 4. Juli 2015 ab. Erst später bemerkte ich, dass dies ja der Jahrestag der Schließung war.

 


12. Juli 2015

Gestern, den 11. Juli, war ein ganz besonderer Schlössli-Tag: Am Morgen und Mittag die Abdankungsfeier für Müeti und am Abend die offene Stalltüre von Simone Graf.

Müeti ist am 7. 7. 15 frühmorgens um drei Uhr gestorben.

Doch schon sieben Tage vorher hat sie durch Verweigerung von Speis und Trank den Weg in die geistige Welt eingeleitet.

Müeti wurde in einen wunderbaren rohen Holzsarg gelegt, Ihr Bett war Heu. So lag sie mit ihrer Tracht in dieser schrecklichen aber zugleich bezaubernden Horizontale. Besucher am Sarg verglichen die Tote mit Hodlers Totenbilder seiner Freundin. Die markante Nase. Ein Monument. Definitiv.

Wir konnten nun jeden Tag, jede Nacht im Aetti-Gewölbe am Sarg Totenwache haben. Eine eigenartige Ambivalenz erlebte ich: Hier manifest der tote Leib von Müeti. Dieses fast hundertjährige Kunstwerk. Hier drin hat diese große Persönlichkeit gelebt. Hat diesen Leib individualisiert. Doch dieser Leib ist schon Vergangenheit. Ist Erinnerung.

Wo ist aber Müeti selbst zu finden? Sicher nicht mehr in diesem toten Leib.  Hat sie Aetti wieder im Himmel getroffen? Endlich. Den sie so liebt. Ist ihr Geist, der durch ihren alternden Leib oft nur noch schwer sich manifestieren konnte, jetzt befreit? Kann sie nun viel mehr durch uns wirken?

Du Müeti hast so stark in das Schlössli gewirkt. Hast das Schlössli zu diesem Kraftort für viele Menschen gemacht. Das Schlössli war Dein grösserer Leib. All die Liegenschaften der Stiftung Seiler.  Auch das Schlössli hat so einen Tod erlebt. Doch versuchen wir es zu reanimieren. Wir haben die Aufgabe, diesen wieder zu beseelen.

All diese Gedanken kamen mir an Müetis Sarg. Und das erste Mal konnte ich weinen. Wie ein Krampf löste sich von mir. Ich spürte plötzlich den unsäglichen Schmerz in mir, den ich durch die katastrophale Schlösslischliessung erfahren habe, die ich in mir versteckte, runterwürgte, indem ich versuchte das Schlössli zu retten, zu schauen, dass es weiter geht, dass das Schlössli bleibt. Meine Weinkrämpfe waren nicht wegen dem irdischen Verlust von Müeti, sondern wegen dem Geschehen im Schlössli. Gut, dass ich alleine war.

Die Abdankung gestern in der Kirche war wunderschön: Manda sang so innig, Karoline Arn erzählte so präzis und innerlich verbunden mit Müeti die Biografie, Michi stellte mit markigen Worte Aussagen von Müeti vor, die Pfarrerin machte es auch gut. Sie verglich die biblische Ruth mit Müeti. Nur ich versagte: Schon ganz am Anfang des Rituals spürte ich wieder dieses Würgen in meiner Seele. Ich konnte schlecht meine Worte vortragen. Ich heulte. Dann erst Recht bei dem Entgegennehmen des Beileids, all die ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen. Ich heulte. Das einstige Schlössli und jetzt das Desaster. Ich heulte. Ich hatte mich nicht mehr unter der Kontrolle. Ich weiß nicht ob ich mich darum schämen muss. Für mich schrecklich, so vor der Oeffentlichkeit zu stehen. Doch die Leute waren lieb. Sogar Michel sagte mir aufmunternde Worte.

KatrIn hat wieder ihr grosses Talent gezeigt in der Verköstigung der Leute in der Arena. Die Leute waren zufrieden. Ich selbst seelisch gerädert und zerschlagen. Wie nach einer schweren Krankheit.

