Schlössli
Pädagogik

Tagebuch von Ueli Seiler

 


29. September 2018

Ich bin in Prag. Heute ist Michaeli. Schlössli-Geburtstag. Vor 65 Jahren zogen Aetti und Müeti mit unserer Familie und anderen Kindern aus dem Bergdorf Reust nach Ins. Damals war ich elfjährig, heute bin sechsundsiebzig. Eine lange Zeit. Zeit in der viel geschehen ist. Die Schlösslizeit ist meine biografische Zeit, mein Leben. Ich erlebte zwei existenzielle Schlössli-Krisen: 1980 und 2014. Die erste Krise war der Durchgang zu einem gut funktionierenden pädagogischen Schlössli. Die zweite Krise war ein Durchgang zu einem ganz neuen Schlössli. 

Wir sind nun im fünften Jahr des neuen Schlössli. Vieles lebt neu im Schlössli. Doch Vieles ist erst angedeutet. Es braucht Zeit. Es ist schwer, auf der verbrannten Erde von 2014 neu aufzubauen. Es gibt noch Altlasten. Inventar, eine ganze Bibliothek die niemand mehr braucht usw. ... Dann gibt es viele Menschen, die dem alten Schlössli nachtrauern und es schwer haben im neuen Schlössli eine Chance zu sehen. Das alte Schlössli bleibt in vielen Herzen erhalten. Im neuen Schlössli haben wir die Häuser, den Ort gerettet. Die ehemaligen SchlösslerInnen dürfen zurück kommen. Gerne zeige ich ihnen das neue Schlössli in alten Häusern.

Ich bin seit ein paar Tagen in Prag in unserer Wohnung im Nussle. Es gab Gespräche um die Übersetzung meines neuen Wärmebuchs auf Tschechisch. Ich sprach mit Anezka und andern über die Akademie Tabor. Die Akademie ist im Umbruch. Ich lief durch die Stadt Prag, die meine zweite Heimat geworden ist. Seit 25 Jahren wirke ich nun in Tschechien. War früher Paris im Westen meine Stadt, ist es nun im Osten Prag.

Morgen bin ich wieder in Ins und werde mein Möglichstes tun für dieses neue Schlössli. Heute, an diesem Tag, bin ich dankbar für die damalige (1953) michaelische Schlössli-Gründung durch Aetti und Müeti.

 


25. September 2018

Nun ist unsere Zusammenkunft des „Garten-Therapie-Projekts“ beendet. Dieses Projekt wird von der EU finanziert und soll der internationalen Vernetzung der Garten-Therapie-Projekte dienen. Es haben Menschen aus folgenden Ländern teilgenommen: Tschechien, Slowakei, Slowenien, Italien, Portugal, England und Schweiz. Jüngstes Mal waren wir von der Stiftung Seiler für das Treffen verantwortlich. Es war allem Kamila, die alles organisiert hat. Julian und ich haben ihr dabei geholfen. Ziel von uns war es, den TeilnehmerInnen die nicht vertraut sind mit der Anthroposophie, im Speziellen mit der biodynamischen Landwirtschaft und Gärtnerei, konkrete Beispiele zu zeigen. Am Donnerstag Nachmittag, nach dem Eintreffen im Lilienhof, hielt ich zunächst einen kleinen Vortrag über das Wesen der Pflanze, das Bipolare; was Erde und Himmel verbindet, das Ätherische; die Bildekräfte, die Ausdehnung und das Zusammenziehung der Pflanze. Dann machten wir eine ausgedehnte Führung durch das Schlössli: Ich zeigte ihnen den „Treff-Punkt“, den von den MieterInnen gestalteten Raum. Dann zeigten wir ihnen den Park mit dem Regenbogen-Instrument, dem Astrolabium, dem Barfussweg im Paradiesgärtli, der von einer tschechischen Klasse gestaltet wurde, das Chartres-Labyrinth, die Arena mit den Tierkreistrohnen. Im Gewölbe sangen wir ein Lied. Im Theatersaal war gerade Kinder-Zirkus. Im Battenhof arbeitete man mit den Pferden. Das Bärwolhaus wurde bestaunt. Am Abend gab es Raclette. Am Freitag Morgen hatten wir die Besichtigung der Inser Käserei: Der Käser erklärte und demonstrierte uns alles. Man spürte seine innovative Art, der neben der grossen Emmentaler Käseproduktion auch mit kleineren Käsekreationen experimentiert - z.B. in Kombination mit Lauch oder Trüffel.

Dann tauchten die Gäste ein in die Welt von Dr. Eisenbarths Kräuterschule; wir sammelten Kräuter, bereiteten damit das Mittagessen, machten Salben. Ich hielt einen Vortrag über Hugo Kückelhaus und über Rudolf Steiner, seinem Lebenswerk und nun im Speziellen mit der Zwölfsinneslehre. Vor Jahren erstellte ich eine kleine Schrift über „Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner“, der auch im Internet abrufbar ist. Am Samstag fuhren wir mit einem Kleinbus nach Schüpfenried zum biodynamischen bewirtschafteten Hof von Fritz Sahli. Der Bauer zeigte uns die Landwirtschaft. Wir staunten, dass er gerade einen vollautomatischen Hühnerhof mit 400 Hühner in Betrieb hat. Mit Solarpanels. Exakt um zehn Uhr früh gehen die Türen auf und Hunderte von Hühnern suchen den Vorplatz. Dann zeigte uns der Gärtner Michael sein Schaugarten mit den blühenden Stauden. Dieser Schaugarten, nun schon schweizweit bekannt, ist ein Beispiel, wie der Mensch beobachtend sanft eingreift in die Natur, die Pflanzen und ihr Wesen aber respektierend. Eigentlich ein Paradies.

Tags darauf fuhren wir ins Emmental nach Trubschachen - nach einem Abstecher in Bisquit-Fabrik Kambly; Video-Installation und Süsswaren-Verköstigung - auf den Berghof Stärenegg zu Michel und Holle Seiler. Michel zeigte uns sein einzigartiges Gewölbe. In fünfzehn Jahren entstand dieser Kuppelbau mit plastischen Werken zu Jahreszeiten, Sternbildern, Temperamenten usw. Im Winter am kürzesten Tag scheint die Sonne in die Mitte des Bodens dieses Bauwerk. So wie Salomo sein Tempelbauer Hieram hatte, so hat Michel diesen „Stäreneggtempel“ gebaut. Wir gratulieren Michel zu diesem Werk. Michel sprach dann viel von seiner jahrelangen Arbeit mit schwierigsten Kindern und Jugendlichen. Gerade die Umgebung der Natur und die Betätigung im Handwerklichen kann ein Gesundbrunnen für solche Kinder sein. Dann zeigte er uns den eindrücklichen Garten. Auch hier wieder höchstes fachliches Können von Gärtnerinnen. Dann lud uns Holle zu einem ausgiebigen Zvieri ein. Nach einer Wanderung fuhren wir zurück nach Ins. Dort wartete Hubi auf uns mit Pizzen. Wir sassen in der Arena beim Feuer und sangen Lieder. Am Sonntag Morgen fuhren wir mit dem öffentlichen Verkehr ins Rüttihubelbad. Dieses grosse Sozialwerk von unsern Freunden Rolf und Margrith gegründet, hat ein Altersheim, ein Heim für leicht behinderte Menschen, ein grosser Theatersaal, Räume für Ausstellungen, ein Kaffee und ein Restaurant, einen Bioladen, eine biodynamische Gärtnerei und ein Sensorium. Wir wurden durch die Gärtnerei geführt. Eindrücklich der gut geführte Betrieb, der vorwiegend zur Selbstversorgung dient. Wir hörten von der speziellen Haltung und Praxis der biodynamischen Methode. Die Gemüse zeigten sich in grösster Pracht und Qualität. Schön dass es einen solchen Ort gibt. Im Sensorium zeigte ich unseren Gästen die Additionen der Farben, die farbigen Schatten und die Nachbildfarben.

Weiter wollten wir den Gästen auch Bern zeigen. Den Rosengarten mit Hunderten von Rosen, dem Blick über die Stadt, runter zum Bärengraben, zum Münster, beim Zytglogge vorbei zum Weisenhausplatz zum Bundeshaus. Unsere Gäste bekamen noch ein paar Stunden frei, bevor wir nach Ins fuhren und dort von Hubi erneut bewirtet wurden. Am Montag Morgen ein kurzer Rückblick. Dann war noch Garten-Praxis angesagt. Wir machten im Paradiesgärtli Platz für Blumen, die dann hoffentlich im Frühling, Sommer zu sehen sind. Es wurden drei Bäume im Park gesetzt. Dann der Abschluss im Fenissaal. Im Rückblick zeigten sich alle höchst zufrieden über dieses Treffen. Es ist vor allem Kamilas Verdienst. Schon Monate vorher machte sie sich Gedanken und organisierte das Programm. Ihr sei ganz herzlich gedankt. Julian übersetzte eloquent und intelligent und hat mit seiner leichten kommunikativen Art beigetragen, dass sich die TeilnehmerInnen hier sehr wohl fühlten. Das nächste und letzte Treffen ist dann im Mai 2019 in der Slowakei.

 


17. September 2018

Nun ist das Müeti-Fest vorüber. Wir sind zufrieden: Viele ehemalige SchülerInnen und MitarbeiterInnen sind gekommen. Sogar solche aus den 50er-Jahren. Immer wieder haben wir gehört wie wichtig die Schlösslizeit für sie war. Das erfüllt mich mit Stolz aber auch mit Wehmut. Viele freuten sich auch das neue Schlössli aufblühen zu sehen. Das Fest war ein reichliches Erlebnis: Pizzeria von Hubi, die Getränke von Mira, das Reis und Kürbissuppe von der Kräuterschule, das Kaffee im Rosenhof, Kuchen und Bilder-Ausstellung im Treffpunkt. Dann machten wir wie in alten Zeiten Gewölberitual: Regula erzählte eine Bärwolfgeschichte und ich sang Schlössli-Lieder. Musikgruppen spielten, das Kindertheater von Lorenz und  Simone war vortrefflich und das therapeutische Reiten mit Simone im Battenhof einmal wieder eindrücklich. Die Videoinstallation im Gewölbe von Manuel und die zwei Filmaufführungen im InsKino mit der Regisseurin Karoline von Arn und der Kamerafrau Martina Rieder. Es zeigte sich das Sich-Finden der Filmemacherinnen und Müeti als eine echte Schicksalsfügung. Manda sang von Musikern begleitet Schlössli-Lieder. Immer wieder gab es Gruppen, die durch das Schlössli geführt wurden. Am Abend dann die allerletzte Aufführung der Stradini-Truppe, die vorher durch die Schweiz getourt sind. Mit der „Lampedame“ zeigten sie ihre Professionalität und ihre künstlerische Kompetenz. Wir sind stolz auf ein solches Projekt, das in die Schweiz getragen wird und repräsentiert, wer und was auf heutigem Schlössli-Boden gedeiht.

Nun im fünften Jahr des Neuaufbaus Schlössli: Wir sind stolz, soviel geschaffen zu haben und danken vor allem den MieterInnen der Stiftung Seiler, die immer mehr eine Gemeinschaft (150 Menschen) werden, einen Kulturkraftort mitschaffen, der auch nach Aussen zu wirken vermag. Vor Jahrzehnten liess ich in Ausschreibungen für neue MitarbeiterInnen den Spruch beifügen: „Früher baute man Kathedralen, wir im Schlössli bauen an einem sozialen Kunstwerk“. Das Soziale ist auch eine Kunst. Die höchste sogar. Schwer sie zu vollziehen. Mein Wunsch ist, dass im Schlössli wieder vermehrt am „Sozialen Kunstwerk“ gearbeitet wird. Einige KünstlerInnen eröffneten am Müeti-Fest im Treffpunkt eine Bilder-Ausstellung mit dem Titel „Hommage an die Mutter“, wo sie eigene Kreationen zeigen. Die Ausstellung ist noch bis Ende November 2018 zu sehen. Am 30. November ist um 18 Uhr die Finissage. Diese explizite Kunsttätigkeit soll sich auf das Gemeinschaftliche ausdehnen. Die soziale Kunst ist eine zukünftige Kunst.

Ich las in den letzten Wochen von Diether Rudloff „Die Parabel der sieben Künste“ (Novalis Verlag 1987). Diether ist 1989 gestorben. Leider viel zu früh. Was er alles in diesem Buch für Weltgeheimnisse offenbart, wird öffentliches Geheimnis. Er beschreibt in der Reihenfolge Architektur, Plastik, Malerei, Musik, Dichtung, Tanz, Soziales Kunstwerk als Parabel: Von oben links nach unten angefangen die Architektur, Plastik, Malerei. Dann zu unters die Musik, dann im rechten Ast hinauf die Dichtung, Tanz und Soziale Kunst. Diese Parabel vergleicht er mit der Erden- und Menschheitsentwicklung: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan. Bis zur Erde hin waltete noch Götterlenkung. Doch in Zukunft muss die Menschheit immer mehr durch das Nichts zur eigenen inneren Ich-Führung gelangen. Alles geht nur noch durch das eigene höhere Ich, oder es bleibt beim Nichts. Die unterste Kunst ist die Musik, die erste nach Architektur, Plastik und Malerei, die im Immateriellen entsteht und dem Ich zugeordnet ist. Dann kommt Dichtung, Tanz und Soziale Kunst, die immer geistiger werden. Man kann unter anderem nun auch die erste und letzte Kunst miteinander vergleichen: die Architektur und die Soziale Kunst, das Materiellste und das Geistigste. Die Architektur ist für die Gemeinschaft gebaut, oder eben für die Soziale Kunst. Die uralte Architektur hat sich in der Menschheit schon bewährt und ist noch heute in einzelnen Exemplaren vorbildlich. Doch zur Sozialen Kunst braucht es weiter entwickelte Menschen. Sie kann nur immer so gut sein wie die handelnden Menschen darin. Ist für die Architektur das geeignete Material von existentieller Bedeutung, braucht es für das Soziale Kunstwerk den Baustein „Mensch“. Obwohl vielleicht in Äonen das Soziale Kunstwerk eine Selbstverständlichkeit wird, wie heute die Architektur, so können wir schon heute uns künstlerisch am Sozialen Kunstwerk üben.

 


11. September 2018

Heute vor 17 Jahren geschah das Unglaubliche in NewYork: Da stürzten die Doppeltürme zusammen. Aettis Feuerbestattung genau zur gleichen Zeit. Was für einen Zusammenhang? Es ist eben die Gleichzeitigkeit des Anderen.

Nächsten Samstag das 100-Jahre-Müeti-Fest. Wer alles wird wohl kommen? Dann nächste Woche das Treffen des Mitglieder des internationalen  Garten-Therapie-Projekts hier im Schlössli. Kamila organisiert es.

Doch heute ist auch ein besonderer Tag für mich: Mein Verleger Walter Schneider aus Stuttgart brachte mir die fertig gedruckten Büchlein „Von der Wärmemeditation zur Wärmepädagogik“. Es ist für mich auch ein biografisches Buch: Noch nie habe ich so anthroposophisch und christologisch geschrieben, aber eben auch biografisch, exemplarisch aus meinem Leben erzählt. Ich bin gespannt was die anthroposophische Welt, aber auch andere Menschen dazu sagen.

Das Büchlein ist in jedem Buchladen zu haben. Ich habe HIER den Anfang des Büchleins veröffentlicht.

 


31. August 2018

Es ist kühl geworden. Die lang andauernde Hitze über Europa machte Natur und Mensch zu schaffen. Doch hier in Ins ist trotz Wassermangel das Meiste grün geblieben.

Kamila und ich sind am 20. August aus Tschechien zurück gekommen. Dort waren wir in Krumlov an einem Kongress mit über 250 TeilnehmerInnen für Ärzte, Therapeuten und Pädagogen mit den Themen „Quellen der Gesundheit“ und „Das Herz des Lebens“. Es gab Naturbetrachtungen, Seminare, am Abend Vorträge und Eurythmie. Ich durfte mit allen Singen. Ich gab am Nachmittag ein Seminar über die Mitte des Lebens anhand des Trevrizent- Gesprächs und der Gawan II -Geschichten. Nun konnte ich schon das dritte Jahr dort die Geschichte Parzivals erzählen und daran Erkenntnisse für das erwachsene Leben vermitteln. Das nächste Jahr werde ich dann den Schluss dieser Geschichte erzählen im Zusammenhang mit dem Lebensabend.

Wichtiges Thema der Abendvorträge, die von Ärzten gehalten wurden, war das Herz. Das Herz nicht als Pumpe, sondern als zentrales Wahrnehmungsorgan, als Mitte des Menschen. Alles soll über das Herz gehen. Also nicht nur das Blut, sondern auch die Gedanken und der Wille. Nur Herzgedanken und Herzwille wirken therapeutisch. Das Herz auch als Wärmequelle. Das Herz als erstes Organ in der embryonalen Entwicklung, aber auch die Wärme als Ursubstanz der Evolution. Zu diesem Urgrund, Wärme und Herz, muss alles vorbei fliessen, damit es ganzheitlich, heilend wirken kann und zu einem ethischen Handeln führt.

Hier im Schlössli haben wir schnell wieder uns mit kurzfristigen und langfristigen Fragen befasst. Das InsLot-Projekt übernimmt im Dezember das Fenishus. Obwohl wir noch lange keine grossen finanzielle Reserven bilden können, ist die finanzielle Lage entspannter. Es braucht noch viele Anstrengungen und geschicktes Management um die Stiftung zu konsolidieren. Bald, am 15. September, ist das Müetifest. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Julian hat einen Mailversand organisiert. Er will nächstens auch wieder den Versand einer Schlösslipost ermöglichen.

Ich las Wilhelm Raths „Der Gottesfreund“. Dieses Büchlein habe ich vor Jahrzehnten bei Aetti gesehen. Es ist eindrücklich wie zu Johannes Tauler (1300-1361), dem Strassburger Mystiker Prediger und Dominikaner, ein jüngerer unbekannter Mann kommt und ihn auffordert in sich zu gehen. Tauler verbringt einige Zeit in Abgeschiedenheit und hat dort entscheidende geistige Gottesbegegnungen. Er stellt sich wieder der Öffentlichkeit und bleibt aber in Kontakt mit diesem jüngeren Mann, der sich „Gottesfreund vom Oberland“ nennt. Der Gottesfreund besucht ihn immer wieder und schreibt ihm Briefe. Tauler wird einer der bekanntesten Prediger und Mystiker und fordert seine Mitmenschen in sich zu gehen, um dort Gott finden zu können. Taulers Predigten haben dann auch Auswirkungen auf die Reformation. Das Rätsel der „Gottesfreunde“ löste sich nie ganz. Sie lebten offensichtlich in der Schweiz. Hundert Jahre nach dem Leben des Gottesfreundes erschien ja Niklaus von der Flüh. Auch er ist ein Gottesfreund und wirkt ja bedeutend in die eidgenössische Politik Ende des 15. Jahrhunderts. Menschenfreundschaft und Gottesfreundschaft ist ja auch ein Thema in der Katarer-Bewegung und in der Geschichte vom Gral. Im Zusammenhang mit Wilhelm Raths Biografie las ich wieder den „Pädagogischen Jugendkurs“, den Rudolf Steiner auf Anfrage einer Zwölfergruppe gab, worin auch Wilhelm Rath und seiner spätere Frau waren. Diese Vorträge las ich anfangs der 60iger-Jahre gewissermassen als erste Lektüre von Steiner. Jetzt lesen wir sie am Mittwoch Abend von 18.30 bis 19.30 Uhr in unserem anthroposophischen Lesekreis.

 


02. August 2018

Kamila und ich waren vom 6. bis am15. Juli in Portugal an unserem Garten-Therapie-Kongress. Es war sehr eindrücklich, wie dort versucht wird Gartenarbeit und Verarbeitung von Früchten und Gemüse im sozialen Kontext zu verwirklichen. Bald, im September kommt die Gruppe zu uns ins Schlössli. Dann folgt noch nächstes Jahr in der Slowakei ein Kongress. Wir waren am Ende dann nacheinander in Tschechien, Italien, Slowakei, England, Portugal, Schweiz, Slowakei. Diese Besuche zeigen den neuen Impuls, dass die Natur die grosse Therapeutin ist für den geplagten modernen Menschen.

Hier in der Stiftung ist vieles in Bewegung: Corina will mit ihrer Kinderbetreuung (Hacienda) im Schlössli aufhören. Die Hacienda war ein Vorzeigeprojekt der Stiftung, wir wünschen Corina alles Gute. Der Biohof von Lorenz Laubscher hat Konkurs gemeldet und macht den Weg frei für neue Initiativen: Es haben sich schon mehrere Fachpersonen gemeldet. Man denkt an einen Gärtnerhof mit Gemüseanbau mit Einbezug von sozialpädagogischen Aufgaben. Man könnte sich auch ein Produzenten-Konsumenten-Verein denken, der diese Initiative wirtschaftlich trägt. Die Projekte InSich und InsLot mit betreutem Wohnen und Therapie gedeihen. Sie haben genügend Betreute und wollen expandieren. Die "Zirkusschule" im Druidenhof hat bereits 40 Kinder.

Letzten Donnerstag war Generalprobe von LAMPEDAME der Compagnie Stradini: Seit einem Monat haben sie auf dem Bärwolfhaus-Platz geprobt. Es war eine wunderschöne Aufführung. Wir sind stolz, dass auf Schlössliboden solche professionelle Bühnenkunst erarbeitet wird und nun in der viersprachigen Schweiz vielerorts gezeigt wird. Die zusammenfaltbare Bühne wurde durch den im Schlössli ansässigen Kunstschlosser Lukas hergestellt. Diese fahrende Bühne ist technisch und künstlerisch ein Wunderwerk!

Im Rosenhof-Park ist Kamila unentwegt daran zu gestalten und zu pflegen, Neues zu pflanzen. Ich helfe ihr dabei. Ich reparierte den Wasserverlauf, den wir vor Jahrzehnten eigentlich dem Müeti zuliebe mit Marcel Kalberer gestaltet hatten. Kamila hat schon früher die Naga, die Wasser ausspuckende indische Schlangengöttin mit neuen Mosaiken versehen. Ich habe das Chartres-Labyrinth aufgefrischt. Man kann im Internet über dieses von mir mit astronomischen und astrologischen Zusammenhängen gestalteten Labyrinth lesen: stiftung-seiler.schloessli-ins.ch/chartres-labyrinth. Wir haben viele Besucher/innen. Sie finden, dass der Park in letzter Zeit, auch mit dem sensorischen Weg im Paradiesgärtli, an Ausstrahlung gewonnen hat. Die Kräuterschule arbeitete auch fleissig in ihrem Kräutergarten.

Ich las in letzter Zeit im umfassenden Buch über die Rosenkreuzer von Hela Krause. Diese Mutmassungen über Reinkarnationen und den Grafen Saint Germain sind oft verwirrend, zugleich auch interessant. Ich befasse mich eher über das Wesen des Rosenkreuzertums, wie ich es in meinem Parzivalbuch dargestellt habe. Nun habe ich in der letzten Woche die 500-seitige Biografie über Wilhelm Rath (1897 – 1973) von Benjamin Schmidt gelesen. Sehr eindrücklich. Aetti war mit ihm verbunden und hat ihn auch auf seinem Demeterhof im Südtirol besucht. Rath wuchs in Berlin auf, studierte Germanistik und wollte Bibliothekar werden. Als Jüngling leistete er Militärdienst an der Westfront, erlebte die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und wurde englischer Kriegsgefangener. Dort machte er sich bekannt mit der Anthroposophie Rudolf Steiners. Er gehörte zu den Initianten des Zwölferkreises, die Rudolf Steiner baten, ihnen einen Kurs für Jugendliche zu geben. So entstand 1922 der „Pädagogische Jugendkurs“. Diese Vorträge nahm ich mit zu meinen ersten Vorträgen anfangs der 60er Jahren im Zusammenhang mit dem neu gegründeten Freien Heimpädagogischen Seminar Schlössli Ins und im Lehrerkollegium. Diese Vorträge sind wirklich ein anthroposophischer Jugendimpuls. Den können wir Wilhelm Rath und Ernst Lehrs verdanken. So wurde Rath ständiger Initiator und Organisator für das Jugendstreben in der anthroposophischen Bewegung und war so sehr nah verbunden mit Rudolf Steiner. Das Buch zeigt all die Schwierigkeiten in dieser Bewegung. Z. B. auch den Brand des ersten Goetheanums, die Gründung der Allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft durch Rudolf Steiner, sein viel zu früher Tod, die Streitigkeiten und Ausschlüsse 1933, während Hitler an die Macht kam. Rath zog sich von der Anthroposophischen Gesellschaft zurück, wurde biologisch-dynamischer Landwirt im Lavanttal im Südtirol und befasste sich mit Geistesgrössen des ausgehenden Mittelalters, z. B. Tauler und die Gottesfreunde. Er erlebte die tragische Situation des hitlerischen Österreiches. Seine Frau war Jüdin. Die Schwiegermutter wurde von der Gestapo in Wien abgeholt und ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie starb. Der Abtransport seiner Frau konnte verhindert werden dadurch, dass ein befreundeter Arzt ihr ein Zeugnis schrieb, dass sie nicht transportierfähig sei. Rath musste dann noch sein halbes Vermögen der Gestapo abliefern, eben will seine Frau Jüdin war. Nach dem Krieg organisierte Rath wieder anthroposophische Jugendtagungen auf seinem Hof, der ihm sein Leben lang ein grosses Anliegen war. Rath trat dann wieder in die Allgemeine anthroposophische Gesellschaft ein.

So erschien mir Rath als eine eigenständige Persönlichkeit im Umkreis von Rudolf Steiner. Sein Schicksal verband sich mit Rudolf Steiner, mit der anthroposophischen Bewegung und der Demeter Landwirtschaft. Als Rath als Jüngling nach Koberwitz kam um Rudolf Steiner einen persönlichen Brief vom Stein zu übergeben, wollte man ihn zunächst als Nichtlandwirt nicht an die landwirtschaftliche Tagung lassen. Doch Rudolf Steiner lies ihn teilnehmen, indem er sagte, er sei zwar kein Landwirt aber ein Landstreicher. Dieser berühmte Koberwitzkurs gab Rath den Impuls später einen 300 Hektaren biodynamischen Betrieb zu führen. Sein eigentlicher Impuls war die anthroposophische Jugendarbeit.

Am 4. August fahren Kamila und ich für gut zwei Wochen nach Tschechien, um dort in Krumlov am medizinisch-pädagogischen Kongress (Quellen der Gesundheit) einen Kurs über das Erwachsensein zu geben. Ich werde das im Zusammenhang mit der Parzivalgeschichte tun, mit Schwerpunkt von Trevrizent und den GawanII-Geschichten. In diesen Tagen ist es heiss, wie überall in Europa. Gott sei Dank ist bei uns noch alles grün, weil es zwischenzeitlich etwas geregnet hat. Ist diese Hitze und Trockenperiode der Anfang des Endes eines gemässigten Klimas?

 


29. Juni 2018

Heute ist der Geburtstag von Müeti. Heute würde Müeti gerade 100jährig. Vor drei Jahren, am 29. Juni, hat Müeti 97jährig mit seiner Familie noch Geburtstag gefeiert, danach alles Trinken und Essen verweigert und ist 8 Tage danach am 7. Juli 2015 gestorben. Ein selbstgewählter Zeitpunkt des Todes, ein würdiges Sterben. Viele, viele Zuschriften bekamen wir. Man kann sie nachlesen unter „Hundert Jahre Müeti Seiler“ auf dieser Website.

Was bedeutet diese Jahrzahl? Es sind 3 mal 33 1/3 Jahre, Christusjahre. Was bedeuten sie im Nachtodlichen für den Verstorbenen? Ich weiss es nicht. Für uns Nachlebende ein Erinnerungsjahr. Ich kann nur dankbar sein für dieses Leben. Es ist ein spiritueller Fussabdruck für die ganze Menschheit. Jede solche Persönlichkeit hat der Welt Heilungskräfte geschenkt. Auch wenn man oft verzweifelt nach solchen Leuchtspuren in unserem menschheitlichen Elend sucht, es sind Lichter die ewig wirken. Und an denen wir uns orientieren können.

Müetis Geburtshaus in Kerzers

Kamila und ich waren in Kerzers, um das Geburtshaus von Müeti zu sehen, wo es vor hundert Jahren geboren wurde. In der Holzgasse stand tatsächlich das Haus, wo den Eltern Müetis sechs Töchter geboren wurde. Ich erinnerte mich noch an das Haus aus meiner Jugend, wo Gottfried Wasserfallen, der Mann von Müetis Schwester Esther, Landwirtschaft betrieben und Brieftauben gezüchtet hat. Der Hof wurde dann verkauft und heute steht das Haus vor dem Abbruch. Diesen Herbst, am 15. September wollen wir feiern: 100 Jahre Müeti Seiler - und wir brauchen mehr Mütterlichkeit - sagt es weiter, kommt, und sagt dass man es weitersagen soll. Ich habe für die Presse ein Dokument über Müeti verfasst:

 

Das Schlössli Müeti (1918 – 2015) würde am 29. Juni 100 Jahre alt

Für das Schlössli-Müeti, Ruth Seiler-Schwab und Mitgründerin der Bildungsstätte Schlössli(1953) Ins jährt sich am 29. Juni dieses Jahres ihr Geburtstag zum 100. Mal. Bei ihrem Tod vor drei Jahren, kurz nach ihrem 97. Geburtstag, trafen hunderte von Briefen ein, die zeigten, wie lebenswichtig Müeti für viele Heimkinder und MitarbeiterInnen in den 60 Jahren des Bestehens der Bildungsstätte war. Müeti wurde als 4. Tochter in eine arme Bauersfamilie in Kerzers geboren. Die Mutter weinte eine Woche lang, weil es schon wieder ein Mädchen war. Nach ihr wurden noch einmal zwei Schwestern geboren. Müeti wollte aber schon früh ihren „Mann“ stellen und half schon als Vierjährige beim Melken.

Sie wollte einmal selbst den Hof übernehmen und machte nach ihrer Schulzeit eine Gärtnerin-Lehre in Estavayer le Lac. Dort traf sie junge jüdische Frauen aus Berlin, die ihr die Welt des Sozialismus öffneten. Sie trat in die kommunistische Partei ein und besuchte 1937 Weltausstellung der kommunistischen Jugend in Paris. Wegen einem kommunistischen Zeltlager kam sie in Bern ins Gefängnis. 1938 traf sie Robert Seiler aus Kleindietwil, ebenfalls Parteimitglied der kommunistischen Partei. Sie schrieben sich Briefe anfangs Briefe mit „liebe Genossin und lieber Genosse“, später „liebe Ruth, lieber Röbi“. Sie arbeiten zusammen in einer Gärtnerei und später in Bern in einer Samenhandlung. Müeti war wichtig in der Schweizerischen kommunistischen Partei, weil sie sich vor allem für arme Bauern einsetzte.

Die Wohnung von Seilers wurde während den Kriegsjahren oft Schutzort für Flüchtlinge. Nach dem Krieg erhielt Robert Seiler als Lehrer die Gesamtschule Reust der Gemeinde Sigriswil. Dort wuchsen dann auch ihre vier Kinder auf. Ruth und Robert verliessen nach dem Krieg die kommunistische Partei und verbanden sich immer mehr mit der Anthroposophie Rudolf Steiners.

1953 gründeten die Beiden die anthroposophische Bildungsstätte Schlössli Ins. Hier werden sie von allen Aetti und Müeti genannt. War Aetti eher der Pioniertyp, so sorgte und managte Müeti den Heimbetrieb. Hier begann die legendäre Zeit der Schlössli-Schule, die sich spezialisierte für Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten zu Hause oder in der Schule hatten. Für Viele war diese Zeit natürlich auch schwierig und zugleich lebensentscheidend. Viele ehemalige SchülerInnen und MitarbeiterInnen bezeugen das in mündlicher und schriftlicher Form. Da hatte Müeti grossen Anteil daran. Sie war der zuverlässige Ort für all die Sorgen und Nöte.

1972 übernahm der älteste Sohn Ueli die Heimleitung. Müeti und Aetti bauten in Südfrankreich ein „Seminar für einfache Lebenshilfe“ auf. Hier konnte Müeti endlich ihr gärtnerisches Können einbringen. Viele Erwachsene bekamen dort entscheidende Lebenshilfe. Wieder zurückgekehrt ins Schlössli, wohnten beide im Rosenhof, ihrem Mutterhaus wo sie viele Besuche empfingen und in einer anthroposophischen Arbeitsgruppe mithalfen. Aetti starb 2001 84jährig. Im Zusammenhang mit der 50 Jahr-Feier(2003) des Schlössli machte die „Bund“-Mitarbeiterin Karoline von Arn ein Interview mit Müeti, das dann im Wochenendmagazin des Bunds veröffentlicht wurde. Dieses führte dann zum Film „Müetis Kapital“, der in Solothurn gezeigt wurde und nachträglich als bester Film im Kanton Bern die „Goldene Brille“ bekam. Daraus folgte die Buchveröffentlichung im Limmat-Verlag „Wenn wir uns gut sind“ von Karoline Arn.

Das nach der Schliessung der Schlössli-Schule (2014) wieder neu aufgebaute Schlössli, wo heute wieder über 150 Menschen wohnen, feiert den hundertsten Geburtstag Müetis am 15. September 2018: 100 Jahre Müeti Seiler - und wir brauchen mehr Mütterlichkeit

 


23. Juni 2018

Vorgestern war die Sonnwende, längster Tag im Sonnenjahr. Das Projekt InSich vom Rosenhof organisierte das Sonnwende-Fest. Um 21.30 versammelte sich viel Volk, MieterInnen von Schlössli-Wohnungen, Leute vom Dorf, Freunde, gegen hundert Leute an der Zahl, um den grossen Holstoss auf dem St. Jodel. Schon vorher gab die Sonne am Nordwest-Horizont ein grossartiges Bild; hinter dem Chasseral untergegangen, beleuchtete sie eine riesige Wolke von hinten. Ein Farbenspiel von Gelb, Orange, Rot bis Purpur wurde inszeniert. Dann Versammlung in einem grossen Kreis, Singen von Johann Wolfgangs Goethes Prolog „Die Sonne tönt nach alter Weise...“, dann der Tanz um einen Sonnenbaum; Annas „Kinderinsel“ und ein Meditationsspruch.

Johanni Feuer 2018

Jetzt verteilten sich alle Menschen, Klein und Gross, auf die Tierkreiszeichen, die um den Holzstoss angelegt wurden. Nun umkreisten die Tierkreisgruppen den Holzstoss. Immer in ihrem Element (Feuer, Erde, Luft und Wasser) sprachen sie die Sprüche. Das Herumgehen der Sternkreisgruppen wurde begleitet von MusikerInnen, die jeweils in den vier Elementen intonierten. Die Sprüche habe ich vor Jahrzehnten für dieses Schlössli-Fest gedichtet. Es ist in meinem Sternenbuch veröffentlicht und wird schon vielerorts, auch auf Tschechisch benutzt:

Widder
Ich bin das Feuer,
will mutig mich behaupten
zu neuen Taten.

Waage
Ich schlichte den Streit
will Gerechtigkeit
will liebend das Du im Ich erleben.

Stier
Ich bin die Erde,
will mich öffnen
allem Fruchtbaren und Schönen

Skorpion
Ich erkenne den Todesstachel
als Neugeburt, will als Schlange
mich häuten zum Adler.

Zwillinge
Ich bin hell und dunkel
will denkend und fühlend
Welten verbinden.

Schütze
Ich bin ein begeisterter Himmelsschütze
und erziele mit meinem Pfeil
das Unendliche.

Krebs
Ich liebe den Mond und das Wasser
und fühle mich verwurzelt
im mütterlichen Urgrund der Natur.

Steinbock
Ich liebe die Sonne um Mitternacht
ich spüre in mir das Samenkorn,
daraus einmal Blatt und Blüte wird.    

Löwe
Ich bin ein Löwenmensch,
furchtlos und grossherzig,
ein Beschützer der Schwachen.

Wassermann
Ich suche das Ewigdauernde
und stifte Gemeinschaft
zu allen Menschen.

Jungfrau
Ich diene dem Menschen
durch Wissen und Weisheit
durch liebende Hingabe.

Fische
Ich will dem Leiden dienen
will ja sagen
zu Himmel und Hölle.

Diese Sprüche charakterisieren die Tierkeiszeichen in möglichst kurzer und bildhafter Art. Sie haben sich im Ganzen bewährt. Einige würde ich heute anders formulieren. Es ist eine mögliche individuelle Interpretation.

Dann wurden die Fackeln entzündet und der Fackeltanz begann. Diese Fackelfeuer aus dem Umkreis nun entzündeten wiederum das zentrale Feuer. Zuerst zaghaft, dann immer intensiver wurde der Holzstoss zu einem Feuer - grandios. Jetzt züngelten die Flammen dem Kosmos entgegen. Die wilden Wirbeln am Rande des Feuers zwischen Heiss und Kalt erzeugten diese Spiralformen, die wir etwa bei Bildern von Vincent van Gogh sehen. Nun kamen Sterne und Mond dazu: Der überreife Halbmond hoch im Süden, die helle Venus im tiefen Westen, im Südosten der helle Jupiter. Der seelenbewegende Mond wurde begleitet von der Liebekraft der Venus und dem geistorientierenden Jupiter. Diese Kräfte brauchen wir.  Feuerfunken versuchten die Sternenwelt zu erreichen. Das ist Mitsommer, das Johanni vorbereitet. Johannes der Täufer ist der feurige Rufer aus der Wüste, der die Christustaufe initiierte und damit Himmel und Erde vereinigte. Diese Sehnsucht des Feuers sich mit dem Himmel zu verbinden, diese ewigdauernde kosmische Sternenordnung, die zu uns herabglänzt, diese Verbindung ist Johannizeit.

Das tanzende Feuer, die ruhevollen Gestirne erinnerten mich an Worte von Friedrich Nietzsche: „Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“

 


17. Juni 2018

Schöne, warme Tage. Bald ist schon der längste Tag. Sommersonnwende. Der Rosenhofpark ist voller üppiger Pflanzen. Letzte Woche waren die SchülerInnen der Waldorfschule Pardubice bei uns und errichteten im oberen Rosenhofpark, im Paradies-Gärtli, einen Sinnesweg. Wunderbar, dass jetzt der Besucher des Parks diesen Sinnesweg barfuss, zuerst durch den Dunkelweg, einem Höhlengang schreiten, dann über verschiedenste Materialen, seine Fusssohle erfrischen, dann zum Schluss bei unserer Wasser spuckenden Schlange im Teich, seine Füsse ins Wasser tauchen kann. Ein neuer Aufgang des Dunkelgangs entstand. Martin installierte einen Bienenkorb, so dass die Bienen zusätzlich den Park beseelen können. Zum Paradies-Gärtli gehört der berühmte Apfelbaum, der dieses Jahr das erste Mal seit 20 Jahren Äpfel trägt. Als hätte er auf diese Klasse gewartet. Die Schlange ist nicht weit weg!

Die SchülerInnen wurden in der Lilienhofküche und dem Fenissaal, durch die von ihnen mitgebrachte Köchin versorgt. Ausflüge nach Bern, auf die Stärenegg und auf die St. Petersinsel und fleissig im Bielersee gebadet. Der Direktor der Schule, Milan, war dabei. Auch die Lehrerin Monika, die jetzt die Klasse neun Jahre heraufgeführt hat. Sie wurden begleitet vom Siebend-Klasse-Lehrer Daniel. Daniel ein erfahrender Pfadfinder, Praktiker und Pädagoge. Dieser nun existierender Sinnesweg ist ein hervorragendes Geschenk der Gruppe. Herzlichen Dank!

Gestern war ich noch am Zirkusfestival in Biel: Dort zeigte die Zirkusschule Tocati ihre Künste. Reichhaltig war das Programm. Schön die Kinder und Jugendlichen zu sehen, was sie sich an Körper-Geschicklichkeit angeeignet haben. Diese Gruppe wird geleitet durch Steffi, die schon Jahre bei uns wohnt und mit dem Stradini-Theater jetzt dann wieder in den vier Landesgegenden der Schweiz Aufführungen zeigen. Verantwortlich für diese Schule ist Sämi, ein Enkel des berühmten Dimitri-Clowns. Er ist ein ehemaliger Schlössli-Schüler. Auf dem Gelände, wo noch viele andere Aktivitäten stattfanden, traf ich auch Ursina und Baptiste, Musikclowns, die auch im Schlössli wohnen. Um die Schlössli-Häuser entstehen zur Zeit viele private Kleingärten, die nach viel Regen und Sonnenschein üppig gedeihen.

 

Rosenrabatte
Am Werken
Sinnesweg mit Bienenkorb
Sinnesrondell mit Apfelbaum

12. Juni 2018

In den letzten Wochen las ich die Bände „Christina“, „Zwillinge aus Licht geboren“ und „Die Vision des Guten“ im Govinda-Verlag. Die Mutter Bernadette von Dreien, eine bekannte Sportlerin und Schweizermeisterin, erzählt zunächst von der Geburt ihrer Zwillinge im 26. Schwangerschaftsmonat, in der Osternacht 2001, die zunächst im Brutkasten aufwachsen. Nach sieben Wochen starb Elena, die Erstgeborene. Für die Mutter ein harter Schlag und doch, wie sie sagt, ein friedlicher Vorgang. Christina überlebt, muss aber bis zu ihrem 6. Altersjahr durch eine Sonde ernährt werden. Christinas Entwicklung geht zwar langsam, sie bleibt in ihrer Grösse zunächst etwas zurück. Doch sie geht dann in den Kindergarten und dann in eine normale Schule. Sie liest schon früh und viel, auch wissenschaftliche Bücher. Inzwischen ist noch ihr Bruder geboren.

Schon früh fällt Christina auf, was sie sagt: „Mama, was ist eine Heilige?“ „Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen nur gerade an Weihnachten Geschenke machen oder sich Zeit für einander nehmen. Für mich ist immer Weihnachten, dazu braucht es keine Weihnachten und Geschenke.“ „Mama glaubst du, dass sich jemand vom Licht ernähren kann? Dass jemand mit einem Röntgenblick geboren wird? Kennst du jemand, der sich unsichtbar machen kann?“ Von der Schule berichtet sie der Mutter: „Ich stelle mich einfach neben die Streitenden und stelle dabei fest, dass sich ihre Aura durch meine Anwesenheit positiv verändert. Danach sind die Mädchen meist wieder friedlich.“  Für die Frage um mehrdimensionale Ebenen sagt sie: „Weißt du Mama, für mich waren diese Ebenen immer sichtbar, sie gehören ganz einfach zu meiner Realität dazu. Genauso wie du mit deiner Wahrnehmung deine dreidimensionale Realität siehst, so sehe ich meine Realität. Bloss dass diese vereinfacht ausgedrückt, noch zusätzliche Sphären umfasst. Warum findest du es so ungewöhnlich?“ „Der Mensch lässt beim Sterben seine äussere Hülle, den Körper zurück, aber seine Seele und sein Geist gehen in eine andere Ebene über – oftmals sind Ebenen, die zwar noch sehr nahe bei der Erde liegen, die aber dennoch über eigene Gesetzmässigkeiten verfügen. Lebewesen, die sich dort aufhalten, in einer physikalisch weniger dichten Form der Materie, sind für mich feinstofflich sichtbar. Weißt du, diese Welt der Verstorbenen liegt nicht wirklich in einer höheren Dimension, sondern in einer etwas weniger dichten erdnahen Sphäre, die allerdings für die meisten Menschen nicht erkennbar ist. Viele Kleinkinder sehen diese Sphäre noch, doch verlernen sie später meist das feinstoffliche Wahrnehmen, da die feinstoffliche Welt von den allermeisten Erwachsenen in der heutigen Gesellschaft nicht thematisiert wird. So verschliessen sich auch die Kinder wieder unbewusst vor dieser Wahrnehmung und verlieren dadurch ihre Kommunikationsfähigkeit mit dieser Ebene. Es sind sozusagen Begabungen, die dann für den Rest ihres Lebens einfach brach liegen. Doch wenn man wirklich daran arbeiten würde, dann wären heutzutage viele Menschen imstande, diese feinstofflichen Sphären zu sehen - auch du Mama.“ „Die Menschheit und die Erde befinden sich in der dritten Dimension. Dies erklärt, warum die Menschen mit allen fünf Sinnen jeglich dreidimensional wahrnehmen können. Bei mir ist das ein wenig anders. Ich kann auch andere Dichten und Frequenzen wahrnehmen, genau wie zahlreiche andere Kinder meiner Generation.“ „Bevor du dich neu in diesem Leben inkarniert hast, hast du dich für einen Seelenplan, einen Lebensplan entschieden, der in der geistigen Welt aufgrund deiner bisherigen Erfahrungen zusammengestellt wurde. Er dient dazu, dich im jetzigen Leben weiter voran zu bringen, denn dies ist das Bestreben einer jeden Seele. Das ist der Sinn  deines Erdenlebens; Erfahrungen zu sammeln und in dieser dritten Dimension gewisse Aufgaben zu erledigen, die dir im Rahmen der natürlichen Gesetzmässigkeiten, das heisst auf der Frequenz innerhalb dieser Dichte, gestellt sind. Auch wenn wir uns in diesem Leben mit allerlei Problemen und Lastern herum schlagen - wir haben ausreichend viele Tugenden mitbekommen, um die Negativität in unserem Dasein aufzulösen.“ „Weißt du Mama, ich verfüge seit meiner Geburt über eine für die gegenwärtigen menschlichen Verhältnisse sehr hohe Schwingung. Es ist dieses hohe Energieniveau, welches zu einem erweiterten Bewusstsein und zu einem erweiterten Wahrnehmung führt.“ 

„Die heutigen Menschen neigen dazu, sich von angeeigneten Wissen und künstlichen Vorstellungen leiten zu lassen. Je besser gebildet ein Mensch ist, desto rationaler fällt er seine Entscheidungen. Er lässt viel zu oft vom Verstand dominieren, statt einfach vertrauensvoll der Intuition, der inneren Stimme zu folgen“.  „Versöhne dich mit der Vergangenheit, stecke dir Ziele für die Zukunft, und lebe in der Gegenwart, denn hier liegt die ganze Kraft.“ „Jedes Individuum verfügt über den freien Willen und kann jederzeit wieder zurück auf einen konstruktiven, lichtvollen Weg finden. Manchmal sind dabei einfach ein paar Umwege zu gehen.“ „Du sollst weder in Gedanken noch in Worten oder Taten einem Lebewesen Schaden zufügen“. „ In meinem Leben werde ich nie irgendwelche Schulnoten oder Diplome vorzuweisen haben“. „ Ich bin nicht auf dieser Welt, um die Fehler anderer aufzudecken oder über sie zu urteilen. Ich will den Menschen einfach das Licht und den Frieden zurück bringen. Dann löst sich das Unlicht  von alleine auf.“ 

„Soweit ich weiss, halten sich beispielsweise Lichtelfen überall auf der Welt immer gerne in der Nähe von Gewässern auf, etwa an Wasserfällen und dergleichen - ausser vielleicht in den eisigen Regionen. Dryade sind natürlich dort zu finden, wo Bäume wachsen. Und Zwerge arbeiten gerne in Gärten“. „Schau, wohin uns dieses Verständnis von zivilisiertem Leben gebracht hat. Wir stehen in allen Segmenten der Gesellschaft ratlos vor unserem selbst gemachten Scherbenhaufen. Mit dem aktuellen Denken können die globalen Probleme nicht gelöst werden. Es wird Zeit, dass Menschen ans Ruder kommen, die anders denken und die die wahre Natur der Erde und die universalen Zusammenhänge verstehen. Menschen, die das Destruktive in der Gesellschaft erkennen und die konsequent in eine konstruktive Richtung arbeiten. Solange diese neue Generation von Menschen noch Kinder sind, arbeiten sie vielleicht noch im Verborgenen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie als Erwachsene den radikalen Wandel vollziehen werden“. „Ich bin nicht auf dieser Welt, um Wunder zu vollbringen. Ich möchte den Frieden und das göttliche Bewusstsein in jedem einzelnen Menschen zurück bringen. Dann werden die Menschen erkennen, dass sie sich selber heilen können“. „In meiner Auffassung gibt es nur eine einzige Liebe. Liebe ist Liebe, und sie ist grenzenlos, bedingungslos, ohne Ende und ohne Unterscheidung. Liebe ist das, was es im Universum unbegrenzt vorhanden ist, eine Ursubstanz, die Basis von allem was ist.“

Christina spricht vom Guten und Bösen, vom Lichten und Unlichten: „Diese Energien des Bösen habe ich jeweils deutlich gespürt, noch bevor ich sie gesehen habe. Und obwohl diese Schattenwesen sehr intelligent und gerissen sind und auf eine teuflische Weise genial sind, besitzen sie doch eines nicht: Weisheit. Mit Weisheit kann man sie entmachten. Mir ist schon als kleines Kind bewusst gewesen, dass ich mich eines Tages dieser Dunkelheit würde stellen müssen. Auch Jesus hatte sich dem Bösen zu stellen, nämlich als er damals für 40 Tage alleine in der Wüste ging, um zu fasten und zu meditieren. Dort wurde er von dem Bösen in Versuchung gebracht, und dies war eine wichtige Erfahrung in seiner Entwicklung. In ähnlicher Weise  war es auch für mich entscheidend, in jenen beiden Jahren von 2010 bis 20 12 diese Erfahrung zu machen und mich ohne jegliche Unterstützung dem Unlichten zu stellen“.

„Es wird ein grosses Licht geben,
und das Licht bist du.
Es wird grosse Heilung geben,
und diese Heilung bist du.
Es wird eine Wende zur Liebe geben,
und diese Wende der Liebe bist du.
Liebe wird dann die Währung
eines Landes sein,
und die Vision des Guten wird das Zukunftsgesetz
eines jeden Landes sein.“

„Menschen oder auch ganze Völker, die ein Defizit an Liebe haben, werden anfällig für Angst und Gewalt. Sie stehen unselbständig, chaotisch und selbstsüchtig in ihrem Leben. Dadurch laden sie machthungrige, manipulative Wesen geradezu ein, denn diese ernähren sich von Angstschwingungen. In Bezug auf eine ganze Nation bedeutet das, dass die kollektive Lieblosigkeit unter den Menschen dazu führt, dass machthungrige Dunkelwesen die Regierungen übernehmen und ein Chaos regulieren können, welches Aufgrund der Abwesenheit der selbstorganisierenden Kraft der Liebe entstanden ist.“ „Die Menschen können sich gewiss sein: Natürlich gibt es diese unlichten Schattenwesen, aber immer und überall ist auch das Gute und Lichtvolle gegenwärtig, an dem sie sich orientieren können. Jede Seele hat jederzeit die Wahl zwischen dem Unlicht und dem Licht“. „Ich bin hier als Mensch mit einer reich erfüllten Seele geboren worden - mit einer Aufgabe, auf die ich während langer Zeit vorbereitet wurde. Doch wenn man dann nach dieser langen Vorbereitungszeit endlich hier ist, wirkt hier alles ziemlich steinzeitlich. Aber eines weiss ich mit Sicherheit: Ich werde erst von hier weggehen, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe.“

Alle diese Aussagen nahm ich aus dem ersten Band. Im zweiten Band wird alles konkreter dargestellt. Ich versuche nun skizzenhaft weitere Aussagen zu referieren: Das Entscheidende ist das Herz. Das Herz ist der Schlüssels des Friedens. Gott ist die Quelle. Wir müssen ins Sein finden. Eine neue Gesellschaft muss sich in eine höhere Frequenz des Bewusstseins entwickeln. Akzeptanz und die Anerkennung des freien Willens von sich selbst und des andern ist die Basis des neuen Bewusstseins. Was kann man leiblich, seelisch und geistig tun um höhere bedingungslose Liebefähigkeit zu erreichen? Dies erhöht die Frequenz des Bewusstseins. Liebe zu sich selbst strahlt auch Liebe zum andern aus. Traumatisiertes muss ich als etwas Gegebenes akzeptieren, damit es sich auflöst. Probleme kannst du nicht auf der gleichen Schwingungsebene lösen. Dazu brauchst du eine Erhöhung deiner Schwingungsebene.

Christina spricht von geistigen Begleitern und Beraterteams, von riesigen geistigen galaktischen Welten. Christina schaute schon als dreijähriges Kind in die dunkle Nacht, als sähe sie dort etwas. Christina hatte schon früh grosse Beziehung zur Natur, zu Steinen, Pflanzen und Tieren. Nie hatte sie Angst. Auch heute mit 17 Jahren nicht, wenn sie Vorträge vor hunderten Menschen hält. Sie hält Vorträge über die alten Kulturen der Ägypter und der Mayas und ist überzeugt, dass diese Kultur höhere als dreidimensionale Fähigkeiten hatten. Sie erzählt vom alten Atlantis. Wo hat sie all ihr Wissen her? Sie sagt, sie habe es aus der Akasha-Chronik, einem Weltengedächnis, wo alles „aufgeschrieben“ ist. Sie spricht von drei Generationen Kindern, die höheres Bewusstsein entwickelt haben: Die Indigokinder in den 60igerjahren, die Kristallkinder in den 80igerjahren, die Regenbogenkinder, zu denen sie sich selber zählt, nach dem Jahr 2000.

Was kann man, was kann ich, zu all den Aussagen sagen? Vieles kenne ich schon lange. Doch in dieser prägnanten Art habe ich solche Aussagen nur bei Rudolf Steiner gefunden. Man kann Christina auch im Video verfolgen. Ihre Bücher sind heute Bestseller. Wie schnell wir unseres Bewusstsein in höheres verwandeln vermögen, ist eine andere Frage. Wissen wie es gehen sollte, ist noch nicht das mühsame Tun.

 


07. Juni 2018

Am 28. Mai aus Tschechien zurückgekehrt, fand ich im Schlössli vieles getan. Tom hütet das Schlössli während unserer Abwesenheit in der Administration vorbildlich. Ich habe ihn über Skype einige Mal kontaktiert. Fäbu hat die Äste vom Windfall gehäckselt und die Arena beim Feuerplatz aufgeräumt. Jetzt ist er in der Bretagne mit seiner Familie in den Ferien.

Am Donnerstag, 31. Mai, hatte der Stiftungsrat bei Moritz Göldi in Bern und im Beisein von Patrik König die Jahresversammlung der Stiftung Seiler, der Schlössli Ins AG und der Stiftung für Heimpädagogik. Die Jahresabschlüsse der Stiftung und der AG sind ausgeglichen. Das erste Mal ist die finanzielle Lage stabil. Es braucht weitere Anstrengungen, um Reserven bilden zu können. Julian beschäftigt sich in der Stiftung um den neuen Stiftungszweck. Wir sind daran, mit einem Experten und der Stiftungsaufsicht eine neue Stiftungsurkunde zu formulieren. Die Hilfe für Fragen in der Stiftung sind wir für die Beratung des Revisors Patrik König sehr froh. Er begleitet uns als ehemaliger Schüler und Bankier schon seit 1982.

Am 2. Juni war das Sommerfest von INSgeheim. Es gab Aufführungen, Musik und Tanz. Es kamen viele Leute, die begeistert waren von dem, was auch energetisch im Schlössli läuft. Am gleichen Abend waren Kamila, Manuel und ich beim 25 Jahre PanART-Fest beim Felix Rohner in Bern. Felix und ich begleiten uns seit Jahrzehnten. Es ist erstaunlich, wie seine Arbeit so kreativ von seiner Partnerin Sabine und seinen zwei Söhnen unterstützt wird. Im gleichen Haus wird von den Söhnen Bier gebraut.

Zurückblickend auf unseren Aufenthalt in Tschechien war diese Zeit wiederum sehr kreativ: Ich unterrichtete an den Kursen für Waldorfpädagogik Sternenkunde und Parzival. Gute Gruppen, vor allem Frauen die mit mir auch kräftig gesungen haben. Dann war ich in Teresin, wo die dortige Waldorfschule ein historisches Projekt der Theresienstadt betreut: Im KZ Theresienstadt, worin Juden systematisch vernichtet worden sind, gibt es ein Schulzimmer, wo 28 vierzehnjährige Mädchen geschrieben und gemalt haben. Es gibt Überlebende des Holcaust, die an diese grauenvolle Stätte zurückgekehrt sind. Viel geschriebenes und gemaltes Material ist heute noch da. Doch die Überlebenden haben auch erzählt. Nun ist eine Ausstellung dieser Dokumente, unter Verantwortung der dortigen Waldorfschule eröffnet: Es ist erstaunlich, was und wie die damals Vierzehnjährigen gedacht haben. Man glaubt es wären Zwanzigjährige. Hier geht es nicht darum, die Schreckens-Szenarien zu wiederholen, sondern zu zeigen dass in so düsteren Zeiten positive Gedanken möglich sind. Man nennt es heute Resilienz, also eine Überlebens- und Widerstandskraftkraft, trotzt den misslichen Umständen. Dass die dortige Waldorfschule sich dem Heilungsprozess des Holocaust-Ortes annimmt, ist vorbildlich. Denn gerade der Waldorfimpuls, der von über 1200 Waldorfschulen in aller Welt nächstes Jahr zum 100jährigen Jubiläum geführt wird, ist ein Heil-Impuls.

Ich war auch in Pribram an der dortigen Waldorfschule und habe den Gymnasiasten und Lehrlingen Farbenlehre unterrichtet. Die Oberstufe, ein Lyzeum und die praktische Handwerkerausbildung in Grafik, Holzbearbeitung und Metallarbeit wird nun immer mehr gefestigt. Schon hat es zu viele Anmeldungen für diese Oberstufe. Ich sah in Holzateliers, wo in jeder Klasse je sechs Lehrlinge sind. Ich sah die Jahresarbeiten aus den letzten Jahren. Es werden gerade Bienenhäuser geschreinert. Ich sah aber auch wunderbare Intarsien und kunstvolle Möbelstücke. Der Leiter der Holzschule baut auch selber Instrumente und ist Musiker. Die Grafiker arbeiten in einer Druckerei. Hier lernen sie die alten Drucktechniken, aber auch die Computergrafik. Ich sah Jahresarbeiten wie Kalender und Illustrationsbücher von Märchen. Die Arbeiten integrieren verarbeitete Fotos, z. B. von den Kohlengruben Pribrams, wo noch der Grossvater zu sehen ist, gemalte und gezeichnete Bilder. Hier verbindet sich Handwerk und Kunst durchaus mit modernen Mitteln, echt waldorfmässig. An Pfingsten versammelten sich im nahen Gräbovka-Park jetzige und ehemalige Studenten der Tabor-Akademie in Prag zum 25-Tabor-Akademie-Fest. Ich war seit Anfang da Lektor und freue mich darüber, was aus diesen Menschen geworden ist. Durch diese Akademie ist es heute möglich dass in Tschechien so viele Menschen anthroposophisch tätig sind.

In Tschechien hatte ich Zeit, das pädagogische Haupt-Werk von Fritz Jean Begert, die „Lombachschule“ von 1951 zu lesen. Ich habe schon im Tagebuch vom 15. April auf ihn hingewiesen. Jetzt las ich einen Originaldruck dieses Werks, von dem Aetti sehr viel gehalten hat. Explizit gekannt habe ich es nie. Nun dieses Werk war für mich ein pädagogischer Gesundbrunnen, obwohl der Inhalt des Buchs sicher nie der Realität entsprach. Die Lombach-Schule hat kaum ein Jahr existiert. Doch das Buch ist sechs Jahre nach der Schliessung der Habkern-Schule gedruckt worden. Es ist wunderbar vom begnadeten Lehrer Begert geschrieben worden, der sprachlich wundervoll seine Arbeit in Habkern beschrieb. Er schreibt von seiner Methode des Gruppenunterrichts, der differenzierten und von den Schülern motivierten Forschergruppen. Er war überzeugt dass jedes Kind, jenseits vom formalen schulischen Können, seine Begabungen hat. Er beschreibt die Berglandschaft Habkern mit seinen Menschen, Tieren und Pflanzen, mit all seinen Leiden und Freuden. Begert ist Volkskundler, der explizit mit seinen SchülerInnen am Ort forscht. Sonnenaufgänge, Blitze und Donner, Unwetter beschreibt, in wunderbar literarischer Form. Er beschreibt die einzelnen, auch Kinder mit einer Behinderung, all die Bauersleute, die Sagen und Mythen des Tals. Er ist ein Sammler, aber eben dies mit seinen Schülern. Fredi Lerch schreibt: „Sein innigster Wunsch ist es, sich in eine solche urtümliche Welt zu vertiefen, von den Bauern zu lernen, Lebendiges festzuhalten, aber auch untergegangene Schätze aus dem Meeresgrund der Volksseele zu heben, bald immer konsequenter schöpferisch zu verwerten“. Das „Emmenthalerblatt“ schreibt über seine Arbeit in Brumbach: „Gruppen von Knaben und Mädchen sieht man durchs heimelige Dörflein ziehen. Sie sammeln Pflanzen und seltene Steine, lassen sich von betagten Bauern alte Sagen und Gespenstergeschichten erzählen, tragen Sprüche und Hausinschriften zusammen.  In der Schule wird das Erlebte notiert und verarbeitet und so ein heimatlicher Unterricht geschaffen, der die abgelegenene Talschaft in sinnvoller Einheit entstehen lässt. Die Brumbacherkinder wurden zu Helfern der Bevölkerung erzogen. Sie halfen bei der Restauration verfallener Speicher und Häuser, frischten verwaschene Inschriften auf und erfreuten Alte und Kranke durch seltsame, aus vergessenen Quellen geschöpfte Lieder und Gedichte. Die Schüler stellten Wörterbücher heimischer Pflanzennamen zusammen. Sie erforschten die Geschichte der Küherei, des Flössergewerbes.“

In der „Lombachschule“ druckt Begert das Gedicht von Matthias Claudius, ein Literat der Goethezeit und Rosenkreuzer. Dieses Gedicht rezitierte Aetti oft und es resoniert in mir noch immer , nicht zuletzt wohl wegen dem Thema der Sterne. Ich lernte es sofort auswendig.

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an.

Sie gehen da, hin und her zerstreut,
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die ganze Herrlichkeit
Und kann mich satt nicht sehn...

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessres in der Welt,
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin
Und liege lange wach
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich danach.

 

Begert ist zwar ein überaus begabter Pädagoge, ein Schriftsteller, aber hat nicht die Fähigkeit eine Schule zu führen. Es kommt zu Streitigkeiten und zum nie aufhörenden Geldmangel. Später ist er, nicht weit von Habkern, am Fusse des Hogants, in Brumbach, an einer Staatsschule. Dort wirkt er als Lehrer der Oberstufe. Seine Frau, eine Griechin und Psychologin, ist Mutter zweier Kinder. Später verlässt die Mutter mit den Kindern Begert und ist dreiunddreissig Jahre im Pestalozzidorf in Trogen als Psychologin. Verfolgt man das Leben Begerts, das in einem Internetwerk von Fredi Lerch äusserst detailliert beschrieben wird, so sieht man die Tragik. Sein Höhepunkt sind die Kriegsjahre: Begert ist ein willkommener Vortragsredner. Er gehört zur Avantgarde der Pädagogik. Ich hörte ihn selber in den Fünfzigerjahre als Seminarist und war begeistert. Er unterrichtete dann meistens als Stellvertreter in der Staatsschule. Konnte aber sein Leben nicht strukturieren. Konnte nicht zu Frau und Kinder schauen und war alkoholabhängig. Er war als Vortragender glänzend, seine Pädagogik postmodern. Aber er konnte diese Pädagogik auf die Länge nicht realisieren. Trotzdem ist sein Buch, die Lombachschule ein leuchtender Stern in der Pädagogikgeschichte.

Mein persönlicher Bezug zu ihm ist, dass ich in der Nähe von Habkern, am Fusse des Sigriswilergrates im Reust aufwuchs, später gerade auf der andern Seite von Habkern, nun am Ufer des Brienzersees in Ebligen meine Gesamtschule (1. bis 9. Klasse in einem Raum) hatte. Begert machte, wie auch ich, im Evangelischen Seminar Muristalden in Bern die staatliche Lehrerausbildung. Begert soll einmal sogar in Ins an der Staatsschule unterrichtet haben. Aetti erlebte ihn in den Fünfzigerjahre im Kerzenkreis in Bern. Dass ich erst so spät sein Hauptwerk lese, ist etwas peinlich. Doch nicht zu spät.

In Prag ging ich mit Kamila ins Kino die Aufzeichnung der vollständigen Oper „Lohengrin“ von Richard Wagner (Oper in Dresden) anschauen. Sie dauerte dreieinhalb Stunden. Es sangen beste Sängerinnen und Sänger. Der Dirigent und das Orchester waren vorzüglich. Obwohl ich sonst eher Mühe habe mit der Musik Wagners, wir fanden sie schön. Da ich ja durch Wolframs Parzival mit der Gralswelt bestens vertraut bin und ich die Kurzfassung von Wolframs Lohengrin-Geschichte gut kenne, interessierte mich, was Wagner aus diesem Mythos machte. Da ich ja die Oper „Parsifal“ von Wagner schon öfters gesehen habe und mich in meinem „Das Grosse Parzivalbuch“ kritisch über diese Oper geäussert habe, werde ich nun hier meine kritische Ansicht über den „Lohengrin“ ausführen. Natürlich gehe ich aus von der Darstellung Wolframs von Eschenbach. Er ist der Troubadour-Dichter des ausgehenden Mittelalters. Wagner macht aus dieser Geschichte eine aus dem 19. Jahrhundert.

Das Thema ist die Liebe zwischen Lohengrin und der Elsa von Brabant. Wagner steht in der Strömung der Tragik des Materialismus. Wie es etwa Thomas Mann später in den „Buddenbrooks“ und „Tonio Kröger“ darstellte: Es gibt diese Dualität zwischen Geist und Leib. Entweder kann sich der Geist verwirklichen, oder anderseits der Leib. Aber nicht beide zusammen.  Lohengrin kommt aus dem Geistbereich des Grals, um der in Not geratene Else von Brabant zu helfen, die in eine Intrige verwickelt wurde. Man versucht ihr den Thron streitig zu machen. In Brabant geht es ganz klar um materialistische magische Machtspiele. Lohengrin, der Schwanenritter,  durchschaut die Machtspiele und heiratet Else von Brabant. Doch mit einer Bedingung. Elsa darf ihn nicht fragen, wie er heisst und woher er kommt. Bei Wagner nun fragt ihn Elsa nach seiner Herkunft schon vor der Hochzeitsnacht. Es darf nicht bis zum sexuellen Vollzug der Ehe kommen. Sexualität ist für Wagner Abkehr vom Geist, eine Sünde. Ganz anders bei Wolfram. Dort zeugt Lohengrin schöne Kinder. Erst dann kehrt er zurück ins Geisterreich. Bei Wolfram vollziehen die Paare Kondwiramurs und Parzival, und Orgeluse und Gawan explizit die erotisch-sexuelle Hochzeitsnacht. Bei Wolfram ist es gerade das Ziel der Troubadour-Liebe, der Minne, dass Geist und Fleisch zusammenkommen. Ein ganzheitliches Menschenbild. Im wagnerischen „Parsifal“ ist Parzival nicht verheiratet. Die Kondwiramurs, die Führerin der Liebe gibt es nicht und die polare Geschichten von Gawan und Orgeluse auch nicht. Parzival entwickelt sich bei Wagner vom dummen Jungen zum Gralsritter. Das kann er nur indem er dem Kuss der Kundry entrinnt. Durch den Kuss und nicht mehr, erhält er die Grals-Erkenntnis und kann die finstere Antigralwelt des Klingsor entzaubern. Der Kundrykuss ist noch nicht der Vollzug der Erotik, der Sexualität. Gerade weil er der erotischen Kundry nicht verfällt, kann er den kranken Amfortas von seinem Leiden erlösen und Gralskönig werden. Amfortas hat seine tödliche Wunde an den Hoden durch das Übertreten des  Minnegebots erhalten.

Wagner ist das Kind des 19. Jahrhunderts. Seine Werke sind nicht in der ganzheitlichen Welt der wolframschen Troubadourenwelt gestaltet. Es ist interessant, dass die zeitweilige Freundin von Rudolf Steiner, Rosa Mayreder (1858-1938), zunächst auch begeistert war von Wagner, Nietzsche und Schoppenhauer. Doch sie interessierte sich schon früh für die Freiheitsfrage - im speziellen, ob Frauen auch frei sein können. Sie wurde, während Rudolf Steiner seine „Philosophie der Freiheit“ schrieb, seine fast einzige Bezugsperson und sie schrieben sich Briefe. Ich habe das in meinem Büchlein Pestalozzi und Steiner (Verlag Ch.Möllmann) ausführlich beschrieben. Mayreder wird wichtige Frauenrechtlerin, engagierte sich für den Schutz der Prostituierten, lebte die freie Sexualität auch ausserhalb der Ehe und blieb ihrem Mann trotzdem bis zu seinem Tod treu. In Ihren Schriften beschrieb sie die Liebe mit all ihren Möglichkeiten, verwirft die reine Askese, aber eben auch die nur sexuelle Beziehung. Liebe muss ganzheitlich sein. Rudolf Steiners wichtiges Anliegen ist es gerade, dass der Geist in der Inkarnation sich subtil mit dem Leib verbindet. Dies zeigt er explizit in der okkulten Physiologie, Vorträge, die er 1911 in Prag gehalten hat. So muss man die wagnerische Spiritualität ersteinmal verstehen, welcher heute noch viele kultivierte Zeitgenossen frönen. Auch Anthroposophen sagen dass Wagner zwar ein genialer Geist war, aber nicht mehr- wie bei Wolfram- oder noch nicht- wie bei Rudolf Steiner, ein ganzheitliches, nicht nationalistisches Menschenbild vertritt. Es gibt Stellen im „Lohengrin“, vorauf die Nazi-Regime scharf waren:

Die Brabanter:
Hoch König Heinrich!
König Heinrich Heil!

Der König
Unter der Eiche stehend:
Habt Dank, ihr Lieben von Brabant!
Wie fühl ich stolz mein Herz entbrannt,
find ich in jedem deutschen Land
so kräftig reichen Heerverband!
Nun soll des Reiches Feind sich nahn,
wir wollen tapfer ihn empfahn:
aus seinem öden Ost daher
soll er sich nimmer wagen mehr!

Für deutsches Land das deutsche Schwert!
So sei des Reiches Kraft bewährt!

 

Von Wagner gibt es auch antisemitische Äusserungen. Trotzdem engagierte er für seinen „Parsifal“ einen jüdischen Dirigenten.

 


07. Mai 2018

Wieder ein schöner Tag. Die Nacht zuvor sah ich die Sterne: Der Löwe hoch oben von Ost nach West wandernd. Voran die Zwillingsterne. Sie ziehen an einem Reigen: Hinten nach die Spica in der Jungfrau, der helle Jupiter in der Waage, der bald in Opposition zur Sonne steht. Dann der tiefe Skorpion und folgend der Schütze, in ihm Saturn und Mars zu sehen sind. Sie wurden in den letzten Tage vom abnehmenden Vollmond besucht.

Unser Kirschbaum, noch vor Wochen ein weisses Blütenmeer, schneite die Blütenblätter ab und schon überragen die grünen Blätter und man sieht an der Stelle der Blüten die Kirschen heranwachsen.

Im Park wird viel aufgeräumt. Neue Gärtlein entstehen. Die Kräuterschule bearbeitet die Kräuterspirale. Die letzten Tulpen verblühen. Dafür sind die die Akaleien, der Elfenschuh, tiefviolett bis hell rötlich, all und überall. Die Arena wird mit Tausenden von Gänseblümchen geschmückt. Der goldene Löwenzahn spiegelt das strahlende Sonnenlicht. Schon haben die meisten sich in kosmische Samenkugeln verwandelt. Die Samen sind bereit mit dem Wind neue Erdenorte zu finden. So sind die Blüten die Antwort auf die Sterne. Sie leuchten einander entgegen. Beide umfassen den Kosmos in dem wir mitten drin sind. Tag und Nacht.

Das InSich-Projekt im Rosenhof blüht neu auf. Jeden Morgen stehe ich im Kreis des Morgenrituals und kann diese neue Kraft erleben. Im Tellenhof ist das Projekt InsLot gestartet. Ergänzendes Angebot für betreutes Wohnen und Therapie. Im Battenhof entwickelt sich eine Wohngemeinschaft. Der Hof wird innen und aussen erneuert. Im Lilienhof, in unserer alten Wohnung, sind zwei Paare eingezogen. Die Frauen wuchsen teils im Schlössli auf, da ihre Mutter im hier Hausmutter war. Sie haben selbständig eine neue Küche organisiert.

Am 21. März feierte Steffi ihren 30. Geburtstag: Mit über 50 Gästen, Geburtstagsessen von Hubi zubereitet. Zwei Frauen mit Power haben schön schräge Lieder gesungen. Ein schönes Fest. Steffi ist eine der ersten Frauen, die sich schon 2014 gemeldet haben um hier im Schlössli zu wohnen. Sie zog dann viele Künstler nach. Heute haben wir im Schlössli viele tragende BewohnerInnen, die mehr und mehr hier eine neue Gemeinschaft bilden wollen. Der von den MieterInnen gestaltete Treffpunkt im ehemaligen Schlössli-Laden ist Quellpunkt vieler Initiativen. Gestern im INSgeheim die zwei Clowns Matz und Nikolas. Viele Kinder und Erwachsene füllten den Runensaal und vergnügten sich an den liebevollen Spiegelungen menschlich-allzumenschlicher Regungen. Es war ein seelischer Genuss.

Simone hat mir zu meinem Geburtstag das Buch über Niklaus von der Flüe von Roland Gröbli geschenkt. Dieses z.T. mühsam zu lesende Buch zeigt dokumentarisch zeitgenössische Aussagen von und über Niklaus von der Flüe. Obwohl ich seit Jahrzehnten mich für diese Leuchtgestalt der Schweizergeschichte interessiere und sein Meditationsbild in meinem Büro hängt, ist mir Vieles klarer geworden: Das bekannte Stanserverkommnis 1481 versöhnte die Stadt- und Landkantone und regelte z.B. die Hilfeleistung bei z.B. Saubannerzügen. Der Kriegserfolg der Eidgenossen gegen den Burgunder Karl der Kühne in Grandson, Murten und Nancy und die Expansion in den Westen und die Aufnahme der Stadtstaaten Freiburg und Solothurn musste im neuen Bund geregelt werden. Offensichtlich hat die geistige Autorität von Niklaus von der Flüe die Streitenden zur Vernunft gebracht.

Doch das Buch zeigt auch ganz klar, dass der Einsiedler im Ranft, nahe seiner Familie, in seinen letzten 19einhalb Jahren weder getrunken noch gegessen hat. Er schlief in der Zelle seiner Kapelle, die ihm seine Freunde gebaut hatten, auf nackten Boden mit einem Stein als Kopfkissen. Obwohl er so als Heiliger lebte, besuchten in ständig Privatpersonen, geistliche und weltliche Würdenträger, um bei ihm Rat zu holen. Die meisten Ratschläge waren so, dass der Fragende selbst auf die Lösung des Problems kam. Für mich ist Niklaus von der Flüe eine Gestalt, wie man sie bei den Katarern in Südfrankreich um 1200 kannte. Diese damalige Minnekirche der Troubadouren Zeit zeigte sich in der Polarität zwischen den Troubadouren, die versuchten menschliche Liebe zu verwirklichen und den Cathari die als Einsiedler Gottesliebe praktizierten und dem Volke geistige Führung gab. Niklaus von der Flüe gehört zu den Gottesfreunden um Tauler, ist geistig verwandt mit den Mystikern und Mystikerinnen wie z. B. Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Franz von Assisi.

Rudolf Steiner ist für mich so eine moderne Lichtgestalt, der wie Niklaus von der Flüe in der geistigen Welt stand, aber nun nicht selbstsüchtig sein eigenes Seelenheil pflegte, sondern Welt weittragende praktische Kulturimpulse vermittelte und Tausenden von Fragestellern, sich aufopfernd, Antworten gab. So gibt es heute auf der Welt überall weise Persönlichkeiten, die der Welt helfen könnten, wenn man sie nur fragte.

Übermorgen fahren Kamila und ich für zwei Wochen und eine halbe nach Tschechien. Ich werde unter anderem in der Waldorflehrerausbildung und in der Akademie für künstlerische Sozialpädagogik in Prag integrale Sternenkunde und den Parzival unterrichten. Dazu werde ich verschiedene Waldorfschulen besuchen.

Der heutige schöne Tag geht zu Ende, der auffrischende Wind verstärkt sich, Wolkentürme bauen sich rings um Ins auf. Doch Ins bleibt wahrscheinlich wieder trocken. Der Regenschauer wirbelt um uns herum.

 


15. April 2018

Seit einem Monat habe ich kein Tagebuch veröffentlicht. Es ist viel passiert in dieser Zeit. Obwohl es nachts noch kalt ist, drängen die Tulpen zur Farbenpracht. Die Osterglocken blühen schon lange, aber immer noch. Die Schlüsselblumen sind wieder da, ein freudiger Frühlingsgruss. Meine Lieblingsblume seit Kindheit, die Trommelschlägel; klein aber wirksam im Blau, bilden die Polarität zu den gelbroten Strahlenfarben. Kamila ist im ganzen Rosenhof-Park tätig. Altes Verdorrtes wird weggeräumt, um dem Neuen Platz zu machen. Das Bächlein im Park ist gesäubert und plätschert den Hang hinunter. Im unteren Parkbereich ist die verdorrte Föhre fachmännisch gefällt und das Fallholz geräumt worden. Die Silberpappeln, deren Äste durch den Sturm einen Teil des Pferdestalls und das Hühnerhaus beschädigte, sind durch Baumpfleger zurück gestutzt worden. Jetzt müssen noch die Äste verarbeitet werden.

Vorgestern war ich im Flüchtlingsfilm „Eldorado“ von Markus Imhof. Eindrücklich, wie er das Elend der Flüchtlinge im Mittelmeer, in Italien und in der Schweiz dokumentiert: Imhof ist ein Jahr älter als ich, seine frühen Filme waren immer ein kritisches Statement zu Ungerechtigkeiten. „Das Boot ist voll“ ist unvergesslich und zeigt das Elend der Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg. Auch ich, 1942 geboren, erlebte als Kleinkind Flüchtlinge in unserer Familie, die Müeti und Aetti immer wieder in unserer Wohnung beherbergt hatten. Meine ersten Worte sollen kroatisch gesprochen worden sein, weil damals eine Kroatin bei uns kochte. Müeti als Flüchtlingsmutter wurde von Karoline Arn im Film „Müetis Kapital“ dokumentiert. Nun würde ja Müeti dieses Jahr, am 29. Juni, 100 jährig. Darum gibt es am 15. September ein Schlösslifest mit dem Titel: „100 Jahre Müeti Seiler - und wir brauchen mehr Mütterlichkeit“. An diesem Tag wird dann der Müeti-Film im Kino Ins gezeigt.


Soweit meine biografische Beziehung zum Film von Imhof. Im Film zeigt Imhof seine innige Beziehung zur Flüchtlingsfrage: Als kleiner Bub nahm seine Familie das Kriegskind Giovanna aus Milano auf. Imhof zeigt anhand originaler Briefe, Zeichnungen, gesprochener Worte das Schicksal von Giovanna, die dann früh stirbt. Am Schluss des Filmes sieht man Markus Imhof am Grab von Giovanna. Der Film entsteht im Gedenken an diese junge Frau. Und Imhof sagt zugleich, eigentlich wollte er das jetzige Drama der Flüchtlinge gar nicht sehen. Das ist ja gerade das Problem dieses Themas. Die meisten wollen sich damit nicht beschäftigen. Wie gestern auch im InsKino. Fast niemand kam zu dieser Vorstellung.

Der Film zeigt drastisch die Rettung von Flüchtlingen. Den Einsatz der militärischen Retter. Dann die Ausbeutung der Flüchtlinge unter der italienischen Mafia, die mit Hilfe von EU-Geldern Tomatenproduktion betreiben; ein weltwirtschaftlicher Unsinn: Die Tomaten, von afrikanischen Menschen in sklavenähnlichen Zuständen produziert, werden dann in Afrika als Derivat verkauft. Warum werden nicht Tomaten in Afrika produziert, die dann die wirtschaftliche Grundlage gäbe und damit die Flüchtlingsproblematik milderte? Dann die Flüchtlinge in der Schweiz, zwar hoch professionell betreut, dürfen nicht arbeiten und werden dann abgeschoben. Das Porträt einer jungen Afrikanerin beschreibt einen schrecklichen Leidensweg. Sie arbeitet in einem Altenheim. Doch sie muss die Schweiz verlassen, obwohl wir viel zu wenig Pflegepersonal haben. All dies zeigt Imhof und jeder bekommt dadurch Einsicht in die Zusammenhänge. Ein ausgeschaffter Afrikaner kauft in Afrika Kühe. Doch in seinem Land ist die Milch aus der Schweiz billiger als was der afrikanischer Bauer für seine Milch haben muss.

In der Nacht nach den Filmbesuch träumte ich einen Dauertraum, immer wieder nach kurzem Aufwachen weiter geträumt. Ich war mit Flüchtlingen beschäftigt ein grosses Tor zu gestalten. Es sollte ein Regenbogentor sein. Es war schwierig die Farben richtig anzuordnen. Das Grün wollte nicht in die Mitte des Regenbogens. Was soll das bedeuten? Vielleicht, weil es immer noch nicht im allgemeinen Bewusstsein ist, dass das Grün das Rückgrat des Regenbogens ist. Grün ist aber u.a. die Christusfarbe. Die Mannschaft der Flüchtlingshelfer im Imhof-Film berufen sich auf Christus in einer Messe auf dem Schiff.

Biografien interessieren mich immer wieder. In diesem verflossenen Monat sahen Kamila und ich den Film von Wilfried Meichtry über Katharina von Arx und lasen auch sein Buch dazu. Bewegend diese Persönlichkeit, die zunächst idyllisch als Fabrikanten-Tochter aufwächst, deren Vater aber in den Krise der Dreissiger-Jahre alles verliert und auch die Familie verlässt. Katharina macht als Zweiundzwanzigjährige eine Reise um die Welt mit einer Ukulele und ohne Geld. Ihre spontane Art, ihre begeisternden Augen, ihre klare Art, keinen Mann an sich heran zu lassen, der nicht auch ihre Intelligenz liebt, macht sie unabhängig und erfolgreich. Durch diese Reise wird sie berühmt und wird überall eingeladen, sei es beim Radio oder Fernsehen. Sie bekommt Aufträge von Zeitschriften. Unter anderem soll sie in der Südsee über eingeborene Völker berichten. Dort trifft sie den Star-Fotografen Freddy Drilhon. Obwohl er noch verheiratet ist, werden sie ein Paar. Später heiraten sie und bekommen eine Tochter. Auf der Reise von Paris nach Lausanne, wo sie beim Fernsehen auftreten sollen, treffen sie auf das Dörfchen Romainmotier im Jura. Dort finden sie ein halbzerfallenes historisches Gebäude, das sie kaufen. Katharina baut das Haus, eine mittelalterliche Priorität aus dem Mittelalter zu Wohnzwecken um. Selber kaum Geld, bekommt sie von Freunden Geld und macht später eine Stiftung daraus. Ihr Mann Freddy Drilhon zerbricht an diesem Haus, weil ständig daran gebaut wird und Katharina ihre ganze Zeit und Verantwortung opfert. Freddy, selbst in misslicher Familie aufgewachsen und mit sechzehnjährig schon in U-Booten im Zweiten Weltkrieg traumatisiert, von seiner eigenen Familie abgelehnt, verfällt dem Alkohol und wird depressiv. Suizid-Versuche. Die Rettung ist, dass er in England nahe der Küste in einem Haus lebt. Nun geht es ihm ganz gut und er kann langsam seine Vergangenheit aufarbeiten. Katharina besucht ihn. Doch stirbt er plötzlich an Herzversagen. Für Katharina ist das eine Katastrophe. Doch sie baut weiter an ihrem Haus und macht es zum Ruhe-Ort für Geistes-Arbeiter. Dort findet durch Zufall der Historiker und Biograf Wilfried Meichtry die achzigjährige Katharina in einem 800jährigen Haus in Romainmotier. Er hat Zugang zum Familien-Archiv und porträtiert Katharina filmisch mit ihren wunderbaren Augen und macht daraus später den Film und das Buch über das Journalistenpaar. Meichtry hat so schon die Frauenrechtlerin Iris von Roten und ihrem Mann aus dem Wallis porträtiert. Er schrieb auch eine Biografie über Mani Matter.

Im Zusammenhang mit Romainmotier kam mir in den Sinn, dass schon Fritz Jean Begert (1907 – 1984), der legendäre Berner-Pädagoge, schlussendlich in Romainmotier landete und dort starb. Ich recherchierte im Internet und kam auf die Biografie von Fredy Lerch im Internet und las an einem Sonntag diese Lebensbeschreibung. Begert war, wie ich auch, am Muristalden-Lehrerseminar in Bern, war Staatschulehrer in Thun, Schangnau, Ringoldswil, Leiter der eigenen „Lombachschule“ im Habkerntal und Schriftsteller. Seine genialen Ideen und Praxis in der Schule wären noch heute postmodern. Er liess die Schüler in der Natur, aber auch zuhause forschen, machte Gruppenarbeit, individualisierte. Aetti, mein Vater, traf ihn in den Fünfziger-Jahre im Kerzenkreis auch mit Sergius Golowin und Zeno Zürcher in Bern. In meiner Seminarzeit hörte ich 1961 einen pädagogischen Vortrag von ihm. Ich war begeistert. Seine Frau, Beatrice, eine Griechin, die von Ihm Kinder hatte, verliess ihn, weil er alkoholkrank nicht mehr für sie sorgen konnte. Sie wurde Kinder-Psychologin des Pestalozzi-Dorfes in Trogen. Ich selbst besuchte sie dort und sie lud uns in ihr Haus in Griechenland, auf der Insel Hygeia, ein.

Heute fuhr ich mit Kamila das erste Mal nach Romainmotier. Wunderbar die romanische Kirche, überhaupt das Städtchen mit den burgundischen Häusern. Wir besuchten das Haus von Katharina von Arx. All die Säle aus dem Mittelalter und der Zeit der Bernerbesetzung sind noch erhalten. Man kann die Bibliothek der Katharina besichtigen und wir assen dort im Salon de The ein gutes vegetarisches Mittagessen mit Kuchen. Wir suchten noch den Friedhof, der etwas ausserhalb des Städtchens liegt und fanden das Grab von Fritz Jean Begert. Ein Naturstein mit einem Vollporträt.

Nicht in Romainmotier, wie ich bis heute glaubte, sondern im Nachbartal, in Motier, imVal de Travere, war der Ort, wo Jean Jacque Rousseau (1712 in Genf bis 1778 bei Paris) nach seiner Flucht von Paris wohnte. Dort war er unter dem Schutz von König Friedrich dem Grossen, der die preussische Exklave Neuenburg beherrschte. Rousseau lebte dort von 1762 bis 1765. Dazwischen war er noch auf der St. Peters-Insel im Bielersee. Dort botanisierte er und fand diese Zeit auf der Insel später die schönste seines Lebens. Jean Jacques Rousseau ist für mich wichtig, weil er ein absoluter Gesellschaftskritiker war und der Meinung war, dass der Mensch gut ist bei der Geburt, aber durch die Gesellschaft schlecht gemacht wird. „Die beste Erziehung ist keine Erziehung“ war sein Weckruf. Davon war auch sein junger Zeitgenosse Heinrich Pestalozzi überzeugt und wollte Kinder auf einem Bauernhof aufwachsen lassen. Doch Pestalozzi erkannte durch die Praxis und seiner innigen Menschenliebe, dass der Mensch zwar zunächst „Werk der Natur“ ist im Sinne von Rousseau, dann aber durch die Zwischenstufe als „Werk der Gesellschaft“ durchlaufen muss, um dann erst im „Werk seiner selbst“ ganz Mensch zu werden. Rousseaus „die beste Erziehung ist keine Erziehung“, die dann in der „antiautoritären Erziehung“ in den 60iger-Jahren hochgejubelt wurde, war ein wichtiger Impuls in der Erziehungsfrage. Das Kind braucht aber eine Autorität, aber eben eine geliebte, wie Rudolf Steiner darauf hinweist. Erst durch das wohlwollende Gehorchen als Übergangszeit, ist der Mensch langsam reif für die Selbsterziehung. Dies zeigt auch Erich Fromm: Gehorchen ist Vorbedingung zum Freiwerden.

Vor einem Monat waren Kamila und ich in England - ein Besuch im Zusammenhang mit unserem internationalen Therapie-Garten-Projekt. So waren wir schon in Tschechien, Italien und Slowenien. In England organisierte dies die Organisation „Garden-Organic“ in Coventry. Die ersten Tage waren wir in diesem Zentrum für biologischem Gartenbau. Sie betreiben dort den Geschäftssitz mit Tausenden Mitgliedern, denen sie Samen ausliefern oder tauschen. Dazu bilden sie Garten-Meister aus, die in anderen Institutionen Laien anleiten um dort Gärten anzulegen, sie zu pflegen usw. In diesem Zentrum gibt es ein grosser Schaugarten, wo explizit gezeigt wird wie man z.B. in kleinsten Raum Blumen, Stauden oder Gemüse anbauen kann. Dieses riesige Gelände wird vorwiegend durch Freiwillige bearbeitet. Gruppen von geistig und körperlich Behinderten oder Dementen werden dort auch betreut. In diesem Zentrum erhielten wir Informationen über Demenz-Kranke und Gartenarbeit. Dann besuchten wir z.B. grosse städtische Schrebergärten mit 400 Mitgliedern, einen Universitätsgarten für Studenten, ein Garten für Flüchtlinge, ein öffentlicher Therapie Garten, wo Platz ist zum Verweilen und Kauf von Pflanzen möglich ist. Zum Schluss fuhren wir in ein Hochsicherheits-Gefängnis, wo mitten drin ein wunderbarer biologischer Garten von Gefangenen gestaltet und bearbeitet wird. Überall wo wir hinkamen, waren stets wieder diese Garden-Masters anwesend, die solche Projekte fachlich und organisatorisch betreuen. Am Sonntag hatten wir die Möglichkeit einen ganzen Tag in Stradford die Shakespeare-Stätten zu besuchen. Das Leben dieser Persönlichkeit wurden so lebensnah erlebbar. Kamila und ich waren dann noch zwei Nächte in London, wo wir u.a. den Palast und Park der Königin, den Tower und seine berühmte Brücke und das Nationalmuseum besuchten. Wir waren angetan von der Großzügigkeit der Parks, aber auch vom freien Eintritt zu den berühmtesten Bilder der Welt. Wir lernten uns mit der U-Bahn fortzubewegen. Wir waren erstaunt, wie man von London nach Paris, unter dem Ärmelkanal hindurch, nur zwei Stunden und ein Viertel Zeit braucht. Zurückgekehrt befassen wir uns mit der Einladung dieser Gruppe im September. Kamila will den Rosenhof-Park bis zu dieser Zeit auch noch weiter gestalten.

 


16. März 2018

Nach dem wunderschönen Sonnentag und der sternenklaren Nacht geht es mit Riesenschritten zur Tag- und Nachtgleiche am 21. März. Durch den Tag überall Frühlingsblumen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie die Krokusse, Tulpen und Osterglocken schnell da sind. Das sind eben Knollengewächse, die aus ihren vorbereiteten Knollen explodieren. Im Rosenhof haben wir eine Invasion von Saatkrähen. Ich zählte über dreissig Nester in den luftigen Höhen unserer hohen Rosenhofbäume. Sollen wir da geehrt sein? Oder geht uns ihr ständiges Gekreische auf den Wecker? Die Vögel Odins sind eine Gesellschaft, die zum Teil gemeinsame Flüge vollführen, sich aber dann klar den Nest-Ort verteidigen. Also eine Art Kommune, die aber ihr Schlafzimmer und Kinderaufzucht privat halten. Gerne würde ich ihre Vogelsprache verstehen, um daran teilnehmen zu können, was sie den alles so kreischen.

In der sternenhellen Nacht sah ich den prächtigen Orion, begleitet vom hellen Sirius links unten, den Zwillingssternen links oben und rechter Hand der Stier mit dem rötlichen Aldebaran, dem Auge des Stiers und den Pleijaden. Im Osten der aufsteigende prächtige Löwe. Ungeachtet der tagespolitischen Situation, bewegen sie sich seit Äonen durch das Weltall. Uns zur Orientierung und Halt im Weltgetümmel.

In der Stiftung konnten wir in der grossen Tellenhofwohnung ein Projekt etablieren. Es heisst „INSlot“ und bietet ein betreutes Wohnen und Therapien an.  Im Lilienhof ziehen zwei Paare in die grosse  Sieben-Zimmerwohnung. Die Frauen erlebten als Töchter einer Hausmutter das frühere Schlössli. Kamila ist voller Tatendrang im Rosenhofpark. Dort soll in Bezug auf die Flora diesen Frühling und Sommer Einiges geschehen.

Ich gehe heute nach Dornach und nehme übers Wochenende an einer Tagung über die Zwölf Sinne teil. Diese Sinneslehre Rudolf Steiners begleitet mich jetzt schon 60 Jahre.

Nächsten Dienstag verreisen Kamila und ich für zehn Tage nach England. Wir treffen dort unsere Freunde vom internationalen Garten-Therapie-Projekt. Julian wird auch dabei sein. Nächsten September kommt diese Gruppe ins Schlössli. Kamila plant schon jetzt das Treffen. Nach Ostern sind wir wieder da. Tom verreist in einer Woche mit seiner Freundin für drei Wochen nach Indonesien. So verlassen wir unser Schlössli-Nest, um aber dann voller Welterfahrungen uns wieder für das Schlössli einzusetzten. Vielleicht sind in den Krähennester schon hungrige Krähenjunge bei unserem Zurückkommen. Gott sei Dank müssen wir uns für diese Nachzucht nicht kümmern.

 


04. März 2018

Vor knapp einer Woche kam ich zurück aus Tschechien. In Tschechien gab ich einer Gruppe von Therapeuten einen Kurs über die Christologie Rudolf Steiner. Ich glaube, es ist mir gelungen, den Christusimpuls, jenseits des institutionellen Christentums, so wie ihn Rudolf Steiner darstellte, zu vermitteln. Ich gab einer neugegründeten Waldorfschule im Norden Tschechiens, in Litvinov, nähe Most, einen Vortrag über die geistigen Hintergründe einer Waldorfschule. Kamila und ich besuchten ein Theater der Waldorfschüler des Lyzeums in Prag: Wunderbar, ein Wildwestschwank der 60iger Jahre mit Revolverhelden, Gesang, Tanz und Komik. Hier zeigte sich wieder die Innovationskraft der Waldorfschüler, natürlich unter der Leitung erfahrener Waldorflehrern. Am Wochenende gab ich in der anthroposophischen Akademie in Prag einen Kurs aus der Geschichte der Psychologie mit Freud, Jung, Fromm, Frankel und Steiner.

Eisige Kälte erwartete mich bei der Ankunft in der Schweiz und bald viel Schnee, der jetzt noch haufenweise liegt. Es ist aber bereits wieder wärmer geworden. In dieser Woche gab es viele Besprechungen mit neuen Mietern. Klar ist jetzt, dass Mitte April die Initiative „INSlot“, Zentrum für Heilung und Bewusstsein in die Tellenhofwohnung einziehen wird. Sie wollen einen kreativen Lebens, Heil- und Bildungsraum im Sinne des neuen Bewusstseins und der Menschenkunde von Rudolf Steiner zur Verfügung stellen. Wohnungen im Schlössli sind begehrt.

Gerade habe ich den Roman „Ein Bild von Lydia“ von Lukas Hartmann fertig gelesen: Hier wird die historische Skandal-Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die der Alfred Escher-Tochter Lydia und des Malers Karl Stauffers, aus der Sicht deren Kammerzofe Louise erzählt. In virtuoser Erzählkunst schildert Lukas Hartmann das Drama vor dem damaligen Hintergrund des Bundesrats Welti und seines Sohnes, dem gehörnten Ehemann von Lydia. Karl wird in Rom verhaftet und ins Gefängnis gebracht, Lydia wird als geistesgestört in eine psychiatrische Klinik gebracht. Obwohl später festgestellt wird, dass Karl nichts Kriminelles getan hat, ausser mit Lydia aus der Ehe zu flüchten, und das Lydia nicht psychisch krank war, hat der brutale politische und polizeiliche Eingriff die Beiden seelisch so zerrüttet, dass Karl sich das Leben nimmt und Lydia tatsächlich psychisch krank wird und ebenfalls willentlich aus dem Leben scheidet. Hintergrund ist das Prestigedenken eines Bundesrats und der Reichtum der damaligen reichsten Schweizerin, seiner Schwiegertochter Lydia.  Ein menschliches Drama im Zusammenhang mit Repräsentanten der Schweiz.

Gestern Nachmittag hatte ich mit Tinu den Rhythmus Acht aus der Improvisations-Reihe Eins und Zwölf. Da ausser uns niemand dazu gefunden hatte, unterhielten wir uns über den Achter-Rhythmus und seine Themen. Ich hatte für diesen Anlass einen Text zur Acht verfasst:

ACHT

Acht-tung die Acht kommt.  Habt Acht und Achtung vor der Acht. Die Achtung vor der Schöpfung, ein höchstes menschliches Gebot.
Wenn die Septime noch eine Frage stellt, die Oktave ist die Antwort, ist das Gegen-Wort, ist die Über-Höhung, die Ewigkeit, die Lemniskate, die Vollkommenheit.
Aus der bewegenden sieben-gliederige Planetensphäre gelangen wir zur ruhenden Kristallkugel des Fixsternhimmels. Planetarische Bewegung wird Bild, Sternbild.
Im achtgliederigen Pfad erreichen wir das achtspeichige Rad des Glücks.
In der Acht haben wir die erste Kubikzahl 2.2.2., die Raumdimension der acht Ecken des Würfels.
Die Templerburgen haben alle acht Ecken.
Der achte Tag als Auferstehungstag Christi nach dem Einzug in Jerusalem am Palmsonntag. Auferstehungstag heisst das leere Grab am Ostermorgen zu erklären: Die Materie verschwindet in der Ätherisierung, ein Menschheitstraum.
Zahlenmystisch addiert sich der der Name Jesous auf 888.
Die achte Karte des Tarot heisst Gerechtigkeit. Der Mensch wird auf die Waage des Gerichtes gestellt.
In der Oktave entsteht auf der halblangen Saite die Verdoppelung der Tonhöhe. Weniger gibt mehr.
Im Achter-Rhythmus versammeln sich der Zweier- und der Vierer-Rhythmus. Schwierig diese höhere Dimension der Acht-Ganzheit als Ganzheit und nicht seiner Teile zu erleben.
In der Acht erfahren wir die Wiederholung einer Ganzheit, aber auf höherer Ebene. Die Spirale als Wiederholung, aber eben hinauf in die Ewigkeit: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Und gestern Abend fand durch den Kulturverein INSgeheim im Runensaal ein wunderbares Jazz-Konzert statt: Weltklasse Jazz mit Ellery Eskelin, Tenorsax, aus New York; Christian Weber, Bass (Schweiz) und Michael Griener, Drums, Berlin. Die Drei zeigten virtuos, was aus Instrumenten herauszuholen ist - wenn man sie mit Können, Intensität und Emotionalität spielt. Hier wurde wieder einmal manifestiert, was der Jazz zu bieten hat im modernen Bewusstseinsleben: Der Musiker kreiert aus seiner Individualität und Intuition das Eigene, im Moment erstmal Erschaffene und doch im sozialen Zusammenhang der Gruppe. Das braucht ein Lauschen auf sich selber, aber eben auch auf den Andern. Das Ich und das Du sind Impulsgeber und bilden ein Gesamtkunstwerk. So sollten auch Gemeinschaften funktionieren. Der Mensch ist erst als Künstler sozial und individuiert. Dank sei dem dem Kulturverein INSgeheim erneut gesagt, uns im Schlössli solch hohe Qualität zu bieten!

 


14. Februar 2018

Gestern Abend war ich Bern, um mir auf Einladung der Berner Grünen den Film „Die Vierte Gewalt“ von Dieter Fahrer im Cinema Movie anzuschauen. Es geht darin um die existentielle Aufgabe des Journalismus. Man schaut den Machern von Radio und Printmedien zu, wie sie arbeiten. Eindrücklich wie sie organisiert sind, wie Teams zusammen arbeiten, ständig unter dem finanziellen Druck der Verlagshäuser. Dieses Engagement für gute Öffentlichkeitsarbeit ist erstaunlich. Es werden Dutzende Porträts von Frauen und Männer dieser Sparte gezeigt - sie ringen um menschliche Werte, um die Frage, was dem eigentlichen Leser und Hörer zumutbar ist. Wertvoll sind all die Statements, die authentisch und frisch wirken. Kaum ein Leerlaufgerede.

Bei der Einführung zum Film äusserte sich der Regisseur, dass es vor allem um die innere Haltung geht. Die kann nicht äusserlich gemessen werden. Da kam mir ein Text von Jean Gebser in den Sinn:

Bewusstseinssprünge
Jean Gebser

Anstelle der Hektik
tritt die Stille und das Schweigen-Können;
anstelle des ausschliesslichen Ziel- und Zweckdenkens
tritt die Absichtslosigkeit;
anstelle des Machtstrebens
tritt Hingabe und echte Liebesfähigkeit:
anstelle des quantitativen Leerlaufs
tritt das qualitative geistige Geschehen;
anstelle der Manipulation
tritt das geduldige Gewährenlassen der fügenden Kräfte;
anstelle des mechanischen Ordnens, der Organisation,
tritt das „In der Ordnung sein“;
anstelle der Vorurteile
tritt der Verzicht auf Werturteile,
also statt Kurzschluss unsentimentale Toleranz;
anstelle dualistischer Gegensätze
tritt die Transparenz;
tritt die Haltung;
anstelle des homo faber
tritt der homo integer;
anstelle des gespaltenen Menschen
tritt der ganze Mensch;
anstelle der Leere der begrenzten Welt
tritt die Weite der offenen Welt.

Diese Haltung spürte ich auch vom Regisseur. Im Film lässt er seine betagten Eltern als „Bund“-Leser immer wieder ganz persönlich agieren. Es zeigt eben gerade diese menschliche Haltung, die immer nur exemplarisch dokumentiert werden kann.