Müetis Weg in die geistige Welt. Der Kosmos, die Sterne begleiteten sie folgender maßen:

Montag, den 30. Juni, Müetis 97. Geburtstag: Mond begegnet Saturn. Das Seelische zieht sich zurück, wird Keim und Same.

Dienstag, den 30. Juni: Müeti verweigert Speis und Trank. Der Sterbeprozess ist willentlich eingeleitet.

Mittwoch, den 1. Juli: Begegnung von Venus und Jupiter. Dieses Schauspiel konnte man schon seit Tagen am Abendhimmel  beobachten. Weisheit und Liebe vereinigen sich. Die weise Liebende, oder die liebende Weise ist auf dem Weg in den Himmel.

Donnerstag, den 2. Juli: Vollmond.  Im gleichen Moment wo die Sonne im Westen untergeht, geht gegenüber der Vollmond im Osten auf. Die Ergänzung von Geist und Seele.

Samstag, den 4. Juli: Seminar mit Isabelle Val de Flor und die Suche nach dem Ort der Einweihung des Christian Rosenkreuz. Aetti gab Isabelle den entscheidenden Hinweis auf den “richtigen“ Rudolf von Fenis, Nidau und Neuenburg, dem Beschützer der katarischen Flüchtlingen. In Gottstatt, dem von Rudolf gestifteten ehemaligen Kloster spürte Isabelle besonders stark die innige Verbundenheit von Rudolf und Aetti.     Dieser Samstag war zugleich der Jahrestag der inquisitorischen Schließung der Schlösslischule. Die Kinder mussten vor einem Jahr das Schlössli verlassen. Der schwärzeste Tag der über sechzigjährigen Bildungsstätte.  Wollte Müeti noch diesen Jahrestag abwarten? Wollte sie noch die Möglichkeit abwarten, dass das Schlössli überleben wird?

Montag, den 6. Juli: Vorabend des Todestages: Der Mond begegnet Neptun, die Seele dem Okkultist. Er ermöglicht der Seele den Blick ins Jenseits.

Dienstag, den 7.7 um 3 Uhr morgens. Müeti geht endgültig in die Geistige Welt. Aufbahrung im Aetti-Gewölbe.

Samstag, den 11.Juli. Abdankung in der Kirche in Ins. Mond ist in Opposition zum Saturns getreten. Seit dem Geburtstag von Müeti hat es der Mond von der Konjunktion zur Opposition zum Saturn geschafft. Der Todesbegleiter, der Schnitter Tod begleitete Müeti in die Anderwelt.

Simone Graf machte „Tag der offenen Stalltüre“:

Hier am Abend der Müeti-Abdankung erlebte ich Simone erneut als souverän, kompetent und menschlich äußerst tiefsinnig. Sie zeigte ihren Laufstall für ihre neun Pferde: Was sie und ihr MitarbeiterInnen hier an baulichen Massnahmen in diesen paar Wochen erreichte hat, ist unglaublich. Diese konsequente Tierumgebung nach neuesten Gesichtspunkten ist einmalig.

Dann zeigte sie, wie sie mit den Pferden arbeitet: Dieser gewaltloser Tanz mit den Pferden, diese innige Verbundenheit, diese Freude dieser Pferde. Die hierarchische Verantwortung für die Tierseelen! Ich erlebte Simon als spirituelle Pferdeflüsterin, als Magierin der Tiere, wie sie Aetti in den Bärwolfgeschichten darstellt. Ich sah in ihr den delphischen Wagenlenker.

So will sie auch mit Jugendlichen arbeiten. Ich bin stolz, dass dies in den Schlösslihäusern geschieht. Auch wie sie öffentlich dankbar, zu uns von der Stiftung steht, tut meiner wunden Seele gut. Sie ist auch so eine Verantwortliche wie es Müeti war. Sie setzt einen hoffnungsvollen Keim ins neue Schlössli. Danke.

 


8. Juli 2015 

Gestern, am 7. Juli morgens ist Müeti in die geistige Welt gegangen. Man sagt auch, dass dies eine Geburt sei in die Welt des Geistes.

Müeti hat es gut gemacht: Sie hat vor etwas mehr als eine Woche noch ihren 97. Geburtstag gefeiert und ein Paar Brosamen des Geburtstagskuchen gegessen und dann enthielt sie sich konsequent Speis und Trank, sieben Tage lang. Am letzten Abend hat sie noch fest atmen müssen, wie in einem Endspurt. Dann wurde der Atem ruhiger. Um drei Uhr morgen ist sie alleine aus dieser Welt gegangen. Wir sind stolz auf Müeti, dass sie willentlich aufbrach zu neuen Ufern.

In den letzten Jahren, wenn ich sie besuchte und ihr mein Name sagte und mit ihr sprach, hat sie sich oft auf meinen Besuch gefreut und wurde ganz zärtlich. Wenn ich sie dann fragte, wer jetzt bei ihr sei, sagte sie „Aetti“. Sie hat oft mich identifiziert mit Aetti. So spürte ich, welche Sehnsucht in ihr waltete nach Aetti. In mir steigt jetzt das Bild auf, dass Sie von Aetti empfangen wurde, dass es ein Riesenempfangsfest im Himmel gab.

Die Frage war noch und noch, warum Müeti in dieser Welt noch so lange ausharrte? Müeti hat sich Zeit des Bestehens des Schlösslis immer für unsere Gemeinschaft verantwortlich gefühlt. Und wenn ich ihr sagte, dass wir im Schlössli grosse Probleme haben, sprach sie etwa Folgendes aus: „Also schau, dass die Probleme gelöst werden!“

Ein paar Tage vor ihrem Tod war der Jahrestag der inquisitorischen Schlösslischliessung(4.Juli 2014), wo die Kinder und Jugendlichen entlassen wurden, sie ein neues Heim finden mussten. Der schwärzester Tag meines Lebens!  Doch bereits bei der Bekanntmachung der Schliessung durch das bernische Jugendamt haben die Jugendlichen viele Zettel im Schlössli aufgehängt mit dem Text: „Das Schlössli soll bleiben, es ist unser Herz und wird unser bleiben“.

Seit der Schliessung versucht ein kleiner Trupp der Stiftung Seiler, dass das Schlössli bleibt. Wir sind das allen ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen aber auch zukünftigen Initianten schuldig. Wir wollen dass das Schlössli wieder zum Leben erweckt wird. In diesem Jahr haben wir schon Vieles erreicht. Siehe www.schloessli-ins.ch

Wollte Müeti noch warten, bis es uns im Schlössli besser geht, die Zukunft der Stiftung gesichert wurde?

Jetzt ist Müeti mit dem Aetti vereint in der geistigen Welt. Wir sind offen für ihre Hilfe.

 


Todesanzeige

Doch wie das große Werk getan,
Steh ich am Ende meiner Bahn,
Der Leib neigt sich dem Tode zu.
Der Engel spricht: Bald hast Du Ruh.
Die Ruhe hast Du wohlverdient.
Die Schulden mit dem Werk gesühnt.

                                                       Aetti

Heute Morgen ist unsere Mutter, Großmutter,  Urgroßmutter, Schwester und die Gründerin der Heimschule Schlössli Ins in die geistige Welt gegangen.

Müeti Ruth Seiler Schwab  •  29. Juni 1918  - 7. Juli 2015

Ueli und Kamila Seiler
Katrin und Antonio Tarelli
Michel und Holle Seiler
Christa Seiler
Helena Strebel
Hilde Madliger
Esther Wasserfallen
14 EnkelInnen und 19 UrenkelInnen

Abdankung in der reformierten Kirche in Ins:

• Samstag, den 11. Juli 2015 10.30 Uhr
• Kontaktadresse: Ueli Seiler, Kirchrain 15, 3232 Ins 
• Telefon: 032 535 57 17 / ueli.seiler@schloessli-ins.ch
www.schloessli-ins.ch

Anstelle von Blumenspenden:

• Stiftung für Heimpädagogik, Kirchrain 15, 3232 Ins. Postkonto: 30-35653-7

 


27. Juni 2015

Nun sind die Aufführungen der 6. Primarklasse der Staatsschule in Ins vorbei. Sie haben ja die Rote Zora gespielt und zwar als Musical. Die drei Abendvorstellungen waren alle voll besetzt und zwar vor allem von der Bevölkerung in Ins, die ihre Kinder sehen wollten. In der über sechzigjährige Geschichte des Schlösslis waren noch nie so viele Leute aus dem Dorf im Druidenhofsaal. Vielleicht wird in Zukunft der Saal vermehrt vom Dorf benutzt.