Bei der Stiftung Seiler stehen wichtige Entscheidungen in Bezug auf die 7-Zimmer-Wohnungen im Tellenhof und Lilienhof und der 2-Zimmerwohnung im Stöckli an. Viele potentielle Mieter haben sich gemeldet. Darunter auch Viele, die der Stiftung neue Impulse geben werden. Die vorige Nacht war einmal wieder im Seeland ein wunderbarer Sternenhimmel: Am Abend um 22.00 Uhr sah ich das Sternbild des Orions mit dem Sirius leuchten. Dann der Reigen folgender Sternbilder von West nach Ost: Widder, Stier mit den Plejaden, Zwillinge mit dem Prokyon, die feinen Krebssterne, der machtvolle Löwe, langgezogene Jungfrau mit Spika und die harmonisierende Waage mit dem hellen Jupiter. Dann leuchtete der Grosse Waagen rechts vom Polarstern und links die Kassiopeia. Voller Geisteswärme kehrte ich vom Nachtspaziergang nach Hause und nahm die Sternenwelt in die Welt des Schlafs und der Träume mit.

Morgen fahre ich am Abend  mit dem Bus nach Prag. Dort werde ich Kamila treffen. Wir beide geben nächstes Wochenende einer Gruppe von Therapeuten und Interessierten einen Kurs mit dem Titel: Rudolf Steiners Christologie. Dieses Thema habe ich noch nie so explizit unterrichtet. Ich hoffe ich kann der Anfrage genügen. Dann fahre ich nächste Woche in den Norden von Tschechien, nach Most. Dort besteht ein Waldorfkindergarten. Sie möchten weiter eine Waldorfschule gründen und ich soll ihnen dabei helfen. Am Ende der Woche bin ich noch in der Akademie in Prag und gebe einen Kurs über die Geschichte der Psychologie anhand der Persönlichkeiten Freud, Jung, Adler, Fromm, Frankel und Steiner. Am 26. Februar bin ich wieder Ins.

 


04. Februar 2018

Schon sind die Tage länger. Vor allem merklich am Abend. Sehr schöne Sonnenuntergänge über dem Neuenburgersee. Es ist zwar etwas kälter geworden. Doch die Wärme von Ende Januar trieben die Krokusse, Schneeglöcklein und gelben Winterlinge hervor. Es knospet in den Sträuchern und Bäumen. Noch verhalten und doch mit unwiderstehlicher Kraft. Die Pflanzen wollen wiedergeboren werden. Ich spüre selbst wie es mich nach dem Frühling drängt. Obwohl ich weiss, dass es noch viel Geduld braucht, bis es wirklich Frühling wird und es Vielen noch nicht genug Winter war.

Mich drängen Zukunftshoffnungen, dass sie verwirklicht werden können. Manchmal habe ich ein Sehnen in meiner Brust und bin ungeduldig: wegen meinem Büchlein über „Wärme“. Jahrzehnte lang haben die Gedanken darüber geschlafen, lagen träumend in meiner Seele. Dann vor 11 Jahren in zwei Nächten als Urschrift skizziert und 2009 veröffentlicht und seit dem im Internet als „Wärmepädagogik“ abrufbar. Dann griff ich das Thema Wärme in den letzten Jahren wieder auf. Beschäftigte mich zunächst wieder intensiver mit der „Wärmemeditation“ Rudolf Steiners. Noch vor ein paar Wochen glaubte ich immer noch, dass es bis zu einer Buchveröffentlichung Jahre braucht. Dann der unfreiwillige dreiwöchige Aufenthalt ganz alleine in Prag wegen meiner Zahngeschichte.

Nun wird das fertige Manuskript bei Vanda Messerli-Bolek korrigiert, die schon alle meine früheren Bücher druckfähig gemacht hat. Mit dem Verleger habe ich auch gesprochen: Noch ist nicht alles entschieden, doch sieht es aus, als dass mein Büchlein knospend drängt, als Blatt und Blüte den Frühling zu erreichen. Ich freue mich.

Gestern Abend hat unser Kulturverein INSgeheim im Druidenhof wieder eine Künstlertruppe, die Cie Chapeau auftreten lassen: In einem furiosen Varieté zeigten die Künstler die moderne Problematik des Überflusses, der Wegwerfgesellschaft, des Multitaskings, des Zappens. In Schauspiel, Tanz und Artistik, begleitet mit Cello und Elektromusik wurde eine umwerfende Performance gezeigt. Die künstlerischen Leistung der Einzelnen, aber auch in der Choreografie war hochwertig. Am Schluss das Adam und Eva-Spiel; ein wunderbares Bild, wie es einst zu Ende ging mit dem Paradies. Schon sind wir in der Hölle des Zappens. Doch das Höllische zuweilen verwirrend, auch freundlich und liebevoll.

Bei der Stiftung Seiler haben wir aktuell mit dem Aufgeben der „Freien Heimschule Seeland“ zu tun. Neue Mieter werden für Wohnung und Klassenzimmer gesucht. Hoffnungen eine Schule für TimeoutschülerInnen bei uns zu haben, sind verflogen. Schade. Viele Inserate sind publiziert. Vielleicht gibt es ein kreativer Neuanfang. Auch so eine Frühlingshoffnung.

In meiner Zeit in Prag über Neujahr, wo ich wieder einmal das Krachen der Feuerwehrkörper erlebte, als wäre man im Krieg, verfasste ich auch ein Essay über den Roman „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Es sei hier also noch präsentiert:


Anna Karenina

Inspiriert vom neuen russischen Film von Regisseur Karen Schachnasarow über den Roman „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi, las ich die neue Übersetzung von Rosmarie Tieze. Der Film ist eine fiktive Geschichte aus der Sicht des Roman-Geliebten Wronsky und hat mit dem Roman nur noch beschränkt zu tun. Doch zeigt er das mondäne Leben der damaligen russischen Aristokratie.


Nun habe ich den Roman (1200 Seiten) neu gelesen und bin unglaublich beeindruckt vom Kosmos der russischen Seele. Tolstois Meisterwerk ist ein Bildungsbuch der Weltliteratur und gleichwertig wie etwa der Faust Goethes. Er enthält unendlich viele Facetten der menschlichen Seele. Wie in Dostojewskis Werke eine Tiefen-Psychologie! Doch er beinhaltet auch alle Aspekte der Ideologien, der Ökologie, der Volksbräuche usw.

Da ich Leo Tolstoi bisher eher als Pädagoge und Schriftsteller kurzer Geschichten, z.B. „Wie viel Erde braucht der Mensch“, oder als Freund Mahatma Gandhis wahrgenommen habe, beeindruckt mich „Anna Karenina“ sehr. Dieses Werk ist eine Recherche des russischen Lebens und der russischen Gesellschaft, vorwiegend in adeligen Kreisen am Ende des 19. Jahrhundert. Literarisch ist darin die Tragödie der liebenden und hassenden Anna Karenina als roter Faden enthalten. Es spiegelt die Seele einer Frau, die als Gattin eines älteren, seelisch verschlossenen Autokraten, plötzlich die Chance einer Feuer entfachenden Liebe ausserhalb der Ehe spürt und sich das Recht nimmt zu lieben.

Anna Karenina reiste von Moskau nach Petersburg mit dem Zug und macht darin die Bekanntschaft mit einer Fürstin. In Petersburg angekommen wird die Fürstin von ihrem Sohn abgeholt. Es ist der Fürst Wronski.  Der ist augenblicklich von Anna eingenommen und fragt sie, wo er sie treffen könne. Anna zuerst noch zögerlich, ist zurückhaltend. Und doch das Feuer ist angezündet, dass Anna zuerst in Liebesglut bringen wird und später zum Selbstmord. Wronski versucht sie überall zu treffen.

Entscheidend ist der adeliger Ball, wo sie tanzend sich finden. Dieser Ball ist aber der Verknüpfungspunkt des ganzen Romans. Vor diesem sich Finden von Anna und Wronski beginnt der Roman die Geschichte mit der jungen Fürstentochter Kitty und dem Landadeligen Lewin. Lewin will eigentlich Kitty einen Heiratsantrag machen an diesem Ball. Doch Kitty hofft noch auf Wronski, der ihr Hoffnungen machte und sie weist Lewin zurück. Nun hat Wronski eine andere Frau gefunden. Und Kitty ist enttäuscht. Ebenfalls Lewin, der sich zurück zieht. Und es braucht eine Weile im Roman, bis die beide sich doch finden und heiraten.

Es ist eine Art Parallelgeschichte dieser zwei Paare: Bei Anna und Wronsky brennt die Liebe von Anfang an lichterloh und verbrennt. Bei Kitty und Lewin geschieht die Annährung zögerlich aber dafür nachhaltig. Also, dass an diesem Ball Anna und Wronski sich öffentlich verbinden und damit eine andere Prinzessin, die Kitty, aushebeln, die bisher als Partie mit Wronski galt, lässt im Roman die Verschlungenheit erahnen. Wronski und Anna werden ein Paar. Sie steht gegenüber ihrem Ehemann dazu und sagt ihm auch, dass sie von Wronski ein Kind erwartet. Anna gebiert im Hause ihres Ehemanns eine Tochter. Doch Anna scheint daran an Kindbettfieber zu sterben. Ehemann und Geliebter verfolgen gemeinsam das Sterben dieser Frau. Der Ehemann vergibt ihr alles und will sie freigeben, wenn sie überlebt.

Doch Anna stirbt nicht, obwohl sie sich das gewünscht hatte. Anna und Wronski machen eine Europareise. Es scheint, dass ihre Liebe voll zum Zuge kommt. Zurückgekehrt in Russland, will aber ihr Ehemann sie doch nicht freigeben und lehnt eine Scheidung ab, dazu will er ihren gemeinsamen Sohn, etwa zehnjährig, der von Anna heiss geliebt wird, nicht der Mutter überlassen. Anna schwankt in ihrer Liebe zu Wronski und ihrem Sohn. Beide liebt sie. Doch ihren Sohn muss sie opfern.

Anna und Wronski ziehen aufs Land, wo Wronski sehr geschickt als Grossgrundbesitzer seinen Hof aufbaut. Doch Anna ist dort von der Gesellschaft isoliert und geächtet. Sie kann Wronski nicht heiraten, weil ihr Ehemann sie nicht freilässt. Wronski möchte mit ihrer gemeinsamen Tochter noch mehrere Kinder. Doch das geht nicht, weil Anna ja noch immer verheiratet ist und sie Todesangst hat vor einer neuen Geburt.

Wronski ist ein Gesellschaftsmensch, ist oft von zuhause fort. Er will auch als Mann frei sein. Anna kann das nicht akzeptieren. Ist eifersüchtig. Wieder in Moskau zerrüttet sich das Liebesverhältnis zwischen Anna und Wronski. Es geht um Liebe, Eifersucht, aufbrechender Hass und wieder Liebe. Anna sieht nur noch einen einzigen Ausweg aus ihrer Situation: Selbstmord. Nur so kann sie sich durch ihr eigenes Opfer an Ehemann und Wronski rächen. Sie tut dies, indem sie sich unter den Zug wirft. Wronski verzweifelt und am Boden zerstört, zieht er als Freiwilliger in den russisch-türkischen Krieg, wo er sein Leben opfern will.

Dieser kurze Handlungsablauf zeigt aber nicht das Wesentliche: Grossartig wie Tolstoi dieses alles so Detail getreu und psychologisch schildert. Nichts ist plakativ oder klischeehaft. Wundervoll wird die Anna beschrieben, in ihrer Mimik, mit ihren Augen, in ihrer grossartigen Liebefähigkeit, aber auch in ihrer Destruktion und dem Hass, z.T. unter Morphium. Es entsteht das Porträt einer freiheitsliebenden Frau, die sich das Recht nimmt, den zu lieben, den sie lieben will, aber zugleich zeigt, dass die bourgoise Bande des Ehestandes sie nicht freilässt. Es ist sofort die Frage, was an Schuld Wronski zu dieser Tragödie beiträgt. Natürlich ist er der ehrgeizige Eroberer dieser „Schönheitskönigin“. Doch er verzweifelt an der Unerbittlichkeit von Annas Seele, die ihn ganz will. Wie frei ist der Mann in der Beziehung? Wronski will sie lieben und zugleich seine Freiheit im gesellschaftlichen Leben zelebrieren.

Die Geschichte mit Anna und Wronski ist eben nur der Kern des weit ausgelegten Romans: Er beschreibt auch die überaus reizende Beziehung zwischen Lewin und Kitty. Nach Hindernissen kann Lewin Kitty ehelichen. Eindrücklich wird der Heiratsantrag von Lewi geschildert. Es ist dies ein Wunderwerk der Psychologie. Die  Hauptschilderung der Handlung geschieht über die Mimik, die Augen, die Körperhaltung, das Erröten. Ständig erröten die Frauen bei Tolstoi, aber auch die Männer. Dann wird geheiratet. Diese Erzählung ist eine gesellschaftliche Miniatur der damaligen Zeit.

Dann der Tod des drogensüchtigen Bruders von Lewin: Wie Kitty ihm praktisch hilft, in dieser elenden erbärmlichen Umgebung der Todeskammer, um ihn zu einem würdigen Tod zu verhelfen, der zwar nichts von Grösse hat, sondern nur grausam ist. Weiter wird das Landleben auf dem Hof von Lewin geschildert: Wie sie als Neuverheirateten versuchen ihre neue Beziehung zu finden, ist so liebevoll und rührend. Kitty hat Verständnis mit dem ständig zweifelnden Lewin. Immer wieder zeigt Tolstoi diese innige Eheliebe zwischen den Beiden. Wirklich das Gegenbild zu Annas Ehe und ihre Liebschaft zu Wronski. Dann wird das Geburtsgeschehen bei Kitty geschildert: Die Geburtsschmerzen, das Schreien der Wöchnerin. Levin hat Angst seine Frau zu verlieren. Als Nichtgläubiger fängt er an zu beten. Dann das Kind und das Stillen, das Werden einer Beziehung zu ihm. Diese z.T. auch anspruchsvolle und nicht einfache Beziehung zwischen Kitty und Lewin zeigen, dass es möglich ist eine menschlich wertvolle Ehe zu führen.

Diese zwei hauptsächlichen Erzählstränge werden begleitet von Natur- und Gesellschaftsschilderungen. Es seien hier einige Motive dieses Romans skizziert: Lewin hat Bienen. Schon diese Schilderung lädt ein sich mit der Bienenhaltung zu beschäftigen. – Dann die Jagdszenen. Hier wird die liebevolle Naturverbundenheit gezeigt. – Dann das Heuschneiden. Seitenlang wird dieses Schneiden des Grases in naturgetreuer Art dargestellt. All die Naturbeschreibungen: von Käfern an Halmen bis zu dem Sommer-Dreieck der Sterne. Ist der Himmel unendlich oder doch ein Gewölbe? Die elementare Kraft des Wetters, das Einschlagen des Blitzes in eine Eiche, die umfallend fast Kitty und ihr Kind getroffen hätte. – Die Stellung des Grossgrundbesitzers zu den Arbeitern wird ausführlich diskutiert. Hier wird die soziale Frage des Bauern in Russland gezeigt. – Ausführlich werden die Kleider beschrieben. Schon nur diese Schilderungen sind es wert, die hohe Kultur der Bekleidung und ihre Bedeutung kennen zu lernen. Die Röcke der Frauen und die Uniformen der Männer. Dazu die Beschreibung eines Balls der Adeligen. Alles Kultur auf dem höchsten Niveau. – Das Pferderennen als ein wichtiger Anlass der höheren Gesellschaft. Die Reiter, die Pferde, die bangenden Frauen, die ehrgeizigen an Geld interessierenden Männer. – Was alles über die Eisenbahn, auch als wirtschaftlicher und kultureller Impuls geschrieben wird ist hoch interessant. – Die Kutsche als Hauptverkehrsmittel und Taxi mit ihren Kutschern ist ein Kulturbeschreibung ersten Ranges. – Dann die Oper und ihre gesellschaftliche Bedeutung hautnah geschildert. – Die adelige Oberflächlichkeit und gesellschaftliche Ausnützung des niederen Volkes. Überall die dienerischen Lakajen, die unterwürfig und Komplizen Haft auftreten und ständig Billets überbringen. In den adeligen Haushalten wimmelt es von Angestellten. Der Adel als Arbeitsgeber. – Das Fremdgehen der Männer im Gegensatz zum Fremdgehen der Frauen im Zusammenhang der tragischen Gestalt von Anna. – Dann die Erziehung und Schulung der Kinder. Hier zeigt sich Tolstoi als Wissender der Pädagogik. Das Stillen und die Beziehungspflege des Säuglings zu Mutter und Vater. Wann erkennt das Baby die Eltern? – Die Frage des Slawismus, im Bezug auf den russisch-türkischen Krieg. – Es werden die Weltreligionen diskutiert. Zugleich auch der Rationalismus, verschiedenste Ideologien und Sekten. Der Zarismus. Das Volk will einen Zar. Putin? – Der Staat als unnützes bürokratisches Gebilde, das nur den Bürokraten dient. Ein Frage auch noch der heutigen Zeit. – Das Volk, was ist das. Gibt es das überhaupt? – Die Leibeigenschaft. Ist der Sklave, der befreit wird, frei? – Der Drogenschlammassel des Bruders von Lewin. – Die Oberflächlichkeit des Adels, aber zugleich die Sprachgewandtheit in europäischen Sprachen und ihr hohes Niveau in der Wissenschaft. – Die Weitläufigkeit des Romans ist bedächtig und weit angelegt, wie das russische Land.

Wo kommt die Moralität her? Nicht aus der Kirche, sondern aus dem täglichen Leben, in der Familie, in den Beziehungen. Man ist ein guter Mensch, wenn man Gutes tut im Kleinen. Was ist das Christentum? Christus wird in ausserordentlichen Augenblicken, in der Nähe von Geburt und Tod erlebt. Ein Ich-Erlebnis ohne kirchlichen Glauben. Im Gegensatz dazu das Sektenwesen, in das Annas Ehemann geriet. Hier wird an Gott geglaubt ohne Moral und Menschlichkeit dem anderen gegenüber. Tolstoi ist nicht moralistisch, sondern in der Beschreibung des Menschen im Elend und gutem Leben moralisch. Die Hitze und Kälte in den Jahreszeiten und die Hitze und Kälte in den Menschen. Aber eben auch die Wärme im guten Menschen. Das Erkalten der hitzigen Liebe und die Nachhaltigkeit der mit einander ringenden Liebe, die die Flamme des Herzens nicht zum Auslöschen bringt, die die konstante Eigenwärme der Liebenden pflegt.

 


30. Januar 2018

Es ist der Jahrestag der grossen Katastrophe in der Schlössli-Geschichte: Vor vier Jahren genau wurde ich in das kantonalbernische Jugendamt zitiert, wo mir mitgeteilt wurde dass die Heimschule Schlössli Ende Juni 2014 endgültig geschlossen werde. Die schwärzeste Tag meines Lebens. Mit der Gewissheit dass mein Lebenswerk durch staatliche Gewalt vollständig zerstört wird, war mir nicht mehr klar, wie mein Leben weitergehen würde. Ich musste noch während eines halben Jahres zuschauen, wie durch staatlich angestellte Liquidatoren verbrannte Erde betrieben wurde.

So öffne ich jedes Jahr meine Wunde - um zu schauen, wie weh es noch tut. Ich hatte mich zwar schnell darauf eingerichtet, ohne Hassgefühle gegen meine Widersacher in mir aufkommen zu lassen. Ich sehe die ganze Sache als Tragödie unserer Zeit, wo der Staat omnipotent und zerstörerisch in das Geistesleben eingreift.  

Meine Kraft habe ich ganz auf die Zukunft fokussiert. Nun sehen wir, dass sich doch einige neue Substanz im Schlössli angereichert hat. Es gibt schon ganz konkret Menschen, die das Schlössli tragen helfen. Doch es braucht Jahre, damit auf dieser ehemaligen verbrannten Erde wirklich Neues wächst. Ich finde es schön, dass ich all dies überlebt habe und wünsche mir noch Jahre hier zu leben, um dieses Neue Schlössli begleiten zu dürfen.

In meinem Leben schaute ich immer wieder in das Sternengewölbe. Beim Anblick der Sterne fand ich eine sichere Heimat. Sie ist mir sicher, wenn alles unsicher wird. Die Sterne sind mir Freunde geworden, auf die ich zählen kann. Rudolf Steiner sagt: Die Götter in ihrer Liebe streicheln gewissermassen die Welt. ... Sie liebkosen die Welt, sie berühren sie an gewissen Stellen. Dieser Ausdruck der Liebe im Äther, das sind die Sterne.

 


26. Januar 2018

Also da war ja noch die Weihnachtszeit, wo unsere Familie in Sigriswil zusammen war. Kurz davor war mir eine fünfzigjährige Zahnbrücke herausgefallen. Ich musste also nach Weihnachten drei Wochen in Prag bei meiner ausgezeichneten Zahnärztin verbringen. Schmerzen hatte ich nicht, aber die Rekonstruktion war langwierig. In Prag schrieb ich vor allem an meinem neuen Buch: „Es gibt nichts Gutes ausser man tut es - Von der Wärmemeditation Rudolf Steiners, die zur Wärmepädagogik führt“ In diesem Buch untersuche ich vor allem zwei Thesen: Wo finde ich das Gute? Nicht im Denken, nicht im Fühlen, sondern im Tun. So stellt es Rudolf Steiner in seiner Wärmemeditation dar. Doch eine andere These, die ich schon 2007 in einer Skizze formulierte, die dann 2009 im "Schulkreis", einer Zeitschrift der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz, veröffentlicht wurde: Die Wärme ist nicht nur die Polarität zur Kälte, sondern steht inmitten von Kälte und Hitze. Diese Erkenntnis führte mich dann zu einer expliziten Wärmepädagogik. Seitdem verweist im Internet der Begriff „Wärmepädagogik“ zur eben im Schulkreis veröffentlichen Skizze. Mich drängt es das Buch zu veröffentlichen. Ich brauche dazu noch Geld und einen Verlag. Die Übersetzung ins Tschechische wurde mir bereits versprochen.

In Prag sah ich mir einige eindrückliche Filme an, besuchte Ausstellungen und Jazz-Konzerte. Drei Wochen Alleinsein ist gewöhnungsbedürftig, aber auch eine Chance mit sich ins Reine zu kommen. Ich arbeitete auch an einem Essay über Anna Karenina. Ich werde es später hier veröffentlichen.

Vor einer Woche nach Ins zurückgekehrt, machte ich mir schnell einen persönlichen Überblick über das Befinden der Schlössli-Bewohner und über die Aufgaben der Stiftung Seiler. Tom und Kamila haben in meiner Abwesenheit gut zum Schlössli geschaut. Anzeichen des gewaltigen Sturms sieht man noch vielerorts. Mit Julian sprach ich über Finanzielles. Er ist in Vorbereitung für eine „Schlössli Post“ Ende Februar. Ich musste ihm auch eine Chronik schreiben.

Der Kulturverein veranstaltete ein Konzert mit den Similis: Fulminantes Programm mit Kindern und Jugendlichen ihrer Musikschule: Gemütvolle Liedvorträge aus dem Provenzalischen, Geigenvirtuosität, gekonnte Arrangements, eindrücklich musizierende Kinder und Jugendliche. Der Runensaal im Druidenhof war übervoll: mehr als hundert Besucher!

Diese Woche arbeitete ich noch im Rosenhofpark: Verspätet befreite ich den Boden vom Laub, darunter schon Krokusse, Primeli, Schneeglöcklein und Winterlinge, die ihre Köpfe streckten. Es war über zehn Grad warm und erst Ende Januar.

 


07. Januar 2018

Auch bei uns hat der Sturm Burglind einige Spuren hinterlassen. ...

Wir sind dran, die Schäden zu beheben und aufzuräumen. Vielen Dank an alle Mithelfer!

 

Arena
Silberpappel
Ross- und Hühnerstall

12. Dezember 2017

In den letzten Tage habe ich mich mit Sängerin Maria Callas beschäftigt. Rein zufällig sah ich mir den Dokumentarfilm über sie an. Ich kaufte mir eine ausgezeichnete Biografie über sie und ging den Film ein zweites Mal schauen. Dieser Film, dieses Buch, haben mich erschüttert. Im Kino kamen mir die Tränen.


Maria Callas ist in New York in einer frisch ausgewanderten griechischen Familie am 2. Dezember 1923 geboren. Maria ist 14-jährig, als sich die Mutter vom Vater trennte und mit Maria und ihrer älteren Schwester nach Griechenland zurückkehrt. Schon früh nimmt sie Gesangsstunden. Ihr Ziel ist schon damals, einmal in Mailand an der Scala singen zu können, was sie mit 29-jährig auch tut. In den Kriegsjahren in Athen nimmt sie Gesangsstunden bei ausgezeichneten Lehrerinnen, die sie auf den Operngesang vorbereiten. Maria ist eine willensstarke Sängerin und macht so grosse Fortschritte, dass sie schon öffentliche Konzerte geben kann. Am Kriegsende fährt sie zurück nach Amerika zu ihrem Vater.

1947 reist sie zurück nach Europa, nach Italien und ihre steile Karriere beginnt in Verona mit dem Dirigenten Tullio Serafin, mit dem sie Zeit ihres kurzen Lebens freundschaftliche Beziehung hat. 1949 heiratet sie Battista Menenghini, der ihr Manager wird, den sie aber 1959 wieder verlässt. 1951 beginnt ihr Singen tatsächlich in der Scala in Mailand. Bald wird sie als beste Sängerin, als Prima Donna des Jahrhunderts gefeiert: In Italien, in Amerika, in Südamerika, in London, in Paris usw. 1959 wird sie vom griechischen Reedereikönig Aristoteles auf sein Kreuzfahrtschiff eingeladen. Es entsteht eine innige Liebesbeziehung. Obwohl der Grieche die Witwe Kennedy heiratet (1968), bleiben sie bis zu seinem Tod in Paris Freunde. 1969 übernimmt sie die Titelrolle der „Medea“ in Pasolinis Film. Zu Pasolini bildet sich ebenfalls eine enge Freundschaft bis er 1975 in Rom unter mysteriösen Umständen ermordet wird. 1976 stirbt auch ihr Freund Luchino Visconti, mit dem sie anhin in der Scala etliche Opern inszeniert hat. Schlussendlich zieht sich Maria Callas in Paris zurück und stirbt mit 53-jährig an einem Herzschlag.

Ich kaufte mir die gerade neu herausgekommene Romanbiografie über Maria Callas von Gunna Wendt. Diese überaus gut recherchierte Dokumentation führt uns zur Wesensbeschreibung dieses Gesangswunders. Es entsteht ein Bild einer starken, Ich-zentrierten Persönlichkeit, deren Karma wirklich das Singen macht. Ihr Gesang ist nicht nur eine mühsam erarbeitete, hochqualifizierte Technik, sondern sie gestaltet ihren Operngesang zusammen mit schauspielerischem Können so, dass das Publikum völlig mit der tragischen Figur mitleidet. Maria integriert ihre persönliche Lebenserfahrung in der Rolle auf der Bühne. Theater wurde so zu einem Ereignis, das das Leben nicht nur abbildet, sondern wirklich real inszeniert. Die Themen Tod, Liebe, Verzweiflung, Kampf, Frauenschicksal werden lebendige Wirklichkeit. Maria hat jedes Mal so gesungen, als wäre es das erste oder das letzte Mal. Ihre Kunst war es, eben nicht routiniert gleich bleibend, sondern im Gegenwarts-Prozess aufzutreten. Das hat ihrem Gesang diese ausserordentliche Authentizität gegeben.

Ich füge einige Zitate aus dem Buch an:

„Sie hat nicht Rollen gesungen, niemals, sondern auf der Rasierklinge gelebt.“

„Manchmal klingt ihr Gesang wie Weinen. Es ist, als entspringe das Leid der Disziplin, Musik zu machen und der Disziplin eine Frau herzustellen.“

„Ihr Gesang war niemals mühelos, ihr Ringen um den spezifischen Klang immer spürbar. Auf der Opernbühne findet der permanente Kampf um Leben und Tod statt, bei dem sich die Sängerin immer wieder neu erschafft und multipliziert: als Geliebte, als Wahnsinnige, als Verlassene, als Vergewaltigte, als Mondsüchtige. Alle Opernheldinnen enden irgendwann bei dem gleichen Lied, sie singen 'lasst mich sterben'. Sie singen das mit einer Stimme, die zu Herzen geht, mit einer Stimme, die die Seele schmelzen lässt, die einen zum Weinen bringt.“

„Irgend einmal werden sie ununterscheidbar, die Emotionen der Sängerin und die des Publikums. Sie verbinden sich im Klang. Ohne körperliche Berührung dringt die Stimme in den Zuhörer ein und fordert eine Reaktion heraus. Weder die grosse Entfernung zum Zuschauerraum noch der Orchestergraben bieten Schutz vor dem Zugriff der Sängerin. Die Angst vor der Wirkung des weiblichen Gesangs hat eine lange Tradition und schlägt sich in zahlreichen Mythen nieder: Die Sirenen stürzen die Männer, die sie lauschen, ins Verderben – genau wie die Lorelei auf ihrem Todesfelsen. Gefahr geht von der weiblichen Stimme aus, gerade weil sie verführt und verzaubert.“

„Die Verführungskraft von Maria Callas Stimme ist durch das Medium Schallplatte gründlich dokumentiert worden. Schon 1949 hat eine italienische Plattenfirma damit begonnen. Als eine der ersten Künstlerinnen hinterliess Maria Callas ein gewaltiges Schallplattenoevre, zu dem sie vor allem von Legge ermutigt worden war. Selbst ein unerbittlicher Perfektionist, schätzte er diese Haltung auch bei Maria. Darüber hinaus schwärmte er von ihrer grossen Stimme, die zu ihrer besten Zeit einen Umgang von fast drei Oktaven hatte. Dazu kam ein unverwechselbares Timbre, ein phänomenales technisches Können und ein psychologisches Verständnis der Figuren, das sie für jede Rolle eine eigene Stimme formen liess. Legge präzisierte, sie habe eigentlich über drei unterschiedliche Stimmen verfügt: Eine hohe Koloraturstimme, umfangreich, brillant (und, wenn sie wollte, dunkel getönt), bewunderungswürdig agil. Dann die dunkel getönte Mittellage ihrer Stimme, die er am ausdrücklichsten fand. In dieser Lage entfaltete sie ihren individuellen gutturalen Klang, der manchmal wirkte, als sänge sie in eine Flasche.“

„Maria Callas wusste und sagte: Es ist nicht genug eine schöne Stimme zu haben, was bedeutet dies schon? Wenn man eine Rolle interpretiert, muss man tausend Farben haben, um Glück, Freude, Kummer, Angst auszudrücken. Wie kann man das nur mit einer schönen Stimme? Auch wenn man manchmal harsch klingt, wie ich es oft getan habe, ist das eine Ausdrucksnotwendigkeit. Man muss es tun, auch wenn die Leute es nicht verstehen.“

„Das fehlende Fragezeichen, das Kesting konstatiert, lässt die Erleidende zur Agierenden werden. Sie ist kein Opfer, das Fragen stellt, sondern Täterin, die auf den geeigneten Moment zur Tat wartet. Ihre Stimme drückt von Anfang an eine Grenzenlosigkeit der Empfindungs- aber auch der Handlungsfähigkeit aus. Da wo andere sich fügen, unterwerfen und verstummen, widersetzt sie sich. Sie begehrt auf, sie singt. Sie ist eine, die sich nicht verliert, sondern im Gesang findet. Sie formt sich selbst, setzt sich zusammen und lässt das Publikum an diesem Selbstschöpfungsprozess teilhaben. Jedes Mal aufs Neue. Unabhängig davon, wie oft Sie eine Rolle schon gesungen hat, leistet sie diese Arbeit mit jedem Auftritt so, als wäre es das erste Mal für sie.“

Diese wenigen Zitate zeigen, was eigentlich die Einmaligkeit von Maria Callas bedeutet. Im Buch wird auch beschrieben, wie Maria Callas beeindruckt war von der Filmschauspielerin Audrey Hepburn. Nun erinnere ich mich, dass Audreys Bild jahrelang an der Wand in meiner Bude im Seminar Muristalden hing (1959 bis 1963). Nicht die vollbusige Marylin Monroe noch die vitale Gina Lollobrigida machte mir damals Eindruck, sondern die zarte Audry Hepburn. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass mir als schüchterner Junge zu viel Weiblichkeit Angst machte. Auf jeden Fall zeigt sich in diesem gemeinsamen Idol etwas von Seelenverwandschaft.

 


10. Dezember 2017

Gestern Samstag, nach längerer Pause, ein Rhythmusnachmittag mit Tinu. Der Siebner-Rhythmus war angesagt. Folgenden Text las ich vor:

SIEBEN

Mit der Sieben treten wir vom Raum in die Zeit. Die chaldäische Reihe der sieben Planeten und die Siebentagewoche: der sonnige Sonntag, der mondige Montag, der marsische Dienstag, der merkurielle Mittwoch, der jupiterhafte Donnerstag, der venusische Freitag, der saturnische Samstag.

Die sieben Sterne des Wagens. Der siebenarmige Leuchter des Judentums. Die sieben Kulturepochen Rudolf Steiners. Der Siebenjahresrhythmus der menschlichen Entwicklung. Die Metamorphose der Zeit durch die Sieben.

Die sieben Farben des Regenbogens, die sieben Töne einer Oktave, die sieben Chakren, die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen, die sieben Geisslein, Sieben auf einen Streich des tapferen Schneiderleins.

Der Siebenstern als Symbol der Druiden und ist auch in der Chartres-Kathedrale architektonisch eingeschrieben. Die siebende Tarot Karte ist der Sternen-Wagen Osiris, der geistigen Sonne, die in die Ober- und Unterwelt hinein leuchtet.

 


04. Dezember 2017

Nun bin ich schon wieder eine Woche in Ins. Vieles im Schlössli zeigt mir, dass die Schlössli-MieterInnen sich aktiv an neuen Initiativen betätigen: Es gibt in diesem Monat an zwei Wochentagen Mittagstisch im neu eingerichteten Treffpunkt (ehemaliger Schlössliladen). Dort treffen sich SchlösslerInnen und Auswärtige, man lernt sich kennen und kann sich austauschen. An das Bleigiessen im Ättigewölbe kamen viele das erste Mal ins unterirdische Gewölbe um ihre Zukunft zu erforschen. Ebenfalls am Samstag war das Adventsgärtli, an dem über 40 Menschen teilnahmen, um das innere Licht in der Spirale anzuzünden. Wunderbar die Kinder hineinwandern zu sehen. Hinein in sich, hinaus in die Welt. Gestern das wunderbare Theater im Runensaal: „Fell und Flügel“ von frischfisch, musikalische Anekdoten aus der Welt der Tiere. Die Hauptdarstellerin Melanie ist in Ins aufgewachsen. Viele Menschen aus dem Dorf waren zu Besuch. Erstaunlich wie die Kunst der Darstellung durch Sprache, Instrumentalmusik, Singen und theatralische Körperarbeit brilliert. Die Mimik war köstlich. Nun organisiert der Theaterverein INSgeheim nun schon das zweite Jahr diese monatlichen Events. Das macht das Schlössli zu einem Ort, der immer mehr Kulturort ist. Herzlichen Dank! Dann wiederum die Vollmondsuppe im Fenissaal. Schon fast eine Selbstverständlichkeit. Wunderbar die Familien mit all den Kindern: Eine neue Schlössli-Generation.

In der Stiftung Seiler sind wir dran, alles noch transparenter zu ordnen. In den Stiftungs-Liegenschaften ist bald jeder Raum vermietet. Eine grosse Leistung nach dem vollständigen Kollaps vor dreieinhalb Jahren. Ich kann mich schon etwas zurücklehnen und mich freuen, was so alles sich im Schlössli entwickelt.

In den letzten Tagen habe ich ein Gedicht gefunden und auswendig gelernt. Aetti hat es früher oft im Gewölbe vorgelesen:

Ja

Jeder Kiesel, jede Blüte
Jedes kleine Kraut am Wege
Spricht aufs neu an jedem Tage
Sagt aufs neu das Heilge Jawort -

Sonne geht im Westen unter
Kehrt zurück im fernen Osten
Spricht das Ja zu allen Menschen
Zu den Jungen, zu den Alten.

Alte sterben hin und sprechen:
„Ja ich gehe hin zum Sterne
der mich einst mit Ja entlassen, 
zu der Mutter, die ihr Jawort

dem Geliebten heimlich schenkte.
Regen rauscht auf alle Saaten,
Wind weht über alle Wälder.
Ja, ich werde wiederkehren“.

Jerom Bessenich (im Goetheanum  47/53)

 


27. November 2017

Wieder von Prag zurück in Ins im Schlössli, fand ich alles in bester Ordnung. Auch wenn ich nicht vor Ort bin, funktioniert das Schlössli. Natürlich hatte ich trotzdem zwischendurch Kontakt mit Tom.

Beschreibung meines Programms in Tschechien:

Am 9. November, Donnerstag Abend bin ich mit dem Bus durch die Nacht von Ins nach Prag gefahren. Am Morgen um 6 Uhr war ich schon in meiner Wohnung in Prag. Samstag/Sonntag gab ich den zwei Klassen der Waldorflehrer-Ausbildung in der Akademie Tabor einen Kurs über die isländische Mythologie Edda. Sie bekamen die Aufgabe den Weltenbaum Iggdrasil zu zeichnen.

Montag und Dienstag war ich in der Waldorfschule in Pribram. Eine der ältesten Waldorfschulen und wunderschön goetheanistisch gebaut. Eine 12- Klassenschule. Die Oberstufe (9. bis 12. Klasse) wird dual geführt. Man kann neben der Abiturvorbereitung auch Berufslehren absolvieren. Dies ist absolut zukunftsweisend. Ich gab dort der oberen Klassen Astronomie und Astrologie. Weiter besuchte ich verschiedene Klassen. Am Dienstagnachmittag hielt ich den Eltern einen Vortrag über das "schwierige Kind".

Am Donnerstag war ich an der neugegründeten Waldorfschule Tabor. In einer nicht mehr benützten Dorfschule in der Nähe von Tabor begann gerade eine erste Klasse. In dieser Klasse hat es auch Schüler des Dorfes. Am Abend hielt ich dort wieder einen Vortrag an die Eltern: Erfahrung eines Waldorflehrers.

Am Sonntag den 19. November fuhr ich in die Gegend von Litomercice und blieb bis Dienstag am neuen Ort der nun dreiklassigen Waldorfschule in Trebusin. Auch in einer verlassenen Dorfschule, in einem idyllischen Dorf. Die Erstklasslehrerin ist in diesem Dorf aufgewachsen und ist nun Waldorflehrerin. Erstaunlich, wie schnell sie nach drei Monaten bereits wundervolle Waldorfpädagogik betreibt. Ich war hocherfreut wie lebendig waldorfmässig auch die anderen Klassen in diesem Strom sind. Auch dort gab ich einen Vortrag für Eltern über die gesunde Entwicklung im 2. Jahrsiebend.

Am Dienstag Abend war ich wieder in Prag, nun an der Dedina-Waldorfschule und gab einen Vortrag über Astronomie und Astrologie. Am nächste Morgen war ich in der dortigen 7. Klasse, die gerade Sternenkunde hatte. Ich ergänzte die Sternenkunde und beantwortete SchülerInnenfragen. Ich staunte, wie die Fachlehrerin professionell dieses Fach unterrichtet, obwohl gerade diese Klasse nicht einfach zu führen ist.

Am Mittwoch Nachmittag fuhr ich in die Olomoucer Waldorfschule. Ich blieb dort bis am Freitag. Ich betreue diese nun schon seit acht Jahren. Und ich staunte, wie diese Schule, die es oft auch nicht leicht hatte, sich entwickeln konnte. Ich besuchte sechs Unterrichtsstunden und besprach diese anschliessend mit den jeweiligen LehrerInnen. Auch hier wieder das waldorfmässig Bewegende, Rezitierende, Singende, Schreibende, Malende. Schön dass es diese Schulen gibt. Die Hauptverantwortliche dieser Schule, Monika, ist seit Jahren daran ein Gebäude auf Stadtboden im goetheanischen Stil zu verwirklichen. Ich staune ob dieser Willenskraft.

Am Freitag Nachmittag fuhr ich wieder nach Prag. Dort traf ich Kamila in unserer Wohnung. Samstag/Sonntag gaben Kamila und ich einen Kurs in einer Prager Weiterbildungsgruppe von Therapeuten und InteressentInnen. Diese Gruppe bestand nicht explizit aus Anthroposophen. Doch sie wollte von mir eine Einführung in das anthroposophische Menschenbild und von Kamila Infos zur Anwendung der Rhythmischen Massage. Die Teilnehmer/innen waren zufrieden und kauften viele Exemplare meiner Bücher über Farben, Sternen und den Parzival. Sie buchen uns schon wieder für Februar. Ich soll über die Christologie Steiners sprechen.

Am Abend stieg ich in den Bus und fuhr die Nacht hindurch nach Bern. Ich war erfüllt von meiner Tätigkeit in Tschechien. Dort will man meine Erfahrungen in den verschiedenen Gebieten hören. Seit 24 Jahren reise ich dafür nach Tschechien. 

 


15. Oktober 2017

Gestern sind Kamila und ich von Slowenien zurückgekehrt. Wir waren vom 9. bis 13. Oktober an einem europäischen Folgetreffen der „Therapeutischen Gärten“. Davor waren wir in Tschechien und Italien. Wir haben Institutionen besucht, die in Pärken, Wäldern, Agrikultur und Gärten pädagogische, therapeutische und soziale Projekte realisieren. Es war beeindruckend, was möglich ist, mit körperlich und mental Behinderten, mit sozial Versehrten (Arbeitslosen, Drogenabhängigen, Kriminellen), aber auch mit Schulkindern im Zusammenhang mit der Natur, mit Pflanzen und Tieren, zu realisieren. All diese Projekte werden mit Begeisterung und Engagement geführt und beweisen, dass die Natur eine umfassende Hilfe ist für den Menschen und für Menschengemeinschaften. Biologische gesunde Landwirtschaft, der Wald, die Pärke und Gärten können mehr und mehr vor allem ökonomisch überleben, wenn sie Träger werden für die Gesundung des Menschen. Hier bezahlt der Staat in sinnvoller Weise, wenn die Natur Helferin wird für soziale, pädagogische und therapeutische Projekte. ... Im nächsten März fahren wir nach England, im Juli nach Portugal und im September wird sich diese Gruppe im Schlössli treffen.

Bevor wir nach Slowenien gefahren sind, am 7. Oktober, hat unser Kulturverein INSgeheim die Company Comart im Druidenhof empfangen. Vier Schüler der Comart Schauspiel-Ausbildung zeigten ihr Abschluss-Stück und führten durch verschiedenste Arten von Schauspiel, wie Commedia del'Arte, Maskenspiel, Clownerie usw. Die Darbietung bot höchste Schauspielkunst und Schauspielfreude. Sie zeigte eigentlich das verschiedenartige Lern-Programm der Ausbildung. Leider sind nur wenige Gäste gekommen. Doch für die, die da waren, ein unvergessliches Erlebnis. Danke dem Kulturverein, Danke der Comart Compagnie!

In diesen Wochen beschäftigte sich die Stiftung auch mit der Neuvermietung des Battenhofs. Wir haben einen Verein gefunden, der pädagogisch, therapeutisch, künstlerisch und handwerklich den Battenhof beleben will. Es wird da auch eine Naturheil-Praxis eröffnet. Diese Menschen sind interessiert, die Anthroposophie als Grundlage ihrer Arbeit zu pflegen. Zudem wollen sie sich auch mit den andren Schlössli-Initiativen verbinden und zum Schlössli-Ganzen beitragen. In Zukunft will die Stiftung Seiler mit jedem neuen Mieter Gespräch führen über anthroposophische und kulturelle Gedanken und Praxis.

 


24. September 2017

Tag- und Nachtgleiche ist gestern am Himmel zelebriert worden: Die Sonne ging genau im Westen, etwas rechts vom Burgunderloch, blutrot unter. Nach dem unsäglich befreienden schönen Aetti Seiler-Fest bin ich frohgemut. Ein Etappenziel haben wir erreicht. Ein unglaublich warmes Wohlwollen ist uns, ist mir, entgegen geströmt: Die Schlössler haben es in über drei Jahren geschafft, dem Schlössliboden, dem „KulturKraftOrt Schlössli Ins“ wieder Leben einzuhauchen. Mir ist ganz klar, dass es ein erster Schritt in die richtige Richtung ist. Es braucht noch Jahre, bis die Energie diese Ortes, auch kraftvoll als Kulturinsel, als „Oase der Menschlichkeit“(Albert Steffen) aufersteht. Doch nach diesem Fest habe ich den Eindruck, dass wir wieder eine kleine Basis der Freundschaft von Aussen geschaffen haben. Ich bin zuversichtlich und auch etwas entlastet.  Mit dem „100 Jahre Müeti Seiler“ -Fest in einem Jahr, voraussichtlich am 15. September (Anmerkung: definitives Datum wird noch kommuniziert), wollen wir das Bisherige festigen und vielleicht auch etwas ausweiten.

Zarin Katharina II

In den letzten Tagen habe ich die Biografie von Mary Lavater Sloman über die Zarin Katharina II (1729 – 1796) „Katharina und die russische Seele“ gelesen. Das Buch hat über 500 Seiten und ist überaus spannend geschrieben. Ich kannte Mary Lavater Sloman schon als Biografin über Heinrich Pestalozzi. Ihre gut recherierten Biografien gehen in die Tiefe der Persönlichkeit, aber auch in den ganzen geschichtlichen und geografischen Kontext. Ein Lehrbuch.

Katharina II zeigt, wie eine Persönlichkeit in die Weltgeschichte eingreifen kann: Als Prinzessin Sophia von Anhalt-Zerbst in Stettin geboren, mit dem schwedischen Königshaus verwandt, wird sie in Moskau mit dem Kronprinzen und Enkel des Zaren Peter des Grossen, dem späteren kurzfristigen Zaren Peter III verheiratet. Die Zeit unter der Herrschaft der Mutter ihres Mannes, Elisabeth I, die immerhin 17 Jahre dauerte, war äusserst schwierig: Die Mutter und der Sohn, emotional, psychisch und geistig gestört, machten es der jungen Prinzessin und nun Grossfürstin extrem schwierig. Sie flüchtete sich innerhalb den schrecklichen Hof-Intrigen in das Studium der Weltliteratur, der Belletristik, Biografien, Philosophie, z. B. eines Voltairs, in sprachwissenschaftliche und ökonomische Werke. Sie schrieb und erhielt Briefe von wissenschaftlich und humanistisch hochstehenden Persönlichkeiten Europas.

Nach dem Ableben der Zarin Elisabeth dauerte die Herrschaft ihres Mannes nur eine kurze Zeit, und sie wurde als deutsche Prinzessin zur Zarin Katharina II gekrönt. Sie wollte, im Westen gebürtig, sich mit dem riesigen Osten verbinden, konvertierte zur russisch-orthodoxen Kirche und sprach gut Russisch.

Mit überaus zähem Willen reformierte sie Russland und gab ihr eine zivilisierte Herrschaft. Sie verhandelte mit den europäischen Königshäupter und bestimmte die Politik in Europa. Sie versammelte an ihrem Hof Persönlichkeiten der europäischen Philanthropie und liess sich ständig weiterbilden. Ihre ungezwungene, fröhliche, aber stets beherrschte Art verstand Nähe und Distanz. Ihre Liebhaber setzte sie ein zum Verwalten des Reiches, aber sie liess sich nie korrumpieren. Diese hochgebildete, aber auch menschliche Herrscherin hat es mir angetan.

In  ihrem Sohn und Kronprinzen hatte sie wiederum einen geistesgestörten Nachkommen. Diesen verheiratete sie mit einer Prinzessin Sophie von Württemberg, die, neben anderen, den erstgeborenen Alexander (1777–1825) gebar. Diesen Enkel versucht sie vom schrecklichen Vater (ihrem Sohn) abzusondern und gab ihm beste Erzieher, unter anderem Friedrich Cäsar Laharpe (1754–1838) aus der Schweiz. Dieser Humanist und Freimaurer gab Alexander das Fundament zu seinem späteren Zarentum, das nach der kurzen Herrschaft seines Vaters (1796–1801) - auch er wurde ermordet - möglich wurde. Dieser Alexander I war es ja dann auch, der Heinrich Pestalozzi nach Russland einlud, um dort die Volkschule zu begründen. Obwohl Pestalozzi damals das Angebot, als Professor in Torpat (heute Tartu) im heutigen Estland zu lehren ablehnte und sein weltberühmtes Institut „Ifferten“ gründete, bekam er von Alexander I, als er nach dem Sturz von Napoleon in der Schweiz war, einen Orden. Den er allerdings beim Heimwandern nach „Ifferten“ einem Bettler verschenkte.

Es gab zu Pestalozzis Zeiten einige Schüler aus dem Baltikum am Institut in „Ifferten“,  die später Pestalozzis Anliegen im Baltikum wirksam machten.

Für mich hat diese Historie einen autobiografischen Wert: Ich lehrte in den 90iger Jahre als Gastprofessor der lettischen Universität in Riga auch in der wichtigsten Universitätsstadt Estlands, in Tartu (Dorpat). Wir versuchten in Riga an einem Symposion an der Universität ins Lettische übersetzte Pestalozzi-Texte im Baltikum bekannt zu machen.

 


17. September 2017

100 JAHRE AETTI SEILER – und wir schauen in die Zukunft
Ein Rückblick.

Gestern also hat dieses Fest stattgefunden. Fast ein Jahr davor, bei ersten Planungsschritten, wussten wir nicht ob dieses Fest gelingen könnte. Es fehlten viele Kontakte. Die Adressen aller Ehemaligen wurden bei Schliessung der Schlössli-Schule zerstört.

Es ist gelungen, und wurde von rund 500 Menschen besucht! Die Gäste wurden von den Vertretern der Stiftung, Tom und Julian, beim Gewölbe begrüsst und informiert. Das Wetter war uns gnädig: Nicht zu kalt und ohne Regen, manchmal bei Sonnenschein, liess es unsere Gäste das vielgepriesene Ambiente des Rosenhofparks und unserer Häuser genüsslich erleben. Die Organisation des Wetters hatte ich Aetti überlassen, da er näher an den Elementarmächten weilt.

Unsere professionellen Schauspieler Annina und Nikolas entpuppten sich als versierte Touristenführer, führten die Gäste übers Areal und informierten sie über Häuser, Arena und Ateliers. Das Programm (siehe Website) war dicht: um 11 Uhr versammelten sich bereits 60 Menschen vor dem Gewölbe. Es wurde das Gewölberitual zelebriert, ein essentieller Moment der ehemaligen Schlössli-Schule. Wir haben die Schlössli-Lieder „Raco deigloun, jamai vassalo“ und „Nahuda leolam de chef“ gesungen. Dazwischen erzählte Regula eine Bärwolfgeschichte von Aetti.

Die Musiker spielten im Festzelt in der Arena: Zuerst von 12 bis 14 Uhr in der Formation Currawong – Weltmusik mit orientalischem Akzent. Dann trat das Theater Dr. Eisenbarth auf, das „Pfunggeli“ wurde aufgeführt: Über 80 Leute von ganz Klein bis ganz Gross verfolgten das Zwergenspiel in Gelb. Das interaktive Spiel von Lorenz und Simone (von der Kräuterschule) war so faszinierend und gerade für kleine Kinder und für alle, die das Kind in sich noch spüren, überaus poetisch und didaktisch gekonnt. Dieses Spiel brachte inneren Sonnenschein in das Fest. Es folgte die Kinderanimation durch INSgeheim und der Kinderinsel Ins in der Arena. Um 15 Uhr demonstrierte Simone von „InSich“ mit drei Jugendlichen ihr professionelles Spiel mit den Pferden im Battenhof. Eine Meisterleistung spiritueller Pferdekunst.