Die Aufführungen waren grandios: Die Freude und Einsatz der SchülerInnen war super. Die Songs perfekt. Nils Berghuis, der Regisseur und Klassenlehrer machte das Stück auch zum klassenkämpferischen Drama: Die Frage von Arm und Reich begeisterte die SchülerInnen. Und die Rote Zora ist ja die Anführerin der heutigen Neuen Kinder, die ichstark alte Strukturen auflösen und mitgestalten wollen.

Ich schmunzelte beim Betrachten der Kinder: Wie die Mädchen schon junge Damen, die Knaben noch Büblein waren. Keine Sorge, die Knaben werden in einigen Jahren die Mädchen schon noch einholen!

Die Stiftung Seiler ist stolz so ein tolles Projekt in ihren Häusern zu haben und schließlich sind Nils Berghuis und Jlona Voulgari (Musikerin) ehemalige LehrerInnen vom Schlössli. Die Besucher waren auch beeindruckt vom Theatersaal. Einmalig in der näheren Umgebung.

 


24. Juni 2015

Das Mittelalterfest vom 19. bis am 21. Juni im Rosenhof-Park ist vorbei. Viele Besucher haben das Fest genossen und rühmten die Stimmung im Park und in der Arena. Die Schäden im Park sind minimal. Die Parkplatzorganisation und die WC-Haltung wurden bemängelt. Ein Schock war der Brand unter dem Dach des Aetti Seiler-Gewölbe. Die Feuerwehr musste geholt werden. Auslöser war der Brand am Pizza-Ofen.

 


20. Juni 2015

Nun hatte die Stradini-Theatergruppe ihre Premiere. Mit viel Publikum, darunter viele Kinder, verfolgte das Spektakel. Der drohende Regen war dem Spiel gut gesinnt. Nie hat es störend geregnet. Im Gegenteil, Wasser und Trockenheit ist ja auch das Motiv des Spiels.

Von Anfang spannend mit der clownesken Erzählerin. Ihr Gesicht war eine wunderbar wechselnde Landschaft verschiedenster Gefühle. Man bemerkte sofort ihre Schulung bei Dimitri.

Die Geschichte bewegte sich vom Land aufs Meer und umgekehrt. Was verbindet die Wasserwelt mit dem Festland und wo ist sie tragisch getrennt? In vielen Märchen eine archetypische Mythe.

Die Lilith von einem Matrosen und von einer Seejungfrau gezeugt, wächst auf einem Bauernhof auf. Sie ist dort unbrauchbar. Eben halb Wasserwesen. Der Vater geht mit ihr wieder aufs Schiff. Doch Lilith muss sich als Mann verkleiden. Die Seejungfrau provoziert zornig einen Sturm. Lilith fällt ins Meer und geht ganz in die Wasserwelt hinein. Sie wird wieder ganz Wasserwesen. Doch sie wird von der Seejungfrau wieder zur Frau gemacht und Lilith kann wieder ans Land gehen. Eine neue Menschwerdung ist möglich geworden. Lilith ist sich selber treu geblieben und kann nun Wasser- und Erdenwelt in sich integrieren.

Die Geschichte durchschaut man nicht immer. Doch das Theaterspektakel lebt von starken dramatischen Bildern, aber auch lyrischen poetischen Stimmungen. Unvergesslich die Tierdarstellungen auf dem Bauernhof: Hühner, Kühe und Schweine rasen schlussendlich durchs Publikum!

Dann der Sturm auf dem Schiff. Fast wurde man schon beim Zuschauen seekrank. Mit eindrücklich bewegtem Spiel der Truppe zeigte sich die Könnerschaft der Truppe.

Dann Lilith in den Masten kopfüber hängend, mit wallenden Haaren sich als Frau zu erkennen gebend und Geige spielend. Ein solches Bild vergisst man nicht mehr.

Dann die starken körperbetonten Choreografien der Männertänze. Hier zeigt die Truppe einer ihren vielen Fähigkeiten.

Nun ist die Premiere vorbei. Nun ist es klar, warum dieses monatelange Üben.

Die Stiftung Seiler ist stolz, dass diese Gruppe ihre Zelte in ihren Häusern aufgeschlagen hat und jetzt mit ihren zwei Bussen, die zugleich Bühne, Küche und Schlafgemach bilden durch die Schweiz mit dreissig Aufführungen reisen. Schon jetzt ist es klar, dass so durch die ganze Schweiz sich das Kinderlachen und Kindergruseln  freudig fortpflanzt. Eine echte künstlerische Kulturinitiative, die dem Lande gut tut.

 


14. Juni 2015

Die ersten zwei Seminare „Parzivalbuch“ und „Chartres Labyrinth im Schlössli“ des „Kultur(Kraft)Ort Schlössli Ins“ sind vorbei. Wir konnten durch die Seminare zeigen, dass im Schlössli geistige Impulse wieder möglich sind

Die nun folgenden Events folgen nun jede Woche. Siehe Programm. Im Schlössli wird weiterhin renoviert und aufgeräumt. Fast täglich bekommen wir Anfragen für Raummieten. Wir müssen sorgfältig entscheiden. Jetzt haben wir mehr Zeit als am Anfang.

Ich fuhr für einige Tage ins Burgund nach Champlemy, nähe Nevers, südlich Vezelay. Dort haben ehemalige Kollegen aus meiner Seminarzeit und Freunde ein ehemaliges Chateau gekauft. Das eigentliche Schloss ist heute eine Ruine, aber im stattlichen Nebenhaus gibt es viel Platz für Gäste. Das Haus und der umliegende Park mit zwei Eseln ist wunderbar. Es gibt eine verwunschene Quelle, einer Merlinquelle gleich. Auch das Städtchen zeugt von verschwundener Pracht: Einmal lebte es sich hier wohlhabend und mit vielen Bewohnern.

Dort trafen wir uns ehemalige Kollegen des Lehrerseminars Muristalden in Bern. Es wurden nun viele Geschichten, die vor mehr als 50 Jahren passiert sind, aufgefrischt. Eindrücklich die schicksalshaften Biografien zu verfolgen. anzuhören und selber zu erzählen, wie es einem gegangen ist.

Ich freue mich auf nächsten Donnerstag, da wird die Theater-Gruppe „Stradini“ ihre Vorpremiere halten. Sie haben nun ein halbes Jahr in den Schlössliräumem geübt. Damit starten sie in auf die dreimonatige Reise durch alle vier Landesteile der Schweiz. Siehe Programm. Überall werden sie in Dörfchen und Städtchen für klein und gross aufführen.

 


1. Juni 2015

Nun bin ich schon eine Woche wieder in Ins. Meine Mitarbeiter von der Stiftung haben in der Zeit meines Wegseins gut gearbeitet. Nun hatten wir am letzten Samstag einen Werktag. Eingeladen hatte die Theatergruppe Stradini. Alle Mieter der Stiftung konnten im Rosenhofpark mithelfen, Vieles wieder in Ordnung zu bringen.  Und  es wurden intensiv Sträucher zurückgeschnitten, Rasen gemäht, das Labyrinth neu bemalt, Wege geputzt. Das erste Mal seit dem Neuanfang am 1.August 2015 spürte ich eine starke Solidarität zur Stiftung. Die Menschen erlebten den Rosenhofpark als Kraftort im weitesten Sinne.

Es gab ein wunderbares  Mittagessen im Rosenhof. Regula als Köchin zeigte ihre Kunst wie immer schon. Am Abend gab es ein Ritual im Labyrinth und danach ein Fest bis in alle Nacht hinein. Die vielen Gäste, auch ehemalige SchlösslerInnen, waren beeindruckt vom Park. Wieder einmal erzählte mir eine ehemalige Schülerin, dass ihr einstmaliger Aufenthalt im Schlössli die schönste Zeit ihres Lebens war.