Um 16 Uhr war die Vorführung des Films „Werde der du bist – Leben und Werk von Aetti“ von Marianne Schneider im InsKino. Das Kino mit seinen 80 Plätzen war schlussendlich mit über 90 Leuten vollgestopft. Atemlos verfolgten die Zuschauer die Aussagen von Zeitgenossen über Aetti: Ein differenziertes und buntes Bild des Schlössli-Gründers. Nach einer Lüftungspause – es wurde ziemlich stickig im Saal – begannen die kurzen Statements von Ueli und Michel Seiler über die Zukunft der Pädagogik mit einer Diskussion: Die Zukunft der Bildung dürfen wir nicht mehr nur dem Staat und den globalen Wirtschaftsmächten überlassen. Zivilgesellschaftliche Initiativen müssen Freiraum schaffen, damit die Menschen ihren individuellen Weg selber finden können. Es geht darum, dass unsere Kinder und Jugendlichen mehr und mehr selber bestimmen können, was für sie die richtige Bildung ist. Nicht sollen sie sich an irgendein Bildungssystem anpassen, sondern die Ausbildenden sollen den individuellen Bedürfnissen dienen.

Am Abend um 20 Uhr wurde der Film „Tomorrow“ gezeigt. Auch hier wieder viele Besucher. Dieser Film zeigt eben explizit in welche Richtung in Zukunft die Zivilgesellschaft gehen kann: Z. B. die finnischen Schulen sind darum so gut, weil sie keine Schulinspektoren haben und Elemente der Steiner- und Montessori-Pädagogik verwirklichen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Aetti Seiler-Fest und InsKino war vorbildlich: Sie stellten ihre Infrastruktur zur Verfügung, wir brachten das Publikum.

Im Rosenhofpark war das Fest weitergegangen: Von 18 bis 19 Uhr hat Manda ein Mitsingkonzert mit Musikern aus Bülach organisiert. Die Leute lernten innert kürzester Zeit einfache Lieder, zum Teil tanzend. Dieses Singen mahnte auch an alte Schlössli-Zeiten. Dann das Konzert von Paranderi, von deren fünf SpielerInnen vier in den Schlössli-Häusern wohnen. Sie haben unter anderem auch Accapella gesungen. Diese Musik ging unter die Haut: Soviel Lebensfreude, soviel Schwung, soviel Wehmut. Danke.

Zuletzt, um 20.30 Uhr, haben die Rocker Codger Lingus gespielt, die seit Jahren in unseren Kellerräumen üben. „Auf jeden Fall laut“, wie sie selber sagen, ist das Aetti Seiler-Fest ausgeklungen. Diese Musik, rhythmisch und melodiös hart, aber ungeheuer intensiv und engagiert gespielt, ergänzte die Vielfalt unserer Schlössli-Kultur.

Den ganzen Tag lang lief Manuels Video-Installation: Hunderte von Menschen stiegen die Treppe zum Gewölbe hinunter um in die vergangene Schlössli-Zeit einzutauchen. Alte, nun digitalisierte Aufnahmen zeigen die damalige Vitalität: Der 20-Jahre-Schlössli Jubilee-Umzug, voran Aetti und Müeti Seiler, die Inser Harmonie im Regen und all die Schlössli-Leute. Modelle der Schlössli-Häuser werden mitgetragen. Fastnacht, welche Originalitäten! Der Bau des Bärwolfhauses. Diese Installation war eine zentrale Bereicherung und wurde gut besucht.

Während des ganzen Tags sorgten verschiedene Gruppen für das kulinarische Wohl der Gäste: Die Kräuterschule mit Kürbissuppe und Risotto. Die INSgeheim-Leute mit Pizza aus dem grossen Ofen. Am Grillstand haben ehemalige Heimschul-Mitarbeiter Würste gebraten. Im Rosenhof gab es Kaffee und Kuchen und selbstgemachte Aetti-Müeti-Konfitüre. Im neueröffneten Treffpunkt gab es Tee, Kaffee und Gebäck. Der „Treff“ soll in Zukunft ein Ort sein, wo verschiedenste Ideen und Aktivitäten der Mieter der Schlössli-Häuser und der ganzen Gemeinde und und Region zusammenkommen. Jedenfalls ist er schon wundervoll eingerichtet, gerade auch für Kinder und Mütter.

Das Wichtigste für mich waren die Menschenbegegnungen: So viele ehemalige SchlösslerInnen - mit ihnen verbrachte ich früher intensive Zeiten. Manchmal sind mir am Fest die Tränen gekommen. Ich spürte wieder den Schmerz darüber, wie dieses Schlössli zerstört wurde. Jetzt sind einige von ihnen an das Fest gekommen und haben davon gesprochen, wie wichtig ihnen diese Zeit im Schlössli war:

Sereina ist schon am Freitag mit ihrem Motorrad angekommen, hat sich ein Zimmer im Kreuz genommen und ist bis Sonntag geblieben. Sie ist heute Autolackiererin. Sie hat mich begrüsst indem sie sich als ehemals schwierigstes Kind vorstellte. Sie hatte ihre Tiefs, heute geht es ihr gut. Sie sagte, dass die Zeit im Schlössli die wichtigste in ihrem Leben war. Dreieinhalb Jahre war sie bei uns. Damals als sie aus dem Schlössli austrat, versprach sie sich, einmal mit dem Motorrad zurückzukehren. Das tat sie nun nach einundzwanzig Jahren. Sie hat sofort mitgeholfen bei den Vorbereitungen des Festes. Sie ist für mich eine Leuchtgestalt. Sie hat das Fest auf Facebook dokumentiert.

Mit Andrea, der ehemaligen Fenishus-Hausmutter, fühle ich mich besonders verbunden: Wir lernten uns kennen an einer Weltlehrer-Tagung in Dornach. Sie wohnte mit ihrem damaligen Partner im Fenishus und betreute dort Kinder und Jugendliche. Sie arbeitete auch mit Pferden. 2003 habe ich mit MitarbeiterInnen den Bildband „Werde der du bist“ zum 50-Jahre-Schlössli Jubilee herausgegeben. Andrea hat darin den Heimbereich wunderbar beschrieben, sprachlich und herzlich geschickt. Man sieht sie auch im Aetti-Film, wie sie liebevoll über die Jugendlichen spricht. Nun ist sie mit ihrem Mann gekommen, einem Arzt, und mit ihrem 4jährigen wundervollen Töchterchen. Ich spürte, wie es in meinem Herz vibriert. Die Schlössli-Zeit mit ihr wurde in mir lebendig.

Dann kam David. Wunderbar elegant gekleidet. Heute ist er selbstständiger Fotograf. Er war 10 Jahre im Schlössli und ist ein wichtiger Teil der Schlössli-Geschichte. Er will bald wiederkommen und uns Seilers fotografieren.

Als absolute Überraschung kam Herr Dr. Noyer mit seiner Frau. Die Familie Noyer haben heute die wichtigsten homeopathischen Apotheken in Bern. Seit Jahrzehnten sind wir Kunden bei ihnen. Dr. Noyer steht, obwohl schon über 90 Jahre alt, noch heute hinter dem Verkaufstisch. Er war mit dem Leiter der Feusischule bekannt, der wiederum mein wichtigster Helfer war in der Zeit der Lancierung der „Volksinitiative für freie Schulwahl“ (1980 bis 1983). Jedesmal, wenn ich in die Apotheke Noyer getreten bin, erkundigte sich Dr. Noyer bei mir nach dem Schlössli. Auch gerade seit der Schliessung der Heimschule spürte ich seine Solidarität mit uns. Nun waren sie da. Ich zeigte ihnen den Park, die Häuser und vor allem den Fenissaal und die Kräuterschule. Hier war er sehr begeistert und kannte natürlich alle die Pflanzen und Tinkturen. Für alle war der Besuch ein grosses Geschenk.

Das ganze Fest ist uns allen gelungen. Die vorangegangene Pressekonferenz mit ein paar Medien-Äusserungen haben mitgeholfen, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es im Schlössli lebt. Es braucht aber wohl noch viele Jahre, bis die Vitalität alter Zeiten wieder erreicht ist.

 


12. September 2017

Bevor am nächsten Samstag bereits das 100 Jahre Aetti -Fest stattfindet, einen Blick zurück: Am Sonntag, 3. September hatten wir hier das Geschichtenfest, organisiert vom Kulturverein INSgeheim. Priska und Jean Duconte, Franz & Ziska, Regula Schmid und Martin del Torre erzählten und spielten Geschichten für Kinder und Erwachsene. Ich, 75 Jahre alt, habe mich köstlich ergötzt. Man wurde hineingezogen in Phantasiewelten. Pegasus, das griechisch-mythologische Pferd, das aus dem Schlund der von Perseus geköpften Medusa als freie Phantasie heraus sich befreite, tat ihre Wirkung. Priska und Andi eröffneten ihren neugebauten Märchenwagen. Eine Bibliothek auf Rädern. Der Kulturverein INSgeheim erwärmt mein Herz. Das Schlössli wird ein Zentrum für die (be)frei(t)e Phantasie. Wir aus der 68iger Generation hatten rot an die Wände geschrieben: „Phantasie an die Macht“.

Am letzten Mittwoch wurde einmal mehr zur Vollmondsuppe eingeladen. Dieses Ritual, von Simone im Rosenhof angefangen, scheint nun schon ein fester Bestandteil der Gemeinschaftsbildung unter den Mietern im Schlössli zu sein.

Auf letzten Donnerstag organisierte ich eine Pressekonferenz im Fenissaal zum kommenden Aetti-Fest. Presse war zwar nur spärlich vorhanden, dafür einige Projektverantwortliche - sie haben sich gut repräsentiert. TeleBielingue machte eine schöne Sendung daraus. Diese kann man auf unserer Website einsehen. (Medien)

Letzten Sonntag feierte unser Schmied Lukas mit seiner Braut Johanna Hochzeit in der Arena im Rosenhofpark. Neben Verwandten und Freunden, waren die vielen SchlösslerInnen eingeladen. Die „Krüsimusiker“, wovon drei unsere Mieter sind, spielten auf. Balkanische und mexikanische Rhythmen und Melodien erklangen virtuos. Zwei weitere unserer Mieter, professionelle Köche, sorgten für die spektakuläre Kulinarik. Lukas zeigte stolz seine Kunstschmiede. Am Abend erlebten wir auf dem Jodel eine poetische Feuerschau. Auch dieses Fest hat gezeigt, dass im Schlössli wieder ein gemeinschaftliches Leben herrscht. Viele Besucher, zum Teil das erste Mal hier, waren entzückt vom Ambiente des Ortes. Herzlichen Dank für die Einladung!

Morgen Dienstagabend sollen unsere Jungs, Julian und Manuel, mit einem Tag Verspätung, aus Kuba nach Hause kommen. Sie haben die Stürme und Regen des Hurrikans Irma miterlebt.

 


02. September 2017

Seit ein paar Tagen sind Kamila und ich wieder in Ins. Wir waren in Tschechien an einem anthroposophischen Kongress über die Jugend im Pubertätsalter. Über 200 Teilnehmer, vorwiegend aus Tschechien, aber auch aus Deutschland und Österreich, nahmen am einwöchigen Anlass teil. Krumau, eine mittelalterliche, barocke Stadt südlich von Prag, umschlängelt von der mäandernden Moldau, war Kulisse und Herberge dieses Treffens. Kamila und ich gaben zwei Kurse in Goethes Farbenlehre und Parzival – in einem pädagogischen Zusammenhang. Kamila übersetzte meine Worte souverän ins Tschechische. Unsere Kurse waren gut besucht, bis zu 60 Personen nahmen daran teil. Kamila ist schon das achte Mal (als Übersetzerin) an diesem Kongress, ich das dritte Mal. Auch sang ich mit den TeilnehmerInnen und machte in einer Nacht ein Sternenprojekt auf den nahen Kreuzesberg. Wir genossen mit unseren Kursen vollen Erfolg. Nie in meinem Leben wurde mir so viel Wohlwollen und Dankbarkeit für mein Unterrichten entgegen gebracht. Das tat mir nach all den schwierigen Jahren im Schlössli gut.

Hier im Schlössli war sofort wieder viel zu tun. Tom Grossenbacher hielt die Schlösslifestung während unserer Abwesenheit im Griff. Vieles muss organisiert werden für das 100 Jahre Aetti Seiler -Fest in zwei Wochen. Viele Menschen helfen mit. Nächsten Donnerstag die Pressekonferenz. Wir wollen die Öffentlichkeit auf das „neue Schlössli“ mit den 20 Projekten und auf das Fest aufmerksam machen.

Gestern wurde die Dachdeckarbeit am Kutscherhaus beendet. Ein wunderschönes Dach mit grossen Investitionskosten. Das ganze Eymann-Schulhaus wurde saniert. Da wohnen jetzt Steffi und Matz, darunter sind zwei Künstlerateliers. Daneben die Tonwerk-Musikschule von Tinu und das Atelier von Alfred Dam.

Morgen ist das Geschichtenfest von INSgeheim.

Unsere zwei Söhne Julian und Manuel erforschen im Moment Kuba. Alma hat in der Kunstklasse im Muristalden angefangen.

 


30. Juli 2017

Gestern am Samstag war die Hochzeit von Corinne und Christian Baumann in der Arena vom Rosenhof. Sie haben alles sehr schön gestaltet und die etwa 120 Gäste waren zufrieden.

Gestern war auch der sechste Rhythmustag mit Tinu. Der Sechser-Rhythmus war angesagt. Es war interessant, aber auch anspruchsvoll, dem Rhythmus zu folgen. Jetzt haben wir genau die Hälfte der Rhythmus-Reihe bis Zwölf. Der Text von mir, der bei der Performance vorgelesen wurde:

SECHS

Die Sechs ist eine vollkommene Zahl: Die Summe ihrer Teiler (1+2+3), sowohl ihr Produkt (1. 2. 3) ist gleich Sechs.

Wir können mit dem Radius eines Kreises den Umfang genau sechsmal unterteilen. Der Kreis ist aber die vollkommenste Form. In der dreidimensionalen Kugel haben wir die Urform alles Lebens. Es ist der Anfang der Schöpfung. Diese Schöpfung ist in 6 Tagen erschaffen worden.

Die Zellen einer Bienenwabe sind sechseckig. Das Bienenvolk der perfekteste Staat und Organisation. Die Bienenkönigin als Zentrum: Eine für alle, alle für eine.

Die Schneeflocken sind tausendfach sechseckig. Wenn es schneit geometrisiert der Himmel.

Der Sechser-Rhythmus ist zwei mal die Dreierzahl. Also doppelte Dreifaltigkeit. Doppeltes Dreieck.

Zwei Dreiecke, die Spitze des einen nach oben, das andere die Spitze nach unten ergeben den Sechserstern. Ein uraltes Symbol der Verschränkung des Geistigen mit dem Irdischen: Materie und Geist, Jesus und Christus, Feuer und Wasser(alchemistische Zeichen)usw.

Der Sechserstern bei der Lilienblüte. Die Lilienblüte als Polarität zur Rose: seelische lilienhafte Blancheflur und geistiger rosenhafte Flor. Die Lilie als Blume der Verkündigung, die Blume der Reinheit, der Maria.

Sechs ist auch eine Zeitzahl: Zweimal sechs Stunden gleich zwölf Stunden, mal zwei ergibt Vierundzwanzig, mal 360 ungefähr ein Jahr. Eine Stunde hat 60 Minuten, eine Minute 60 Sekunden. Der Kreis hat 360 Grad.

Was hat es eigentlich zu tun, das Sechs und Sex fast gleich tönen? Durch Sex können sich auch zwei Prinzipien verschränken, aus der etwas Neues entsteht: Liebe, ein Kind. Aus zwei wird Eins und zugleich drei. Also 1 und Zwei und Drei, aus deren Produkt und Summe wieder Sechs entsteht.

 


25. Juli 2017

Gestern war ich in Dornach und habe dem Lehrerkollegium der Helmut von Kügelgen-Schule, Campus Waldorf Fellbach, mein Parzival-Buch vorgestellt und ihnen die Ermitage in Arlesheim gezeigt. Die Leute waren sehr interessiert und ich habe mich wertgeschätzt gefühlt. Am Tag davor sind Kamila und ich von der Polen-Baltikum-Petersburg-Ostsee-Hamburg-Reise (11.–23. Juli) zurückgekehrt. Etwas viele Buskilometer mit schönen Landschaften, fachkundige Führungen durch die Städte und einer wundervollen Ostsee-Überfahrt:

Reise in den Norden

Zunächst fuhren wir durch Deutschland nach Dresden. Wir haben aber Dresden selber nicht besucht, sondern waren in einem Hotel der Vorstadt. Dann fuhren wir weiter an die polnische Grenze. Der Bus-Chauffeur, selber ein ehemaliger DDR-ler, zeigte uns den tragischen, welthistorischen Film, wie ein Dorf von der DDR geteilt und mitten durch die Mauer gebaut wurde. Das war eindrücklich, da wir das Dorf passiert haben.

Wir übernachteten in Warschau. Uns wurde sehr fachkundig die wieder aufgebaute Altstadt von Warschau gezeigt. Am nächsten Tag fuhren wir nordwärts durch Polen. Später las ich im „Spiegel“ über die jetzige polnische Politik. Der allmächtige Partei-Präsident Jaroslaw Kaczynski steuert diktatorisch aus einem Hinterzimmer Regierung und Parlament. Er ist nationalistisch, antirussisch. Er will Polen den westlichen Raubtier-Kapitalismus entziehen, will die Bevölkerung des Mittelstands, die kaum vom neu erwachten Kapitalismus profitiert, stärken – zahlt viel Kindergeld. Doch er misstraut jeglichem Liberalismus. Botet die Justiz aus. Auch die freie Meinungsbildung. Will durch seine starke Hand auch unabhängig werden von der EU. Das finde ich nicht nur schlecht. Nach einer Nacht in einem riesigen Hotel durch die masurischen Seen bis nach Litauen nach Wilnius. Wilnius ist eine wunderschöne Stadt mit viel Barock. Die Strassen sind belebt durch viele junge Menschen und schöne Läden.

Am nächsten Tag nach Riga. Noch in Litauen, besuchten wir den Kreuzberg mit Tausenden von Kreuzen. Ein Pilgerort mit nationaler Bedeutung. In Riga bezogen wir im Wolkenkratzer-Hotel ein Zimmer, von dem man ganz Riga überschauen kann. Eine Stadtführung durch die Altstadt, aber auch durch die Strassen des Jugenstils, liess den kulturellen Reichtum dieser Stadt zum Erlebnis werden. Das Freiheitsdenkmal im Park erinnert an den freiheitlichen Nationalstolz der Letten. Für mich war es eine Rückkehr in eine Stadt, wo ich in den 90er-Jahren für sechs Jahre Gastprofessor an der Lettischen Universität war. Dort unterrichtete ich unter anderem Parzival den Germanistinnen. Dort wurde auch der Impuls gegeben, meine Parzivalkenntnisse auf einem höheren Niveau zu verarbeiten.

Weiter ging die Fahrt in Richtung Tallinn. Noch in Lettland besuchten wir den kleinen Ort an der Ostseeküste, wo angeblich Baron von Münchhausen seine Prinzessin heiratete. Er wird dort auf einer Kanonenkugel dargestellt. Ich wusste damals in Lettland von dem noch nichts. Doch sprach ich schon damals vom Münchhausen-Prinzip: Jeder muss Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Tallinn wiederum eine wunderschöne verwinkelte Altstadt. Eine wirkliche Hansestadt. Man sieht Bürgerhäuser, orthodoxe, katholische und protestantische Kirchen.

Uns haben diese baltische Staaten sehr beeindruckt. Jede ist aber schon durch die Sprache völlig voneinander unabhängig. Sie verstehen einander sprachlich nicht. Die gemeinsame Sprache ist oft noch die verhasste russische Sprache. Litauen katholisch, Lettland und Estland protestantisch. So hat in Riga auch der protestantische Pfarrer Herder gewirkt. Alle drei stemmen sich gegen Russland, dessen Okkupation ihnen die Landessprache und Kultur geraubt hat. In Tallinn sprach ich mit spanischen Soldaten der Nato, die in diesen Ländern stationiert sind. Die heutige Freiheitsstrasse in Riga, Ost-West-gerichtet, hiess also auch einmal Lenin-, dann Stalin-, dann Hitlerstrasse.

Dann waren wir drei Nächte in Petersburg. Noch bevor wir ins Hotel einkehrten, eine Schifffahrt durch die künstlichen Kanäle und den breiten Fluss Newa, an den Palästen der Zarenzeit vorbei. Hier hat der Zar Peter der Grosse nach 1700 eine Stadt aus dem Nichts, aus den Sümpfen gebaut. Es gibt kaum eine so grosse Stadt (heute 5 Mio. Einwohner) die zunächst geplant, dann unter dem Regime des Zaren gebaut wurde. Es ging dem Zaren darum, Russland an die westliche Zivilisation zu öffnen, den östlichsten Teil der Ostsee strategisch für Russland zu gewinnen.

Am nächsten Tag besuchten wir die Stadt und den Winterpalast mit der Ermitage, auch die Isaaks-Kathedrale. Am nächsten Tag fuhren wir noch zur Sommer-Residenz von Katharina I. und sahen uns den legendären Bernsteinsaal an. Nachdem die deutsche Wehrmacht den ganzen Zimmerschmuck auf einen Eisenbahnwagen verladen und nach Deutschland gezügelt hatte, dort aber das kostbare Gut bis heute verschwunden bleibt, hat man das Zimmer wieder rekonstruiert. All diese Zarenpaläste beeindrucken in ihrem masslosen Gold und Prunk, doch wenn man weiss wie das Volk durch Leibeigenschaft ausgebeutet wurde, wird alles auch bedenklich. Dennoch ist diese Pracht ein hohes Kulturgut der Menschheit. Es wurde trotz all der Zerstörung der Kriege wieder aufgebaut. Die Russen sind stolz, diesen Reichtum den Touristen zu zeigen.

Dann fuhren wir nach Helsinki, ohne die Stadt zu besuchen, schifften wir uns samt Bus auf eine grosse Fähre ein. Nun fuhren wir über 24 Stunden durch die Ostsee. Übernachteten, assen wunderbar und betrachteten zweimal einen wunderschönen Sonnenuntergang. Wir sahen gegen Deutschland und Dänemark eindrucksvolle Offshor-Windmühlen. In Travermünde bestiegen wir wieder den Bus und fuhren nach Hamburg in ein Hotel. Am nächsten Tag machten wir eine Hafenrundfahrt und besichtigten die Stadt. Von Hamburg aus fuhren wir nach Göttingen, übernachteten dort und am nächsten Tag fuhren wir zurück in die Schweiz. Diese Fahrt durch sieben Länder war anstrengend, wegen dem Sitzen im Car, jedoch eine echte Kulturreise. Mein geografischer, kultureller und historischer Horizont wurde geweitet.

In Petersburg schrieb ich ein Essay über Alexander I., Napoleon und Pestalozzi. (Viel Freude beim Lesen!)

 


08. Juli 2017

Die tschechische Libka-Organisation, die seit über 20 Jahren pädagogische und therapeutische Gärten initiert, hat das europäisches Netzwerkprogramm Erasmus gegründet. Kamila und ich waren im Mai in Brno und sind dem Netzwerk beigetreten. Nun waren wir diese Woche bereits an einem Treffen in Italien. Gione und Paola, zwei Männer denen wir schon in Tschechien begegnet sind, haben uns nach Massa/Carrara in der Nord-Toskana eingeladen. Wir wurden in Massa in einem wunderhübschen Ostello an einem historischen Platz einquartiert. Jeden Tag besuchten wir Projekte die landwirtschaftlich, sozial und pädagogisch sind:

Am ersten Tag zwei Institutionen für alte und demente Menschen. Eindrücklich, die Kreativität und Professionalität der Einrichtung.

Am zweiten Tag das grosse Projekt „Pungiglione, Accetance-village“: Dort wird Honig verarbeitet, aber auch Zubehör für Imkereien fabriziert. Dieses Werk ist dem fortschrittlichen, aber zu früh verstorbenen Papst Johannes der 23. gewidmet und wurde von einem Priester der katholischen Kirche gegründet. Heute können dort Menschen aus Gefängnissen, von der Strasse, auch immigrierende, integriert werden. Im „Biopark L Albete Bianco“ in den „montagne verte“ haben wir Mittagessen genossen und im wiederaufgebauten Bergdorf den Biogarten mit einheimischen, z.T. alten Sorten von Kräutern und Bäumen bewundert.

Am dritten Tag besuchten wir einen Garten für psychisch Kranke. Eindrücklich die sehr sinnvolle und heilende Arbeit, wo jeder sich selber sein darf. Am Nachmittag fuhren wir durch eine fast endlos gehende holperige Bergstrasse, hoch hinauf über Massa. Die Aussicht war grandios: Man sah auf die Stadt und das Meer. Hier oben gründete der bald 80-jährige Pionier, der uns dann auch die Anlage zeigte, in einer Steinwüste dieses Dorf. Dieses Projekt „Monte Brugiana“ eine therapeutisches Rehabilitierungs-Anlage u.a. für ehemalige Drogenabhängige, beeindruckt durch die Struktur mit fast 150 Menschen: Überall schöngebaute Häuser und Wege, Bäume, Büsche, Blumen allüberall. Dieses aus einer gläubigen Spiritualität und Ethik gewachsene Werk strahlt Klarheit, Ordnung und hohe Professionalität aus. Es ist sicher diesem Gründer zu verdanken, dessen Namen ich leider nicht mehr weiss. Das Mittagessen in der grossen Esshalle für 150 Menschen war gediegen.

Am vierten Tag fuhren wir zur Columbini Organic Farm in Pisa. Riesige Anlagen mit verschiedenstem Gemüse und einem sehr sympathischen Leiter. In seinem Hof arbeiten auch Flüchtlinge. Die Landwirtschaft muss heute Bio, sozial, pädagogisch und therapeutisch sein. Der Leiter geht auch in die Schulen, die Schulen kommen auch zu ihm. Dieser Leiter beeindruckte mich sehr mit seiner ganzheitlichen Vision. Am Nachmittag besuchten wir einen kleineren Bauernhof, der vor allem touristisch und pädagogisch organisiert ist. Dann waren wir noch in der wundervollen Anlage des schiefen Turms von Pisa. Alles in weissem Marmor, umgeben von einem grünen Rasen. Am Abend besuchten wir einen Weinbauer. Der originelle Winzer lehnt alles was nach Label tönt ab. Sein Betrieb schwört auf einen Anbau ohne Gift. Er will Naturwein anbauen, so wie er es für richtig hält. Er forscht aber auch nach alten Weinsorten. Er nennt seinen Wein einen „Freien Wein“. Er machte uns am offenen Feuer ein gutes Essen und liess uns den Wein probieren. Ich selbst mochte ihn nicht sehr. Doch der Grappa am Ende des Abends hat gemundet.

Am fünften Tag besuchten wir einen Biobauer in der Nähe von Massa. Seit zwei Jahren kämpft er für den Aufbau eines Biohofs. Sehr eindrücklich. Er hat einen bio-dynamischen Weinberg. Auch er arbeitet mit Menschen mit sozial schwierigem Hintergrund. Nach dem Mittagessen mit der Gruppe fuhren Kamila und ich über Genua, Mailand und Bern nach Hause.

Diese Woche war für mich wiederum sehr lehrreich und eindrücklich. Sehr genossen habe ich auch den menschlichen Kontakt in der Gruppe. Diesem Italienprojekt folgen nun Besuche in anderen Ländern.

 


01. Juli 2017

Gestern war ich an der Aufführung von „Ronja Räubertochter“ der 6. Klasse der Primarschule Ins. Diese Freiluftaufführung unter der Leitung des Klassenlehrers Niels Berghuis in der Arena im Rosenhofpark war ein voller Erfolg. Beide Aufführungen am Donnerstag und Freitag haben mehr als 150 Menschen besucht - vor allem aus dem Dorf. Die Zuschauer waren begeistert vom Ambiente der Park-Bühne und vor allem von den Kindern. Die sehr anspruchsvollen Lieder wurden perfekt gesungen und das Spiel hat mit einem Mix aus Hochsprache und Dialekt überzeugt. Die Sprache entsprach den Sechstklässlern, sie durften grobe Ausdrücke verwenden, haben aber auch sehr feine, menschlich wertvolle Dialoge geführt. Das Thema ist ein Gesellschaftliches: Die Erwachsenen leben oft in Vorurteilen. Die Kinder haben die Möglichkeit der spontanen zwischenmenschlichen Beziehung jenseits der festgefahrenen, tiefen Gräben. Der Graben zwischen den zwei Räuberbanden wird durch die Zuneigung der beiden Kinder-Hauptprotagonisten überwunden.

Das ganze Projekt lag in den Händen des Initianten Niels Berghuis. Er war über 10 Jahre im Schlössli Erzieher und Lehrer. Nun in der Staatsschule ist ein solcher Lehrer eine Ausnahmeerscheinung und wird von den Eltern und von der Bevölkerung hoch geschätzt. Somit hat er mit diesem Projekt auch wieder einmal eine Brücke geschlagen zwischen der Bevölkerung von Ins und dem Schlössli.

Ich war danach wiederum lange im Aetti-Müeti-Gewölbe und fand unter den Papieren von Aetti ein wundervolles Gedicht, das er oft im Gewölbe vorgelesen hatte. Es hatte mich schon in meiner Kindheit beeindruckt:

Gebet um Liebe

O Gott
An Liebe mach mich überreich,
dass ich dem Brunnen an dem Wege gleich!
Dass mir das Geben so von Herzen geht
Als wie dem Brunnen, der am Wege steht.
Auch dass ich hilfsbereit bei Tag und Nacht,
gleich wie der Brunnen, der am Wege wacht.
Und dass ich jedem geb ob bös ob gut,
gleich wie der Brunnen es am Wege tut.
Den Überfluss der Liebe gib in mich,
O Gott, das bitt ich Dich.

Dieses Gedicht ist für mich nicht frömmlerisch. Es ist ein wunderbares Bild der Liebe. Wenn ich als Kind das Gedicht hörte, sah ich sofort den schönen Brunnen im Rosenhof, der seit Jahrhunderten sein Wasser gibt und gibt, ungeachtet wem. Auch er tränkt alle die Schlössligäste seit eh und je.

 


25. Juni 2017

Gestern Abend habe ich mit Julian die Aufführung der Abschlusswerke der HKB im Volkshaus Biel besucht. Steffi und Matz habe das zweite Jahr abgeschlossen: Viel Bewegung und tanzende Gestaltung. Choreografisch und choral faszinierend. Mit schönen Solostimmen. Ein Höhepunkt war Steffis Solotanz auf Sand. Ihre Tanzspuren wurden zum Mandala. Sehr beeindruckend, mit welcher Disziplin sich die StudentInnen – es waren nur zwei Männer dabei – an Körperarbeit erschaffen haben.

Gestern Nachmittag hat die Töpferin Claudia Terra Nova ihre Werke in unserer Töpferei im Lilienhof ausgestellt. Wunderbare Keramik, Bilder und Textilien schmückten den Raum. Es kamen etliche Leute und kauften sich Einzelstücke. Wieder ein Ort im Schlössli, der künstlerisch belebt wird.

Am längsten Tag, dem vergangenen Mittwoch, hat InSich das Johannifest mit Fackeltanz und Feuer eingeläutet. Zuvor wurden die Johanni-Sprüche von den jeweiligen Vertretern der Tierkreiszeichen gesprochen, musikalisch in den entsprechenden Elementen begleitet. Ein ausgezeichnet gelungenes Ritual, aus alter Schlösslizeit wiederbelebt. Die Johanni-Sprüche, die ich vor Jahrzehnten gedichtet habe, ertönten wie selbstverständlich auf dem geschichtsträchtigen Jodelhügel.

 


18. Juni 2017

Gestern ist die 9. Klasse der Waldorfschule aus Pardubice, Tschechien nach einwöchigem Besuch wieder nach Hause gefahren. Die 14 SchülerInnen und 4 Erwachsenen haben im Rosenhofpark gearbeitet: Es wurden das Bächlein geputzt, Mosaike geflickt und Bäume gepflegt. Die Klasse übernachtete im Seminarraum (Freyahof) und im Ätti Seiler Saal (Burgunderhof). Gekocht und gegessen wurde in der Lilienhofküche und im Fenissaal. Zum Programm gehörten auch Ausflüge: nach Neuenburg ins Latenium, nach Trubschachen in die Kambly-Fabrik und auf die Stärenegg mit dem einmaligen Gewölbe von Michel Seiler. In den umliegenden Seen und in der Aare in Bern wurde gebadet. Ich gab ihnen eine Einführung in die Astronomie - wir beobachteten die Sterne, ich zeigte ihnen bei Nacht das Astrolabium.

Erstaunlich, wie begeisterungsfähig die Jugendlichen sind: Ohne disziplinarischen Druck begeisterten sie sich für den Wasserlauf und das Anlegen von neuen Mosaiken. Am Schluss verfolgten sie wie kleine Kinder staunend und gespannt, wie sich das Wasser in dem erneuerten Bächlein den Weg sucht. Sie waren stolz auf ihre Arbeit. Das nenne ich echte Waldorfpädagogik, die einen solchen praktischen Einsatz auch als soziales Projekt gestaltet.

Dieses Projekt ist vor allem Kamila zu verdanken, die alles koordiniert hat, die Baumpflege initiiert, Mosaike angelegt. Die Gruppe wurde vom Direktor der Pardubicer-Waldorfschule geleitet. Milan arbeitete vor Jahren ein Jahr lang mit seiner Familie im Schlössli. Er freute sich sehr, wieder einmal im Schlössli zu sein.

 


11. Juni 2017

Gestern in Tinus Klangraum. Drei gute Perkussionisten rhythmisierten die Fünf. Wirklich etwas Neues nach der Vier. Mein Text dazu:

FÜNF

Die Fünf ist die Quintessenz der Vier. Nach der erdenhaften Vier haben wir einen Quantensprung in die Fünf. Nach dem Vierer-Marsch zum Take Five: 1.2.3.–1.2. oder 1.2.–1.2.3. Dave Brubeck im berühmten Jazz-Stück von 1959. Ich war damals 17 Jahre jung. Take Five wurde zu meiner Lieblingsmusik.

Die Fünf ist die menschliche Zahl. Leonardo da Vinci stellt den Menschen in einen regelmässigen Fünfstern. Der kosmische Mensch. Nicht mehr der im Viereck am Kreuz, sondern der Auferstandene. Das Kreuz wird zum Rosenkreuz.

Die Rose, die Fünfblätterige. Im aufgeschnittenen Apfel das Fünfeck. Die Rose, die Blüte der Blüte: Sie entfaltet sich aus dem vegetativen Blätter- und Holz-Grün, in der Verpuppung der Knospe zur höheren schmetterlingshaften Blüte. Das ist die alchemistische Sublimierung, Vergeistigung. Der Mensch hat sich aus dem Vegetativen, Ätherischen ins Seelisch-Geistige erhoben.

Die fünfblätterige Rose als Blüte der Liebe in der Geschichte von „Flore und Blancheflur“ dargestellt: Alchemistisch, rosenkreuzerisch. Im Frühling die Rosenblüten aus dem Winterholz springen. Ostern. Frühling. Neuanfang.

Fangen wir bei der Fünf wieder an. Auf einer höheren Ebene. 1.2.3.–1.2., 1.2. –1.2.3. Immer wieder der Neuanfang. Das Alte hinter uns lassend. 1.2.3.–1.2., 1.2.–1.2.3.

Fünf Finger, fünf Zehen. Die Hälfte im Dezimalsystem.

Der Fünfstern teilt die Strecken im goldenen Schnitt. Diese göttliche Teilung, die göttliche Proportion: Grundlage der Malerei und Architektur.

Der Drudenfuss in Goethes Faust. Der Fünfstern nicht ganz geschlossen, darum konnte der Teufel, der Mephisto eintreten. Der aufgestellte Fünfstern, das göttliche Zeichen. Der Spitz nach unten gekehrt, das Zeichen des hörnigen Teufels. Gut so: das Geistige ist nahe dem Bösen. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. „Solange wir im Licht sind, wir werfen Schatten weit.“

Die Fünf inmitten des magischen Neuner-Quadrats. Immer zwei Zahlen zwischen Eins und Neun und Fünf ergeben 15. Drei mal Fünf ist Fünfzehn. Das dreimal erhöhte Fünf ergibt 15.

Meine Adresse im magischen Prag an der Cestmirovastrasse hat zwei Nummern: 15 und 555. Also zweimal Drei mal Fünf. Meine Adresse in Ins hat die Nummer Fünfzehn. Zufall? Diese Zahlen sind mir zugefallen. Lasst uns Fallen in das Schicksal. Lasst uns in die Fünf fallen, damit wir erhöht werden. 1.2.3.–1.2., 1.2.–1.2.3.

 


04. Juni 2017

Es ist Pfingstsonntag-Morgen. Manuel ist gerade nach Amerika verreist. Hoffentlich geht alles gut! Julian ist in Australien krank geworden. Hoffentlich kommt er bald wieder auf die Beine!

Nun sind Kamila und ich schon wieder eine Woche zurück in Ins. Nach dem ereignisreichen Monat in Tschechien. Gestern Abend hat das wunderbare INSgeheim Sommerfest stattgefunden. Mit einer Komödie und einem Tanzkonzert.

Das Schlössli entwickelt sich:
Gerade wird ein „Schlössli-Treff“ organisiert, von Lorenz (Kräuterschule) und Simon (wohnt im Lilienhof). Das ist ein wichtiger Schritt zur Integration der Mieter.
Bei „InSich“ läuft es besser. Simone und ihr Team scheinen den Aufbau nun geschafft zu haben.
In der Seeland-Schule im Tellenhof gibt es neu einen Betreuer (Michael, ehemaliger Schlössli-Schüler) und einen betreuten Schüler.
Die Kinderinsel Ins hat vom Erziehungsdirektor Pulver die Bewilligung für den Kindergarten erhalten. Anna startet nach den Sommerferien im Bärwolfhaus.

Das sogenannte Kutschnerhus (Eymannschulhaus) von Steffi und Matz hat bald ein neues Dach über dem Kopf und ein neues Bad. Im Eymannschulhaus gibt es eine neue Dusche und ein neues Brünneli.
Die Töpferei im Lilienhof wurde schön eingerichtet.
Der Kunstschlosser Lukas bringt Ordnung in das langjährige Chaos der alten Schmitte.

Die Kommunikation fürs AETTI-Fest ist in Zusammenarbeit mit Bidu digital aufgegleist worden. Schon erhalten wir einzelne Reaktionen.

Garin Gbedegbegnon:
„Hallo Ueli
Es freut mich sehr, dass das Schloessli als Kulturzentrum ein neues Leben findet! Das Schloessli ist zum wichtigen Teil meines Werdens geworden, da ich dort zum ersten Mal Lehrer war für ein Sprachkurs (Christof's Klasse) der Musiker, Tänzer und Klassenlehrer.
Heute bin ich Zivilinstruktor von Zivilisten Polizisten und Militär für Menschenrechte, Rechtslage der Friedensmissionen und Verarbeitung der Vergangenheit.“
Ein lieber Gruss aus Bamako Mali an Kamila und deiner Familie.“

Der bekannte Regisseur Stefan Haupt:
„Lieber Ueli    
Ich wünsche Euch viel Kraft und Spass und gute Resonanz beim neuen Anfang – es war schön, Dich und Euch im Zusammenhang mit Finsteres Glück wieder einmal zu sehen!“

Auch Michaela Glöckler, ehemalige Leiterin der medizinischen Sektion am Goetheanum, beglückwünscht uns.

 


01. Juni 2017

Heute würde Aetti 100 Jahre alt. Hundert Jahre, eine runde Zahl. Die Zahlen wiederholen sich: 1917-2017, 1. Juni bleibt immer gleich. Was bedeutet es? Es ist ein Datum, das man kommunizieren kann. Immerhin „Das Goetheanum“ und „Agora“ haben es veröffentlicht.

Und ich will dieses Fest organisieren: „100 Jahre Aetti Seiler – und wir schauen in die Zukunft.“ Aettis Impulse tragen Zukunft in sich.

J. F. Kennedy wurde ein paar Tage vor Aetti geboren. Ein Träger von grossen Zukunftshoffnungen wurde leider in jungen Jahren ermordet.
Auch Niklaus von Flüe feiert Geburtstag. 600 Jahre (1417) ist es her, als unser National-Heiliger geboren wurde. Er hat die Eidgenossenschaft spiritualisiert. Er war eben ein echter Cathari und die Politik liess sich auf geistige Führerschaft ein. Die Schweiz zehrt noch heute an seinem spirituellen Vermächtnis.

Aetti ist im Revolutionsjahr 1917 geboren. Im gleichen Jahr auch als Rudolf Steiner seine „Soziale Dreigliederung“ veröffentlicht hat. Diese hätte ein Heilmittel werden können für die kranke Welt.
Aetti, selbst Kommunist geworden (mit Müeti gemeinsam), wandte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kommunismus ab und beschäftigte sich mehr und mehr mit dem Werk Rudolf Steiners.

Die (mit Müeti) gegründete Schlössli Heimschule an Michaeli 1953 war eine Kulturtat. Das Schlössli als Heimschule dauerte 63 Jahre, bis es in tragischer Weise zerstört wurde. In dieser Zeit war ich mehr als die Hälfte der Zeit Heimleiter. Nicht zuletzt fühle ich mich dem Gründungsimpuls gegenüber verantwortlich und versuche seit drei Jahren das Schlössli neu aufzubauen. Es soll ein von Menschen getragener, kraftvoller, spiritueller Ort werden.
Aetti fühlte sich mit dem Michaeli-Impuls (1879) verbunden. Darum die Gründung an Michaeli, am 29. September.

Also heute 100 Jahre Aetti Seiler. Drei Mal 33 1/3 Christusjahre. Aetti der Revoluzzer, Anti-Faschist, Lehrer an der Gesamtschule Reust, Schriftsteller (Bärwolf-Geschichten), Alchemist. Gründer des Mas Feirefis, Mas De Dieu (Gotteshaus) und Mas Escoubioux mit dem Seminar für einfache Lebenshilfe. Immer auch schon Mythos, aber vor allem Inspirator und Begeisterer der geistigen elementaren Welt. Viel mehr als mein eigener Vater, Vater (Aetti) von vielen vielen Kindern und Jugendlichen. Wir feiern am 16. September alte und neue Freundschaften. In Aettis Namen.

 


28. Mai 2017

Kamila und ich waren erneut fast einen Monat lang in Tschechien. Viel ist in diesen Wochen passiert. Wir sind gestern zurückgekehrt. Am 2. Mai fuhren wir mit dem Auto über Karlsruhe und Nürnberg nach Prag. Da wir früh morgens losfuhren konnten wir einmal mehr (fast) jeden Stau umgehen und waren am Nachmittag schon in unserer Wohnung.

Bereits am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Brno. Hier waren wir von der Organisation Libka eingeladen. Die Organisation setzt sich seit über 20 Jahren für Naturgärten ein und richtet Zentren für Naturpädagogik ein. Sie will sich international vernetzen und lädt Gleichgesinnte nach Brno ein. So waren Leute aus England, Portugal, Italien und der Slowakei mit dabei. Eine Initiantin von Libka war im Februar 2017 in Pruhonice bei mir in einem Farbenseminar und hat auch die Stiftung Seiler eingeladen. In den ersten Tagen besuchten wir vorbildliche pädagogische Zentren, ein Garten in einem Altersheim und in einem Asylzentrum. Immer geht es darum, Naturgärten so anzulegen um für alte und kranke Menschen, aber auch für gesunde Erwachsene, Kinder und Jugendliche Hilfe zu geben. Es geht darum als Besucher, aber auch aktiv an der Zurückeroberung der Natur mitzuhelfen.

Am Freitag und am Samstag den 5. und 6. Mai unterrichtete ich in Pribram in einem Kurs über Wärmepädagogik. Obwohl ich dies ansatzweise schon geübt bin, habe ich noch nie zu diesem Thema explizit ein Seminar gegeben. Ich bin von der Wärme-Meditation Rudolf Steiners ausgegangen. Die Hauptaussage dieser Meditation ist, dass das Gute nur über den Willen und das Tun entstehen kann. Doch entscheidend ist auch, dass die Wärme nicht nur als Polarität zur Kälte begriffen wird, sondern als labiles Gleichgewicht zwischen Kälte und Hitze steht. Die Wärme ist seit Urbeginn (seit dem Zustand des Alten Saturns) die Substanz des Menschen. Die Wärme, die Ich-Tätigkeit im Willen durch das Blut ist die Grundlage ethischen Handelns. Wie Rudolf Steiner den Menschheitsrepräsentant in der Mitte zwischen Ahriman und Luzifer künstlerisch dargestellt hat, ist auch die Wärme zwischen Kälte und Hitze als das labile menschliche Gleichgewicht zu ordnen. So ist auch das Wollen in der Mitte von Denken und Fühlen, von der Verstandes- und der Empfindungsseele. Seit 1415 leben wir im Bewusstseins-Seelenalter. Es bedeutet dass unser Seelenleben immer über das höhere eigene Ich geht. Dazu braucht es immer einen wärmehaften Willensakt. Jedes ethische Handeln ist ein intuitiver Ich-Akt. Das Ich als das Nadelöhr zur geistigen Welt: Oberste Spitze der irdischen Pyramide, unterste Spitze einer hierarchischen Geisteswelt.

Ein Gedicht von Friedrich Nietzsche zeigt den Bezug der Wärme (Flamme) zum Ich eindrücklich:

"Ja, ich weiß, woher ich stamme
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles was ich fasse
Kohle alles, was ich lasse
Flamme bin ich sicherlich."

Dies waren einige Elemente meines Seminars. An diesem Wochenende entschied ich mich, ein Buch mit dem Titel „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es“ zu schreiben. Das Zitat ist von Erich Kästner. So wurde dieses Seminar, wie so viele andere, zum Ausgangspunkt einer Publikation.

Am darauf folgenden Dienstag und Mittwoch, 9. und 10. Mai, war ich mit Kamila in Pruhonice. Dort durften wir eine Führung durch den wissenschaftlichen dendrologischen Park besuchen. Wunderbare Tulpenausstellung, Rhododendren in allen Farben. Dann die Versuchsfelder, wo studiert wird welche Sträucher am besten zusammen wachsen können.

Danach fuhren wir zur nahen astronomischen Fakultät Tschechiens mit den grössten Fernrohren Europas. Dort haben wir eine Führung des ehemaligen Leiters des Forschungszentrums erhalten. Die historischen Gebäude und modernen Sternwarten, am Anfang die Privat-Initiative eines Industriellen sind eindrücklich.  Am nächsten Tag sind wir noch durch den riesigen botanischen Schloss-Park von Pruhonice gewandert.

Am Donnerstag, 11. Mai, war ich in der Waldorfschule Dedina in Prag und sprach im Lehrerkollegium über Strafe und Belohnung. Dann hielt ich einen Vortrag für LehrerInnen und Eltern über Pubertät. Es kamen etwa 50 Menschen. Ich war beeindruckt vom kräftigen Frauen-Kollegium und den wirklich interessierten Eltern.

Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 17., 18. und 19. Mai, gab ich den Tagesstudenten der Akademie Tabor einen Farbenkurs. Wir machten viele Experimente und malten viel. Auch mein auf Tschechisch übersetztes Farbenbuch wurde rege genutzt. Das Farbenbuch war in Tschechien im Zusammenhang mit der Akademie Tabor, wo ich schon seit über 20 Jahren unterrichte, entstanden.

Am Samstag und Sonntag, 20. und 21. Mai, unterrichte ich im Wochenend-Seminar der Akademie Tabor die Megalithische Kultur. Ich konnte im Zusammenhang mit Lemurien und Atlantis zeigen, was die Megalithen offensichtlich für ein neues Welterlebnis zeigen: Die Menschen haben das erste Mal die Schwerkraft als Weltenkraft erlebt. Ihr physischer Leib als materielle Steinsäule. Sie waren begeisterte Gestalter der Steinmonumente in den Menhiren und Dolmen. Der schattenwerfende Dolmen am Tag, der Innenraum des Dolmen als Schlaftraum - als Raum um sich der geistigen Welt zu nähern. Wachen und Schlafen, sinnliche und geistige Wahrnehmung waren noch im Gleichgewicht. Das Tempeldach der Megalithen war der sternenübersäte Himmel, der Kosmos. Ich erklärte den Studenten die gleichzeitige Kultur der Aegypter. Der nördliche Impuls ganz in die Welt und in den Kosmos gerichtet, die südliche (ägyptische) Kultur ganz nach Innen gerichtet. Eine Abschottung gegenüber der Natur. Finden wir diese aegyptische Haltung nicht auch als Spiegelung in der heutigen Welt? Dann zeigte ich ihnen, dass die griechische Kultur in der Mitte zwischen Nord und Süd liegt: Die Geburt der europäischen Kultur.

Schon am Sonntagnachmittag fuhr ich nach Pardubice. Dort wurde ich von Lukas Dostal abgeholt. Er fuhr mich in den Süden in Richtung Nova Miesto. Dort in einer Hütte, wo man weit ins Land sehen kann, war das viertägige Astronomie-Lager der 7. Klasse der Waldorfschule Partubice. Lukas Dostal übersetzte. Dadurch dass er grosse Kenntnis hat in der Astronomie, war die Zusammenarbeit hervorragend. Wir hatten Glück, an den zwei ersten Abenden sahen wir die Sterne: Jupiter glänzte in der Jungfrau rechts von der Spica. Dann weiter rechts gegen Westen der stolze Löwe in seiner ganzen Grösse. Und noch weiter im Westen Kastor und Pollux in den Zwillingen. Hoch oben über der Jungfrau Arkturus im Bootes und die Krone. Gegen Norden hoch oben der Grosse Wagen. Schnell fanden wir den Polarstern in der Verlängerung der hintern zwei Sterne und der Kleine Wagen. Darum herum der Drachen, der seinen Kopf gegen Osten nahe der Wega in der Leier hat, darunter der Schwan. Tief unten die Kasiopeia. Schon am zweiten Abend kannten die SchülerInnen die Sternbilder. Tagsüber markierten sie die Sternbilder mit Naturmaterialien. Ich zeigte ihnen vor allem die Tierkreisbilder und am dritten Tag die Planeten. Die Schüler notierten alles in einem Epochenheft und zeichneten auf Schwarz-Weiss-Papier Sternbilder. Die Klassenlehrerin und die Assistentin hatten die Klasse lieb und konsequent im Griff. Die SchülerInnen machten super mit und stellten aufmerksame Fragen. Obwohl der Klassenunterricht nicht mehr so mein Ding ist, bin ich mit diesem Seminar zufrieden.

Dann fuhr ich am 24. Mai wieder zurück nach Prag, wo Kamila und ich noch einiges zu erledigen hatten. Am 27. Mai fuhren wir wieder (fast) ohne Stau in die Schweiz zurück.

 


22. April 2017

Heute hatten wir den vierten Rhythmustag:

VIER

Die Vier bringt uns in die Realität, in die Wirklichkeit, auf den Boden, in die Materie. Es ist das Quadrat, das fest auf dem Boden steht. Statisch stabil. Der rechte Winkel herrscht omnipotent. Die Senkrechte auf der Waagrechten. Wir stehen senkrecht auf der waagrechten Erde. Wir bilden das Kreuz, das zugleich das Todessymbol ist. Das Kreuz, an das jener senkrecht genagelt wurde, der das Paradoxon verwirklichte, dass ein Gott stirbt.

Der Mensch verhält sich auch paradoxal: Er lebt das irdische Leben und verdrängt ständig, dass durch den Tod diese materielle Vierheit, das Kreuz, die Materie überwunden wird. Die Materie, über die Vierheit des Kreuzes, über das radikale Ja-sagen zum Tod . Sie verwandeln in die lebendige Quintessenz der Fünfheit. Ein Ostermysterium.

Die Erde ist nach Rudolf Steiner die vierte planetarische Verkörperung und die erste physische. Erst in der vierten nachatlantischen Kulturepoche erreicht der Mensch so richtig den physischen Plan. Das antike Römertum verwirklicht die Erdenreife der Menschheit. Seit dieser Zeit ringt die Menschheit darum die Materie zu spiritualisieren, zu vergeistigen. Diese Menschheitsalchemie ist existentiell. Gelingt es der Menschheit nicht, dann riskiert sie ihren Untergang.

Die vier Elemente; Erde, Wasser, Luft und Feuer, die die Erde nach Aussen gestalten. Melancholie, Phlegmatik, Sanguinik und Cholerik, die den Menschen in seinem Habitus charakterisieren. Die vier Wesensglieder: physischer, ätherischer, astralischer Leib und Ich als ganzheitliches Menschenbild.

Die Vier als Marschmusik. Glorios und unheimlich. Und in welche Richtung?

Die vier Himmelsrichtungen: Ost, West, Nord, Süd, das Weltenkreuz unseres blauen Planeten, das den vier Tageszeiten, Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht, den vier Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Zeitgestalt geben.

Die Mondphasen: Neumond, zunehmender Halbmond, Vollmond, abnehmender Halbmond. Sie gliedern den Mondmonat in vier Wochen. Aus den Wochen wird die Siebenheit geboren. Davon später.

Die vier Beine der Säuger, die vier Räder des Autos, die vier Evangelien, das Quadrat der ägyptischen Pyramide das von der einsamen Einheits-Spitze aus hierarchisiert wird, über die vier Kanten der vier Dreiecke mit der Erde verbunden wird.

Die Quadernität: Die Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist muss nach C.G. Jung ergänzt werden, vielleicht durch das Böse, vielleicht durch das Weibliche. Erst so haben wir eine dynamische Ganzheit. Durch Jean Gebser wissen wir von den Bewusstseinsstufen magisch, mythisch, mental und integral. Darin gestaltet sich das Bewusstsein im vitalen Bauch, in der psychischen Brust, im mentalen Kopf und im integralen Scheitel. So kommen wir zur triebhaften Emotion, zur empfindenden Imagination, zur reflektierenden Abstraktion, zur diaphanierenden Konkretion. So entwickelt sich der Mensch von der ritualisierenden Totalität der Naturerfahrung, zur polarisierenden mystischen Mythologie, zur Formel des Entweder-Oder in der Wissenschaft, schlussendlich zur paradoxalen Philosophie des Sowohl-als-Auch.

In der Waldorfpädagogik gestaltet sich der Unterricht primär aus dem schlafenden Willen, in das träumende Fühlen, in das wache Denken, in die individuierende Intuition. Die vier Seelenarten: Empfindungsseele,  Gemütsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele geben die Grundlage zur umfassenden Wahrnehmung, Vorstellung, Begrifflichkeit und Wesenhaftigkeit der Schöpfung. Erst diese Vierheiten ergeben dem Menschen ein ganzheitliches Weltbild.

Ein Gedicht von Jean Gebser fasst die Entwicklung des Menschen zusammen:

"Immer muss man zueinander reifen.
Alle schnellen Dinge sind Verrat.
Nur wer warten kann, wird es begreifen:
Nur dem Wartenden erblüht die Saat.

Warten, das ist: Säen und dann Pflegen.
Ist gestaltend still sein und umhegen
Erst den Keim und dann den Garten."

 

(Obige Ausführungen sind teilweise aus meiner Rede vom 8. Mai 2000 entnommen: Hochschuldidaktische Überlegungen, Pädagogische Fakultät der Lettischen Universität in Riga)

 


13. April 2017

Gestern fand im Fenissaal ein Vortrag mit Franziska van der Geest und Karsten Massai statt: „Wie helfen uns die Elementarwesen in unserer Biografie und Geografie“ Gegen 40 Menschen sind gekommen - erstaunlich viele. Franziska sprach über ihre Therapiearbeit an verschiedensten Orten der Welt. Sie malt Bilder, um die geistige Konstitution der Orte zu erkunden. Karsten sprach sehr subtil über die intensive Wahrnehmung in der Natur. Nur so nimmt der Mensch immer mehr das Geistige der Naturwesen war. Eigentlich sind das schon die Elementargeister. Jeder Mensch hat unterschiedlichen Zugang: Der eine schaut mit den Augen die Farben und Formen, der andere nimmt das Wesenhafte über das Gehör oder das Tasten wahr usw. Die Elementarwesen brauchen diese Wahr-nehmung und diese Wahr-gebung (Jean Gebser) der Menschen.

Zwei Tage vorher wurde von Matz und Steffi zur Vollmondsuppe im Tellenhofgarten eingeladen. Dieses Treffen war wundervoll, ich hatte zahlreiche lockere und auch ernsthafte Gespräche. Hier findet die notwendige gegenseitige Wahrnehmung von Mensch zu Mensch statt. Ein grosser Dank den Initianten.

In den letzten Tagen war ich wieder im Aetti-Müeti-Gewölbe. Hier kann ich mich innig mit meinen Eltern verbinden. In Aettis Bibliothek fand ich die Briefe von Christian Morgenstern. Ich las darin. Ich las eine ganze Nacht hindurch eine ro ro ro Monografie über/von ihm. Sein Name ist ein Omen: Christian suchte schon sehr früh nach der Christus-Wesenheit. Er fand sie im Werk seines persönlichen Lehrers Rudolf Steiner. Der Morgenstern als Planet ist zugleich die geistige Eröffnung eines Tages, aber auch einer neuen Zeit. Diese venusische schöpferische Kraft, die das Geistige in den Stoff bringen will, passt gut zu  Christian Morgenstern. Durch seine Frau Margareta Gosebruch von Liechtenstern, auch Leuchtstern, begegnet er Rudolf Steiner 1909. Fünf Jahre vor seinem frühen Tod. Er lebte zwischen zwei deutschen Kriegen: von 1871 bis 1914. Also in der Friedenszeit. Ihm blieb der barbarische 1. Weltkrieg erspart.

Seine späte Liebe, acht Jahre vor seinen Tod, beschreibt er in seinen Briefen: „Ich sitze in einem Wirtsgarten am Brunnenplatz (Obermais, 31. August 1908) als einziger Gast und denke denke denke an Dich und muss Dir das schreiben; denn wenn diese letzten acht oder vierzehn Tage auch nicht die Folge haben werden, die sich die Welt gemein vorstellt, so habe ich Dich doch in diesen Tagen geliebt und fühle Dich seitdem als ein Unentbehrliches und Unausscheidbares mit meinem Leben verbunden.“ Und am 2. September: „Cherie, mir fehlt bereits Ihr Bild unendlich... (ich will heute – vielleicht auch im Allgemeinen in der Folge – beim ‚Sie’ bleiben, aber Sie wissen, Sie allein, es ist nicht das gewöhnliche Sie. Es ist Sie gesagt, aber Du gefühlt; es ist jenes unsäglich zarte Sie, das in den letzten Tagen dann und wann zwischen uns schwebte, wenn unsere Seele uns sehr nahe waren). 13. September: „Ich schicke meinem Sterngeschwister, das mich schon vergessen hat, noch diesen Gutenachtgruss. Mir ist doch inneren Schwingungen von gestern ahnend nach zu urteilen, als hätten Sie den Brief schon gestern bekommen.“

Brief von Margareta vom 18. September an Morgenstern:  „ ... Diese Nacht hatte ich ein merkwürdiges Gesicht im Traum. Es war wie eine dreistufige Pyramide, aber schon die unterste Stufe weit vom Erdboden erhoben. Auf dieser stand ich. Und ein Lichtwesen kam zu mir: ‚So weit also hast Du Dich hindurch gerungen’ sprach es, ‚aber wird Deine Kraft noch höher hinauf reichen? Dort musst Du hingelangen.’ Und auf dem Gipfel, ganz im Licht, stand eine hehre Gestalt und winkte mir liebevoll zu. Hier vermochte ich nichts mehr deutlich zu unterscheiden; ich war noch zu weit entfernt. Ich strebe vorwärts, immer heller, lichter wurde es – da erwachte ich...“

Christian Rosenkreuz war schon lange bevor er Rudolf Steiner kannte, Anthroposoph. Zugleich war er ein geachteter Dichter einer Avantgarde. Er wollte ein Phönix sein, der sich selbst verbrennt, und hoffte, dass Margareta dann immer noch bei ihm ist.

„Wir werfen unseren Schatten, sagt das Volk, voraus, als die Ereignisse, als das unsterbliche Ereignis, das wir sind. Wir werfen unser Leben, unsern Tod voraus: Wir leben schon, lange eh wir leben, und sind Sterbende, lang eh wir tot.“ (5. Oktober 1908)

„Wir wollen uns nie so ganz zu besitzen glauben, dass wir uns nicht noch nach einander sehnen müssten.“ (25. Oktober 1908)

„Ach Geliebte, wenn ich Dich doch nur ganz glücklich machen könnte! Wenn es doch noch ein Delphi gäbe, ich würde zu Fuss hin pilgern.“ (20. Dezember 1908)

An Rudolf Steiner: „Sehr verehrter Herr Doktor, seit Mitte des Winters etwa folge ich Ihren Vorträgen im Architektenhaus“. (6. April 1909)

An Margareta: „Bei Steiner und Fräulein von Sivers war ich kürzlich zu Tisch geladen, er sprach sehr bedeutend über Nietzsche und Lagarde...“ (Kristiania, 15. Mai 1909)

An Margareta: „Dr. Steiner ist jetzt immer von grösster Güte zu mir und bittet mich fast jeden Abend, mich noch bis zum letzten Tage zu gedulden... Er ist wirklich ein grosser Führer, und es ist keine Schande, sich ihm anzuschliessen. Eine unendliche reine Geistigkeit und geistige Reinheit geht von ihm aus.“ (Kristiania 16. Mai 1909)

An Elisabeth Morgenstern: „Unserer jüngerer Kreis hat immer an Reinkarnation in irgend einer Weise geglaubt, aber wir sind nie des Näheren darüber belehrt worden, und so blieb es eine vage Vorstellung ohne produktive Kraft für unser Leben. Jetzt endlich wird der Vorhang zurückgezogen und jetzt können wir bis zu einem gewissen Grade selbst auswählen, ob Jung oder Alt, in künftigen Entwicklungsperioden unsere Persönlichkeiten zusammenbleiben wollen oder nicht. Wir werden es, wenn wir uns in einem grossen Streben nach immer höherer Vervollkommnung, d.h. nach immer höherer Opferfähigkeit vereinigen und vereinigt halten. Und als Ich in aller Macht und Stärke zu vereinigen und dieses Ich dann der Menschheit  hinzugeben in schöpferischer  Liebe – das ist es.“ (Budapest, 7. Juni 1909).

An Margareta: „Halte wenigstens nur Eins fest: dass Du schrankenlos frei bist und bleibst, dass Du Deinen Lebensweg jederzeit von mir abbiegen darfst, wenn es Deine innerste Überzeugung fordert.“ (Obermais, 17. September 1909)

An Elisabeth Morgenstern: „Die Lehre der Reinkarnation zeigt uns den Zeit- und Weltalter sich hinziehenden Werdegang der Einzelindividualität, der von einem gewissen Moment ab – den die Bibel als Sündenfall bezeichnet – die Freiheit zum Guten wie zum Bösen gegeben und gelassen wird, und die sich nun in immer neuen menschlichen Verkörperungen, mit grossen dazwischen liegenden Läuterungen, Ruhe- und Arbeitspausen, zum Christus hinauf- oder zum Widerchristus hinunterzuarbeiten Gelegenheit hat. Die Lehre vom Karma – um es mit Worten aus einem von vielen Büchern zu geben – bedeutet, dass wir uns selber zu dem gemacht haben, was wir sind, durch unsere früheren Handlungen; und dass wir an unserer ewigen Zukunft durch unsere gegenwärtigen Handlungen bauen. Durch nichts anderes, nur durch uns selbst werden wir bestimmt.“ ... Oder an anderer Stelle: „Karma ist das unfehlbare Gesetz, welches die Wirkungen an die Ursache knüpft und zwar in der physischen, gedanklichen und geistigen Welt. Das Gesetz vom Karma ist unauflöslich verwoben mit dem von Reinkarnation. Karma selber aber, die Summe unserer Handlungen aus früheren Lebensläufen, führt uns (nach dem jeweiligen Tode) wieder in das Erdenleben zurück.“  (Obermais, 31 März 1910)

An Frau Clara Anwand: „Wenn Fritz meint, der Dr. Steiner sei nicht eben nachsichtig gegen fremde Anschauungen – so lässt sich darauf zweierlei erwidern. Erstens handelt es sich beim Geistesforscher nicht um irgendwelche ‚Anschauungen’, in dem Sine, wie wir das Wort heute vulgär verstehen (Ansicht, Meinung, Behauptung, Überzeugung etc.), sondern um Vermittlung von Wahrheit aus der geistigen Welt. Diese Wahrheit kann in mancherlei Bildern empfangen werden, aber über sie selbst kann nicht die eine oder die andere Meinung herrschen. Sie ist über aller Meinung, über allen Anschauungen, sie ist eben die Wahrheit... Zweitens kann ich auch noch folgendes erwidern: Wer hat denn im allgemeinen Nachsicht mit den Theosophen? Steht nicht die ganze Welt zu neunundneunzig Prozent gegen sie? Niemand hat Nachsicht mit dieser Theosophie, der Mutter aller Wissenschaften, aller Religionen, aller Kultur und Zivilisation – nur sie selbst wartet mit einer unermüdlichen, einer göttlichen und nur aus dem Göttlichen heraus ganz verständlichen Geduld, bis ihr schleichendes Volk ihr nachkommt.“ (Inner-Arosa, 27. Februar 1913)

An Kayssler: „Seht Ihr Lieben – und wenn uns Steiner nichts anderes verschafft hätte als das Erlebnis des Lehrers, es wäre schon genug. Es gibt in der ganzen heutigen Kulturwelt keinen grösseren geistigen Genuss, als diesem Manne zuzuhören, als sich von diesem unvergleichlichen Lehrer Vortrag halten zu lassen“. (München, 24. August 1913)

Diese Briefstellen dokumentieren aufs Innigste, wie Morgenstern ein konsequenter Schüler von Rudolf Steiner war. Ohne ihn zu mystifizieren erlebte er in ihm das Einmalige. Dieses Urteil von Morgenstern über Rudolf Steiner ist umso eindrücklicher, weil Rudolf Steiner erst am Anfang war als Okkultist zu wirken. Morgenstern war damals in der Kulturwelt ein geachteter und kaum umstrittener Dichter. Es seien darum hier einige dichterische Dokumente aufgezählt:

 

Das Wörtlein

Kürzlich kam ein Wort zu mir,
staubig wie ein Wedel,
wirr das Haar, das Auge stier,
doch von Bildung edel.

Schlafend hats die ganze Nacht,
Weit weg reisen müssen.
Als es morgens aufgewacht,
kam ein Mund es – küssen.

 

Dem Kind im Manne

Lass die Moleküle rasen,
Was sie auch zusammen knobeln!
Lass das Tüfteln, lass das Hobeln,
heilig halte die Extasen!

 

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiss, was ein mulus ist: die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und sieht andre Dinge als Andre.

 

Schauder

Ich riss des Herzens Furchen auf,
da säten Wind und Sonnenschein,
ihr Korn hinein;
da schoss es auf,
aus rotem Grund,
und wuchs mit zuckendem Purpurmund,
zum Licht hinauf.

Ja, gib der Welt nur Wein und Brot,
Doch sieh nicht, wen du gespeist.
Bei dem und jenem wird’s wohl Geist,
doch bei vielen nichts als – Kot.

Ein Anonymus aus Tibris,
sendet Palman ein Exlibris.
Auf demselben sieht man nichts,
Als den weissen Schein des Lichts.

Nicht ein Strichlein ist vorhanden,
Palma fühlt sich warm verstanden.
Und sie klebt die Blättlein rein,
allenthalben dankbar ein.

Die Wolke Zickzackzunge spricht:
Ich bringe dir, mein Hammel, Licht.
Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.
Sein Leben grübelt er seitdem:
Warum ihm dies geschah von wem?

 

Ich fange das Raubvogelgesindel meiner hässlichen Gedanken und brate sie am Spiess, der über einem Feuer sich dreht. Ach vergebens.

Das Verhassteste von allem wird einst geschehen: man wird mir Milderungsgründe zubilligen. („Er war ein guter Mensch, er wollte das Beste“ usw.)

Ich habe nur einen wahren und wirklichen Feind auf Erden, und das bin ich selbst.

Ganze Weltalter von Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.

Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie ein grosses Herz.

 

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da -
und nahm den Zwischenraum heraus,
und baute draus ein grosses Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
Mit Latten ohne was herum.
Ein Anblick grässlich und gemein,
drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh,
Nach Afri- od. Ameriko.

 

Ich verstand von allen Sprachen nur – russisch, d.h. ich fühlte, dies wird irgendeinmal meine künftige Heimatsprache sein.

 

Über Rudolf Steiner

Er sprach. Und wie er sprach, erschien in ihm,
der Tierkreis, Cherubim und Seraphim,
der Sonnenstern, der Wandel der Planeten,
von Ort zu Ort.

Das alles sprang hervor bei seinem Laut,
ward blitzschnell, wie ein Weltentraum, erschaut,
der ganze Himmel schien herabgebeten,
bei seinem Wort.

 

Für den, welcher diese Bewegung seit Jahren aus eigenster Erfahrung kennt, entspricht Dr. Rudolf Steiner, der Inaugurator der gegenwärtigen theosophisch-anthroposophischen Bewegung in Mitteleuropa in dreifacher Beziehung den Bedingungen der Nobelpreisstiftung: als Wissenschaftler, als Dichter und als Förderer des Friedens. (1912)

 


02. April 2017

Es ist Frühling. Bald ist Ostern, die Zeit der Auferstehung. Der Sieg der Lebenskräfte über die Materie: Aus dem Boden schiessen die Zwiebelgewächse, die sich schon lange vorher vorbereitet haben: Tulpen gelb und rot, die blauen Trommelschlägel, die Hyazinten. Aus dem Winterholz öffnen sich millionenfach die Knospen: Wie frischer Schnee die Kirschblüten, rosarot die Apfelblüten, die fein zusammengefalteten Ginkgo-Blätter, grüne Blätter allüberall. „Es ist eine Ros’ entsprungen, aus einer Wurzel zart“, „Da haben die Dornen Rosen getragen“. Die in den Weihnachtsliedern prophezeiten Rosen blühen am Holz, am Todeskreuz Christi, am Auferstehungs-Ostermorgen. Das Rosenkreuz.

Gestern, am 1. April, gab es ein Konzert im Runensaal des Druidenhofs: Das seltene Orchester : Eine Formation von zwölf jungen Berner Musikschaffenden. Dass diese Profimusiker im Schlössli ihre „Hauptprobe“ zelebriert haben, bevor sie im Studio eine Woche lang Aufnahmen für eine CD produzieren werden, ist mir eine Ehre. Die von den Musikern eigens komponierte Jazz-Musik ist hohe moderne Kunst: Experimentell, von chaotischer Geräuschkulisse bis wohlharmonierendem Swing im Beni Goodman Bigband -Stil, von klassischen, meditativen Klängen zu spritzigen unerwarteten Tonoffenbarungen, die in ihrer Mächtigkeit einfach beeindrucken. Bläser, Streicher und Hackbrettspieler profilierten sich einzeln wie auch orchestral. Jeder zeigte in echter Jazz-Manier seine Solokünste, begleitet und getragen durch das Musiker-Kollegium. So viel Können auf einem Platz hat seltenheitswert. Ich bin überzeugt, dass diese Gruppe einen herausragenden Platz in der gegenwärtigen Musiklandschaft erreichen wird. Herzlichen Dank an INSgeheim dafür, dieses Musikereignis im Schlössli organisiert zu haben.

Vorab am selben Tag, der dritte Teil der vom Tonwerk /Kultur-Kraft-Ort organisierten Rhythmusreihe. Der Dreier-Rhythmus war angesagt.

Nachfolgend mein Text dazu:

 


01. April 2017

DREI

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – haben wir bei der Zwei, der Polarität gesagt.

Das Ganze der Polarität ist das Dritte. Aus der Polarität gebärt sich das Dritte. Mann und Frau erzeugen das Kind. Das Dritte. Das Kind ist das Dritte. Eigentlich ein Mehr als Vater und Mutter. Eben das Ganze.

Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Ur-Drei. Vergangenheitsbezogen, gegenwärtig und zukünftig. Doch dem Vater ist der Heilige Geist gegenüber. Doch dieser Geist ist mehr eine Geistin. Etwas Weibliches: Hildegard von Bingen und Wladimir Solowiof sprechen von der göttlichen Sophia. Sie ist das Pendant zum väterlichen Schöpfer. Sie ist die immer weiter schöpferisch schaffende Kraft. Sie ist die Muse aller Künstler, die an der Welt weiter schafft, die Schöpfung ständig erneuert. Ist das Väterlich- Schöpferische die Vergangenheit, das Gewordene, ist das mütterlich Schöpferische, das stets Neues Gebärende der Sophia, das Zukünftige. Das Zukünftige ist das Offene, noch nicht Geschaffene, aber eben das neu zu Schaffende.

Doch die Mitte vom Vater- und Mutter-Prinzip ist das Kind. Es ist das Projekt der stets gegenwärtigen Zukunft. Der Sohn, oder die Tochter zwischen Vater und der heiligen Geistin, der Sophia ist Christus, also das Dritte, das Gegenwärtige. Die Mitte. Das Kind als das stets unbekümmerte Gegenwärtige. Das Dritte.

Isis und Osiris. Erde und Himmel. Osiris wurde durch Seth zerstückelt. Isis hat ihn wieder ganz gemacht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. So entstand Horus. Das ägyptische Weltenkind. Die aufgehende Sonne. Die Hypotenuse des ägyptischen Dreiecks: Die Dreiecksseiten 3 zu 4 zu 5. Der Satz des Pythagoras: a im Quadrat, plus b im Quadrat, ergibt c im Quadrat.

Askese und Trieb als feindliche Polaritäten. Sie können nur durch das Dritte, den Eros versöhnt werden. Nur die Liebe, als heilende Dritte vermag Gegensätze zu einem höheren Ganzen zu verschmelzen.

Liebe als goldene Horizontlinie zwischen Himmel und Erde: Venus. Das künstlerische Prinzip, das den Geist in der Materie erklingen lässt. Der Eros der künstlerischen Tätigkeit als das Heilende, Ganzmachende. Das Dritte, nicht der Dritte, oder die Dritte, sondern das neutrale Das. Das Kind. Das wunderbar Ganzheitliche, nicht Geschlechtliche, das Menschliche.

Eins, Zwei Drei, das Huhn schlüpft aus dem Ei. Das Geborene aus dem Jenseitigen ins Diesseitige. Ins Leben. Als Mitte zwischen Ungeborenheit und Nachtodlichem. Das Leben als Durchgang durch die Materie, durch das Fleisch, durch die Inkarnation.

Das Prinzip Drei, das sich zwischen Geist und Fleisch, impulsiert durch den Eros, zu einem Menschen entwickelt, zu etwas Drittem, zum Eigenen, Selbstverantwortlichen.

Eins, Zwei Drei, der Walzerschritt, das lebendig Bewegende im Kreis. Zwischen Askese und Trieb, zwischen Mönchsein und Bohemien.

Kopf, Herz und Hand. Die pestalozzische Urformel. Dabei ist das Herz die Mitte. Wir brauchen Herzgedanken und Herztun. Wir brauchen das wärmende Herz. Die Wärme zwischen Kälte und Hitze, zwischen kühlen Gedanken und heissem Tun.

Wir brauchen den schillerischen Spieltrieb zwischen dem Form- und Stofftrieb. Dieser kindliche, gegenwärtige Spieltrieb. Das Kind wiederum in der Mitte als Menschheitsrepräsentant. Wollen wir Mensch sein, müssen wir wie die Kinder sein.

Eins, Zwei, Drei. Eins Zwei Drei. Eins, Zwei Drei.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese soziale Forderung der Französischen Revolution. Die Verwirklichung in der Idee der sozialen Dreigliederung von Rudolf Steiner: Geistesleben, Staatsleben, Wirtschaftsleben. Eine sozialanthropologische Forderung unserer Zeit.

Seien wir in dieser Dreieinigkeit, dann gehe es uns gut.

 


04. März 2017

Heute haben wir im Tonwerk Klangraum von Martin von Allmen den Zweiertakt zelebriert. Mein Text:

ZWEI

Aus der Einheit in die Zweiheit. Zweifel ist angesagt. Zweifel an Gott. An die Einheit. Gott ist tot. Gibt es das Eine, Gott überhaupt? Zweifel ist angesagt. Das sichere Wissen um das Eine wird angezweifelt. Ich weiss nur, dass ich nichts weiss. Der Motor des vorläufigen Wissens ist das Nichtwissen. Ich zweifle, ob es das Wissen überhaupt gibt.

Wissen wird zum Ungewissen. Nichts ist sicher wahr. Nichts ist sicher falsch. Das Wissen wird zum Gewissen, das ewig hadert, was ethisch oder unethisch ist. Das Gewissen ist die Wunde, die niemals heilt, an der man aber auch nicht stirbt. Das eigene Gewissen an Stelle von Gott. Der Ichmensch ist ein Gewissensselbstquäler, der in seinem höchsten Innern diese Gewissensinstanz dauernd schmerzlich befragt, ohne endgültig Antwort zu bekommen. Ein echter Zweifler.

Parzival stolpert aus der Einheit. Aus dem Seligen, Mütterlichen, wird er in die Welt des Zwiefels gestellt. Er hadert mit Gott. Er trotzt mit Gott. Und ist alleine. Aus der Einsamkeit der Ganzheit kommt er in die Einsamkeit seiner eigenen Existenz, seines Gewissens, seiner Individualität. Der Zweifler hat immer recht. Auch gegen seinen eigenen Zweifel. Zweifel ist der Urgrund des modernen Menschen. Ich zweifle, also bin ich.

Zweiheit ist aber auch Dualität. Die Welt als Gegenüber. Die Welt als Gegen-stand. Das Andere ist anders als ich. Ich bekriege das Andere. So entsteht Zwietracht. So entsteht Krieg. Krieg Aller gegen Alle. Zerstörung dessen, was ich hasse, weil es anders ist als ich. Kampf innerhalb der Dualität: Mann und Frau. Schwarz und Weiss. Gut und Böse. Kapitalismus und Kommunismus. Reich und Arm. Ost und West. Süden und Norden.

Das Dualsystem, das binäre System kann nur auf zwei zählen. Unsere heutige Informations-Technologie baut auf diesem System auf.

Zweiheit ist aber auch Polarität. Hier als Ergänzendes: Mikrokosmos und Makrokosmos.  Erde und Himmel. Tal und Berg. Konvex und konkav. Yin und Yang. Mond und Sonne. Dunkelheit und Licht. Frau und Mann. Materie und Geist. Mensch und Gott. Frühling und Herbst. Sommer und Winter. Tag- und Nachtgleiche. Grün und Purpur. Gelb und Violett. Gelbrot und Blau. Ergänzungsfarben. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme und Beine, Hände und Füsse, zwei Lungenflügel, zwei Nieren. Diese Polarität ergänzt. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Eins ist der Punkt. Zwei ist die Linie. Verbindung zweier Punkte. Sie trennt zwei Flächen und berührt sie zugleich. Jede Berührung ist zugleich Verbindung und Trennung. Die Trennung der Geschlechter ist zugleich ihre Verbindung und Beziehungsfähigkeit. Liebe und Hass sind weit und nahe aneinander.

 


03. März 2017

Nun sind die Schneeglöcklein und Krokusse zu Tausenden da. Wie schnell lösen diese Licht- und Frühlingsboten den weissen Schnee ab. Weiss als Erinnerung an den Winter. Bald haben wir Tag- und Nachtgleiche.

Nach meinem dreiwöchigen Aufenthalt in Tschechien finde ich mich rasch zurück im Schlössli-Alltag. Es gilt weiter nach vorn zu schauen: Einige neue Vermietungen stehen an. Das Aetti Seiler-Fest am 16. September steht fest. Ich möchte Sinn und Idee der Stiftung Seiler näher beschreiben und veröffentlichen: Natürlich ist meine eigene Intention stark gefragt. Ich selber bin ja eher ein Initiativ-Mensch. Habe Ideen, die ich verwirklichen will. Als Leiter des Schlösslis in 34 Jahren, muss ich mich auch immer wieder fragen was ich für mich selber will. Im Niedergang der Schlössli Heimschule bäumte ich mich gegen den Zerfall und die Schliessung. Dieser Kampf hat mir fast das Leben gekostet. Der Hass und die Niederträchtigkeiten waren kaum auszuhalten.

Als wir dann im August 2014 neu angefangen haben die leeren Häuser zu vermieten, fragte man mich dauernd: „Du Ueli, was willst jetzt mit dem Schlössli machen?“ Ich wusste es nicht. Und ich begriff schnell, dass ich es auch nicht wissen musste. Der Paradigmen-Wechsel leitete die Stiftung Seiler an, die Häuser und Höfe nach dem Chaos und der Zerstörung wieder ganz zu machen. Hunderttausende Franken wurden investiert. Weiter ging es darum auf die Menschen zu warten und zu schauen welche Initiativen sich verwirklichen wollen.

War ich vorher männlich initiativ, wurde ich jetzt mütterlich abwartend. Wie eine Mutter, die in der Hoffnung ist und sich fragt, was für ein Kind wohl zu ihr kommen wird. Wir von der Stiftung sind offen für Menschen, die in den Schlössli-Räumen nachhaltige soziale oder kulturelle Initiativen verwirklichen wollten.

„Ja, sind das den anthroposophische Menschen?“ wurde ich gefragt. Nun, auch als Leiter der anthroposophischen Schlössli-Schule fragte ich mögliche MitarbeiterInnen nicht ob sie AnthroposophInnen seien. Ich versuchte zu erkunden, ob sie beziehungsfähig für unsere Kinder und Jugendlichen sind, ob sie künstlerische Begabungen haben und atürlich auch, ob sie interessiert sind und sich in die Steiner-Pädagogik hineinleben wollen.

Heute, nach fast drei Jahren, sind unsere Häuser alle wieder bewohnt. Darunter werden es immer mehr Leute, die die Schlössli Werk- und Aussenräume schätzen und nutzen. Es gibt etliche Bewohner und Initiantinnen (siehe Website) die am Schlössli ausserdem weit mehr geniessen als die Mietobjekte.

Etwas Gemeinsames wird hier aktiv gesucht: So gibt es z.B. die „Vollmondsuppe“, wo man sich mond-monatlich trifft. Es gibt Aktionstage, wo gemeinsam Arbeiten wie Laubrechen, Putzen, Hecken schneiden usw. organisiert werden. Die Jahresrituale werden wieder gefeiert. „INSgeheim“ lädt zu Theater und Konzerten ein. Jetzt wird ein Tanztheater für Kinder und Jugendliche ausgeschrieben. Das „Tonwerk“ veranstaltet zwölf Rhythmus-Tage. Die Kräuterschule produziert Teekräuter und Medikamente.

Am 16. September 2017 gibt es ein Schlössli-Fest mit dem Titel „100 Jahre Aetti Seiler – und wir schauen in die Zukunft“. Ein provisorisches Programm besteht schon. (Siehe KulturKraftOrt) Es haben sich viele Leute gemeldet, um das Fest mitzugestalten.

In meinem Tagebuch am 5. Januar habe ich über die Philosophie Ivan Illichs (1926 – 2002) geschrieben. Er gehört zu meinen Privat-Heiligen, wie Mahatma Gandhi, Jean Gebser, Erich Fromm, Rudolf Steiner. Ich schrieb von seine Ansichten über die Schule, die Kirche, das Gesundheitswesen, den Frieden, den Reichtum, die Wirtschaft, über Gefängnisse, über Spass und Freundschaften, und über das Christliche im Samariter. Im Zusammenhang mit der Schlössli sind mir Illichs Ausführungen über das Wohnen und über die Allmenden wichtig. Ich möchte erreichen, dass innerhalb des Schlösslis der Gedanke der Allmend zum Gedeihen kommt. Damit die MieterInnen sich aus eigenem Impuls für ihre Umgebung verantwortlich fühlen. Dafür bietet die Stiftung eine wunderbare Umgebung, Räume zum gemeinsamen Gebrauch. Diese Gemeinsamkeit muss wachsen, braucht Zeit. Ich bemühe mich also auch um Geduld.

 


28. Februar 2017

Unser Tschechien-Aufenthalt im Februar 2017

Mit Kamila bin ich am 9. Februar Richtung Tschechien losgefahren. So früh, dass wir nicht in den Stau kamen und bereits am Mittag in unserer Wohnung in Prag angekommen waren.

Am Samstag und Sonntag, 11./12. Februar, unterrichtete ich die Klassen 2 und 3 der Waldorflehrerausbildung in der Waldorfschule Jinonice. Thema war die Biografie von Rudolf Steiner.

Am Montag fuhr ich mit dem Bus nach Karlovy Vary an die dortige Waldorfschule. Sie hat nun schon 5 Klassen. Vor den Eltern der Kinder hier hielt ich einen Vortrag zum Thema: Wir lernen durch das Erlebnis. In Karlovy Vary wohnen heute überdurchschnittlich viele Russen. Für die Tschechen bedeutet es manchmal unangenehme Situationen. Doch erzählt wird auch, dass viele Russen aktuell weiterziehen in den Westen, z.B. nach Zürich.

Am Mittwoch und Donnerstag, 15./16. Februar, unterrichtete ich in der Akademie Tabor in Prag die TagesstudentInnen. Thema waren die Sterne, astrologisch und astronomisch gesehen. Mein Sternenbuch „Sternekunde integral“, das auch in tschechischer Sprache erhältlich ist, diente als Unterlage. Nun arbeite ich schon seit 25 Jahren an dieser Akademie.

Am Freitag und Samstag, 17./18. Februar, gab ich ein weiteres Sternenkunde-Seminar für das  1. Jahr Wochenendstudium an der Akademie Tabor. Die StudentInnen gestalteten u.a. eine Performance über die sieben Planeten.

Am Montag, 20. Februar, wurde ich in Prag abgeholt nach Litvínov in Nordböhmen. Dort in einer Teestube durfte ich Goethes Farbenlehre darstellen. Es kamen dort über 20 Frauen einer Waldorf-Initiative zusammen, die bereits schon einen Waldorfkindergarten führen und im Sommer 2017 neu eine Waldorfschule gründen wollen. Litvínov gehört zu den bekannten Kohlenförderungsgebieten in Tschechien. Nach 1989 haben sich im Laufe der Privatisierung einige Tschechen privat unheimlich bereichert. Heute fehlt das Geld für Umweltmassnahmen. Es ist eine ökologische und gesundheitliche Katastrophe. Darunter leiden vor allem die Kinder.

Am Dienstag, 21. Februar, nahm ich schon morgen früh den Bus nach Příbram, um in der dortigen Waldorfschule in der Epoche der 6. und 7. Klasse die Geschichte von Parzival zu erzählen. Am Nachmittag hielt ich den Eltern einen Vortrag über die heutigen Schwierigkeiten und Chancen der Pädagogik. Die Příbramer Waldorfschule ist eine besondere Schule, da in ihrer Oberstufe, dem Lyzeum, nicht nur die Matura, sondern auch praktische Lehren absolviert werden.

Schon am Mittwoch, 22. Februar, wurden Kamila und ich in der Akademie Tabor samt Farbprojektoren abgeholt, um nahe von Prag in Průhonice einen Farbenkurs zu geben. Ein Mitarbeiter der Forschungsstelle der Dendrologie (Botanik für verholzte Pflanzen) hatte zu zwei Tages-Seminarien über Goethes Farbenlehre eingeladen. Es kamen pro Tag 20 GärtnerInnen und Garten-ArchitektInnen. Ich glaube es ist mir gelungen, die Leute mit zahlreichen Experimenten für Goethes Farbenlehre zu begeistern. Vor allem die Nachbildfarben und die farbigen Schatten wurden als kleine Sensation gefeiert. Die TeilnehmerInnen kreierten einen Farbenkreis mit winterlichem Pflanzenmaterial. Es sah tatsächlich zwar etwas verhalten, aber farbig aus. ... Ich war schon oft in diesem riesigen öffentlichen Park in Průhonice. Den dendrologischen Garten aber sah ich zum ersten Mal.

Am Abend des zweiten Seminars in Průhonice fuhr man uns bereits wieder zurück in unsere Wohnung in Prag. Wir mussten aber gleich weiter, von Prag aus mit dem Bus nach Litoměřice in Nordböhmen. Von da wurden wir nach Řetoun geführt – für einen Besuch der Terezíner-Waldorfschule. Sie haben dort unterdessen zwei Klassen. Am nächsten Tag, Samstag, 25. Februar, durfte ich in der schönen Stadt Litoměřice wieder ein Seminar über Goethes Farbenlehre geben. Somit hatte ich in zwei Wochen viermal die Farbenlehre vermittelt.

Am Sonntag, 26. Februar, besuchten Kamila und ich die Vernissage der künstlerischen Abschluss–Arbeiten der Akademie Raffael, eine goetheanistische Kunststudienstätte in Bratislava, in der Christengemeinschaft in Prag. Viele Menschen bestaunten die hochqualifizierten Malereien und Skulpturen. Für mich war da ein grosser Aufsteller das Wiedersehen mit einer bekannten Schauspielerin und ehemaligen Präsidentschafts-Kandidatin Tschechiens. Sie liest gerade mein Grosses Parzivalbuch und findet es wunderbar.

Nach einem Ruhe- und Vorbereitungstag fuhren wir am Dienstag, 28. Februar, zurück in die Schweiz. Auch bei der Rückfahrt hatten wir Glück: Nach der Abfahrt um 3 Uhr morgens waren wir am Mittag schon wieder zuhause.

 


04. Januar 2017

Heute hat unser Eins-bis-Zwölf Ritual begonnen. Mit Martin von Allmen und sechs Gästen. Unter KulturKraftOrt sind alle Informationen zu finden. Martin leitete den Rhythmus am Schlagzeug. Mein Beitrag waren folgende geschriebene und gesprochene Worte:

EINS

Der Puls. Der Impuls. Im Puls sein. Sein Puls als Impuls.

Im Anfang war das Wort
Und das Wort war bei Gott
Und das Wort war Gott
Im Anfang war es bei Gott
Alles ist durch das Wort geworden
Und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Worte. Worte ohne Antworten. Worten. Ich /Du /Er wortet. Wir worten.

Im Anfang war der Puls
Und der Puls war das Wort. Der wortende Puls.
Der Anfang. Fang an! Fang endlich an! Mach Du den Anfang! Fang ihn, den Puls!

Was war vor der Eins? Die Null. Das Nichts. Das Chaos.

Die Null als Kreis, durch den die Eins geboren wird.
Die Null als Geburtskanal. Geborenwerden aus der Urmutter.

Geboren werden aus der Urmutter zum väterlich Eins.
Ich bin, der ich bin im Eins.

Ich bin Alles aus dem Nichts.

Ich bin der Puls, der aus der Wärme kommt.
Nur die Wärme kann im-puls-ieren.

Der Puls aus dem Herzen, das Erste und wohl das Letzte im Leben und in der Schöpfung. Der liebende Puls.
Im Puls bist Du alleine. Im All-Einen. Lieben ohne geliebt zu werden.

Spüre das Eine, die Eins in Dir. Die Schöpfung aus dem Nichts.

Die einzige wirkliche künstlerische Tat. Denn aus dem Nichts kommt alles, kommt das Neue, noch nie Dagewesene, das In-Dividuelle, nicht Teilbare. Die Eins. Aus dem N-ich-ts kommt das Ich.

Das göttlich Eine des Pythagoras ist unteilbar. Es gehört auch den Müttern, zu denen Goethes Faust hinunter steigt, um das Eine zu erfahren.

Durch die Eins sind wir bereit zum Vielen. Das Ei als Eins. Danach fängt die Zellteilung in Vieles an. Fang an!

Ursprung und Gegenwart.
Springen aus dem Ur in die Gegenwart. Gegen Warten.

Gehen. Geh endlich! Gehen ohne Ende, im Jetzt. Eins, Zwei, Drei, Vier usw. So fängt das Mathematisieren der Kinder an.  Zählendes Gehen, ohne Ende, in die Unendlichkeit: Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf usw.

"Geh deine ruhigen Schritte
und schaue die Weiten der Erde,
die in der Hülle des Himmels
geborgen sich weiß und gehalten,
die von der Sonne die Wärme,
das Licht empfängt und das Leben,
und die zum Träger des Menschen,
der Tiere, der Pflanzen und Steine,
stetig bereit und nie müde
den Boden dir schenkt drauf zu schreiten."

(Christa Slezak-Schindler)


30. Januar 2017

Memorial Day

Der Tag heute vor drei Jahren markiert den Tiefpunkt meines Lebens: Ich wurde vom Kantonalen Jugendamt nach Bern zitiert, wo man mir mitteilte, dass die Schlössli Heimschule auf Ende Juli 2014 geschlossen werde.

Am 10. Januar hatten der Vorstand des Vereins Schlössli Ins und die Geschäftsleitung der Schule beschlossen, auf Ende März 2014 zurückzutreten. Viele der MitarbeiterInnen versammelten sich daraufhin und es wurde ein Konzept erarbeitet, wie eine neue Führungsgruppe am 1. April 2014 die Heimschule übernehmen sollte. Dieser 1. April wurde ein tragischer Scherz – die hoffnungsvolle Initiative zur Weiterführung der Heimschule wurde durch das Jugendamt verhindert. Und bis heute verhindert das Jugendamt widerrechtlich, dass im Schlössli Heimplätze eingerichtet werden.

Diese staatlichen Interventionen erinnern mich an den Begriff von Hannah Arendt; das banale Böse. Hannah Arenth erlebte im Eichmann-Prozess in Israel, wie die staatliche Macht auf unbescholtene Bürger banal böse wirken kann: Ich hatte bis zum Schliessungsentscheid mit den meisten MitarbeiterInnen ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Nun wurden mir in nie zuvor erlebter Weise Hassgefühle entgegengebracht. Ich musste miterleben, wie das Schlössli durch einen staatlich verordneten Liquidator liquidiert wurde. Es wurden mehrere Tausend Adressen von ehemaligen MitarbeiterInnen und SchülerInnen zerstört. Das Schlössli sollte in dieser Form nie mehr weitergeführt werden können.

Ich selber bemühe mich seither, keine Hassgefühle in mir aufkommen zu lassen. Ich brauche meine Kräfte für das Zukünftige. Was wir seit August 2014 bereits alles neu aufgebaut haben, stimmt mich zuversichtlich.

Gestern erst waren die Künstler von Musique Simili (einmal mehr) im Runensaal zu Gast. Organisiert wurde das Konzert vom Kulturverein INSgeheim. Es wurde ein wunderbares Fest mit Johannes Brahms und vielen Besuchern. Ich freue mich weiter, die Schulzimmer nun vermieten zu können – es sollen im nächsten halben Jahr zwei neue Schulen im Geiste Rudolf Steiners entstehen.

Am 30. Januar, meinem persönlichen Memorial Day, denke ich vor allem an die Schlössli-Kinder von damals, die, als die bevorstehende Schliessung bekannt wurde, überall Plakate aufgehängt haben. Die Aufschrift:

„Schlössli soll bleiben,
es ist unser Herz
und wird unser bleiben“

Ihnen fühle ich mich in die Zukunft hinein verpflichtet.

 


16. Januar 2017

"Finsteres Glück" - Buch und Film

In den letzten Wochen sah ich den Film „Finsteres Glück“ von Stefan Haupt. Sogar zweimal, und ich besuchte den Regisseur in Zürich. Das Buch dazu von Lukas Hartmann las ich danach auch noch zum zweiten Mal. Stefan Haupt, der nun schon viele wertvolle Filme gedreht hat, kenne ich von früher. Er hat im Jahr 2000 seinen ersten Spielfilm „Utopia Blues“ z. T. im Schlössli gedreht. Wie „Finsteres Glück“ erzählt „Utopia Blues“ eine wahre Geschichte: Ein Schüler des damaligen Sozialpädagogischen Seminars Schlössli Ins (10. bis 12. Klasse) war schon in seiner Jugend ein Bluessänger und spielte in der Öffentlichkeit und an Festivals. Dieser Schüler hatte aber in seiner Schlösslizeit so grosse psychische Probleme, dass er zwischendurch immer wieder in Kliniken verbleiben musste. Am Ende der 12. Klasse machte er eine Diplomarbeit über seine Musik und seine Krankheit. Hoffnungsvoll glaubten wir, dass er seine Krankheit überwunden hat. Nach Schulaustritt lebte er mit Freunden in einer WG in Ins. Doch die Krankheit kam wieder und er war in dieser WG nicht mehr tragbar. So wählte er im Inser-Wald den Freitod und erhängte sich. Eine traurige Geschichte und doch immer wieder hoffnungsvoll: Ein Jugendlicher kämpft mit seiner Krankheit gegen das Einnehmen der Tabletten, die ihn unkreativ machen. Im Film verliert er den Kampf nicht und man sieht ihn am Schluss an den Füssen in einem Baum aufgehängt. Mit dieser indianischen Methode gelingt es ihm vielleicht, sich zu heilen.

„Finsteres Glück“ handelt von einem tragischen Autounfall, der eine fünfköpfige Familie fast auslöscht. Nur der jüngste Sohn Yves überlebt. Die Familie hat im Elsass im Sommer 1999 die Sonnenfinsternis beobachtet und ist bei der Rückkehr im Belchentunnel verunfallt. Im Spital trifft der Bub seine Trauma-Therapeutin Eliane, die schnell einen guten Zugang zu ihm findet. Mit grösster professioneller Sorgfalt tastet sie sich voran. Die Frage ist, wie kann der Knabe die Katastrophe ins Bewusstsein heben. Das Schicksal von Yves ist verstrickt mit schwierigen Verwandten, die einen Rechtsanspruch auf ihn erheben und ihn bei sich aufnehmen. Sie scheitern und er kommt in die Familie von Eliane. Auch diese Familie hat viele Probleme: Zwei Töchter, die eine studiert Jus und die andere pubertiert. Sie macht der Mutter und im Gymnasium grösste Probleme. Die Mutter ist alleinerziehend. Da ist aber noch der Vater der jüngeren Tochter, der getrennt von der Familie lebt, sich aber doch um die jüngere Tochter kümmert. Immer mehr schält sich heraus, dass die Trauma-Therapeutin selber ein Trauma zu verarbeiten hat: Ihr erster Mann, der Vater der älteren Tochter, ist auf einer Bergwanderung durch Herzstillstand gestorben. Was Eliane zunächst nicht wusste ist, dass er in den Armen einer langjährigen Geliebten starb. Diese schrieb der Witwe später einen klärenden Brief. Das hat Eliane nicht verwunden.

Obwohl es in der Geschichte eigentlich um Yves geht, der dann zuhause bei der Therapeutin auch von den Töchtern akzeptiert wird, zeigt das Buch und der Film die schwierige Vernetzung der verschiedenen Menschen.

Eliane fährt dann mit ihren Töchtern und Yves ins Elsass und er zeigt ihnen den Platz, wo sie die Sonnenfinsternis erlebt haben. Auch beim Autofahren steigt im Knaben wieder die schreckliche Erinnerung auf. Er glaubt, er sei Schuld am Unglück, weil er den Vater geschubst habe, aus Angst dass er die Mutter schlägt. Diese finstere Geschichte zeigt gegen den Schluss immer mehr die verfahrene Situation der Ehe von Yves Eltern. Vom Vater, der das Unglücksauto fuhr, fand man einen kurz vor der Autofahrt geschriebene Notiz, die die Auswegslosigkeit der Ehe charakterisiert: "Ich kann mit dir nicht leben und noch weniger ohne dich. All die Jahre bist du in mich hineingewachsen, du füllst mich aus, ich schleppe dich mit mir herum, eine Centnerlast“. Die Frage steht im Raum, hat der Vater die Familie bewusst in den Tod gefahren?

Doch hinter der Geschichte stehen eben nicht nur die tragischen Verflechtungen der Familien,  sondern das kosmische Ereignis der Sonnenfinsternis, das ja damals Tausende von Menschen beschäftigte. Diese Verdunklung der Sonne, aber eben auch wieder das Erscheinen, beeindruckte. Dass hier die Menschen in der Nähe von Colmar einen metaphorischen Zusammenhang sahen zum Isenheimer-Altar, ist naheliegend. Matthias Grünewald, der Maler des Altars, stellt die Kreuzigung von Christus als Sonnenfinsternis dar. In der Auferstehung sieht man die Korona der Sonne.

Die Trauma-Therapeutin Eliane befasst sich im Film seit langem mit dem Isenheimer-Altar. Nun schaut sie mit Yves und den Töchtern den Altar an. Hier trifft nun auch der Vater der jüngeren Tochter ein. Er soll mithelfen, dem Knaben eine sichere Umgebung zu schaffen. Damit findet der Vater auch wieder den Weg zu Eliane und ihrer Familie.

Der Isenheimer-Altar ist zwischen 1506 und 1515 geschaffen worden um Schwerkranken beim Anschauen der Bilder Trost und Hoffnung zu geben. Einige empfingen heilende Wirkung. Nun heilt der Altar Familien-Tragödien.

Die tragischen Verflechtungen all der Personen dieser Geschichte, entwirren sich mehr und mehr. Wer hilft wem, wer therapiert und wer ist der Hilfsbedürftige? Alle belasten sich gegenseitig, aber zugleich bekommt das Leben einen Sinn, weil es hier darum geht, einen jungen Menschen zu retten. Das hilft allen. Jeder Schenkende wird hier beschenkt.

Nun warum hat mich dieser Roman und Film so beschäftigt? Ich selber führte im August 1999 ein heimpädagogisches Schlössli-Projekt durch: Ich fuhr mit etwa hundert Kindern und  Jugendlichen und etwa so vielen Erwachsenen mit dem Zug nach Strassburg und noch etwas nördlicher, um die totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Wir fanden einen Platz, wo wir mit Sonnenbrillen ausgerüstet, das kosmische Ereignis beobachteten. Nun war es in ganz Europa bewölkt. Dazwischen sah man schnell die immer mehr vom Mond verdeckte Sonne durch ein Wolkenfenster. Und tatsächlich, kurz vor diesem, auf Sekunden voraus berechneten Ereignis, tat sich die Wolkendecke auf. Das Finsterniswesen aus dem Nordwesten hüllte uns ein, das bleierne Dunkel liess die Vögel verstummen, man sah die Sterne, z.B. die Venus, leuchten. Dann der Diamant, die Sonne war wieder da. Unsere Jugendlichen haben applaudiert.