Es häufen sich Besprechungen von Stiftungen und Gruppen, die sich konkret um Wohnraum im Schlössli bewerben. Ich bin zuversichtlich, dass ob kurz oder lang das Schlössli wieder belebt wird.

 


Tschechienreise vom 6. bis 25. Mai 2015

Ich und meine Frau Kamila fuhren am Mittwoch früh mit dem Auto über Karlsruhe nach Wolframs Eschenbach, nahe bei Ansbach und Nürnberg (Orte von Kaspar Hauser) und besuchten dort den Dichter und Kurator des Parzival-Museums und seine Frau. Gastlich wurden wir in ihrem Haus aufgenommen. Wir besuchten noch in diesem kleinen und schmucken Deutschritterstädtchen eine Ausstellung mit einer Plastik, die den leidenden Amfortas darstellt und das Parzival Museum.

Am Donnerstag fuhren wir nach Prag in unsere Wohnung. Am Freitag nachmittag holten mich Studenten mit dem Auto ab für den Kurs in Nová Ves (Nordböhmen) vom 8. bis 10. Mai. Das Thema war integrale Sternenkunde. Wir konnten mein, in die tschechische Sprache übersetztes Sternenbuch, gut gebrauchen. Schon am Abend hatten wir Glück: Wir konnten alle Sterne am Himmel sehen und Zusammenhänge begreifen. Ich konnte dort Anfänge einer biodynamischen Landwirtschaft sehen und mit Vertretern der Tilia-Werkstatt sprechen. Diese geschützte Werkstatt bekam seinerzeit eine Starthilfe von unserer Stiftung für Heimpädagogik und hat sich wunderbar entwickelt.

Am Dienstag 12. Mai habe ich mit meiner Frau in Olomouc ( Mähren) die Ausstellung Aenigma 100 Jahre anthroposophische Kunst gesehen. Eindrücklich, dass erste mal in der anthroposophischen Bewegung eine solche Ausstellung zu sehen ist. Die Ausstellung ist sehr schön gestaltet und ausserordentlich interessant.

An der Ausstellung traf ich noch die administrative Leiterin der  Waldorfschule in Olomouc. Ich war schon oft an dieser Schule als Mentor und war erfreut zu hören, dass sich diese Schule um Land für ein neues Schulhaus bemüht.

Vom 13. bis 15. Mai unterrichtete ich in der „Akademie Tabor für künstlerische Sozialarbeit“ in Prag die Tagesstudenten über Leben und Werk Rudolf Steiners.

Am Freitag bis Sonntag (15. Bis 17. Mai) erzählte ich den Studenten des Waldorflehrerseminars in Brno (Mähren) die Parzivalgeschichte. Wiederum konnten wir mein auf Tschechisch übersetztes Parzivalbuch gebrauchen.

Am Samstag nachmittag und Abend besuchte ich mit Kamila die Museumsnacht u.a. in der Festung Špilberk. Wir übernachteten in der Familie des Direktors der Waldorfschule in Brno.

Am darauffolgenden Montag früh fuhr ich für zwei Tage nach Příbram an die dortige Waldorfschule. Diese Schule hat ein wunderbar goetheanistisch gestaltetes Gebäude. Ich unterrichtete die Schüler in der 10. und 11. Klasse integrale Sternenkunde und besuchte die 5. und 7. Klasse. Am zweiten Tag gab ich vor Eltern und Lehrern einen Farbenkurs. Auch hier half mein auf Tschechisch übersetztesFarbenbuch. Eindrücklich die Stimmung in dieser Schule: Den ganzen Tag hörte ich Instrumentalmusik zur Vorbereitung der Olympiade am Wochenende. Die Schule steht unter Leitung einer sehr engagierten und geschickten Direktorin.

Am nächsten Tag (20. Mai) fuhr ich direkt nach České Budějovice zum Mutter-Kind-Zentrum Pansophia. Ich war dort schon oft zu Gast. Ich erzählte den Müttern und Interessierten über die „Neuen Kinder“ und machte mit ihnen Farbexperimente. Am Abend fuhr ich wieder nach Prag.