Wir fuhren dann nach Colmar, um mit den jungen Menschen den Isenheimer-Altar zu sehen. Am nächsten Tag schrieben die Schüler Aufsätze mit der Frage nach einem Zusammenhang der Sonnenfinsternis mit dem Isenheimer-Altar. Die Aussagen waren frappierend. Die Jugendlichen haben durchaus den Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis und dem Christusereignis selbständig gefunden, ohne jegliche moralisierende christliche Unterweisung.

Das ganze Projekt und die Aussagen der Jugendlichen habe ich in meinem Buch „Sternenkunde integral“ dokumentiert.

 


05. Januar 2017

Ivan Illich (1926 – 2002)

Der visionäre Wurzelwerker (Hg. Werner Pieper)

In den letzten Tagen las ich dieses Büchlein. Ivan Illich war mir schon in den Sechziger-Jahren bekannt: Sein Buch „Die Entschulung der Gesellschaft“ diente mir neben dem Studium der Soziologie Erich Fromms für meine politische Aktion der „Volksinitiative für freie Schulwahl“ im Kanton Bern (1980 – 1983). Illichs Radikal-Kritik hiess damals, dass die staatliche Beschulung der Kinder völlig ineffizient sei: „Schafft die Schule ab!“

Ivan Illich war ein Universalgelehrter, der 10 Sprachen beherrschte. Er ist am 4. September 1926 in Wien geboren. Seine Mutter stammte von sephartischen Juden ab, die 1412 von Toledo vertrieben wurden. Der Vater war ein römisch-katholischer, kroatischer Grundbesitzer. Ivan wuchs in Dalmazien, Split auf. Dann zogen sie nach Wien, wo Ivan im Hause Sigmund Freuds verkehrte. Als Fünfzehnjähriger musste er Wien wegen jüdischer Abstammung verlassen. Er machte in Florenz die Abitur. Er studierte an der Gregorianischen Uni im Vatikan Theologie. Dann arbeitete er als Priester in New York mit irischen und puerto-ricanischen Menschen. Von 1956 bis 1960 amtierte er als "Vice-Rector" an der Katholischen Universität in Puerto Rico. 1961 gründete er sein „Centro Intercultural de Documention“ in Mexiko. Als Befreiungs-Theologe wanderte er durch ganz Südamerika und setzte sich für die Entrechteten und gegen Milchpulver ein.

Mit dreiunddreissig Jahren wurde er zum jüngsten Bischoff. Doch durch seine Fundamental-Kritik an der katholischen Kirche fiel er beim Papst in Ungnade, worauf er das Priesteramt niederlegte.

Nun wurde er Gastprofessor in Deutschland. Seine Forschungsgebiete waren weit gestreut: Er befasste sich mit dem Schulsystem, mit der Krankenversorgung, mit Wasserwirtschaft, mit der Entwicklung des Computers, mit der Freundschaft, mit dem menschlichen Blick, mit der Allmend, mit dem Frieden, u.v.m.

Er starb an Krebs am 2. Dezember 2002.

Nun durch einen Artikel in der Zeitschrift „Das Goetheanum“ angeregt, kaufte ich mir dieses Büchlein. Ich versuche nun seine Thesen herauszulesen und vereinfacht zu dokumentieren. Dann folgt der Bezug zu meiner Arbeit.

Für Illich ist die Allmend wichtig. Die Menschen bezeichneten das als Allmend, was nicht zu ihrem Besitz gehörte, aber von allen genutzt und verantwortet wird. Die Gesetze der Allmend umfasste: das Wegrecht, das Recht zu fischen und zu jagen, das Vieh grasen zu lassen und im Wald Brennholz und Heilkräuter zu holen usw. Auch die Strassen sind Allmenden, worauf sich Menschen aufhalten können, ihre Waren anbieten, sich austauschen und begegnen. Das Recht auf gesundes Wasser, reine Luft und nicht verschmutzten Boden ist eine Selbstverständlichkeit. Doch der ausbeuterische Kapitalismus nimmt keine Rücksicht auf eine saubere Umwelt, die eigentlich Allgemeingut ist.

Die Idee der Allmend schwebt mir auch im heutigen Schlössli vor. Wir vermieten zwar die Wohnungen zum Privatgebrauch. Doch haben wir auch Treppenhäuser, Vorplätze, Gärten zur gemeinschaftlichen Nutzung. Weiter den Rosenhofpark, das Gewölbe, die Lilienhofküche mit dem Fenissaal, den Theatersaal im Druidenhof und verschiedenste Ateliers. Diese Räume werden Mietern gratis zur Verfügung gestellt. Es werden Vollmondsuppen, Jahresrituale, Feste veranstaltet. Die Familien laden ein, um sich kennenzulernen. Es werden gemeinsame Arbeits-Tage veranstaltet, um z.B. im Park zu lauben. Auch die Aufführungen im Theatersaal sind Orte, wo wir uns treffen. Alles Allmenden.

Zu wohnen ist eine Kunst. Sage mir, wo du wohnst und ich sage Dir wer du bist. „Zu wohnen bedeutet, in seinen eigenen Spuren zu wandeln, wo das Gewebe und die Knoten des täglichen Lebens und der eigenen Biografie Spuren in der Landschaft hinterlassen. Vielleicht haben mehrere Generationen Schleifspuren in Steine hinterlassen, oder durch Anpflanzen von Schilfrohr. Die Spuren der Wohnstätte sind so kurzlebig wie die ihre Bewohner. Diese Wohnstätten sind nie fertig, wenn sie bezogen werden – ganz im Gegenteil zu heutigen Mietwohnungen, die vom Tag des Bezuges verkommen.“ ...  „Gebäude vererben sich von einem Leben zum anderen; oft hinterlassen Rituale Spuren einer bestimmten Zeit.“ ...  „Doch Wohnen ist eine Aktivität, die jenseits von Architekten abspielt.“ ...  „ Es wäre ein Fehler, die Vorzüge des Wohnens auf die Inneneinrichtung zu beschränken; auch das was vor der eigenen Haustüre liegt, wird ja vom eigenen Leben mitgestaltet. Auf beiden Seiten der Türschwelle liegt gewohntes Gebiet. Die Schwelle wirkt wie eine Drehachse des belebten Raumes. Auf der einen Seite liegt das Heim, auf der anderen Seite die Allmend.“ ... „Wohnraum, der die Zeichen des Lebens trägt, ist so überlebenswichtig wie frische Luft und sauberes Wasser.“

Illich denkt über den Frieden nach: Die Politik braucht das Wort für Frieden, in dem sie den Frieden meint, der durch Kriege hergestellt werden soll. Ein solcher Friede ist kein echter Friede, er ist erzwungen. Die Geschichte wird meist beschrieben als Geschichte der Kriege. Die pax economica beutet die Erde aus, um immer noch mehr Rohstoffe zu generieren und hinterlässt Schutthalden.

„Kriege lassen Kulturen sich angleichen, während Frieden Bedingungen schafft, unter denen jede Kultur zur eigenen, unverwechselbare Blüte reift.“

Die Kriege der letzten Jahre haben überall nur noch mehr Chaos hinterlassen. Und positive eigene ethnische Strukturen sind zerstört worden. Friede kann nicht von Aussen erzwungen werden.

Reichtum macht nicht glücklich. Wir sind süchtig. Wir verschlingen Schmerzstiller, Antibiotika und Antdepressiva wie Süssigkeiten. Die Forderung nach mehr Wirtschaftswachstum bringt uns immer mehr in die Abhängigkeit des Konsums. Die Selbstversorgung geht in dieser Welt immer mehr zurück. Profite machen die Weltkonzerne. Die agressive Form der Finanzprofiteure richtet sich gegen Selbstversorger, Volkskultur, die Allmend, die Frauen. Die ausbeuterische Wirtschaft lebt mit dem Prinzip:

 „So der eine gewinnt, verliert der andere.“

Die Wirtschaft von heute greift nicht nur den Raum ausbeuterisch an, sondern auch die Zeit. Der Mensch ist immer mehr gestresst, hetzt zu seinem Job, täglich, wöchentlich, jährlich, sein Leben lang. Dieser Stress ist lebensfeindlich und untergräbt seine Gesundheit und Lebensfreude.

Gefängnisse. „In Lousiana hat ein Gericht 2015 Albert Woodfox befreit. Woodfox sass mehr als 40 Jahre in Isolationshaft, d.h. 23 Stunden täglich ohne jeglichen Kontakt mit anderen Menschen. Dabei wurde nie geklärt, ob er wirklich 1972 mit zwei Kollegen einen Wärter in Angola Prison getötet hat.“ ... „ Die langjährige Forschung zu diesem System ergab, dass die meisten Insassen nach der Gefängniszeit schwere Traumata mit sich tragen und bis zu 45% schwere mentale Krankheiten oder Gehirnschäden erleiden - die Selbstmordrate ist ungewöhnlich hoch - und grundsätzlich verstösst diese Inhaftierungsmethode gegen fast alle internationalen Menschenrechts-Abmachungen.“ ... „ Es gibt viele Methoden, einen Menschen  zu zerstören, eine der einfachsten und verheerendsten ist die längere Isolationshaft. Jeglichem menschlichen Kontakt entzogen zerrüttet auch der Gesündeste“. 

„Die Einigkeit der Gefängnisleiter beeindruckte mich. Jeder einzelne Bericht bestätigte, dass Gefängnisaufenthalte nie zu ihrem gewünschten Ziel führen. Sie verhindern keine Kriminalität, sie haben keinen positiven Einfluss auf Einstellung und Verhalten von Gefangenen, ihre Bestrafung bringt den Opfern ihrer Taten keine Befriedigung. Die anwesenden Knast-Chefs bestätigten eins ums andere Mal, dass Gefängnisse nutzlos sind. Doch alle forderten mehr Geld, um ihren Job verbessern zu können.“ ... „ Täglich (2015) werden durchschnittlich 48 Häftlinge erschossen.“

Wir lernten, keinen Spass mehr zu haben. „Wenn man alten Quellen vertrauen darf, feierten unsere Vorfahren gerne und exzessiv. Um 1600 jedoch setzte eine grössere Depression ein, die damals noch Melancholie genannt wurde. Wir wissen nun nicht: Liessen die grossen Gemeinde-Festivitäten nach, weil man keinen Bock mehr auf sie hatte, oder war die Rücknahme der Feste mit ein Grundauslöser für die folgenden Depressions-Epidemien?“ Die Calvinisten griffen die sogenannt überbordenden Festivitäten an. „Dieses Bedürfnis-Diskurs charakterisiert auch die zunehmende Entfremdung zwischen Menschen. Wir leben unter Fremden, die Fremde bleiben, obwohl wir uns verantwortlich fühlen, ihre Fürsorge zu finanzieren.“

Freundschaft „Ich möchte zurück greifen auf eine grosse rabbinische und - wie sie sehen werden - eine christlich-klösterliche Entwicklung, die über das hinaus geht, was die Griechen wie Plato oder Cicero schon über Freundschaft wussten: dass ich mich in Deinen Augen wiederfinde. Das schwarze Ding in Deinen Augen. Pupille, Puppe, Person, Auge. Dies ist nicht mein Spiegel. Sie macht mich zum Geschenk, das Ivan für Dich darstellt. Das ist der, der hier Ich sagt. Absichtlich sage ich hier nicht: Dies ist meine Person, meine Individualität, mein Ego. Nein, ich sage, dies ist derjenige, der Dir hier antwortet.“ ... „ Freundschaft, sie war eine fundamentale Grundlage einer politisch korrekten Gesellschaft, der poltaea. Inzwischen mag sie optimaler Beginn einer neuen Politik, politaea, werden. Das scheint schwierig, da bei Gastfreundschaft eine Reizschwelle überschritten wird, über die ich aber hinweg helfen kann. Freundschaft bedeutet, jemanden den Weg über die Schwelle zu zeigen. Zur Gastfreundschaft gehört ein Tisch, an den man sich gemeinsam setzen kann, und ein Schlafplatz, wenn der Gast müde ist. Um zu sagen zu können: Wir haben hier noch ein paar Matratzen,  muss man schon zu einer Subkultur gehören. Gastfreundschaft wird arg von dem Konzept der Persönlichkeit, dem Bildungsstatus geprägt. Ich denke, wenn es einen Begriff gibt, den man mit Hoffnung verknüpfen kann, so ist es die Gastfreundschaft. Praktizierte Gastfreundschaft, ein Tisch, Geduld, und die Fähigkeit, zuhören zu können, bereiten auf der einen Seite den Mutterboden für Tugendhaftigkeit und Freundschaft, auf der anderen eine Ausstrahlung, die zu einer möglichen Gemeinschaft, einer Wiedergeburt der Gemeinschaft führen kann.“ ... „Dann kam dieser umwerfende Kerl, Jesus von Nazareth, und durch seine Worte zerstörte er etwas Grundlegendes. Als man ihn fragte Wer ist mein Nachbar? erzählte er die Geschichte vom - bei einem Überfall verprügelten - Juden und einem Palästinenser, den man Samariter nannte, da er ein Palästinenser aus Samaria war. Erst gehen zwei Juden vorbei, ohne den Verprügelten zu beachten. Dann geht ein Palästinenser vorbei, sieht den Juden, nimmt  ihn in die Arme und kümmert sich um ihn, wozu ihn die hellenistische Gastfreundschaft nicht verpflichtet, und behandelt ihn trotzdem wie ein Bruder. Diese Sprengung der Eingrenzung von Gastfreundschaft, sie einer grösseren Allgemeinheit anzubieten, ihr zugänglich zu machen, kann durchaus als Botschaft des ursprünglichen Christentums gesehen werden.“ ... „Falls ihr die Gastfreundschaft institutionalisiert, entpersonifiziert, macht ihr sie zu einem Gemeindeakt und der Ruf einzelner Christen, die immer eine Matratze, ein Stück Brot und eine Kerze für jeden hatte, der an ihre Tür anklopft, wird abnehmen. Das meine ich mit der Institutionalisierung der Wohlfahrt. Ich habe zu entscheiden, wen ich in den Arm nehme, wem ich mich ausliefere, wen ich Aug in Aug als gleichwertig akzeptiere, wessen Gesicht ich zärtlich berühre und von wem ich, der ich bin, wie ich bin, als Geschenk angenommen werde.“ ...

 


22. Dezember 2016

Wintersonnwende

Gestern ereignete sich die Sonnenwendfeier im Rosenhof. Das Team von InSich hatte eingeladen. Musikalisch begleitet von Matz und Steffi, ging jeder Lieder singend sein Kerzlein im Zentrum der Spirale anzünden und auf dem Weg zurück, irgendwo abzustellen. Am Schluss brannten über dreissig Kerzen. Es war kalt, doch im Herzen machte es warm, dieses gemeinsame Kerzen anzünden in der Nacht. Ein Tätigkeit, die in unserer Zeit umso nötiger ist.

Dann gab es warmen Tee und wunderbares Gebäck von Regula.

In der alten Schlösslizeit machte wir das gleiche Ritual am ersten Advent mit der ganzen Heimgemeinschaft. Dieses Adventsgärtlein war ein wichtiger Anlass, in all den Jahresritualen des damaligen Schlösslis. Nun lebt es an Sonnenwend im neuen Schlössli weiter. Den Initianten sei herzlich gedankt.

Noch vorher, am Sonntag, 18. Dezember, durften wir im Druidenhofsaal das Weihnachtsspiel Scrooge der Compagnie PerpetuoMobileTeatro erleben. Die Aufführung folgte inhaltlich dem Original "A Christmas Carol", aber die künstlerischen Mittel waren aussergewöhnlich: Es wurde mit Masken, mit Komik, mit Artistik, mit Musik und Sprache gearbeitet. Auf höchstem Niveau. Alles war zu einem Ganzen zusammengeschmolzen. Am Schluss überraschten uns die Künstler, die so viele verschiedenen Personen gespielt hatten - da es nur zwei Männer und eine Frau war. Diese Künstler beherrschen die geschmeidige Art der Gestalt-Metamorphose, der Verwandlung.

Inhaltlich wird die geizige, menschenverachtende und kalte Seele des Geldverleihers Ebenezer Scrooge durch die Hilfe seines verstorben Kollegen zum Guten verwandelt, indem er sich in seine Kindheit, in seine Gegenwart und Zukunft führen lässt. Diese Weihnacht grenzt für Scrooge ans Wunderbare: Nachdem er sieht, dass er durch seine Geizigkeit an einer Kette baut und ihm die Konsequenzen seines Verhaltens bis über den Tod hinaus gezeigt werden, wird er wieder ein gutmenschlicher Scrooge.

Rudolf Steiner empfahl dieses Weihnachtsspiel neben den Oberuferer-Weihnachtspielen. Im früheren Schlössli haben die LehrerInnen das Stück inszeniert und den Kindern gezeigt. Auch hier wieder: Frühere Schlössli-Impulse leben mit auf.

 


13. Dezember 2016

Sterbenlassen

Heute Morgen früh las ich in der Zeitschrift „Das Goetheanum“. Unter vielen Artikeln sind mir zwei Motive geblieben: „Nur wenn ich den anderen echt sterben lasse, kann sie oder er - und kann ich - neu geboren werden.“ (Madeleine Ronner) „Immer sind es die Menschen -  Du weisst es – ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet.“ (Rose Ausländer)

Ich musste an Müeti denken, wie wir sie gehen liessen. Ihr Tod war wie der Prozess der farbigen Herbstblätter: Sie lassen sich fallen, lösen sich vom Baum und bilden einen farbigen Teppich. Wie ein Fest. All die Briefe die wir erhielten von ehemaligen SchlösserInnen war ein Fest, eine Würdigung, ein Abgesang. Sterben zu können um neu geboren zu werden.

Wenn wir unsere Mitmenschen innerlich sterben lassen würden, um ihnen die Chance zu geben neu geboren zu werden. Aber noch in diesem Leben. Vieles in uns ist alt geworden, zerbrechlich, kompliziert, schwierig. Könnten wir etwas davon sterben lassen, damit Neues entstehen kann? 

Einen Menschen den man lieb gewonnen hat innerlich freigeben, loslassen, sterben lassen - damit er Neues in sich gebären kann. Eine grosse und schwierige Herbstaufgabe. Doch ich bin sicher, dem Sterben folgt das Geborenwerden. Der Frühling naht, es wird neue Knospen, neue Blätter geben.

Meine Eiche, die ich vor mehr als drei Jahre an einem wichtigen Zeit-Punkt meines Lebens gepflanzt habe, behält die Blätter länger als andere Bäume. Kann er nicht loslassen? Doch auch seine neuen Blätter sind uns gewiss.

Die Schlösslikrise hat uns gelehrt loszulassen. Das nicht ohne Schwierigkeiten. Doch wir müssen dem Schlössli die Chance geben neue Blätter zu bilden.

Jedes Menschenherz als einen Stern zu sehen, der die Erde beleuchtet - ein wundervolles Bild. All die Millionen Sterne leuchten, beleuchten die Erde auf ihre eigene Art. Das gibt ein wunderbares Lichtermeer, Sterngruppierungen, heller und bescheidener, verschiedenfarbig. Tragen wir zu all den Lichtern Sorge.

 


05. Dezember 2016

Frauen

Jeden Tag schreite ich das Chartres-Labyrinth in der Rosenhofarena ab. Mitten drin rufe ich Müeti und Aetti an und frage sie um Hilfe für das Schlössli. Seit Jahrzehnten spüre ich, dass das Schlössli einen Schutzgeist hat. Einen Schlössligeist. Was ist dies für ein Wesen? Wenn überhaupt? Immer mehr bin ich überzeugt, dass es ein weibliches Wesen ist.

Aetti sprach oft, dass er die „Weiße Frau“ in der Arena gesehen habe. In der Suche nach der mythischen Weiblichkeit, fand ich sie z.B. mit sechzehn Jahren in der Natura in der Krypta der Kathedrale in Chartres als „Schwarze Madonna“. Diese Urmutter der frühen keltischen Zeit gibt es seit Jahrtausenden. Die Ägypter sprachen von der Isis, die Griechen von der Persephoneia, die Germanen von der Freya. Im Mittelalter wird sie von Hildegard von Bingen (1089-1179, Bild 1) als Sophia angesprochen. In ihren Visionen ist sie die Weisheit, Sophia. Hildegard von Bingen diktierte ihre Visionen ihrem Priesterfreund und Sekretär Volmar und lässt diese auch malen. So haben wir heute ihr geistig geschautes, malerisches Werk.

Ingrid Riedel schreibt in ihrem Buch Hildegard von Bingen, Prophetin der kosmischen Weisheit; „Geheimnisvoll ragt sie auf in der geistigen Landschaft des 12. Jahrhunderts, erst recht in derjenigen unseres Jahrhunderts. Sie überragt viele Gelehrte und tiefsinnige Geister unter den Männern; überragt sie alle in ihrer Einzigartigkeit als inspirierte Frau, die das Sehertum der germanischen und keltischen Frühe, das Prophetentum des Alten Testaments wiederbelebt, wiederfährt dabei einzigartige Bilder des Göttlichen, schaut und vernimmt: den Kosmos als Gottes Leib in der Mandorla-Gestalt der Weisheit in der Farbe des heiligen Grün, die das Weltenrad erfüllt. ...“ Ingrid Riedel sagt ganz richtig, dass die heute populären Kochrezepte und die Kräuter-Medizin Hildegards äusserst interessant sind. Doch wichtig ist die „Gesamtschau von Hildegard der Weisheit, die verschwistert mit kosmischer Liebe und dem schöpferischen Geist, das All durchwaltet, reinigt und erneuert.“ Das weibliche Antlitz Gottes als das Antlitz der Weisheit leuchtet bei Hildegard in einzigartiger Klarheit und Schönheit auf.

Die von Hildegard beschriebene Weisheit, die Sophia, ist die christliche Grünkraft, die wir in der Natur als metamorphosierende Lebenskraft wahrnehmen. Rudolf Steiner nennt sie die Ätherkraft. Bei den Germanen war sie die Freya, die fruchtbringend über die Felder und Herden zog. Aetti nannte sie die „Weiße Frau“.

Brunetto Latini (1220-1294, Bild 2), der Lehrer von Dante Algierhi, beschreibt sie als „Natura“. Eine uralte Weiblichkeit, die eben Hildegard von Bingen schon beschrieben hatte. In seinem über zweitausend Zeilen langen Tesoretto schildert er die Begegnung mit der „Natura“. Das war eine Einweihung in die höhere Welt, nach dem Schicksalsschlag, von Florenz verbannt zu werden. Ich habe aus dem ersten Teil des Tesoretto etwa hundert Zeilen heraus genommen und auswendig gelernt. Ich rezitiere sie, wenn ich am Morgen das Labyrinth beschreite:

Voll Trauer, gebeugten Hauptes
In Gedanken versunken weitergehend,
kam ich von der Hauptstraße ab
und geriet auf Irrwegen
in einen sonderbaren Wald.

Wieder zur Besinnung kommend,
wandte ich mich um und
richtete meinen Blick ringsherum auf einen Berg; und ich sah
eine große Schar von verschiedenster Tiere,
ich weiß nicht recht von welcher Art.
Es waren Männchen und Weibchen,
Hornvieh, Schlangen, Raubtiere,
große Mengen von Fischen
und vielerlei Arten
fliegender Vögel.

Auch Kräuter sah ich,
Früchte und Blumen,
Edelsteine und Perlen, die hochgeschätzt werden,
und so viele andere Dinge,
dass niemand Worte fände,
sie zu benennen 
oder zu unterscheiden.

Nur eines kann ich sagen:
Alle sah ich
In bezug auf Ende und Anfang, 
Sterben und Entstehen
Und das Annehmen der eigenen Art
Den Befehlen einer Gestalt folgen,
die ich erblickte.
Sie erschien mir manchmal 
wie verkörpert und manchmal wiederum ganz gestaltlos.

Oft berührte sie den Himmel,
als wäre er ihr Schleier,
und manchmal veränderte sie ihn
und manchmal verdunkelte sie ihn.
Die Himmel bewegten sich
Nach ihrem Geheiß.
Oft dehnte sie sich, so dass sie die ganze Welt mit
Ihren Armen zu umschließen schien.

Manchmal lachte sie und
Manchmal lagen Groll und Leid 
Auf ihren Zügen,
bis ihr Antlitz wieder
wie die Sonne strahlte.

Ihrer hohen Stellung und
Großen Macht eingedenk
Und meines eigenen Wagnisses
bewusst werdend, ließ ich mein früheres
trübes Grübeln fallen
Und fasste den Kühnen Entschluss, mich ehrfurchtsvoll ihr zu nähern, um sie besser zu sehen
Und mit Sicherheit zu erkennen, 
wer sie sei.

Nachdem ich diesen Gedanken
Gefasst hatte, begab ich mich
In ihre Nähe und hob den Blick
Zu ihrer Gestalt empor.
Nur so viel will ich sagen:
Wunderbar war ihr Haar,
wie aus feinem Gold,
Gescheitelt und ohne Zöpfe.
Wunderschön war auch alles
am Antlitz, unter der
weißen Stirne
Die schönen Augen und Brauen,
die purpurroten Lippen,
die fein geschnittene Nase,
die silberweißen Zähne,
der schimmernde Hals und alle
anderen schönen Eigenschaften, 
harmonisch verteilt,
jede an ihrem Ort.

Ich muss auf eine weitere Schilderung 
Verzichten, nicht wegen der Mühe, 
die sich mich kosten würde
noch aus irgendwelchem Verzagen,
sondern weil es weder mündlich
noch schriftlich möglich wäre, 
ihre Schönheit in vollem Masse
zu beschreiben, 
ihr Wirken in den Lüften, 
auf der Erde und im Meer,
im Schaffen und Entschaffen
und im Neuschöpfen,
sei es einer Idee, sei eines Keimes
oder eines anderen Urbeginns –
alles nach ihrem Bilde.
In ihrem Walten sah ich,
dass jedes Geschöpf,
das einen Anfang hat, auch Ende erreicht.

Dann, als sie mich erblickte, 
wandte sie ihr
lächelndes Antlitz zu mir
und nahm mich
ganz im Geheimen auf
und sprach dann sogleich:
„Ich bin die Natura 
und eine Schöpfung
des höchsten Erzeugers,
Er ist mein Schöpfer,
Er hat mich erschaffen“.

 

Hildegard von Bingen 1098 - 1194 (Bild 1)
Brunetto Latini 1220 - 1294 (Bild 2)
Rosa Mayreder 1858 - 1938 (Bild 3)
Lou Andreas Salome 1861 - 1937 (Bild 4)
Rosa Luxemburg 1871 - 1919 (Bild 5)
Anais Nin 1903 - 1977 (Bild 6)
Hannah Arendt 1906 - 1975 (Bild 7)
Simone Weil 1909 - 1943 (Bild )

Es beeindruckt mich, wie Brunetti nach dem Schicksalsschlag - das braucht es offensichtlich -  diese Einweihung erfuhr. Rudolf Steiner weist ausdrücklich auf diese Einweihung von Brunetti hin. Krisen können kreativ Wunder bewirken.

Brunetto Latini schildert hier diese Natura ganz konkret: Er findet sie, nachdem er die Besinnung verloren hatte und verirrt sich in einen sonderbaren Wald. Wieder zur Besinnung kommend, ist er mitten in der Natur bei den Naturwesen. Er nimmt die Wandlungskräfte bei Pflanzen und Tieren in der Natur wahr, von jedem Prozess Ende und Anfang, Schaffen und Entschaffen, Neuschöpfungen von Ideen. 

Er sieht eine Gestalt, die manchmal wie verkörpert ist und manchmal wiederum ganz gestaltlos. Sie berührt den Himmel als wäre er ihr Schleier. Manchmal dehnt sie sich, als würde sie die ganze Welt mit ihren Armen umschließen. Manchmal ist ein Lachen auf ihrem Antlitz und manchmal Groll und Leid. Ihr Haar ist wie aus feinem Gold. Brunetti schildert ihre Augen und Brauen als schön und spricht von purpurroten Lippen und einer feingeschnittenen Nase. Sie wirkt in den Lüften, auf der Erde und im Meer. Sie schaut ihn mit lächelndem Gesicht an und nimmt ihn im Geheimen in sich auf. Sie sagt ihm zum Schluss: 

„Ich bin die Natura, eine Schöpfung des höchsten Erzeugers, er ist mein Schöpfer, er hat mich erschaffen.“

Diese Natura wurde auch in der „Schule von Chartres“ im elften/zwölften Jahrhundert verehrt: Die Natura ist Imagination der Gesetze, die den Naturprozessen zugrunde liegen. Sie ist die große Wandlerin und Schöpferin der Natur, die Goethe als Metamorphose beschreibt.

Also der Natura als weibliches Wesen nähere ich mich allmorgendlich im Labyrinth.

 

Historische Frauengestalten haben mich schon immer beeindruckt. So zum Beispiel Rosa Mayreder (1858-1938, Bild 3): Sie ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine vermögende Familie hineingeboren worden, hat Privatunterricht erhalten und befasste sich schon als Sechzehnjährige mit Schopenhauer, Nietzsche und Wagner. Ihre große Frage war; kann eine Frau auch frei sein. Sie heiratete schon mit 18 Jahren den etwas älteren Architekten Karl Mayreder und befreite sich so von der Familie. Obwohl sie verheiratet war, ging sie intime Fremdbeziehungen ein und stand sogar öffentlich dazu. Rosa Mayreder ist eine der frühen Frauenrechtlerin und engagierte sich zum Beispiel für die Hilfe an Prostituierten.

In einem theosophischen Zirkel lernte sie Rudolf Steiner kennen. Sie standen im intensiven Briefkontakt, als Rudolf Steiner in Weimar an seiner „Philosophie der Freiheit“ schrieb und sehr einsam war. In dieser Philosophie gibt es eine Stelle, wo über die Beziehung zwischen Mann und Frau gesprochen wird. Hier spürt man Rosa Mayreders Eingebung an Rudolf Steiner: Wenn ein Mann auf eine Frau trifft, dann sieht er in dieser Frau zuerst die Frau. Wenn eine Frau auf einen Mann trifft, dann sieht sie in ihm zuerst die Persönlichkeit.

 

Für mich schon früh eine wichtige Frauengestalt war Lou Andreas Salome (1861-1937, Bild 4). Sie ist 15 Tage vor Rudolf Steiner geboren, am 12. Februar 1861. Im Zusammenhang mit der Geschichte der Psychologie, die ich in Riga und Prag unterrichtete und meiner Liebe zu den Gedichten Rainer Maria Rilkes, studierte ich das faszinierende Leben dieser Lou: Mit einem ursprünglich von Hugenotten in Frankreich abstammender Vater, hoher Militär in Russland und mit einer dänische Mutter, wuchs sie in einer Familie in Petersburg auf, wo Deutsch, Französisch und Russisch gesprochen wurde. Früh schon weigerte sie den Religionsunterricht, löste sich von der Familie und studierte Philosophie in Zürich. Sie begegnete Paul Rée und Friedrich Nietzsche in Rom. Die Männer wollten mit ihr intime Beziehungen. Doch Lou lehnte ab. Dann heiratete sie den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, aber nur für den Status einer verheirateten Frau. Sie vereinbarte mit ihm, keine sexuelle Beziehung einzugehen.

Sie nahm sich aber die Freiheit, mit anderen Männer intime Beziehungen zu pflegen, so mit Rainer Maria Rilke, der damals in München lebte und mit dem sie nach Russland auf Reisen ging. Sie distanzierte sich aber wieder von Rilke, da sie überzeugt war, dass er auf eigenen Füssen sich besser als Dichter entwickeln könne. Sie fand Kontakt mit Sigmund Freud und wurde von ihm als psychoanalytisch Interessierte anerkannt. Später machte sie auch in dieser Richtung Ausbildungen. Sie war eine beachtete Schriftstellerin, Therapeutin und setzte sich ein für Lebensreformen und die Emanzipation der Frau. Ihre Werke wurden wegen ihrer Nähe zum jüdischen Sigmund Freud von den Nazis konfisziert.

Ihre Gestalt wird ausgezeichnet dokumentiert im Film der Regisseurin Cordula Kabitz-Post. Hier wird gezeigt, wie eine Frau sich selbst bestimmt. Sich mit der damaligen Männer- und Kulturwelt verbindet und die Autonomie behält. Sie ist ein gutes Beispiel, wie eine Frau ihre Eigenständigkeit und Handlungsfreiheit durch das ganze Leben, bis ins hohe Alter, nie preisgibt. Das bewundere ich an ihr.

 

Rosa Luxemburg (1871-1919, Bild 5) interessiert mich nicht unbedingt wegen ihrem linken Gedankengut, sondern wegen ihrer ausserordentlich starken Persönlichkeit.

Sie wuchs in Polen mit jüdischen Eltern auf. Schon früh beherrschte sie Polnisch, Deutsch, Russisch, Latein und Altgriechisch, später Italienisch. Sie kannte sich in der Literatur aus, konnte gut zeichnen, interessierte sich für Botanik und Geologie, sammelte Steine und Pflanzen, liebte Musik. Sie litt zeitlebens an Hüftproblemen. Zwölfjährig zog die Familie nach Warschau. In ihrer Gymnasiumszeit beteiligte sie sich in marxistischen geheimen politischen Gruppen und studierte Karl Marx. Sie beendete das Gymnasium als Klassenbeste. Dann wurde sie politisch verfolgt, flüchtete in die Schweiz. 1889 belegte sie in Universität in Zürich Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. Später wechselte sie zu den Rechtswissenschaften, wo sie Volkswirtschaft, Finanzwissenschaft, Geschichtswissenschaften studierte. Ihr Doktorvater Julius Wolf bezeichnete sie als begabteste unter den StudentInnen. Sie hatte eine Liebesbeziehung zum polnischen Marxisten Leo Jogiches. Sie übersetzte marxistische Texte auf Russisch. Sie wurde Mitbegründerin der Sozialdemokratie Polens. In all den Wirren der Findung des sozialistischen Weges war sie als Redakteurin federführend. Man attackierte sie nicht nur als Sozialistin, sondern auch als Jüdin. Sie promovierte mit ihrer Doktorarbeit „Polens industrielle Entwicklung“ und zeigte darin, dass Polen unabhängig werden muss von Russland. Sie engagierte sich mit Erfolg in der deutschen SPD. Wegen Majestätsbeleidigung am Kaiser Wilhelm II. musste sie ins Gefängnis. Sie warnte schon frühzeitig vor dem Militarismus und Imperialismus und den kommenden Krieg. Ab 1907 unterhielt sie eine mehrjährige Liebesbeziehung zu Kostja Zetkin, aus welcher etwa 600 Briefe erhalten sind. Als Dozentin lehrte sie Nationalökonomie in der SPD-Parteischule in Berlin. In dieser Zeit begegnete sie auch Rudolf Steiner. Sie organisierte Demonstrationen gegen den drohenden Krieg. Beim Kriegsausbruch konnte sie nicht begreifen, dass die SPD den deutschen Krieg unterstützte. Rest ihres Lebens war sie fast nur noch im Gefängnis. Als politische Gefangene wirkte sie trotzdem in die Wirren des Krieges. Sie begrüßte die kommunistische Revolution Lenins, kritisierte aber zugleich die Diktatur des Proletariats. Bei Kriegsende versuchte sie sich mit Karl Liebknecht den Spartakusbund zu reorganisieren. In Zeitungen wurden Morddrohungen gegen die Spartakusführer publik. Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von einer “Bürgerwehr“ erschossen.

Die Rezeption ihrer Gedanken in Tagebüchern, Ansprachen, Artikeln und Werken sind immens: Sie hat sich zwar mutig persönlich dem Kampf für eine bessere Welt gewidmet, ihre theoretischen und intellektuell hochstehenden politischen Abhandlungen sind noch heute eine Fundgrube für die politische Wissenschaft. Sie kämpfte gegen den bourgeoisen Kapitalismus, wollte aber als Marxistin nicht eine Diktatur; Die Freiheit des einzelnen Mitstreiters müsse stets gewährleistet sein. Sie suchte das, was später 1968 im Pragerfrühling „Kommunismus mit menschlichem Angesicht“ genannt wurde.

 

Anais Nin (1903-1977, Bild 6) kannte ich schon früh aus ihren z.T. erotischen Tagebüchern. Da mir aber Henri Miller auch bekannt war, wurde die Beziehung zwischen Anais Nin und dem Schriftsteller mir wichtig. Immer ging es um die Geschlechterfrage. Anais Nin schien mir eine der herausragenden Frauengestalten die versuchte, ein unabhängiges eigenes Leben zu gestalten, vor allem auch gegenüber den Männern. Anais Nins Familie war international verankert: Der Vater war ein kubanisch-spanischer Musiker, die Mutter eine Dänin mit französischen und kubanischen Wurzeln. Die Trennung des Vaters von der Familie verarbeitete sie in ihren Tagebüchern. All die Tagebücher veröffentlichte sie später. Sie verließ schon früh die Schule, verheiratete sich mit zwanzigjährig und machte sich durch ihren Mann bekannt mit avantgardistischen Künstlern, so auch mit Henry Miller, dem Verfasser des weltbekannten Buches: „Der Wendekreis des Krebses.“

In der Bibliothek meines Freundes, führender avantgardistischer Anthroposophen und Kunsthistoriker, Diether Rudloff (1926-1989) fand ich den „Wendekreis des Krebses“ neben der „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner.

Im Film „Henry & June“ wird die Pariser-Zeit von Anais Nin und Henry dargestellt. In ihren Werken mischen sich Biografisches und Fiktives, Traumleben und Unbewusstes. Sie bewunderte die Psychoanalyse von Sigmund Freud und C.G. Jung. Gerade den Bezug zu ihrer Biografie in ihren Werken fasziniert mich sehr.

 

Hannah Arendts (1906-1975, Bild 7) Leben und Werk studierte ich vor allem während der Krise: Ihr Ausdruck vom banalen Bösen habe ich hautnah erlebt: Menschen, gut und wahr, wurden auf einmal durch ein bestimmtes Machtgefälle von Staat und Privatpersonen böse - in dem Sinne, dass sie plötzlich bereit waren, gegen das Schlössli und seine Träger zerstörerisch zu wirken. Die Macht korrumpiert nicht nur ihre Träger, sondern vor allem ihre Abhängigen.

Hannah Arendt war deutsch-amerikanische Theoretikerin und Publizistin. Sie wurde in eine gebildete jüdische Familie hineingeboren. In ihrer Familie gab es bedeutende Kommunalpolitiker und wurde schon früh mit liberalem sozialdemokratischen Gedanken vertraut gemacht. Ihr Vater verstarb früh. Schon früh las sie philosophische Werke und war im Gymnasium so aufsässig, dass man sie ausschloss. Später bestand sie das Abitur an einem anderen Gymnasium. 1924 begann ihr Universitätsstudium in Marburg bei Martin Heidegger. Als Familienvater verband ihn mit seiner Studentin eine Liebesbeziehung, die erst nach dem Ableben von Hannah bekannt wurde. Sie promovierte mit der Arbeit „Der Liebesbegriff bei Augustin“. Sie wurde auch bekannt mit dem C.G. Jung-Schüler Erich Neumann. Ein Thema, mit dem sie sich das ganze Leben über engagierte, war die Judenfrage und der Zionismus. Sie verstand sich immer als Jüdin im liberalen Sinn. Sie verheiratete sich mit dem bekannten Publizist Günther Anders. In der anfänglichen Nazi-Herrschaft bekämpfte sie in Deutschland dieses menschenverachtende politische System und durchschaute es. Sie war enttäuscht von vielen Intellektuellen, wie z.B. Heidegger, die dieses System, zu mindestens anfänglich, noch verharmlost haben.

Über Frankreich und zuletzt über Lissabon gelang es ihr und ihrer Mutter nach New York zu emigrieren. Sie ging vermehrt auch auf Distanz zum Zionismus. Als Publizistin wurde sie immer mehr bekannt mit was sie zum Nazi-Deutschland und zur Judenfrage zu sagen hatte. Sie arbeitete in jüdischen Organisationen und war auch als Dozentin tätig. Nach dem Krieg besuchte sie Deutschland und ihre ehemaligen Professoren. Sie veröffentlicht das Essay „Besuch in Deutschland - Die Nachwirkungen des Nazideutschlands“: „Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.“ Sie hatte große Hoffnungen, dass sich Israel zu einem Musterstaat entwicklen würde, wo Völkerversöhnung und freiheitliche Ordnung möglich sind. 1951 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin und wurde Professorin.

Hannah Arenth wurde weltbekannt, als sie im Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 ihre provokative These vom banalen Bösen prägte. Eichmann wurde ja als Nazimörder in Argentinien gefasst und in Jerusalem vor Gericht gestellt. Hanna war dort als Reporterin der Zeitschrift „The New Yorker“ akkreditiert. Ihrer Ansicht nach war Eichmann ein banaler Bürger, ein “Hanswurst“ und wurde durch die Macht der nazistischen Staatsideologie zum bösen Massenmörder. Sie kritisierte auch die Judenräte, die Helfershelfer der Nazis gewesen seien und Todeslisten zum Abtransport der Häftlinge in die Vernichtung unterzeichneten. Obwohl ihr viel Kritik entgegen kam, wurde sie mehr und mehr anerkannt, konnte als Professorin in der elitären „Princeton University“ lehren und bekam verschiedenste Ehrendoktorate. In Deutschland bekam sie den „Lessing-Preis“. Sie befasste sich z.B. mit Franz Kafka, mit Rosa Luxemburg und mit Jean Paul Sartres. Ihre Aussagen waren stets nüchtern, aber mit großer Überzeugung. Und sie blieb bei ihren Ansichten, auch bei starkem Gegenwind. In ihren „Denk-Tagebüchern“ kann man ihre Schlüsse nachvollziehen. Dort bemerkt man auch, dass sie die ganze klassische Philosophie bis in die Moderne in sich integriert hatte. Eine große Persönlichkeit, vor der man sich nur verneigen kann.

 

Simone Weil (1909-1943, Bild 8) ist mir zu einer Leuchtgestalt geworden. Sie war eine französische Philosophin, Dozentin, Lehrerin und Sozialrevolutionärin jüdischer Abstammung. Die Familie stammte ursprünglich aus Galizien, lebte großbürgerlich in Paris. Der Vater war Arzt, die Mutter Pianistin, der Bruder ein bekannter Mathematiker. Simone konnte schon vierjährig lesen, Gedichte rezitieren, war eigen- und starrsinnig und häufig krank. Sie ging ins Gymnasium, studierte dann Moral- und Religionsphilosophie, Platon, Spinoza, Descartes, Kant und Karl Marx.

1931 war Simone als Philosophielehrerin am Mädchengymnasium im Le Puy. Die Hälfte ihres Gehalts gab sie an Arbeitslose und beteiligte sich an sozialen Demonstrationen. Sie wurde als „la juive Weil“ und „vierge rouge“ bezeichnet. Sie verhalf Leo Trotzki, der auf der Flucht vor dem stalinistischen Russland in Paris weilte, zu Unterkunft im elterlichen Haus. Aber Simone Weil war mit seiner Ideologie nicht einig. 1934 arbeitete sie als Industrie-Arbeiterin, um das Schicksal der Arbeiterinnen zu teilen. Doch ihre schwache Konstitution hielt das nur kurz aus. 1935 reiste sie mit den Eltern nach Spanien und Portugal. Die portugiesische Musik Fado beeindruckte sie sehr. In Spanien unterstützte sie aktiv republikanische Kräfte gegen die faschistischen Francoisten. Dort könnte sie Aetti getroffen haben, der in dieser Zeit auch in Spanien war. Ab 1936 verweilte sie in Italien und fand in einer romanischen Kapelle des Heiligen Franziskus Zugang zum Christusimpuls. Sie erlebte Christus als persönliche wirkliche Gegenwart. Sie habe durch ihn die Gegenwart der Liebe empfunden, wie in einem Lächeln eines geliebten Antlitzes. Sie hatte eine Berührung zwischen einem menschlichen Wesen und Gott gespürt. Sie näherte sich dem Katholizismus, ließ sich aber nie von ihm vereinnahmen. Sie verurteilte die Inquisition, Kreuzzüge und Religionskriege der katholischen Kirche.

Sie floh in Frankreich als Jüdin vor der Gestapo nach Marseille. Sie führte dort mit einem Dominikanermönch Gespräche, interessierte sich für Sanskrit, indische und chinesische Philosophie, für spanische Mystik, für sephardische und chassidische Weisheiten. Über Amerika gelang sie nach England, wo sie sich der Befreiungsarmee Charles de Gaulles anschloss. Sie wurde krank und starb 1943 in England an Hunger.

Heinrich Böll beschrieb sie später als Rosa Luxemburg, als Prophetin: „Was sie geschrieben hat war mehr als Literatur, was sie gelebt hat, weit mehr als Existenz.“ Sie wollte die Politik individualisieren, Marxismus und Imperialismus lehnte sie ab. Der Mensch, vorwiegend der Arbeiter, sollte wieder Wurzeln fassen, erst die Verwurzelung in der Tradition gibt ihm die Hoffnung zum Leben. Die wahre Erkenntnis zu Gott gelingt nur durch die Überwindung des Ego. Wichtig ist die Aufmerksamkeit zum Gegenüber. Das Gebet ist Aufmerksamkeit in reinster Form. Dann bricht das Licht heraus. Gott hat den Menschen durch Liebe erschaffen. Der Mensch gibt die Liebe weiter zu Freunden, zur Schönheit der Natur, zu spirituellen Übungen. Das einzige auf der Welt, was der Zufall dem Menschen nicht rauben könne sei das Vermögen, „Ich“ zu sagen. Simone Weil war eine von vielen, die Christus als Licht erfahren haben. Die nicht an Christus glauben, sondern ihn erfahren. Rudolf Steiner prophezeite, dass es spirituellen Menschen im 20. Jahrhundert möglich machen wird, Christus als Licht zu erfahren. Rudolf Steiner spricht vom Erscheinen des ätherischen Christus. Simone Weil ist ihm offensichtlich begegnet.

 

So gäbe es noch viele weniger berühmte Frauen zu beschreiben. Seit der Schliessung der Schlössli Heimschule im Juli 2014 gibt es im neuen Schlössli vor allem starke Frauen, die mir helfen den Ort neu aufzubauen. Ihnen sei herzlich gedankt.

 


29. November 2016

Am 18. November fand das Bleigiessen statt, so wie ich es seit Jahrzehnten praktiziere - im Ättigewölbe: Die Menschen, die ihre Zukunft erforschen wollen, kommen ins Hüsli beim Rosenhof. Sie treten ein und sprechen laut ihren Namen. Dann hören sie von unten ein Flötenspiel und sie steigen die schmale Treppe in die Tiefe zum unterirdischen Gewölbe, wo Ätti seine alchemistischen Öfen hatte. Dort unten sitze ich und zeige den Besuchern einen Gegenstand, den sie benennen sollen. Jetzt gilt es eine Kelle mit heissem flüssigen Blei zu füllen und über einem Wassergefäss schnell zu entleeren. Und schon kann man das gegossene Blei aus dem Wasser ziehen. Das ist das Bild der eigenen Zukunft, die es jetzt zu enträtseln gilt. Dieses Ritual habe ich Jahr für Jahr für die interessierten SchlösslerInnen vollzogen. Ein Ritual, das Ätti Ende November, am Ende des kirchlichen Jahres, eingerichtet hatte. Für Viele ist es auch eine Möglichkeit das verborgene unterirdische Gewölbe einmal im Jahr zu besuchen. Tief in die Erde zu gehen um die eigene Zukunft zu erforschen, ist für jeden kreativen Menschen eine Selbstverständlichkeit. So wie uns die Vergangenheit beeinflusst, so kommen von der Zukunft wichtige Impulse entgegen. Die Zukunft ist noch flüssig, die Vergangenheit unveränderlich fest. Der gegenwärtige Akt des Bleigiessens ist dazwischen. Der zischende Laut wenn das flüssige Blei in die Form, in die Erstarrung kommt, ist das Orakel.

Am 28. November organisierten Mieter der Schlössli-Liegenschaften einen Werktag. Es kamen über ein Dutzend Leute die halfen den Rosenhof-Park zu entlauben. Es waren vor allem Mieter der Stiftung Seiler. Sie zeigen damit ihre Dankbarkeit, in dieser Umgebung wohnen zu können. Ganze Familien kamen mit ihren Kleinkindern. Es ist erstaunlich wie schnell das viele Laub zusammengerecht und entsorgt werden kann. Es entsteht eine fröhliche Solidarität. Man lernte auch Nachbarn kennen, die man sonst fast nie sieht. Für mich war diese Aktion schon etwas von meiner Hoffnung in die Zukunft, von einer neuen Gemeinschaft im Schlössli, die nicht aus einer Verpflichtung heraus sich tätig begegnen will, sondern aus Freude und Freiheit. Für die Stiftung ist es ein riesiges Geschenk, dass die Bewohner freiwillig helfen ihre Umgebung zu gestalten. So ist in diesem Herbst auch die Gestaltung des Tellenhofgartens gelungen: Es wurde ein massiver Tisch gezimmert und ein schöner Holzzaun und eine Feuerstelle errichtet.

 


27. November 2016

Nun bin ich schon bald wieder eine Woche zurück in Ins. Vorher war ich über drei Wochen in Tschechien. Die ersten beiden Wochen an verschiedensten Orten in Tschechien tätig. Am 19. November haben Kamila und ich an der Totenfeier in der Christengemeinschaft unseres verstorbenen Freundes und Zahnarztes Stanislav Cícha teilgenommen. Am selben Tag ist auch unser Sohn Manuel Karel nach Prag gekommen. Wir feierten seinen 20. Geburtstag. Vor bald 20 Jahren wurde er hier in Prag in der Christengemeinschaft getauft.

Am Wochenende vom 29. und 30. Oktober gab ich den drei ersten Klassen der WochenendstudentInnen der Tabor-Akademie einen Kurs in den Zwölf Sinnen von Rudolf Steiner. Wunderbar, das Singen mit über zwanzig Leuten. Am Samstag stellte ich ihnen die Zwölf Sinne im Zusammenhang mit der Menschenkunde vor. Am Sonntag experimentierten immer ein paar Studenten die einzelnen Sinne mit uns allen. Ich war erfreut, wie treffend die Sinne verstanden wurden. Es zeigte sich wieder einmal mehr wie praxis- und erlebnisnah dieses Konzept ist.

Am Montag, 31. Oktober, war ich in der Theresienstadt (Terezín) in der Waldorfschule. Dort wirken nun schon die erste und zweite Klasse. Eindrücklich, wie die zwei Klassenlehrerinnen in echter Waldorfmethodik die Kinder unterrichten: Alles geschieht rhythmisch wiederholend, körperorientiert, mit Ritualen, sprachlich, gesanglich, zeichnend, mit viel Bewegung. Die Lehrerinnen wissen genau was sie wollen, und doch erlebte ich kein Kind, dass Angst vor dem Versagen hatte, dass sich unfrei fühlte. Im Gegenteil, die Kreativität war entfaltet. Es ist wie ein Wunder, dass an diesem Ort des ehemaligen Grauens so etwas Heilendes und Lichtvolles geschehen kann. Es besteht die Hoffnung, dass diese reinen Seelenkräfte der Kinder diesem Ort helfen können.