Am nächsten Tag (21. Mai) erarbeitete ich mit den Studenten in der Akademie Tabor „Die Soziale Dreigliederung“ von Rudolf Steiner.

Am Abend hielt ich  in der zweiten Waldorfschule Dědina in Prag vor Eltern und Lehrern einen Vortrag zum Thema „Neue Kinder brauchen eine neue Pädagogik“. Es kamen erstaunlich viele Menschen und ich konnte sie u.a. schöne Lieder lernen.

Am Freitag, mein erster freier Tag, den 20. Mai besuchte ich mit Kamila zwei wunderbare Ausstellungen: An der Karlova Strasse, wo die meisten Touristen vom Altstätterring zur Karlsbrücke laufen, war eine Ausstellung über die Biografie und Zeitgeschichte Viktor Ullmanns. Eindrücklich die Zeit im Ersten Weltkrieg, wo Ullmann an der Südfront (Italien/Österreich) als Artillerie-Offizier und Musiker Dienst leistet. Er erlebt den Gaskrieg und wird zum Kriegsgegner. Er macht seine Musiker-Karriere u.a. in Prag und wird Anthroposoph und Freund von Albert Steffen. Er schreibt die Oper „Der Antichrist“, die ja dieses Jahr in Olomouc, Prag und Dornach aufgeführt wurde. Seine Deportation als Jude nach Theresienstadt, seine unfassbare und unermüdliche Tätigkeit als Musiker und Dichter bis er 1944 ermordet wird, ist erschütternd. Es wird in einem Video eine Aufführung seiner Oper “Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ gezeigt. Diese Oper hatte er in dem Konzentrationlager Terezín ( Theresienstadt ) komponiert.

In der zweiten Ausstellung sahen wir im „Haus zur steinernen Glocke“ die Bilder des belgischen Symbolisten, Theosophen, Okkultisten und Maler Jean Delville (1867 – 1953 ). Seine Bilder und Motive sind einzigartig. So wie der Viktor Ullmann ist auch er ein Friedensaktivist.

Am Samstagmorgen waren wir in České Kopisty in Terezín in der Camphill Gemeinschaft. Dort veranstaltete die Initiativgruppe, die am 1. September 2015 eine Waldorfschule in Terezín beginnen wird, einen Kurs über die 12 Sinne, den ich zu geben hatte. Meine Frau übersetzte den Kurs. In den wunderbar gestalteten Wohnräumen nach den Prinzipien der organischen Architektur und im Garten versuchten wir uns an den umfassenden Kosmos der zwölf Sinne Rudolf Steiners anzunähern. Wir genossen die Umgebung des biodynamischen Hofes der mit dem Gemüse u.a. wöchentlich Interessenten bis nach Prag versorgt.

Am Sonntag früh (24. Mai) fuhr ich noch von Prag aus nach Tábor, wo schon bereits ein Waldorfkindergarten besteht, um dort einer interessierten Gruppe einen Farbenkurs zu geben. Dort will man spätestens 2017 eine Waldorfschule gründen.

Am nächsten Tag sehr früh morgens fuhren wir nach Ins zurück. Die leeren Strassen am Pfingstmontag erlaubten uns in etwa sieben und halb Stunden nach Hause zurück zu kehren.

Bei der Heimreise konnte ich noch einmal auf die reiche Zeit der vergangenen Tage zurück zu blicken: Überall die ernsthafte anthroposophische Arbeit. Wunderbare Orte, wunderbare Menschen. Mich freut vor allem, dass ich mit tätig sein kann bei der Gründung der Waldorfschule in Terecin. Auch eine Friedensinitiative im Sinne von Viktor Ullmanns.

 


5. Mai 2015

Gestern habe ich die Verträge für den Rosenhof unterschrieben. Nun ist Simone Graf für den Rosenhof verantwortlich. In unserer Website unter Initiativen beschreibt sie ihr Projekt. Am 25. Mai ziehen ihre 7 Rosse in den Bauernhof im Battenhof.

Am Samstag, den 30. Mai organisiert der Bewegungstheater-Verein Stradini einen Werktag, um vor allem im Rosenhof-Park notwendige Arbeiten zu erledigen.

Ich habe allen meinen Internetadressen unsere neue Website-Adresse geschickt. Täglich gibt es begeisterte Rückmeldungen für unsere Website.

Ich fahre morgen mit Kamila über Deutschland für fast drei Wochen nach Tschechien. In Deutschland besuchen wir noch unsere Freunde in Wolframs Eschenbach. Das Programm für Tschechien ist nachfolgend publiziert. Darin kann man sehen, was für Aufgaben ich in Tschechien habe. Seit über 20 Jahre.

Nach der Pressekonferenz der Stiftung Seiler vom 30. April, die in Radio, Fernsehen und Presse kommentiert wurde und der Vertragsunterzeichnung für den Rosenhof, kann ich getrost meinen Aufgaben in Tschechien nachgehen. Die Mitarbeiter der Stiftung werden in Ins zum Rechten sehen.


Tschechien Mai 2015

  • Fr  8.5. - Reise nach Nova Ves - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • Sa 9.5. - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • So 10.5.  - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • Mo 11.5. - Zahnarzt, eventuell Kollegium
     
  • Di  12.5. - Olomouc mit Kamila
     
  • Mi 13.5. - 09.00-12.30 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner Biografie und Werk) - nachmittags moglich Theater Sazava  - mit Studenten
     
  • Do 14.5. - 09.00-12.30 und 14.00-17.00 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…)    
     
  • Fr  15.5. - 09.00-13.00 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…) - nachmittags Abfahrt nach Brno
     
  • Sa 16.5. - Waldorflehrerseminar Brno (Parsifal)
     
  • So 17.5. - Waldorflehrerseminar Brno (Parsifal)
              
  • Mo 18.5. - Waldorfschule Pribram - Hospitation
     
  • Di  19.5. - Waldorfschule Pribram – Hospitation, abends Vortrag
     
  • Mi  20.5. - Pansofia České Budejovice – 2 Vortrage
     
  • Do 21.5. - 09.00-12.30 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…oder andere Thema…) - 18.30 Vortrag Waldorfschule Praha - Dedina (Neue Kinder brauchen neue Padagogik)
     
  • Fr  22.5.     
                    
  • Sa 23.5. - Terezín/Litomerice - Seminar (Sinneslehre)
     
  • So 24.5. - Seminar in (Stadt) Tabor (Farbenlehre)

30. April 2015

Julian, mein Sohn, ist gestern zwanzig jährig geworden. Er hat nun über ein Jahr mir in der Stiftung Seiler viel geholfen. Obwohl er diesen Sommer erst die Maturitätsprüfung in der Wirtschaftsmittelschule macht, ist er Mitglied in der Stiftung Seiler und für die Finanzen verantwortlich.

Ebenfalls gestern haben wir diese Website ins Netz gestellt. Seit einer Woche waren wir in gemeinsamer Arbeit daran, diese Schlössli-Website zu gestalten: Tom Grossenbacher, Leiter der Administration, richtete die Website ein, Kamila, meine Frau, korrigierte die Texte, mein Sohn Manuel gab seine wunderschönen Fotos dazu.

Ebenfalls gestern bekamen Kamila und ich Besuch aus Tschechien. Es war Pavel Selesi, Direktor einer Waldorfschule in Prag. Er wurde von der Stadt Biel eingeladen an einem Gespräch über neue Schulformen dabei zu sein. Er war der einzige Vertreter der Waldorfschulpädagogik. Nun Pavel war vor zwanzig Jahren mein Student an der Akademie für künstlerische  Sozialpädagogik in Prag und hörte dort von mir über die Waldorfpädagogik. Also, was ich damals von der Schweiz nach Tschechien trug, kommt heute zurück.

Heute war Pressekonferenz der Stiftung Seiler. Das erste Mal nach der Schliessung traten wir vor die Öffentlichkeit, um zu zeigen, was wir in der Stiftung tun. Stefanie Inhelder sprach über die  Theatergruppe Stradini und Simone Graf über ihr Rosenhofprojekt.  Dabei waren TeleBielingue und Canal3 und ein Journalist von der Zeitung „Der Bund“.