Am Dienstag, 1. November, unterrichtete ich in der 6. Klasse der Prager-Waldorfschule in Jinonice Sternenkunde. Ich spürte dass diese Klasse, etwa gleichviel Mädchen wie Knaben, von der Klassenlehrerin wohlgeformt sind. Das Waldorfprinzip, wo dieselbe Lehrerin über Jahre die Klasse leitet, zeigt sich hier positiv. Die SchülerInnen hatten schon eine Sternen-Epoche hinter sich, wussten schon viel darüber und wollten noch mehr erfahren. Die Jinonicer-Waldorfschule, die ich seit über 20 Jahre immer wieder besuche, liegt mir auch darum besonders am Herzen, weil ihr Direktor Pavel Seleši vor vielen Jahren Student bei mir an der Tabor-Akademie war.

Vom 2. bis 4. November unterrichtete ich an der Akademie Tabor die Tagesstudentinnen der ersten Klasse über die megalithische Kultur. An dieser Grosssteinkultur, die sich zeitgleich zur ägyptischen Kultur entwickelte, also etwa 4000-1500 Jahre vor Christus, kann man sehr schön ablesen, wie die nördliche und südliche Strömung sich polar entwickelt: Die nördliche Megalithkultur orientiert sich ganz nach Aussen zum Kosmos, zur Natur, die südliche ägyptische Kultur schliesst sich von der Natur ab und sucht ihre geistige Verbindung ganz in der Seele. Diese riesigen Menhire, der grösste war über dreissig Meter hoch, diese zu Hunderten aneinandergereihten Steine, in sogenannten Alignementen, zeigen, dass sich der Mensch das erste Mal als aufrechter Mensch empfand. In mitten dieser zwei Kulturen zeigt sich die spätere griechische Kultur etwa um 500 Jahre vor Christus. Hier ist die Wiege der europäischen Kultur. Die Studentinnen machten eine individuelle Zeichnung zur neolithischen Darstellung der Grossen Mutter von Předmostí (Mähren). Die Darstellung fand man auf einem Mammuthzahn.

Über das Wochenende vom 4. bis 6. November war ich am Waldorflehrerseminar in der Waldorfschule in Brno. Dort stellte ich die integrale Sternenkunde dar, die ich in meinem Sternenbuch integral (auch auf Tschechisch erhältlich) dokumentiert habe. Ich zeigte ihnen, wie es schon Johannes Kepler und Tycho Brahe in Prag gezeigt haben, dass Astrologie und Astronomie zusammengehören. Diese Seminarklasse kenne ich nun schon seit drei Jahren. Sie lieben es auch, die vertrauten Kanons zu singen.

Am 7. November war ich den ganzen Tag in Budějovice in der Kinder-Mütterstätte Pansofia. Dort lagerten sich Mütter mit Babys um mich und stellten Fragen in Bezug auf Kleinkinder-Erziehung. Es war schön diese Kleinkinder zu sehen und sich vorzustellen, wie diese dann aussehen in zehn, zwanzig Jahren. Ich konnte ihnen zeigen, dass die Babys zwar physisch geboren waren, aber noch die Ätherhülle brauchen. Die Fragen wie "warum eigentlich Waldorfschule" habe ich gerne beantwortet. Am Nachmittag hielt ich dort einen öffentlichen Vortrag über das zweite Jahrsiebt. Ich besuche diese Tagesstätte schon seit 10 Jahren und bewundere die liebevolle Initiativkraft der Leiterin.

Am 9. und 10. November besuchte ich die Waldorfschule in Příbram. Ich hatte den Auftrag der 9. und 10. Klasse einen Farbenkurs zu geben. Dieser Kurs besteht ausschliesslich aus Experimenten. Als keine Farben-Theorie, sondern im Goetheschen Sinne eine Farbphänomenologie. Am späteren Nachmittag kam ich mit Eltern ins Gespräch über die Schülerbewertung. Hier versuchte ich darzustellen, dass es darum geht, nicht Urteile über SchülerInnen zu schreiben, sondern phänomenologische Beschreibungen der Leistungen zu dokumentieren. Auch dass es durchaus möglich ist, dass SchülerInnen ab der 7. Klasse mit den LehrerInnen zusammen Selbsteinschätzungen formulieren. Hier gilt der Satz von Heinrich Pestalozzi: „Vergleiche nie ein Kind mit einem andern, sondern nur mit ihm selbst.“

Danach war ich noch an der Sitzung des Lehrerkollegiums. Ich sollte eine Rückmeldung über ihre Schule geben. U. a. gratulierte ich ihnen zum Konzept der Oberstufe, das ermöglicht, dass nicht nur das Abitur, sondern auch Berufslehren möglich sind. Das ist ganz im Sinne Rudolf Steiners, der wollte, dass alle Schüler in der Oberstufe bleiben können.

Das Wochenende vom 11. bis 13. November verbrachte ich in der Waldorfschule Písek. Dort trafen sich der 1. und 2. Kurs der Waldorflehrerausbildung. Auch ihnen gab ich einen Farbenkurs. Diese fast 60 StudentInnen sangen wunderbar meine Kanons. Ich spürte wie wichtig es ist ein künstlerisches Erleben an den Anfang zu stellen. So wurden wiederum die Dunkelheits- und die Lichtfarben experimentiert, das Grün und Purpur als sekundäre Farben erlebt, das Grün als verbindende Farbe des Regenbogens. Es wurde die additive und die subtraktive Farbentstehung begriffen und als Höhepunkt die farbigen Schatten bewundert.

Zwei intensive Wochen liegen hinter mir. Mit grossen Freuden des Wiedersehens bekannter Menschen, die ich seit meiner über zwanzigjährigen Tätigkeit in Tschechien kenne, und des Kennenlernens neuer Menschen. Und mir wurde einmal mehr bewusst: der Waldorfimpuls in Tschechien lebt.

 


27. Oktober 2016

Ab morgen bin ich bis am 21. November in Tschechien. Hier mein Programm.

 


01. Oktober 2016

Das Michaeli-Fest ist gefeiert worden. Simone Graf und ihre MitarbeiterInnen haben eingeladen: Knöpfli, Wild, Marroni, mit verschiedenen Saucen usw. Wie zu besten Zeiten wurde gegessen, Drachenkampf zelebriert, Sinnesspiele probiert, mit der Armbrust geschossen. Das tat meiner Seele gut. Das Wiederaufleben der Schlössli-Rituale zeigt, dass der spirituelle Schlössli-Strom noch nicht versiegt ist. Dazu braucht es Menschen, die sensibel diesen unterirdischen Strom spüren und ihn nutzbar machen.   

Noch vorher haben Stephanie Imhelder und Helfer zur Vollmondsuppe in den Tellenhofgarten eingeladen. An diesem, von Bewohner gebauten, währschaften Tisch versammelten sich all die Familien rund um den Lilienhof-Tellenhof-Platz. Viele Kinder gehören dazu. Im Schlössliareal tummeln sich wieder Kinder. Diese Belebung tut dem Schlössli gut.

Ende September sind jetzt auch die zwei Familien im Lilienhof und Druidenhof eingezogen. Sie haben die Wohnungen nun während Wochen selber umgebaut und renoviert. Das sind nun die letzten Wohnungen, die zu vergeben waren. Über 40 Wohnungen sind vermietet.

Im Friedrich Eymann-Schulhaus wird das Dach saniert und isoliert. Dieses Haus ist schon seit jeher sanierungsbedürftig und diente ursprünglich als Pferdestall, Heustock und Remise für die Kutsche. Zudem hatte der Sohn des Arztes, der um die Jahrhundertwende im Lilienhof eine Krankenanstalt führte, darinnen ein Malatelier. Der Maler Hagen war später mit Ätti befreundet.

Nun haben wir auch die Holzzulieferung für die Holzheizung im Allemannenhof geregelt. Diese Heizung liefert die Wärme für den Burgunderhof, Schreinerei und Druidenhof. Noch etwa 100 Ster Holz liegen im Wald und warten um abgeholt zu werden.

Der Battenhof wird nun als Ganzes vermietet. Hier wohnen nun mehrere Familien und Einzelpersonen.

Kamila und ich hatten Besuch. Eine junge Ärztin aus Wien, die wir in Krummau kennengelernt haben, war einige Tage hier. Auch ein Ehepaar aus Wolfsrams Eschenbach, das wir schon viele Jahren kennen. Er ist Kurator im dortigen Parzival-Museum, fand endlich den Weg ins Schlössli. An diesen Menschen erlebte ich wiederum das Staunen darüber, was hier alles in den Jahrzehnten gewachsen ist und jetzt wieder nach der Katastrophe neu entsteht.

Dieser Herbst mit den vielen warmen Tagen zeigt, dass wir im Schlössli doch schon etwas zu ernten haben. Vieles ist noch unansehnlich klein gewachsen oder noch im Keimzustand. Es braucht viel Geduld. Vor allem das Mehrjährige, ja die Bäume, brauchen lange um Stamm und Krone zu bilden. Ein Gedicht, das Ätti oft im Gewölbe vorgelesen hat:

Die Bäume stehen stark und still,
Sie stehen dort wo Gott es will
Und tragen ihre Krone.

Sie sehnen sich wie du und ich
Nach Himmelsblau und strecken sich,
Das sie das Licht belohne.

Auch du sollst stehen still und stark
Und sei dein Erdreich noch so karg,
Auch du trägst deine Krone.

Was sorget deine Seele sich?
Ein Stücklein Himmel auch für dich,
Hält Gott bereit zum Lohne.

                            Verfasser unbekannt

 


07. September 2016

In den letzten Tagen haben Kamila Seiler, Tom Grossenbacher und ich während Stunden ein wichtiges Dokument erstellt: Schlössli Ins als Kultur-Ort - Spendenaufruf

Die Stiftung hat Liquiditäts-Schwierigkeiten. Wir brauchen Schenkungsgeld, um in unseren Liegenschaften besser investieren zu können. Dieser Schritt eines Spendenaufrufs wollte ich noch lange Zeit hinausschieben. Ich hatte in meiner über 50jährigen Schlösslizeit es nie vermocht Geld für das Schlössli aufzutreiben. Doch jetzt muss ich. Ich bin gespannt, ob es uns gelingen wird, Schenkungsgelder zu bekommen.

Der Rosenhofpark ist für viele ein Kraft-Ort geworden. Hier habe ich meine drei Projekte, die stark zu meinem Leben gehören: Das Tycho Brahe-Astrolabium, das Regenbogen-Instrument, das Chartres-Labyrinth in der Arena. Mit dem Astrolabium schauen wir in den Kosmos. Es ist ein Kugelgitter mit 5 Meter Durchmesser, mit Längen- und Breitengraden. So bildet es kleine Quadrate. Ein Gestirn hat gerade eine halbe Stunde, um sich durch ein Quadrat hindurch zu bewegen.  

Wir können Fixsterne, Planeten, Sonne und Mond in ihren Bahnen beobachten. Es geht darum, dass wir in eine Beziehung kommen zu dem bewegenden Kosmos. Wunderbar, wie - geozentrisch gesehen - alles sich um den ruhenden Polarstern kreisend bewegt: Gegen Norden in Gegen-Uhr-Richtung, gegen Süden in Uhr-Richtung. Alle Gestirne kommen jeden Tag vier Minuten früher an den gleichen Ort, in der Woche eine halbe Stunde früher, im Monat zwei Stunden früher. Ein Jahr später sind die Fixsterne wieder am gleichen Punkt, zur selben Zeit. So kann man im Osten zur gleichen Zeit in der Nacht während Wochen und Monaten immer neue Sternbilder heraufkommen sehen. Während Sternbilder, die uns seit Wochen und Monaten liebgeworden sind, nun am Westhorizont verschwinden. 

Im Astrolabium kann man verfolgen, wie die Sonne gegen den Sommer immer höhere Kreise zieht und dann nach dem längsten Tag, zunächst nur langsam, dann im Herbst sehr schnell immer tiefer kreist, bis sie am kürzesten Tag langsam die tiefste Bahn erreicht. Den Mond kann man ebenso beobachten, wie er vierzehn Tage lang, obsi, immer höher steigt, dann vierzehn Tage lang, nidsi, in seiner Bahn sinkt. Das alles und noch viel mehr kann man am Astrolabium beobachten. Im Buch Sternenkunde integral ist alles beschrieben.

Im Chartres Labyrinth in der Arena  wird der Weg nach Innen gesucht. Dreihundert Meter läuft man hinein bis ganz ins Zentrum. Nicht geradewegs, sondern in Schleifen nach Innen, dann wieder etwas hinaus, dann wieder bis zur Aussenmauer des Innersten hinein, dann in vielen Schleifen ganz in die Peripherie hinaus, dann wieder etwas hinein, dann ganz hinaus, um dann nach kurzer Strecke ins Zentrum zu kommen. Dieser Weg geht durch alle Planetensphären, schlussendlich ins Zentrum. Im Zentrum erwartet einem ein Gedicht von Christian Morgenstern. Es beinhaltet eigentlich die sechs Nebenübungen von Rudolf Steiner:

Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken.
Des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone.
Der flutenden Empfindung, Maß und Meister.
Zu tief, um an Verneinung zu erkranken.
Zu frei, als dass Verstockung in ihm wohne.
So bindet sich der Mensch ans Reich der Geister. 
So findet er den Pfad zum Thron der Throne.

Im äußersten Ring des Labyrinths sind die Tierkreiszeichen eingeschrieben. Sie weisen über das Labyrinth hinaus auf die Arenamauer, wo die entsprechenden Betonplastiken mosaikverziert, die Tierkreis-Throne stehen. Das ganze Labyrinth wird Jurte-artig überdacht. Dieser Platz ist als sakraler Ort zu würdigen, als Kraft-Ort. Er dient auch für Feste, zum Tanzen, zum Feuerentzünden. Wir haben dort auch schon Hochzeitsfeste gefeiert. Das Chartres-Labyrinth ist auf unserer Website genauestens beschrieben.

Das Regenbogen-Instrument ist einfach und eindrücklich: Durch Wasserdüsen gelangt das Wasser zu einer Regentropfenwand. Diese Regenwand kann man so drehen, dass sie rechtwinklig zur Sonneneinstrahlung liegt. Der Betrachter, der sich nun zwischen Sonne und Regenwand stellt und der Sonne den Rücken kehrt, kann nun an dieser Regenwand den Regenbogen sehen. Er kreist exakt um den Schatten des eigenen Kopfes. Jeder sieht nur den eigenen Regenbogen.

Je nach Standpunkt-Höhe des Betrachters oder Stand der Sonne kann sogar ein 360 Grad-Regenbogen gesehen werden. Die sogenannte Halo-Erscheinung, die etwa in den Bergen gesehen werden kann, wenn der Betrachter auf das nahe Nebelmeer blickt. Manchmal kann man dieses Phänomen auch vom Flugzeug aus sehen; den Schatten des Flugzeugs an einer Wolkenwand und darum herum ein wunderbarer Regenbogen. Einfacher geht das im Rosenhofpark bei unserem Regenbogeninstrument! Ich habe diese Phänomene in meinem Farbenbuch veröffentlicht.

Die drei Instrumente bilden eine Dreiheit: Im Astrolabium schaue ich hinaus. Ich erlebe die Welt mit den 12 Sinnen. Hier geht es um Naturerscheinungen, um Phänomene. Johann Wolfgang Goethe ist der Begründer der Phänomenologie. Der Mensch wird liebender Teilhaber der Natur, des Kosmos, der Aussenwelt. Im Labyrinth als Polarität zum Astrolabium schaue ich hinein. In mich, in meine Seele, in meine Gedanken, Gefühle und Willensintentionen. Es geht um meine Innenwelt, die ich erforschen will, mein Schicksal, meine Biografie, mein Zugang zur geistigen Welt. Dies hat Rudolf Steiner in seiner Anthroposophie dargestellt. Die Philosophie der Freiheit, ein Grundlagewerk von Rudolf Steiner, zeigt uns die Möglichkeit der Freiheit durch Intuition, durch moralische Phantasie. Ich habe in der Rudolf Steiner-Schule in Bern von der 5. bis zur 9. Klasse jeden Morgen den selben Morgenspruch gesprochen:

Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Türe fühlend leben,
In der der Mensch beseelt, dem Geiste Wohnung gibt;

Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn-und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da draußen,
Im Seelentiefen, drinnen.

Zu Dir, o Gottesgeist,
Will bittend ich mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.

In diesem Spruch sehen wir diese Polarität von „Ich schaue in die Welt“ und „Ich schaue in die Seele“. Es ist eine Ur-Gestik des Menschen, die den Mikrokosmos und den Makrokosmos umfasst.. In diesen zwei Orten im Rosenhofpark können wir dieses üben.

In der Mitte zwischen Astrolabium und Labyrinth steht das Regenbogeninstrument. Der Regenbogen verbindet die Polarität Außen und Innen, Dunkelheit und Licht. Im Grün des Regenbogens haben wir die ätherische Pflanzenfarbe zwischen Körper und Seele. So wie die Pflanze Vermittlerin ist von Himmel und Erde, so der Regenbogen Versöhnung zwischen Gott und Mensch. An diesen Instrumenten übe ich mich fast täglich. 

 


29. August 2016

Letzten Samstag hatte eine ehemalige Schlössli-Schulklasse, ihr Klassenlehrer war Luzius Sigrist, ein Treffen im Rosenhofpark. Es waren insgesamt etwa 15 ehemalige SchülerInnen, ebenso viele Frauen wie Männer. Sie sind vor etwa 20 Jahren aus der 9. Klasse ausgetreten. Beim Treffen haben sie viel erzählt von dieser Zeit im Schlössli. Man spürte, da waren viele gute Erinnerungen. Was sie in den Höfen, in der Klasse, im Theaterprojekt „Knie“, auf Klassenfahrten, in der Nacht erlebt hatten. Viele sprachen von der intensivsten Zeit in ihrem bisherigen Leben. Ich bemerkte, dass da Heimatgefühl vorhanden ist, auch eine Dankbarkeit dem Schlössli gegenüber. Und wenn sie jetzt erzählt haben, von ihrem Beruf (Kleinkindererzieherin, Informatiker, Maskenbildnerin in Filmprojekten u.a.), von ihren Familien mit bis zu vier Kinder, da standen vor mir selbstbewusste Menschen voll im Leben.

Und als wir uns zusammen im Hotel Bären an de Tisch gesetzt haben, sagte ich ihnen, dass ich immer wieder, wenn ich vom Schlössli spreche, die Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche aus schwierigsten Umständen erwähnen würde. Und ich fragte sie, wer sich denn von ihnen zu den damals Schwierigen zählen würde, da haben mehr als die Hälfte die Hand hochgehalten. Das zeigte mir ein Gefühl des tiefen Nacherlebens der Schlössli-Jugend. Da sehe ich wieder die Plakate, die Kinder und Jugendliche am Tag (30. Januar 2014) als das Jugendamt im Schlössli war und die baldige Schliessung verkündet hatte, worauf geschrieben stand: “DAS SCHLÖSSLI SOLL BLEIBEN, ES IST UNSER HERZ UND WIRD UNSER BLEIBEN.“

Gestern war die Derniere der Theater-Gruppe Stradini mit Lillith. Zurück von ihrer Schweizerreise mit ihrem fahrenden Theater. Dreißig Aufführungen in den vier Landessprachen - etwas müde aber immer noch mit viel Freude und Lust spielten sie die Derniere auf Französisch. Erstaunlich die vielseitige Virtuosität in Sprache, Gestik, Bewegung, Choreografie. Klamauk, Blödelei, episches Erzählen, tiefsinnige romantische Bilder bereichern den Besucher. Diese Land-Meer-Story mit alltäglichen Szenen und tiefmythologischen Bildern z.B. einer Seejungfrau, das Spiel mit der Verkleidung der Tochter zu einem Matrosen, die zwar ihren Mann stellt und doch Frau bleibt, die köstlichen Tierszenen, die amüsante Sohn-Mutter-Beziehung, die Rauferei der Matrosen, alles in einem Spiel. Tief menschlich mit viel Humor. Das Schlössli kann stolz sein, solche Menschen unter ihrem Dach zu beherbergen. 

 


24. August 2016

Seit einigen Tagen zurück aus Tschechien, bin ich voll und ganz hier. Und sinne natürlich ein wenig an die Zeit zurück, an den Kongress in Krummau: Dort konnte ich erleben, wie 200 TeilnehmerInnen eine Woche lang am Thema der Gesundheit sich für die Kindesentwicklung bis zum 9. Altersjahr erfreut haben. Dieser Kongress war fünf Jahre lang vor allem eine Weiterbildung für ÄrztInnen. Nun wollte man die Thematik mehr ins Pädagogische erschliessen. Und so kommen heute neben ÄrztInnen auch pädagogisch Interessierte, Therapeuten, Ernährungspädagogen usw.

Ich selbst unterrichtete an einem Nachmittagskurs, wo ich mit den TeilnehmerInnen gesungen, ihnen Märchen und Mythen im Rahmen des Waldorflehrplans bis zur 5. Klasse erzählt, pädagogische Zusammenhänge vermittelt habe. Der Kurs zählte 70 TeilnehmerInnen, auch ÄrztInnen. Ich habe ihnen eine exklusive Sternen-Exkursion angeboten und durfte ein großes Wohlwollen mir gegenüber erleben. Natürlich waren ein Viertel der TeilnehmerInnen ehemalige Studenten an meinen Seminarien in 20 Jahren. Nach der Katastrophe der Schlössli-Schulschliessung, wo ich derart gedemütigt wurde, ist solche Wertschätzung Seelen-Balsam. Ich habe gespürt, ich habe mit meinen 74 Jahren noch nicht ausgedient. Ich vermag noch etwas zu geben.

Nun bin ich wieder als Hauptverantwortlicher der Stiftung Seiler hier in Ins tätig. Ich mache mir sofort einen Überblick über alle Fragen und Probleme. Nun, obwohl ich mir diese Tätigkeit nicht ausgesucht habe, sondern sie als Schicksal entgegen genommen habe, versuche ich sie so gut wie möglich zu erfüllen. Die Tätigkeit als Dozent in Krummlau entspricht mir besser. Doch kann man im Leben die Aufgaben nicht immer aussuchen. Seit zwei Jahren führe ich nun diese Stiftung - seit der Schließung der Bildungsstätte Schlössli Ins. Mein Blick ist stets vorwärts gerichtet. Immer hoffe ich, dass es finanziell besser geht, dass die Initiativen sich konsolidieren, dass die Administration effizienter wird. Es läuft vieles besser, aber noch nicht gut genug.

Letzten Samstag war ich an der Eröffnungsfeier der Initiative InSich im Rosenhof, die nun schon ein Jahr lang vorbereitet wurde. Die über dreißig Gäste wurden durch alle Arbeitsbereiche geführt und ganz konkret das Konzept, die Arbeitsweise und das Menschenbild dargestellt. Die beeindruckende Demonstration von Simone Graf, Leiterin der Initiative, mit den Pferden beim Battenhof, zeigte innige Zärtlichkeit, Respekt und Liebe zu den Tieren. Nur ein Mensch, der mit sich innerlich klar ist, kann die Pferde führen. Ein Credo, das auch auf die Pädagogik übertragbar ist. Ich bin dankbar nach Hause gegangen, dankbar den Menschen gegenüber, die im Schlössli versuchen Mensch und Natur mit höchster Qualität zu begegnen.

 


25. Juli 2016

Heute ist es hochsommerlich heiß. Für Sonnenliebhaber bestens. Ein Auf und Ab diesen Sommer: zwischendurch mit Schnee bis weit herunter.

Die Welt außer Atem: Nizza, die Türkei, die Messer-Beil Attacke, die Trump-Nomination, das Münchner-Attentat, in Ansbach. Dinge, die man für unmöglich hält. Doch die Welt ist, wie das Wetter, außer Rand und Band. Was für atmosphärische und weltdynamische Kräfte. Vieles hat der Mensch, der gewohnt ist alles im Griff zu haben, nicht mehr im Griff. Versinkt die Welt in Schutt und Asche? Sind wir am Rande des Vulkans nur noch Zuschauer der Weltkatastrophe, bis wir selbst untergehen?

Vor kurzem haben wir uns den Film Tomorrow, Demain von Cyril Dion und Melanie Laurant angesehen. Sein Untertitel heißt: Die Welt ist voller Lösungen. An vielen Beispielen dokumentieren sie, wie zivilgesellschaftliche Initiativen die Welt im Kleinen zum Guten verändern: Pflanzenanbau zur Selbstversorgung z.T. mitten in heruntergekommenen Städten, Lokalgeld-Initiativen, Ökologische Unabhängigkeit gegenüber fossiler Energie ganzer Städte durch Windkraft und Sonnenergie, soziale, wirtschaftliche und ökologische Autonomie ganzer Betriebe usw.  Es werden indische Dorf-Initiativen gezeigt, wo es einem Bürgermeister mit Dorfräten gelingt, Dörfer wieder wohnbar zu machen und das Zusammenleben verschiedener Kasten durch architektonische Maßnahmen zu fördern. Am finnischen Schulsystem wird gezeigt, wie es möglich eine kreative Schule zu gestalten, wenn der Staat nicht mehr hineinredet und die LehrerInnen sich voll auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen einlassen können und wenn Impulse von Rudolf Steiner und Maria Montessori in die Schule einfließen können.

Die Rettung der Welt, so wird gezeigt, wird nicht von den weltzerstörenden, nur der Geld-Optimierung dienenden Megakonzernen und der korrupten Politik erwartet, sondern durch übersichtliche Sozialräume, wo Menschen sich wieder menschlich begegnen können, wo ihr Beitrag zur Verbesserung der Ernährung und des sozialen Zusammenhangs sichtbar wird.

Das Schlössli war in über 60 Jahren anarchistisch, autonom und staatskritisch. Wir haben uns selber geholfen. Der Staat beteiligte sich daran, diese eine der Oasen der Menschlichkeit (Albert Steffen) zu zerstören. Seit zwei Jahren versuchen wir nun auf den Ruinen dieses Schlösslis etwas Neues aufzubauen: Eben, etwas Neues, nichts Vergangenes. Wir sind heute an einem Punkt, wo Grundlagen für eine kreative Stätte, wo Pädagogik, Sozialpädagogik, Therapie, Handwerk und Kunst wieder möglich werden. (Siehe Initiativen in der Stiftung Seiler).

Ganz besonders freut es mich, dass diesen Sommer zum 25. Mal ein Gesangssommer möglich wurde. SängerInnen aus aller Welt versammelten sich hier, um bei Margreet Honig, der weltberühmten holländischen Gesangspädagogin und Therapeutin, zu lernen. Sie hatte als Sopranistin mit verschiedenen Ensembles, auch im holländischen Radio, Auftritte. Doch konzentrierte sie sich mehr auf den pädagogischen Teil des Gesangs: Sie ist Dozentin in verschieden Ländern Europas und in Amerika. Durch Margreet Honig erhalten SängerInnen aus der ganzen Welt in Meisterklassen die gesangstechnische Vervollkommnung, aber auch Therapie, für die hohe Kunst der Opern und Oratorien. Die Einzigartigkeit von Margreet Honig ist nicht nur das Technische des Singens. Sie versteht es den Leib als Abbild der Gottheit, in dem sich Geist und Seele einwohnen, ganzheitlich zu entwickeln. Jeder Leib, jede Seele, jeder Geist als individuelle Manifestation muss auch individuell entwickelt werden. Dieser ganzheitliche Mensch als Kunstwerk gilt es zu vervollkommnen. Margreet Honig kann das. Ihre tiefe Menschlichkeit, ihr lebensbejahendes Mutmachen erquickt die SängerInnen zu höherer Kunst.

Diese Gesangssommer konnten aber nur durchgeführt werden durch die Tatkraft meiner ältesten Tochter Manda Seiler. Sie als Sängerin, aber auch bis ins Praktische gehende Organisatorin zu haben ist entscheidend.

Margreet Honig hat mir mitgeteilt, dass diese Sommerkurse im Schlössli auch biografisch für sie wichtig wurden. Hier in dieser Schlössli-Umgebung, an diesem Kraftort fühlten sich die SängerInnen stets wohl. Diese Kurse wurden auch immer zu gesellschaftlichen Höhepunkten. Margreet Honig, so hat sie mir gesagt, konnte hier vieles entwickeln das es braucht, um die individuelle Stimme im individuellen Leib und der Seele zu vervollkommnen.

Dazu gehörten natürlich auch die zwei Männer: Da ist Paul Triepels, Atempädagog und Gesangslehrer, dann Hans Adolfsen, Korrepetitor. Sie gehörten beide zum hochqualifizierten Team mit Margreet Honig. Auch ihre hohe Menschlichkeit beeindruckte mich.

Nun sind die SängerInnen- Stimmen nach diesen zwei Wochen- Gesangssommer in unseren Häuser wieder wieder verstummt. Doch dieses 25jährige Singen bleibt im Ätherraum des Schlösslis. Sensible Menschen nehmen ihn als Kraftort wahr.

Im Schlössli hat sich in diesem Sommer viel Gutes ergeben. Im Herbst werden alle Wohnungen vermietet sein. Das Interesse ist groß hier in der Schlössli-Umgebung zu wohnen. Auch nach unseren Nebenräumen wird immer mehr gefragt.

Nun fahren Kamila, Alma und ich für gut drei Wochen nach Tschechien. Wir machen noch Zwischenhalt in Wolframs Eschenbach bei unseren Freunden. Ich werde an einem anthroposophischen internationalen Kongress in Krummau gastieren. Das Thema heißt: Kinder suchen Wahrheit. Ärzte, Therapeuten, Priester und Pädagogen versuchen in Vorträgen einzuführen in die Pädagogik und Gesundheit von Kindern bis zum 9. Lebensjahr. Mein Seminar trägt den Titel: Begleitung und Inkarnationshilfen für Kinder in den ersten 9 Schuljahren – Natur, Märchen, Mythen. Dazu werde ich mit allen Kongressteilnehmer singen. An einem Abend will ich den Teilnehmenden die Sterne zeigen.

Krummau ist eine wunderbare Stadt, Bern ähnlich, weil dort auch ein Fluss mäandernd die Stadt umfließt. Zudem gibt es ein sehr schönes Museum. Neben dem Kongress sind wir noch in Prag und in Velke Mesirici, beim Vater von Kamila.

 


4. Juli 2016

Heute ist der zweite Jahrestag der Schließung des Schlösslis. Vor zwei Jahren war mein tiefster Tiefpunkt in meinem Leben. Am Abgrund und das Neuentdecken des Rosenkreuzer-Motivs beim Finden des Büchleins:
„Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert“ von Isabelle Val de Flor. Ich habe dies am 15. Juli 2015 hier in meinem Tagebuch dokumentiert.

Am 7. Juli 2015 ist Müeti in die geistige Welt hinüber gegangen. Auch dieses wurde im Tagebuch festgehalten. Müeti wäre am 29. Juni 98-jährig geworden.

Letzte Woche vereinbarte ich mit Martin von Allmen, einem bekannten Berner Musiker (siehe Initiativen auf unserer Website), dessen Einzug in die Musikräume des Friedrich Eymann Schulhauses auf anfangs Oktober. Er wird dort als Komponist arbeiten und Schulungskurse für Musik anbieten.

Vorgestern hat die Compagnie Stradini ihre überarbeitete Lillith auf dem Bärwolfplatz wieder aufgeführt. Es sind viele Menschen gekommen. Das Spiel war wunderschön. Eine Steigerung der letztjährigen Produktion. Ich bin stolz eine solch professionelle, kreative und lebenslustige Gruppe im Schlössli zu beherbergen.

Heute Abend wurde die Kräuterschule Dr. Eisenbarth eröffnet. Lorenz Eisenbarth hat im Phönixhaus sein Zentrum für Kräuter-Anbau, -Verarbeitung und -Verkauf präsentiert. Er gibt hier Beratung für Heilmittel. Aetti und Müeti klingeln sicher die Ohren im Jenseits. Aetti als Alchemist, Müeti als Gärtnerin.

Zwei Jahre nach der Schließung der Heimschule zeigt sich das Schlössli initiativ. In den Liegenschaften lebt es wieder. Nicht dass das alte Schlössli wieder entstehen würde, das wäre eine falsche Nostalgie, sondern dass etwas Neues langsam beginnt zu werden: „Werde der du bist“, du Schlössli! Ich bin dem Schicksal dankbar.

 


25. Juni 2016

Im Juni ist einiges im Schlössli passiert, über das ich berichten möchte.

Die Beisetzung von Müetis Urne am 5. Juni: Es brauchte einige Zeit, bis auch Kathrin Tarelli aus Kolumbien kommen konnte und wir drei Kinder von Müeti, Kathrin, Michel und ich also gemeinsam anwesend sein konnten. Müeti wollte, dass ihre Asche bei Aettis ruhen darf, bei Aettis Stein. Hier haben wir uns mit Familienangehörigen und Freunden getroffen, haben Gedichte gesprochen und Lieder gesungen. So wurde nun aus Aettis Stein, Aettis und Müetis Stein.

Das vierte Kind von Müeti und Aetti, Beat (05.06.1952 – 13.01.1960) ist anfangs Januar 1960 gestorben. Er wäre am 5. Juni, bei der Urnenbeisetzung von Müetis Asche, 64 Jahre alt geworden. So war Beat, der an den Folgen einer Kinderlähmung gestorben ist, auch dabei. Ein vorläufiger Schlusspunkt in Müetis Leben.

Am 5. Juni war auch noch die Abstimmung über das Grundeinkommen in der Schweiz. Das Resultat zeigte, dass auch Zukunftsträchtiges die Menschen interessiert. Die Mehrheit glaubt allerdings immer noch mit altgewordenen Strukturen weiterfahren zu können.

Am 8. Juni war Jahresversammlung der Stiftung Seiler. Die finanzielle Lage der Stiftung ist immer noch angespannt. Wir haben in den letzten Jahren viele Schulden zurückbezahlt und stehen in Bezug auf die Schulden gut da. Doch die Liquidität macht uns Sorgen. Gut ist, dass wir in die Wohnungen investieren konnten und sie jetzt auch vermieten können. Das gibt Freiraum für weitere notwendige Investitionen. Die Wohnung Tellenhof I Süd ist fertig geworden. Eine junge Familie zieht nächsten Samstag ein. Dann sind die Wohnungen im Tellenhof alle vermietet.

In unserer Familie gibt es Zäsuren: Julian hat die Prüfung für den Abschluss der Wirtschaftsmittelschule bestanden und beendet bald sein Praktikum. Manuel hat die Maturitäts-Prüfung bestanden.

Die Brexit-Abstimmung in England mit einem Nein zu Europa ist eine Zäsur in Europa. Mir ist nicht klar, was daran gut und schlecht ist. Das Brüsseler-Zentrum scheint zu bürokratisch und zentralistisch. Autonomie der Länder hat die Chance, dass die Verantwortung nicht über die Grenze hinaus verteilt wird. Andererseits ist der Nationalismus auch ein Gift. Die Welt ist vernetzter geworden. Die Solidarität für die ganze Welt muss steigen.

Dass die Schweizer Fussball-Nati nicht über den Achtelfinal hinaus gekommen ist, obwohl sie so gut war, ist für viele Fans eine Katastrophe. Ob der Fussballrummel die Welt solidarisieren kann ist fragwürdig. Im Alten Rom brauchte es auch schon Brot und Spiele um das Volk bei Laune zu halten. Das Römische Reich ist trotzdem untergegangen.

Am 21. Juni organisierte Simone Graf mit ihren Leuten und anderen SchlösslerInnen das Mitsommerfest auf dem St. Jodel mit Feuer, Musik und Tanz. Meine Johanni-Tierkreis-Sprüche wurden auch gelesen. Mehr und mehr leben die Schlössli-Jahres-Rituale wieder auf.

 


01. Juni 2016

Heute wäre Aetti (Robert Hermann Seiler) 99-jährig geworden. Das schicksalshafte Jahr seiner Geburt (1917) hat Europa bis auf den heutigen Tag geprägt:

Eintritt Amerikas in den europäischen Krieg, die Machtübernahme der Kommunisten Lenins in Petersburg. Die Polarität zweier Wirtschafts- und Staats-Ideologien. Rudolf Steiner initiiert seine Soziale Dreigliederung. Diese Idee, die mit den Idealen der Französischen Revolution zusammenhängen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sind die Antwort auf destruktive Staats-Ideologien. Der Osten könnte das Geistesleben inspirieren, der Westen das Wirtschaftsleben und Mitteleuropa das Rechtsleben. Seine Ideen sind damals kaum wahrgenommen worden. 72 Jahre später ist das kommunistische System zusammengebrochen. Und der Kapitalismus zeigt immer mehr seine zerstörerische Kraft an Kultur und Natur.

Lithografie Kari Gerber

Aetti und Müeti haben 1953 das Schlössli gegründet. Hier konnte vielen Kinder und Jugendlichen geholfen werden. Ein Beitrag des Freien Geisteslebens im Sinne von Rudolf Steiner. Das Schlössli als Heimschule war über 60 Jahre eine Kultur-Insel, bis sie 2014 zerstört wurde.

Aetti ist am 6. September 2001, ein paar Tage vor der Katastrophe in New York, gestorben. Er ist 84 Jahre alt geworden. Während seines Lebens ist der Uranus einmal um die Sonne gewandert. Bei Geburt und Tod von Aetti war also gleiche Uranus-Konstellation. Aettis Leben und Werk haben viel mit dieser intuitiven, spirituellen Kraft zu tun.

Das Aetti-Bildnis rechts ist eine Lithografie von Kari Gerber, Maler und Jugendfreund Aettis, aus dem Jahre 1971.

Aetti hat viele Aphorismen geschrieben. Z.B. „Lichtmess I und II“ und das Trostbüchlein. Wer will kann diese  Aphorismen bei uns beziehen. Hier einige Beispiele aus dem Trostbüchlein:

  • Es sind keine Dinge der Welt zu klein, um nicht die Grösse des Universums zu enthalten.
  • Des Lebens ewige Brunnen sind Weisheit, Güte und Liebe. Wer zur jeder Stunde aus allen trinkt, den möchte ich zum Weggenossen haben.
  • Ein Kind: Ein Stern, der langsam eintaucht in das Feste der Erde und am anderen Ende neu aufleuchtet, als gereifter Mensch sie wieder verlässt.
  • Zu einer Mutter: Du gibst dein Kind mir in die Hände. Gib lieber es zu tiefst ins Herz, wo eine Stube bereitet ist eurer beide Freud und Leid.
  • Sammle um dich Menschen, die arbeiten und erkennen wollen. Menschen erziehen ist Gottesdienst. Es kann nichts Ewiges um irdischen Lohn getan werden.
  • Wohin du deine Kinder bringen möchtest, dahin trage sie des Nachts.
  • Wahrer Reichtum zeigt sich im Nichtbrauchen von dem, was im Überfluss ist.
  • Miss die Menschen nicht nach Grösse und Reichtum. Miss sie nach der Schwere des Schicksals.

 


29. Mai 2016

Kamila und ich sind vorgestern von unserem dreiwöchigen Aufenthalt in Tschechien zurückgekehrt. Ich werde nachfolgend berichten. Die Kräuterspirale ist in unserer Abwesenheit kräftig gewachsen. Im Schlössli sind Asyl-Bewerber in den ersten Stock Tellenhof Nord eingezogen. Ein Pilot-Projekt der Caritas Bern, das jungen Flüchtlingen verhilft, sich in der Schweiz integrieren zu können. Unsere Handwerker sind seit einem Monat an der Renovierung der Tellenhof I Süd-Wohnung dabei, damit anfangs Juli dort eine Familie einziehen kann. Letzten Freitagabend hat Stefanie alle SchlösslerInnen zu einer Halbmondsuppe in den Tellenhofgarten eingeladen. Schön, dort alle zu treffen, die sich im Schlössliganzen zugehörig fühlen. Übers Wochenende fand im Rosenhofpark und im Runensaal das Hochzeitsfest von Kiki und Jonas statt. Über 130 Gäste erlebten begeistert das Hochzeitsritual am Kraftort Schlössli. Geholfen haben auch die Wettergeister mit trockenem und sonnigem Wetter.

 


Bericht des Tschechien-Aufenthalts

Kamila und ich sind am Freitag, 6. Mai, über Karlsruhe nach Prag gefahren. Am Samstag/Sonntag habe ich in der Akademie für künstlerische Sozialtherapie in Prag einen Kurs über die Edda und die Runen gehalten.

Am Dienstag, 10. Mai, in Karlsbad an der Waldorfschule. In meinem Vortrag war über die Erlebnispädagogik durfte ich darstellen, wie gerade auch intellektuelles Lernen durch Bewegung gefördert werden kann. Die Schule ist in einem historischen, wundervollen Schulhaus und wird jetzt bis in die 4. Klasse geführt.

Am Mittwoch und Donnerstag hielt ich in der Akademie in Prag Vorlesungen über den russischen Philosophen Wladimir Solowjof. Solowjof beschäftigte sich wie Hildegard von Bingen mit dem Geheimnis der Sophia. Ich konnte seine eindrückliche Biografie darstellen und zeigen, wie Solowjof als Voranthroposophe die Fragen des Christentums, der Freiheit, der Liebe in spiritueller hochstehender Weise formuliert hat.

Am Donnerstag, 12. Mai, reisten Kamila und ich nachmittags in den Norden von Böhmen nach Litomercice. Dort fand über das Wochenende ein Festival für alternative Lebensweise statt. Verschiedenste Arten von Pädagogiken wurden vorgestellt. Ich hielt einen Vortrag über Waldorfpädagogik. Am Freitag besuchte ich die Waldorfschule in Terezin (Theresienstadt). Diese Waldorfschul-Initiative begleite ich nun schon einige Jahre. Eine wunderbare erste Klasse mit einer begabten Lehrerin. Mit Geldern aus Deutschland, Europa und der Stadt Terezin wird diese Kulturinitiative ermöglicht. Theresienstadt, als Ort wo die Elite europäischer Kultur durch die Faschisten hingemordet wurden, soll durch Kultur-Initativen geheilt werden. Dazu ist eine entstehende Waldorfschule bestens geeignet.

Am Wochenende fuhr ich nach Pardubice, um an einem Waldorflehrer-Seminar die Geschichte des Parzivals zu erzählen. Den Studenten wurde auch die Pädagogik der beweglichen Klassenzimmer in der dortigen Waldorfschule vorgestellt. Die Studenten waren begeistert.

In der Woche vom 16. bis 20. Mai hielt ich in der Epochenzeit der 11.- und 12.-Klässler der Primamer Waldorfschule einen Kurs über die historische Polarität von Ost und West, über die Biografie und das Werk Solowjofs und über die Soziale Dreigliederung Rudolf Steiners. Die Waldorfschule ist eine vollausgebaute Gesamtschule mit Lyzeum. Das Lyzeum hat einen gymnasialen und einen handwerklichen Zug. Dieses duale System ist zukunftsweisend. In der gleichen Woche besuchte ich in Prag das kleinste Kino in Tschechien mit 20 Plätzen. Ich schaute den autobiografischen Film Jean Paul Belmondos. Für mich war Belmondo anfangs der 60iger Jahre der Inbegriff der Nouvelle Vague -Filme in Frankreich. Jean Paul Belmondo, 80jährig, interviewt von seinem Sohn, eine Filmografie.

Am Samstag/Sonntag hielt ich in der Akademie in Prag einen Kurs über Hildegard von Bingen. Die Sophia- Visionen von Hildegard waren im Zentrum der Erörterungen. Die Studenten malten wunderbare Sophia- Bilder, die einzeln ausführlich besprochen wurde. Am Sonntagabend fuhr ich nach Ostrava zur dortigen Waldorfschule. Dort besuchte ich Montag und Dienstag als Mentor verschiedene Klassen und hielt einen Vortrag über Farben.

Am Mittwoch fuhr ich nochmals nach Pardubice zur Waldorfschule. Am Abend besuchten wir die dortige Sternwarte. Wir hatten Glück und konnten den Jupiter mit drei Monden durch das Fernrohr beobachten. Am Donnerstag unterrichtete ich die 7. und 8. Klasse in Astronomie und die 6. Klasse in Optik. Ich besuchte das Chorsingen. Erstaunlich wie begeistert hier die Oberstufen-SchülerInnen klassische und moderne Musik gesungen haben. Am späteren Nachmittag durfte ich vor LehrerInnen und Eltern einen Vortrag über den Zusammenhang von Astronomie und Astrologie halten. Nun fuhr ich zurück nach Prag und konnte die Eindrücke dieses dreiwöchigen Aufenthalts in mir vorüberziehen lassen. Ich war also im Westen, Norden, Süden und Osten Tschechiens: Eine reichhaltige Ernte.

In der folgenden Nacht am 27. Mai fuhren Kamila und ich von Prag nach Ins. Wir hatten Glück auf der Autobahn: Ohne Stau fuhren wir die 860 Kilometer in 8 Stunden.

 


04. Mai 2016

Schon ist wieder Mai. Die letzten Wochen waren noch kalt. Es hat viel geregnet. Die Vegetation grünt und blüht. Die Gänseblümchen bilden einen weißen Teppich in der Park-Arena. Jetzt werden die Tage sonnenreicher und wärmer. Auch im Schlössliganzen fängt es an zu blühen:

Wiederum waren die Veranstaltungen des Vereins INSgeheim wunderbar. Letzten Freitag mit Clownerie und Akrobatik. Gut besuchte Aufführungen und gute Atmosphäre. Plötzlich sieht man die vielbeschäftigten Stradini-Leute wieder. Gut, dass das Schlössli mehr und mehr ein Kulturfaktor wird. Es sind die ersten Flüchtlinge des Caritas Pilot-Projekts im Tellenhof I eingezogen. Es war seit Anfang ein Anliegen der Stiftung, die Beteiligung an der Hilfe für Flüchtlinge. Im Rosenhof entfaltet sich das Projekt Chugelrund. Mehr und mehr wird realisiert, was seit Monaten vorbereitet wurde. Immer mehr KünstlerInnen melden sich um unsere Ateliers zu beleben.

In zwei Tagen werden Kamila und ich wieder, jetzt sogar für drei Wochen, nach Tschechien fahren. Ich habe dort in Waldorfschulen Unterricht, Kurse und Vorträge. Und zwar in ganz Tschechien: in Prag, im Westen in Karlovo Vary, im Norden in Teresin (Theresienstatt), im Süden in Pribram, im Osten in Pardubice und Olomouc. Nachfolgend ist mein Programm dokumentiert:

Unser Programm Mai 2016

Sa 07.05. 14:00-19:00 Fernstudium Akademie TABOR 1. + 2. Jahr, Edda, Kalevala
So 08.05. 09:00 - 12:30 Fernstudium Akademie TABOR 1.+2. Jahr, Edda, Kalevala
Mo/Di 09./10.05.- ab 16:30 Vortrag in Karlovy Vary, Erlebnispädagogik
Mi 11.05. 09:00-12:30 und 14:00-17:30 Tagesstudium Akademie, Vladimir Solovjov
Do 12.05. 09:00-12:30 und 14:00-17:30 Tagesstudium Akademie, Vladimir Solovjov (abends noch Abfahrt nach Litomerice (+ dort Besuch im Theater)
Fr 13.05. Litomerice – Terezin
Sa/So 14./15.05. Waldorflehrerausbildung Pardubice, Parzival
Mo 16.05. Waldorfschule Pribram
Di 17.05. Waldorfschule Pribram
Mi-Fr 18.-20.05. Waldorfschule Pribram
Sa 21.5. Fernstudium Akademie TABOR 3.+4. Jahr, Hildegard (eventuell Rosenkreuzer, wenn beides geht)
So 22.05. Fernstudium Akademie TABOR 3.+4. Jahr, Hildegard (abends Abfahrt nach Olomouc)
Mo 23.05. Olomouc, abends Vortrag (Wunsch ist Thema „Farben“, wenn es so in einem Vortrag geht)
Di 24.05. Olomouc (nachmittags Abfahrt nach Prag)
Mi 25.05. Prag (abends Abfahrt nach Pardubice)
Do 26.05. Pardubice - ab 08:00 Uhr Unterricht, ab 17:00 Uhr Vortrag, beides Sternkunde


19. April 2016

Heute habe ich Geburtstag. Ich bin nun 74 Jahre alt. Als zweiter Zwilling geboren und zunächst fast nicht lebensfähig - mein kräftiger Bruder starb ein paar Wochen später unerwartet - wurde mir vergönnt, so alt zu werden. Mein erster Geburtstag an dem Müeti, meine Mutter, nicht mehr unter den Lebenden ist.

Nach der Schlössli-Katastrophe 2014 war die Zukunft des Schlösslis extrem von mir abhängig. Durch mich konnte wenigstens die Stiftung Seiler mit ihren Liegenschaften als Ort gerettet werden. Damals habe ich gehofft, doch noch ein paar Jahre leben zu können, um die Grundlage für neue Initiativen im Schlössli zu schaffen. Heute, nach zwei Jahren, gibt es schon Initiativen die realisiert sind und andere im Keimstadium. Die Hoffnung ist groß, dass diese Pflanzen erblühen und Früchte tragen. Alles braucht Zeit. So ein Schlössli ist ein Zeitorganismus. Ich bin dankbar, vorläufig hier noch wirken zu können. Das ist mein größtes Geburtstaggeschenk. Denn das Schlössli und ich sind miteinander schicksalshaft verhängt.

Mein zweites Geburtstagsgeschenk an mich ist mein Studium des russischen Philosophen Wladimir Solowjof (1853–1900), dessen Leben und Werk. Seine Idee der Entwicklung der Menschheit beeindruckt mich: Zuerst lebte die Menschheit im Dienste der Götter theokratisch gelenkt in der All-Einheit. Dann im Westen seit der Renaissance, aber auch schon im Epos Parzival von Wolfram von Eschenbach, die Individualisierung. Es führte zur Vereinzelung und Säkularisierung, zum Rationalismus, Materialismus, zur Atomisierung, zum Kampf aller gegen alle.

In der Zukunft muss daran gearbeitet werden, dass wieder ein Ganzes entsteht. Die Trennung von Gott und Mensch kann nun jeder von sich aus wieder überwinden lernen. Dabei ist Gott nicht mehr außerhalb des Menschen, wie in archaischen Zeiten, sondern im Menschen-Innern. Das heißt auch, dass der Osten und Westen wieder sich ergänzen müssen: Der Osten sieht in Christus nur einen Gott, der Westen allenfalls ein außerordentlicher Mensch (Albert Schweitzer). Nach Solowjof muss Christus wieder als Gott-Menschen angeschaut werden. Mit Christus gibt es  die Begegnung in Augenhöhe zwischen Gott und Mensch. War im ersten Menschheitsstadium der Schöpfer Gott aktiv, so schafft der Mensch am 8. Schöpfungstag an der unvollendeten Schöpfung weiter.

Zu dieser Neuschöpfung braucht es die Freiheit. Die Freiheit ist das ureigene Element des Menschen. Das Spezifische des Menschen gegenüber den Naturreichen und der Engel, die vollkommen sind, ist gerade seine Unvollkommenheit. Dies gibt ihm die Möglichkeit zu irren. Nur durch den Prozess des Irrens und das Erkennen des Irrtums, kann der Mensch sich frei entwickeln.

Zu diesem Prozess verhilft dem Menschen die Sophia. Solowjof hat in seinem Leben drei Mal ein Sophia-Erlebnis, eine Lichterscheinung wie es Paulus in Damaskus hatte: Das erste Mal mit sechs Jahren, in der Universitätskapelle in Moskau. Vorausgegangen war ein Verliebtsein in ein konkretes Mädchen. Wie Dante Alighieri ein Leben lang von seiner Beatrice inspiriert wurde, wird Solowjow von Sophia begleitet. Das zweite Mal in einer Bibliothek in London bekommt er von der Erscheinung der Sophia den Auftrag, Chemie zu studieren. Chemie heißt schwarze Erde. Schwarze Erde bedeutet aber auch Aegypten. So reist er nach Aegypten. Dort in der thebäischen Wüste, wo schon St. Antonius als Eremit den bösen Mächten trotzte, mitten in der Wüste, wird Solowjow von Beduinen ausgeraubt und fast getötet. Er verbringt die kalte Nacht inmitten von wilden Tieren und schläft ein. Am Morgen bei Sonnenaufgang erscheint ihm wieder Sophia. Nachfolgend hatte Solowjow drei konkrete Freundinnen. Alle hießen Sophia.

Für Solowjow ist Sophia die Purpurwolke am Morgen, die zukünftige Aurora, die schaffende Kraft in der Natur und im Menschen. Ihre Lust hat sie an dem unvollkommenen, Freiheit liebenden, schöpferischen Menschen, der an dem achten Schöpfungstag arbeitet. Solowjow ist Mystiker und Philosoph. Er ist Liebender der Weisheit, der Philo-Sophia.

 

Wladimir Solowjof

24. März 2016

Es ist Frühling. Wenn auch zögerlich. Immer noch kalt. Doch es grünt und blüht. Die Turteltauben turteln auf meinem noch kahlen Kirschbaum. Die Vögel liedern um die Wette. Was da knospet und grünt ist ein Wunder. Ein Wunder der gewissen Reinkarnation. Jeden Frühling. Es ist Frühling.

Wir sind in der Karwoche. Es ist Gründonnerstag und Vollmond. Zuerst Tag- und Nachtgleiche. Dann Vollmond und der nächste Sonntag ist Ostern. Es muss noch zuerst der Tod des Karfreitags durchlebt werden, um dann endgültig am Ostermorgen die Welt-Auferstehung feiern zu können. Diesmal früh im Jahr. Dank dem Sonnen-Mondrhythmus. Die Tage sind nun wieder länger als die Nacht. Die Sonne hat über die Finsternis gesiegt.

Die Stiftung Seiler hat heute die vorläufig letzte Wohnung vermietet. Ein Meilenstein. Doch wir müssen weiterhin achtsam sein, damit die Stiftung finanziell konsolidiert wird.

Übers letzte Wochenende waren Kamila und ich in Prag. Ich hatte dort an einer Weiterbildung der tschechischen Waldorflehrer. Es sind über 150 KollegInnen gekommen. Zum Sternenkundeseminar und Vortrag. Die Themen: „Der künstlerische Prozess als Inkarnationsaufgabe. Das Gute und das Wahre im Schönen.“

In den zwei vorangegangenen Vorträgen wurde von Neuen Mysterien, einer Neuen Ethik und vom Denken des Denkens gesprochen. Der Direktor einer Waldorfschule - halb so alt ist wie ich - sagte mir kürzlich: Anthroposophie ohne die Idee der Reinkarnation und Karma sei keine Anthroposophie. Ich bin einverstanden. Eine Soft-Anthroposophie reicht nicht mehr. Wir brauchen eine radikale Anthroposophie. Das bedeutet dass wir die Inkarnations-Idee, die Verkörperung des Geistes in den Leib, in der Erziehung wirklich ernst nehmen.

Die planetarische Entsprechung der Kunst, der Schönheit, der Liebe ist die Venus. Sie ist als Abend- und Morgenstern ein Horizontstern. Ihr Symbol ist das alchemistische Zeichen des Kreises und darunter das Kreuz. Das bedeutet Sonne und Erde, Geist und Materie. Am Horizont begegnen sich Himmel und Erde. Küssen sich zugleich. Im künstlerischen Prozess begegnen sich Geist und Materie. Der Geist inkarniert sich in den Stoff.

„Die Kunst ist nicht sichtbar. Sie macht sichtbar“ sagt Paul Klee. Die Kunst macht den Geist sichtbar, wenn es richtige Kunst ist. Doch die Kunst muss, wenn sie ein Ganzes werden will, auch gut und wahr sein. Mit dieser Dreiheit haben sich schon Plato und Aristoteles beschäftigt. Der menschliche Leib ist wohl das Schönste, Wahrste und Moralischste (Gute) auf der Welt, wenn die Inkarnation des Geistes, der Individualität, vollzogen werden kann. Das ist vor allem eine erzieherische Aufgabe. Das geschieht in der Waldorferziehung durch den künstlerischen Prozess. Rudolf Steiner will, dass die Erziehung in erster eine Erziehungskunst ist.

Es wurde ein Wahrspruchwort von Rudolf Steiner durch die Pribramer-KollegInnen rezitiert:

Das Schöne bewundern,
Das Wahre behüten,
Das Edle verehren,
Das Gute beschließen;

Es führet den Menschen,
Im Leben zu Zielen,
Im Handeln zum Rechten,
Im Fühlen zum Frieden,
Im Denken zum Lichte;

Und lehrt ihn vertrauen
Auf göttliches Walten
In allem, was ist:
Im Weltenall,
Im Seelengrund.

 


In diesen Worten ist das Schöne, das Wahre und Gute in einen Zusammenhang gestellt. Steiner gesellt dazu noch das Edle. Jedes Kind, wenn es sich im Vorgeburtlichen aufmacht in eine neue Inkarnation einzutauchen, nimmt sich eine Erdenaufgabe vor, ein Ziel, das es verwirklichen will. Wenn es geboren ist, hat es diese selbstgegebene Aufgabe vergessen. Wir Eltern und LehrerInnen haben nun die Aufgabe, dieses Ziel, die sich diese Individualität gegeben hat, sichtbar zu machen, damit dieses selbstgewählte Schicksal sich verwirklichen kann. Erst der Mensch, der dieses zu ihm gehörende Lebensmotiv biografisch leben kann, ist ein kreativer, authentischer Mensch.

Im Vortrag wurde die „Sixtinische Madonna“ von Raffael gezeigt. Dieses Bild, dass zur Waldorf-Ikone wurde, zeigt den mütterlichen Geburtsprozess: Das Kind wird durch die Gottesmutter auf die Erde gebracht. Diese kräftige Gestalt, mit dem Kind in den Armen, beschreibt die mittelalterliche Prophetin und Seherin, Hildegard von Bingen als Sophia. Sophia als die schöpferische Urkraft, die hilft, dass an der Schöpfung Gottes weiter gebaut wird. Die Schöpfung Gottes als unvollendet, so dass der kreative Mensch daran weiter arbeiten kann.

Das Formenzeichnen ist eine der originären Tätigkeiten der Waldorfschule. Ich wies darauf, dass mit der Geraden und der Krummen angefangen wird. Die Form als Urgebärde, woraus Vieles zusammengefasst werden kann. Es entstand vor den Waldorflehrern die obenstehende Skizze; sie fasst zunächst das Wahre, das Gute und das Schöne zusammen. Das Wahre erfahren wir am Denken, das Schöne am Fühlen, Abwägen und Empfinden und das Gute durch das eigene Tun. Erich Kästner sagte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Im Wahren und Schönen haben wir eine Polarität in Weisheit und Liebe. Rudolf Steiner charakterisiert in den zwei Weihnachtsevangelien diese Polarität. Im Matthäus-Evangelium erscheinen die Könige, die Kulturträger und Weisen aus dem Morgenland, im Lukas-Evangelium die naturhaften Hirten mit ihren Liebeskräften. Diese zwei Strömungen vereinen sich an der Jordantaufe. Christus-Jesus, der Gottmensch, bringt die Neuen Mysterien, die Neue Ethik, die Ich-Kraft, die Intuition und Moralische Phantasie zu den Menschen.

Die Weisheit kann sich pervertieren in den Intellekt und Lüge. Das war in den Augen der Edda Futter für den Fenriswolf. Die Liebe kann sich pervertieren in Selbstliebe und Egoismus. Das war in den Augen der isländischen Sage Edda Futter für die Middgardschlange.

Diese polaren Kräfte nennt Rudolf Steiner den erdsüchtigen Ahriman und den erdflüchtigen Luzifer. Diese beiden destruktiven Kräfte bilden das polare Böse. Doch das Böse verhilft dem Menschen zur Freiheit, zum moralischen Tun. Doch dazu braucht er ein starkes moralisches Ich.

Rudolf Steiner schnitzte in jahrelanger Arbeit den Menschheitsrepräsentanten. Inmitten Christus, der die polaren Kräfte in Schach hält. In Goethes Faust heißt das Mischwesen (Luzifer und Ahriman) Mephistopheles, das dem strebenden Faust zur Entwicklung verhilft.

Wir brauchen also die Gerade und die Krumme. Wir üben im Formenzeichnen stetig die Symmetrie. Die Mitte, das eigene Ich, ermöglicht das vielfältig Krumme. In jedem künstlerischen Prozess walten diese polaren Kräfte und die Mitte und im Geschaffenen zeigt sich, ob die Schönheit auch wahr und gut ist.

Im Vortrag wurde nun auch kurz gezeigt, dass jeder künstlerische Prozess, jeder Inkarnationsvorgang nur durch Wärme im Blut stattfinden kann. Die Wärme als Ursubstanz des Menschen, als erste Substanz im Saturnzustand, ist die eigentliche zentrale Ich-Kraft in der menschlichen Entwicklung. Doch meistens wird die Wärme als Polarität zur Kälte dargestellt und empfunden. Die Wärme ist aber in der Realität die Mitte zwischen Kälte und Hitze. Der menschliche Leib ist gesund bei etwas mehr als 36 Grad. Er wird krank, wenn er zu heiß oder zu kalt hat. Gerade in der Pädagogik ist diese Wärme in der Mitte entscheidend. Ohne leibliche, seelische und geistige Wärme gibt es keinen menschlichen, sozial-künstlerischen Prozess. Die Wärme darf sich nicht in der Hitze verbrennen, aber auch nicht in der Kälte erstarren. Sie braucht menschliche Nähe und Distanz. Sie braucht die moralische Kraft, ein herzhaftes Tun, Begeisterung, Empathie und moralische Phantasie (Philosophie der Freiheit).

Zum Schluss zeigte ich nochmals eine Mitte am goetheschen Farbenkreis:

Hier wieder die Dunkelheitsfarbe (Ahriman) Blau vermischt mit der Helligkeitsfarbe (Luzifer) Gelb - ergibt das vermittelnde Grün. Hildegard von Bingen sieht in ihren Visionen die grüne Sophia als Schöpferkraft, Grün auch als Christusfarbe. Grün als die spirituelle Farbe, die wir in jedem schöpferischen Prozess brauchen. Aber auch das Purpur, als Addition vom (luziferischen) Gelbrot und (ahrimanischen) Blauviolett, etwa im Prisma zu sehen im dunklen Balken, ist die höhere Integration der Farben, ist reine Königsfarbe. Im Namen Purpur haben wir das (französische) Rein-Rein. Es ist die moralische Reinheit. Im Purpurrot gibt es weder Gelb (Luzifer) noch Blau (Ahriman).

In allem Tun ist Mitte entscheidend. Der Farbenkreis wiederum als Metapher für den Inkarnationsprozess.

 


12. März 2016

Möglichst jeden Morgen vor dem Morgengewölbe-Ritual schreite ich das Chartres-Labyrinth in der Arena im Rosenhofpark ab. Gelange durch all die Schleifen ins Innere und wieder hinaus. Dieses Labyrinth ist umgeben von einem Rasen. Darauf sind Hunderte von Gänseblümchen zu sehen. Erst dieses Jahr ist mir aufgefallen, dass durch das ganze Jahr hindurch, ob Trockenheit oder Nässe, ob Hitze oder Schnee, Sommer oder Winter, die Gänseblümchen immer blühen.

Dieses resistente Blümlein offenbart uns, so klein wie es ist, aber in der Vielzahl wunderbar beeindruckend, einem die Dauerhaftigkeit. Über all die Sorgen und Mühen des Alltags, über die Freuden und Hoffnungen hinaus, stetig zu blühen! Das Köpflein tageszeitmässig immer nach der Sonne ausgerichtet. Es empfängt so die Sonnenkraft und gibt ihm die Resistenz und Resilienz gegenüber den Unbillen der Natur. Es ist mir zum Vorbild, mich selbst nach der inneren Sonne auszurichten, Kraft zu holen gegenüber Kummer und Schmerz.

Als Korbblüttler kann es sich sogar selbst bestäuben, ist androgyn, ganzheitlich männlich und weiblich. Die krautigen Blattrosetten bedecken den Boden zum persönlichen Teppich, inmitten die zarten Stielen aufwärts wachsen, die Blüte der Sonne entgegenbringen.

Viele verschiedene Namen hat das Volk im gegeben: Augenblümchen, Himmelsblume, Marienblümchen, Tausendschön, Gänsegismeli, Margrittli usw.

Gestern, am 11. März, hat die Caritas Bern ihr Flüchtlings-Projekt, ein Pilotprojekt in einem unserer Häuser, der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier sollen junge, knapp volljährige Männer, die meistens ohne Familienbegleitung nach Europa geflüchtet sind, beherbergt werden. Es ist eine Wohngemeinschaft von sechs Männern, denen die Möglichkeit gegeben wird während einer gewissen Zeit Sozial- und Selbstkompetenz zu üben. Sie versorgen sich selbst und nehmen Teil an Integrationskursen. Jeder hat sein persönliches Zimmer. Sie werden von der Caritas Bern betreut.

Wir von der Stiftung Seiler sind stolz, auf diesem Weg etwas zur Flüchtlingsproblematik beitragen zu können. Seit Wochen haben unsere MitarbeiterInnen diese Wohnung umgebaut und renoviert. Die vielen Gäste, Nachbarn, Behörden von Ins und der Fürsorgedirektion des Kantons Bern, haben sich ob der schönen Räumlichkeiten gefreut.

 


07. März 2016  ♦  Zum Troxlerjahr 2016

Gestern waren Kamila und ich am Festakt zum 150. Todestag von Troxler in Aarau. Andreas Dollfuss hat im Zürcher-Zweig am 1. März 2016  das Troxlerjahr zum 150. Todesjahr von Paul Ignaz Vital Troxler (1780-1866) mit einem wunderschönen Vortrag eingeläutet. Seine Schrift „Geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz“ (2005) ist mehr als lesenswert.

In der folgenden Pressekonferenz und am Festakt in Aarau wird Troxler umfassend gewürdigt. Ein gleichzeitiges Philosophie-Seminar in Basel begleitet diese erste Woche des Troxlerjahres. Auf den Strassen Aaraus begegnet einen die Plakat-Aktion mit Troxler-Worten. Näheres kann auf troxlergedenkjahr2016.ch nachgelesen werden.

Am Festakt, dem genauen Todestag Troxlers (6. März) spielte Alena Cherny virtuos eine Beethoven-Sonate. Dann gab es Grußbotschaften der Regierungen der Kantone Aargau und Schwyz und der Stadtregierung Aarau. Hans Stöckli, der SP-Ständerat des Kantons Bern und Präsident der Neuen Helvetischen Gesellschaft brachte ebenfalls Grüße.

Troxler, der wohl meistbekannte Politiker, Arzt, Philosoph und Pädagoge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Architekt unseres neuen Bundesstaates (1848), über hundertfünfzig Jahre in Vergessenheit geraten, sollte aufs Neue in der Schweiz bekannt gemacht werden. All die Beiträge der Referenten des Festaktes haben Troxler als eine vielfältige Persönlichkeit charakterisiert:

Promotor und Initiant des Troxlerjahres 2016 heisst Franz Lohri. Er ist auch Mitherausgeber des im Futurum-Verlag zum Gedenkjahr neu herausgegebenen Buchs “Ignaz Paul Vital Troxler,  Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker“. Im ersten Teil erscheint wiederum die Biografie von Max Widmer über Troxler, die schon 1980 zum 200. Geburtsjahr erschienen ist. Ich konnte damals noch selbst die begeisternden Vorträge über Troxler vom Steinerschullehrer und Musiker Max Widmer hören. Beim Wiederlesen dieser Biografie wird es mir warm ums Herz. Widmer besitzt die Kunst eine Individualität in all seinen Zusammenhängen ganzheitlich darzustellen. Eine Fundgruppe für Troxlers Leben und Werk. Franz Lohri fasst in einem sehr gut lesbaren 2. Teil alles zusammen, was es an Literatur und Wissen über Troxler gibt. Diese umfassende Rezeption ist gerade für Anfänger in die Welt von Troxler ein guter Einstieg. Das Buch besitzt dann auch eine biografische Übersicht und eine Bibliografie.

BIOGRAFISCHE SKIZZE:

Troxler, im luzernischen Beromünster aufgewachsen, durchlief die Schulen während der Französischen Revolution, traf in Solothurn französische Flüchtlinge und lernte zugleich Französisch. Mit achtzehn Jahren war er schon Sekretär in der Helvetik bei Vinzenz Rüttimann, der später sein politischer Hauptfeind wurde.

Doch er sah wie die Politik korrupt macht und ging nach Jena an die Universität und studierte Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie. Er wurde Liebingsstudent vom Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Es war die Zeit  von J. W. Goethe, die Zeit der Klassik. Er promovierte 1803 in Medizin (Augenheilkunde) und praktizierte in Wien. Einer seiner Patienten war Ludwig van Beethoven. Er publizierte schon medizinisch-anthropologische Schriften.

1805 ist er wieder in Beromünster. Als praktischer Arzt hatte Erfolg bei einer grassierenden Epidemie und überwarf sich mit der luzernischen Regierung (Vinzenz Rüttimann) wegen seiner Kritik am miserablen Sanitätswesen. Er entzog sich einer Einkerkerung und reiste über Aarau wieder nach Wien. Dort hatte er wieder eine Arztpraxis und befreundete sich u.a. mit Ludwig van Beethoven.

1809 verheiratete er sich mit Wilhemina Potborn aus Potsdam und kehrte nach Beromünster zurück. Seine Ehefrau war ihm das ganze Leben lang eine überaus geistreiche und praktische Lebensbegleiterin. Sie gebar ihm 11 Kinder, wovon drei starben. In Beromünster musste er noch eine Gefängnisstrafe absitzen. 1811 wurde er von der medizinischen Fakultät der Universität Berlin berufen. Doch er lehnte ab. Seine Maxime durchs ganze Leben war: “Meine erste Liebe ist das Vaterland.“ Dieser Liebe blieb er sein ganzes Leben lang treu. 1812 publizierte er eine erste anthropologische Schrift: „Blicke in das Wesen des Menschen“.

Der Kaiser Napoleon musste abdanken. Alles was Napoleon an Freiheitsrechten gebracht hatte, wurde wieder in Frage gestellt. Es kam die Restauration. Die Aristokraten waren wieder mehrheitlich an der Macht. Troxler als Liberaler und Radikaler (das Wort stammt von ihm) kämpfte gegen diese rückschrittliche Politik in den Kantonen, schrieb Streitschriften und versuchte am Wienerkongress gegen diese Tendenzen zu wirken. Bis 1819 lebt er in Aarau und betätigt sich neben der Arztpraxis publizistisch unter anderem mit der Pressefreiheit.

1819 wird er nach Luzern ans Gymnasium berufen, wo er eine begeisterte Schülerschaft fand. Seine freiheitlichen Ideen passten der Obrigkeit nicht und er musste wieder aus seinem Heimatkanton ins Exil nach Aarau. Mit Heinrich Zschokke zusammen lehrte er in Aarau am Lehrverein, einer Art Fortbildungsschule nach dem Gymnasium. Diese freie Schule sollten die jungen Männer eine umfassende Bildung vermitteln, in der auch die Philosophie wichtig war. Für Troxler war es wichtig, dass das Bildungswesen ohne jegliche Einmischung der Kirche und des Staates sich frei entwickeln kann. Er kämpfte um die Freiheit im Bildungswesen. „Frei ist aber die Erziehung, welche in allem rein menschliche Bildung anstrebt und in diesem Streben durch Aussenverhältnisse kein Hinternis erleidet noch erduldet. ... Zwischen Erzieher und Zögling besteht demnach der höchste heilige Vertrag, der unter Menschen abgeschlossen werden kann“.

Der Lehrverein wurde zur Pflanzstätte des Liberalismus bedeutender kultureller und politischer Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Die Zeit des Lehrvereins, in der Mitte seines Lebens, war wohl die glücklichste für Troxler. Im damalige Europa gab es drei überaus bekannte Erziehung-Institute: Pestalozzis Yverdon, Fellenbergs Hofwil und der Lehrverein in Aarau von Troxler und Zschocke. Dies war ein menschheitlich schweizerisches Vermächtnis des damaligen Geisteslebens. Am 17. März 1827 war Troxler in Brugg am Sterbelager seines Geistesfreundes Heinrich Pestalozzi.

1830 wurde er Professor und Rektor an der Universität in Basel. Er wurde von den Studenten mit Hosianna-Rufen voller Begeisterung empfangen und musste mit Schimpf und Schande und Drohungen nach 18 Monaten Basel wieder verlassen. Er hat sich für das sich regenerierende und selbständig werdende Baselland eingesetzt. So ging es schon Paracelsus 1528 in Basel. Die Zeit um seine Professur in Basel ist heftig und nachträglich im Kampf um seine Rehabilitierung für Troxler und seine Familie überaus schwierig. Doch diese Auseinandersetzung brachte auch die Idee einer Schweizerischen Gesamthochschule zu Tage.

Danach ist er wieder in Aarau und wird im Kanton Aargau auch eingebürgert und in das kantonale Parlament gewählt. Ab 1834 ist er in Bern erster Philosophie-Professor bis zu seiner Emeritierung 1853. (Als ich Ende der 60iger-Jahre an der Universität in Bern studierte, suchte ich vergeblich StudentInnen, die Troxler kennen).

Am 21. März 1848 arbeitete von der Tagsatzung gebildete Kommission an einer neuen Verfassung. Der vorangehende Sonderbundskrieg entzweite die Lager der Föderalisten und der Unitarier. Hier Kantönligeist, dort Zentralismus. Die Kommission kam nicht vom Fleck. Da ging Melchior Diethelm, der Schwyzer-Vertreter, zu Troxler, der sein Lehrer war, und fragte ihn um Rat. Troxler gab ihm seine Schrift über das amerikanische Zweikammersystem, wo er echt eidgenössisch einen Nationalrat und einen Ständerat vorschlug. Diese Schrift besprach Diethelm mit dem solothurnischen Vertreter Joseph Munziger. Die zwei propagierten dieses Zweikammersystem und es wurde ohne Mühe von der Mehrheit angenommen. Der Friede unter den polarisierenden Kräfte konnten so gerettet und der Schweiz ein geistiges nachhaltiges Fundament gegeben werden. Es war der Tag des Niklaus von Flüe, der im Stanserverkommnis 1481 ebenfalls den Zusammenhalt der Schweiz gerettet hatte.

1858 nahm er als 78-Jähriger an der 300-Jahr-Feier der Universität Jena teil. 1859 starb seine treue Frau und er selbst lebte ncoh 7 Jahre und starb am 6. März 1866 in Aarau.

APHORISMEN ZUM WERK UND LEBEN TROXLERS:

Troxler ist zunächst als Philosoph wichtig. Seine Philosophie wirkt in das Lebenspraktische: In eine ganzheitliche Heilkunde, eine umfassende freiheitliche Pädagogik, eine gesellschaftlich freiheitliche Staatsverfassung. Als Arzt entwickelte er eine lebenserweckende Anthropologie, als Philosoph eine spirituelle Philosophie. Er forderte eine anthropologische Philosophie und eine philosophische Anthropologie. Doch die musste auf eine höhere Ebene potentiert werden. Diese Quintessenz nannte er Anthroposophie. Troxler war eindeutig ein Voranthroposoph. Er ahnte diese höhere Weisheit. Er gab ihr die Richtung. Rudolf Steiner verwirklichte die schon hoch entwickelte Anthroposophie Troxlers. So ist der Architekt der Bundesverfassung in der geistigen Strömung der Rosenkreuzer, eines katharischen Niklaus von Flüe, eines Jakob Böhme, eines Paracelsus, der Aufklärer, Idealisten und Romantiker Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Fichte und Novalis usw. Er war ein praktischer Arzt und diente dem Mitmenschen ganz konkret und individuell.

Er war ein pflichtbewusster Familienvater und Verehrer seiner Frau. Durch den frühen Tod seines Vaters mit sechs Jahren und dem Sterben seiner Kinder, das er auch als Arzt nicht verhindern konnte, daran er unendlich litt, öffnete sich seinem Wesen die geistige transzentente Welt. Seine unendliche Liebe galt aber auch seiner Mutter. Zu dieser zog es ihn immer wieder hin. Die Schweiz war wohl sein Vaterland, das zu einer freien Republik er entwickeln wollte, doch die Schweiz war ihm auch Mutterland, wo seine tapfere und tüchtige Mutter wirkte.

Was in der Biografie Troxlers auffällt ist die Sicherheit in seinen Schicksalsentscheidungen: Er studiert in Jena, der damaligen Hochburg der Philosophie. Er entzündet sich immer wieder an der bornierten Staatsgewalt, entfacht einen Streit, eine öffentliche Auseinandersetzung. Es geht immer um kreative Freiheitsrechte, die an der Macht der Staatsgewalt abprallen. Dieser Kampf bringt ihm und seiner Familie großes Leid. Doch aus diesen Kämpfen entwickelte sich schlussendlich die Regeneration, der neue Bundesstaat. Die Zielrichtung Troxlers ist von Anfang klar. Dazu Aussagen von ihm: „Die Wahrheit macht nicht nur frei, sie macht kühn“ oder „Kurz, in mir wird immer klarer - von Grund aus muss die Schweiz revolutioniert werden“. Die restaurative Heilige Allianz von Metternich, die auch Spione in der Schweiz hatten, sagte von Troxler: „Troxler, unter den Schriftstellern der Schweiz ist vielleicht der gefährlichste.“ Troxler schrieb einmal: „Ich finde mich sehr geliebt und gehasst, um eigentlich unglücklich zu sein. Freunde und Feinde übertreiben es mit mir“.

War auch der restaurative Luzerner Rüttimann sein politischer Hauptgegner, so war erst Recht der Perücke umflorte Universalgelehrte Albrecht Haller (1708-1777) sein geistiger Opponent. Seine Anthropologie bestand aus vier Elementen, von denen immer zwei einander in Polarität standen: Geist – Körper, Seele – Leben. Über das Leben sagte er: „Das Leben ist der Ursprung und das Substrat von aller Idealität und Realität“. Inmitten dieser Tetraktys steht das Gemüt, das Ich, die Individualität. Es ist die höchste, dem Göttlichen sich annähernde Mitte im Menschen. Das Gemüt steht mitten von Spiritualismus und Materialismus, von Idealismus und Realismus. Die Philosophie wird erst durch  Mystik ergänzt und vollendet, so wird sie zur Philosophie des Übersinnlichen.

Die drei Vornamen Troxlers sind zugleich seine Lebensmotive: Im Namen Ignaz haben wir das Feuer. Er war wirklich ein Feuergeist im Kampf gegen die retardierenden Kräfte, in der Begeisterungsfähigkeit gegenüber seinen Schülern, in der Zielstrebigkeit seiner Idealen, die real werden sollten. Im Namen Paul ist das Paulinische ausgeprägt: Er spricht vom Licht, das er schaut, das im Gewissheit gibt vom Geistigen. Er ist ein Initiierter. Vital ist Programm seines Lebens. Mit größter Vitalität gestaltet er sein Leben. Die Biosophie ist seine Grundlage auch gerade in seinem Beruf als Arzt.

Sein Geburtsort ist zugleich auch ein Ort der geistigen Publizität: 1470 entsteht dort die erste Druckerpresse der Schweiz. Von Beromünster aus sendete der erste deutschschweizerische Landessender „Beromünster“. Am 28. Dezember 2008 schaltete der 77 Jahre alte Sender ab und wurde zum Schweizer Radio DRS.

Friedrich Eymann (1887-1954) auch eine troxlerische streitbereite Natur und Begründer des Troxler-Verlags in Bern, sagte von Troxler: „Während seine philosophischen Schriften jene Ruhe und Besonnenheit, den Gedanken in seiner Tiefe und Schönheit zum Erlebnis zu bringen, atmen, lernen wir im Politiker einen leidenschaftlich und streitbar Partei ergreifenden Menschen kennen.“

Peter Heusser, der als Arzt seine Doktorarbeit über Troxler schrieb: „Dass Troxler die Medizin auf dem Boden einer solchen Wissenschaft des Übersinnlichen neu begründen wollte, macht seine eigentliche medizinhistorische Bedeutung aus“. Der heute noch immer grassierende Agnostizismus verunmöglicht die allgemeine Anerkennung  Troxlers umfassende Anthropologie. An Troxlers Leben spiegelt sich der dramatische geschichtliche Verlauf der Helvetik, Mediation, Restauration und Regeneration. Zum Volksgeist der Schweiz, sagt Troxler, dass dieser „Bildungstrieb des Volksgeistes“ durch das Gemüt (Individualität) schweizerischer Persönlichkeiten und Propheten wirke.

VERGLEICHE ZU MEINEM LEBEN:

Früh schon, etwa mit 18 Jahren, studierte ich das Leben und die Schriften von und über Troxler. Sein Kampf um das Freie Geistesleben, insbesondere der Schule, begeisterte mich: im Manifest eines vierundzwanzigjährigen Berner Lehrers (1966), wo ich forderte, dass alle Lehrer sich in ihrer Schulstube als unabhängig vom Staat erklären sollen, begann ich mit einem Zitat von Troxler: „Die Wahrheit kann gegen nichts verstossen, was von Wert ist. Und verstösst sie gegen den Staat, so ist dieser nicht mehr in der Wahrheit, im realen Geist begründet.“

Beim Ungarnaufstand (1956) und beim Pragerfrühling beteiligte ich mich an Demonstrationen. 1980 initiierte ich die Volksinitiative für freie Schulwahl im Kanton Bern. Wir forderten, dass der Staat den Eltern, die ihre Kinder an eine nichtstaatliche Schule schickte, für ihre Kosten der Privatschule gegenüber volle Rückerstattung gewährt. Die Volks-Initiative wurde zwar 1983 abgelehnt, immerhin 25'000 BernerInnen fanden sich auf meiner Seite.

1883 beteiligte ich mich an den Nationalratswahlen mit der Freien Liste, einer Vereinigung liberaler Kräfte im Kanton Bern. Es gelang dieser politischen Gruppierung, deren Vizepräsident ich jahrelang war, schnell im Kanton Bern zwei Regierungsräte zu stellen und nachhaltige grüne Anliegen ins Gespräch zu bringen. Unser Motto hiess: „Wir stehen weder rechts noch links, wir gehen“. Schon Troxler formulierte. „Weder rechts noch links, sondern gerade aus“.

Ich hielt eine 1. August-Rede in Seedorf und ein Jahr später in Burgdorf. Die Zeitungen monierten von der „einzigen Rede, die zu reden gab“. Ich war Erstunterzeichner der Eidgenössischen Initiative zur Abschaffung der Schweizer Armee. Ich wurde in dem Zusammenhang vom Staat als gefährlich taxiert und fischiert. Ende der Achtziger-Jahre war ich Mitbegründer der Organisation AAA, der Aktion abgewiesener Asylanten. Diese führte dann soweit dass ich als 48-Jähriger den Militärdienst verweigerte und vor Militärgericht kam, wo mir  mehrere Wochen Gefängnis aufbrummt wurden.

Im Zusammenhang mit der Schließung der Schlössli Schule 2014, erlebte ich die brutale Staatsgewalt und die Ohnmächtigkeit des Bürgers, wenn Rechtssicherheit abhanden kommt. Als Schul-Leiter in über dreissig Jahren, erlebte ich eine freie innovative Institution, die ihre Hauptaufgabe darin fand, sogenannten schwierigen Jugendlichen eine Lebensschance zu geben. Wenn Leute aus Deutschland kamen und fragten: „Ist das Schlössli staatlich anerkannt?“ So antwortete ich oft stolz oder auch arrogant: „Es ist bei uns eher die Frage, ob wir den Staat anerkennen.“ Vielleicht musste diese stolze Institution wegen ihrer Haltung dem Staat gegenüber geschlossen werden.

Über meine politische Aktivitäten kann noch mehr unter Ueli Seiler-Hugova auf unserer Website erfahren.

 


29. Februar 2016

Nur einmal in vier Jahren gibt es dieses Datum. Warum? Weil das Sonnenjahr etwas mehr als 365 Tage dauert. Es braucht das Schaltjahr, damit das Neujahr nicht irgendwann im Sommer ist. Dieser vorangehende Text ist nicht so besonders: Man kann ihn alle vier Jahre am 29. Februar schreiben.

Doch der gestrige und heutige Tag wird in die Schweizergeschichte eingehen: Die anständige, liberale und humanistische Zivilgesellschaft der Schweiz ist einer den Rechtsstaat völlig in Frage stellende SVP-Initiative, der Durchsetzungs-Initiative, entgegengetreten. Mit fast 60 Prozent Neinstimmen hat sie das unmenschliche Ansinnen dieser populistischen Partei gestoppt. Dass es der SVP nicht darum geht Probleme zu lösen, sondern durch angstmachende Parolen Stimmen zu gewinnen und unser Staat zu destabilisieren, konnte durch die liberalen zivilgesellschaftlichen Kampanien den Stimmbürgern klar gemacht werden. Und dass junge AktivistInnen mit Charme, Intelligenz und Witz einen so differenzierten politischen Kampf zu führen vermochten, konnte man heute in den Zeitungen lesen. In dieser Kampagne konnte auch die Intelligenz und das Kulturschaffen mobilisiert werden. Es gibt Mut, dass wir die Politik nicht nur den primitiv brüllenden Konsum- und Massenmenschen überlassen müssen, sondern eine Stimmen-Mehrheit zu bilden in der Lage sind.

Diesen Kampf gibt es europaweit: Mich beeindruckt Angela Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“. Und wenn ich die Politik in Deutschland verfolge, beobachte ich einen dramatischen Kampf in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik. Was wir in der Schweiz mit SVP bezeichnen, heißt in Deutschland Pegida. Ich bin beeindruckt, dass es noch viele Persönlichkeiten in Deutschland gibt, die gegenüber den faschistischen Brandstifter ruhig Blut bewahren und Worte der Humanität aussprechen. Das ist wirklich ein geistiger Kampf. Und obwohl wir aus der Geschichte das faschistische Totengräbertum gerne als etwas Vergangenes betrachten möchten, sehen wir gegenwärtig dieses Übel überall wieder auflodern.

Der Kairos (günstiger Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen sich nachteilig auswirkt) dieser Tage wollte es, dass ein monatelanges Projekt einer Theatergruppe im Campus Muristalden Bern gerade zu Aufführungen an diesem Abstimmungwochenende gelangte: GymnasiastInnen der Matura-Klasse inszenierten unter der Regie von Katharina Ramser das Stück „Kick“ vom deutschen Autor Andreas Veiel. Das Spiel handelt von einem Mord an einem 17-Jährigen durch bestialisch handelnde Jugendliche aus der rechten Szene. Das Stück überzeugt als Sprechtheater, das aus recherchierten Aussagen besteht. Die sieben SchauspielerInnen in z.T. mehreren Rollen, führen mosaikartig ins Geschehen ein. Eltern, Jugendliche, Staatsanwalt und Zeitzeugen werden überaus authentisch dargestellt. Nicht das undifferenzierte Schwarz-Weiss-Schema, etwa zwischen Tätern und Opfer, wird dargestellt. Sondern, dass wir alle zugleich Täter und Opfer sind. Dieses, dass wir doch alle in dieser schrecklichen Tat zusammengehören, wird choreografisch gezeigt, durch ein liebevolles Zusammenstehen. Auch wird geschickt multimediale Technik verwendet, indem einzelne Charaktere projiziert sind. Mir bleiben die Gesichter dieser jungen und begabten SchauspielerInnen. Sie haben ihr Möglichstes gegeben.

Diese Arbeit zeigt die Probleme der faschistoiden Jugendszene: Alkohol, Macht, Primitivität und Gewalt über das Schwache. Es ist die Problematik des Abstimmungswochenendes. Jugendliche zeigten erschütternd eindringlich, was geschehen muss an Katharsis, um eine solche Welt retten zu können. Dieses Wochenende zeigt mir, dass es unseren Jungen nicht unmöglich ist, die Welt ins Positive zu verändern.

 


23. Februar 2016

Nun war ich 14 Tage in Tschechien. Das war mein Programm:

Programm Februar 2016

Mo 8.2.       10:00 Zahnarzt (Besuch Kollegium)

Di   9.2.       Treffen für Waldorflehrertagung in der Christengemeinschaft

Mi 10.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal

Do 11.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal

Fr  12.2.      09:00 – 12:30 Tagesstudium Akademie - Parsifal; Abfahrt nach Brno; abends Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

Sa 13.2.      Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

So 14.2.      Waldorflehrerausbildung Brno – Edda (+Kalevala)

Mo 15.2.     13:00 Zahnarzt

Di  16.2.      -

Mi 17.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Do 18.2.      14:00 – 17:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Fr 19.2.       09:00 – 12:30 Tagesstudium Akademie - Kaspar Hauser

Sa 20.2.       Fernstudium Akademie (1+2 Jahr) – Farbenlehre

So 21.2.       Fernstudium Akademie (1+2 Jahr) – Farbenlehre

Ich habe mich also vom 18. bis 20. März mit den Referenten des Kongresses der WaldorfleherInnen in Tschechien, in der Waldorfschule Jinonice getroffen. Das Thema: Der künstlerische Prozess als Inkarnationsaufgabe. Das Gute und Wahre im Schönen.


Vom 10. bis 12. Februar unterrichtete ich bei den Tagesstudenten in der Akademie Tabor in Prag die Parzivalgeschichte. Es kamen zusätzliche HörerInnen. Seit 50 Jahren erzähle ich diese Geschichte. Noch immer bin ich erfreut, wie junge Leute in diesen Mythos eintauchen können. Wiederum malten die StudentInnen von ihnen ausgewählte Motive, die wir dann gemeinsam besprachen.

Am Freitag Nachmittag fuhr ich mit Tomas Peter nach Brünn an die Wochenendausbildung für WaldorflehrerInnen. Ich unterrichtete die Edda und die Kalevala. Unterrichtsstoff für die 4. Klasse.

Vom 17. bis 19. Februar war ich wieder in Prag bei den Tagesstudenten. Wir erarbeiteten das Phänomen von Kaspar Hauser. Obwohl Kaspar als badischer Prinz vor mehr als 200 Jahre am 29. September 1812 geboren wurde, ist immer noch große Verwirrung im Wikipedia: Die Gegner von Kaspar Hauser sind immer noch aktiv und omnipotent. Warum auch? Diese größte Kriminalgeschichte Europas kommt wohl noch lange nicht zur Ruhe.

Am Freitagmorgen versuchte ich das erste Mal über das Werk und Leben von Hildegard von Bingen zu berichten. Ihre Visionen, ihr lebenspraktisches Werk ist einmalig. Sie hat der Göttlichkeit den weiblichen Aspekt zurück gegeben. Ihre alles durchströmende Grünkraft der schöpferischen Sophia ist für das spirituelle Verständnis einer Kosmologie unabdingbar.

Samstag und Sonntag gab ich an einem Wochenendseminar der Akademie Tabor einen Farbkurs. Die Begeisterung war groß beim Experimentieren am Prisma, mit den Farbigen Schatten und den Farbadditionen. Wie plötzlich aus der Polarität Hell-Dunkel alle Farben erscheinen macht Eindruck. Die Farben im Malen des Farbenkreises zu erleben krönte den Kurs.

In einem Gespräch mit meinem Verleger Jiri Wald wurde beschlossen, dass eine zweite Auflage meines Farbenbuches auf Tschechisch möglich wird.

Privat machten Kamila und ich Besuch in Velke Mesirici. Wir haben im Kino Filme gesehen, wie die von Lida Baarova und von Milos Forman "Einer flog übers Kukucksnest". Dazu gab es viele Begegnungen mit tschechischen Freunden.

Trailer LÍDA BAAROVÁ auf Youtube

Am Sonntag bei der Heimfahrt machten wir einen Zwischenhalt in Wolframs Eschenbach bei unseren Freunden. Am Montag nach Ins hatten wir freie Bahn.

So bin ich heute schon wieder mitten in der Schlössliwelt.

 


07. Februar 2016  ♦  DADA ist noch immer da.

Kamila und ich fahren seit 4 Uhr an diesem Sonntagmorgen durch leere Autobahnen von Ins nach Prag. Wir werden für diese Strecke von 870 Kilometer etwa 8 Stunden brauchen. Wir sinnen noch an den Abend zuvor im Druidenhof. Da trugen zwei Künstler, durch den Kulturverein INSgeheim organisiert, Geschichten und Lieder zum Thema Schicksal-Zufall vor. Wunderbar die Poesie der Bilder, der Töne, der Gestik. Wir müssen bald tanken. Eine Tankstelle überfahren wir, weil wir nicht aufmerksam genug sind. Dann auf der Frankenhöhe, in der Nähe von Wolframs Eschenbach, finden wir eine Tankstelle. Beim Bezahlen des Benzins sehe ich die Süddeutsche Zeitung, Sonntagsausgabe. Mit Bons der WC-Eintritte bezahle ich die Zeitung. In Prag, in unserer Wohnung angekommen, lese ich in dieser Zeitung einen Spezialbericht über die Verdun-Schlacht im Ersten Weltkrieg. Es ist gerade 100 Jahre her als dieser Irrsinn angefangen hat. Was ich schon immer aus dem Geschichtsunterricht wusste, lese ich hier exemplarisch: Eine der sinnlosesten Kriegsschlachten der Menschheit, wenn der Krieg überhaupt einen Sinn haben soll: 200 000 französische und deutsche Soldaten werden in einer Materialschlacht hingeopfert, für nichts. Die Kriegsfronten wurden dadurch nicht verändert. Der Gipfel der Sinnlosigkeit.

Nun in derselben Zeitung lese ich von der Geburt des DADA zur Zeit der Verdunschlacht. Dada ist eine Kunstrichtung die keine war und doch eine ist. Diese Geburt geschah in bourgeoisen Zürich im Kabarett Voltaire. Obwohl es schon Prädadaisten gab und Postdadaisten zuhauf. Also am 5. Februar 1916 liest man Texte von Else Lasker- Schüler, Blaise Centras, Franz Werfel, Hugo Ball usw. und spielt u.a. Debussy. Emmy Hennings singt Lieder von Aristide Bryant und Erich Mühsams „Revoluzzerlieder“. Die Wände sind geschmückt mit Blätter von Pablo Picasso, August Make und Wassily Kandinsky (Blauen Reiter). Der Medizinstudent Richard Huelsenbeck aus Berlin macht „Negermusik“. Der Rumäne Tristan Tsara macht mit dem beatenden Berliner simultan ein „Poeme simultaneite“ mit Wortkompositionen in Deutsch, Französisch und Englisch. Nun ist DADA beboren.

Was ist DADA? Ein multimediales Netzwerk verschiedener Strömungen. DADA als Kunst am Rande des Nervenzusammenbruchs, Gleichzeitigkeit und Pluralismus. DADA nicht als Kunstrichtung, sondern das Leben selbst. „Alles in unserer Zeit ist DADA, nur nicht die Dadaisten selbst. Wenn die Dadaisten Dadaisten wären, dann wären die Dadaisten keine Dadaisten“. Künstlerische Splitterbomben (Verdun), die nach allen Seiten explodieren. „Die Dadaisten arbeiteten wie eine Müllabfuhr im heruntergekommenen europäischen Ideen-Überbau“ (Sloterdike). Der Zivilisationsbruch des ersten Weltkrieges (Verdun) erlebten die Dadaisten als geistige Bankrott-Erklärung des Abendlandes. Dem Irrsinn des Krieges setzten die Dadaisten den Unsinn, den Nonsens in der Kunst und im Leben entgegen. Hugo Ball tritt in einem Pappkarton-Kostüm auf und rezidiert: „Gadji beri bimbal Gandridi lauli lonni cadori, gadjama bim beri glassala.“ Obwohl Hugo Ball Zürich verlässt - DADA ist geboren und infiziert Künstler in Paris (die Surrealisten); in New York Marcel Duchamp, in Petersburg das schwarze Quadrat von Malewitsch usw. Im Schwarzen Quadrat haben wir das Nichts von Verdun. Innerhalb des bourgoisen Zürich versammeln sich fast unbemerkt die Revolutionäre des Nichts. Emigranten aus aller Welt suchen hier eine Insel der fröhlichen Nichtkunst. So auch Wladimir Iljitsch Lenin, der mit seinen Genossen in Zürich weilt und später in Bern, besuchte das Kabarett Voltaire. Im Jahre 1917 fährt er in einem von den Deutschen plombierten Zug nach Russland und löst die kommunistische Revolution aus. Auch ein Schwarzes Quadrat. Dieses System dauerte 72 Jahre, gerade so lang, bis die Erdachse sich um ein Grad bewegt.

Die Dadaisten lösten sich in Zürich selbst auf. Das DADA –PR-Genie Tristan Tzara sagt, dass DADA in der fröhlichen Wissenschaft weiterleben wird: „DADA bleibt im menschlichen Rahmen das Schwache. Es ist aber trotzdem Scheisse. Aber wir wollen künftig in verschiedenen Farben scheissen“. Zu DADA gehören die konstruktiven Dadaisten wie Kurt Schwitter, Hans Arp uns Sophie Täuber. Ihre bildenden und poetischen Werke prägen die Zwischenkriegszeit. Ist DADA eine Reaktion auf die Tausendenden im Schlamm und Dreck verendenen Menschen in Verdun? Für nichts. Dada gehört auch zu meinem Leben: Etwa 18-jährig, ich war im Internat des evangelischen Lehrerseminars, ass ich gerne Datteln. Oft kaufte ich sie in Mengen und verteilte sie auch an Kollegen. Nun, da immer wieder Rufe nach Datteln an mich gingen, hiess ich plötzlich DADAT. Überall in den Kaffees in Bern, wo wir verkehrten, nannte man mich DADAT. Nun fragte man mich immer wieder, ob ich ein Dadaist sei. Zunächst wusste ich von nichts. Doch mehr und mehr lernte ich die dadaistische Welt kennen. Später rezitierte ich Kurt Schwitters Ursonate  in der Schule.

Schicksal oder Zufall, an diesem 7. Februar fand ich die Süddeutsche Zeitung und darin den Zusammenhang mit Verdun und der Geburt von DADA.

 


30. Januar 2016

Heute früh am Morgen um 5.00 Uhr sah ich am Südwesthimmel hoch oben das Sternbild des Löwen mit dem prächtigen Jupiter. Eine Spanne links davon der abnehmende Halbmond. Um 7.00 Uhr Dämmerung am Osthimmel. Die Konturen der Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau schon deutlich sichtbar. Darüber der wunderbare Glanz der Venus. Dieses Himmelsschauspiel als sichere Ordnung seit Jahrtausenden. Und ich fühle, dort ist meine sichere Heimat. Auf die kann ich vertrauen.

Die letzten Tage wirkliches Frühlingswetter: Die gelben Winterlinge leuchten im braunfeuchten Boden. Die Schneeglöcklein sind auf einmal da in ihrer unschuldigen Reinheit.

Heute ist es gerade 2 Jahre her, da ich auf das kantonale Jugendamt zitiert wurde. Dort sprachen sie das Verdikt, das Todesurteil aus: Die Heimschule soll Ende Juli 2014 geschlossen werden. Für mich war das wohl der schlimmste Tag in meinem Leben: Das über 60jährige Werk von Aetti, Müeti und mir soll radikal durch Staatsgewalt zerstört werden. Dieses Ohnmachtsgefühl, diese Unmöglichkeit gegen einen solchen Entscheid einsprechend Gehör zu bekommen. Ich würde es im schweizerischen Rechtsstaat nicht für möglich halten. Dann mussten wir miterleben, wie bis im Juli 2014 tatsächlich alles zerstört war.

Wir konnten die Stiftung Seiler retten: Seit dem 1. August 2014 sind wir dran die Möglichkeit zu schaffen, dass „das Schlössli bleibt“, wie es die Schlösslikinder am 30. Januar 2014 in einem Aufruf verlangt haben. Der Aufruf wurde überall aufgehängt, auch an meine Bürotür. Dort hängt er noch heute. Ich bin es den ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen schuldig, dass das Schlössli als geistige Heimat bleibt.

Die Sterne geben mir immer neu die Kraft hier auf der Erde das zu tun, was getan werden muss: Der herzmutige Löwe gibt begeisternde Wärme, der Jupiter die reifende Weisheit, die Venus die Liebe zu Mensch und Natur, die strahlende Morgenröte, die hoffnungsvolle Aurora, Zukunftsmut, die warmen Frühlingstage Hoffnung auf neues Leben, auch im Schlössli.

 


19. Januar 2016

In den wenigen klaren Nächten sieht man das Sternbild des Löwen stolz am Himmel prangen. Darunter der helle Götterfürst Jupiter. Hinter dem Löwen folgt die Jungfrau, dann die Waage und dann am Osthorizont der Skorpion. In diesen Sternbildern hinter dem Jupiter nachfolgend, Mars Saturn und Venus.

Hier unten auf der Erde haben sich Kälte und Schnee eingenistet. Im Seeland nur eine dünne Schneedecke. Doch endlich haben die schwarz-weissen Konturen Vorrang. Das Geäst der Bäume zeigt ihre filigranen Strukturen.

Am Sonntag, 10. Januar, hat um 16.00 Uhr das Konzert von Musique Simili im Drudenhofsaal stattgefunden. Dies war der eigentliche Start des Vereins INSgeheim mit ihren Gastspielen. Der Saal war voll besetzt. Die Begeisterung gross. Endlich ist der wunderbare Runensaal wieder belebt. Dem Verein INSgeheim sei gedankt. Das weitere Programm ist im Veranstaltungskalender zu finden.

Unsere Handwerker bauen die Lilienhofküche aus. Hier soll mit Gruppen wieder gekocht, gegessen und gefeiert werden.

 


22. Dezember 2015

Heute ist der kürzeste Tag. Exakt um 01.00 Uhr früh hat die Sonne ihren tiefsten Punkt erreicht. Nun geht es wieder aufwärts. Ist das auch im Seelischen wahrnehmbar?

Gestern wurde im Rosenhof das Sonnwendefest gefeiert. Im unteren Wiesenstück vor dem Rosenhof wurde eine begehbare Spirale mit Tannästen, Ginkgo-Blättern und Kristallen eingerichtet. In Ansprachen wurde auf das Ereignis in der Natur und in der spirituellen Welt hingewiesen. Jetzt konnte jeder seine Kerze an der Zentralkerze in der Mitte entzünden und irgendwo in den Spiralenkranz stellen. So erleuchteten die Kerzen mehr und mehr die Spirale. Am Schluss waren über 40 Kerzen angezündet. Es kamen auch Menschen aus dem Dorf. Am Schluss gab es heissen Most und wunderbares Spiral-Gebäck. Schön, dass sich die Jahresrituale im Schlössli wieder manifestieren.

Letzte Woche hat die "Vorpremiere" des neu gegründeten Kulturvereins „INSgeheim“ stattgefunden. Ein Konzert von Chevre Cho, ein Trio mit Geige, Gitarre und Bass, Jazz und Ethno-Musik. (Siehe „KulturKraftOrt“ Schlössli Ins). Dieses subtile und virtuose Spielen erfüllte den Runensaal im Druidenhof. Mit diesem Konzert begann nun eine kontinuierliche Kulturtätigkeit. Das Schlössli als Kulturort intensiviert sich, wird Tatsache.

Mit schnellen Schritten geht es der Weihnacht entgegen. Bald ist schon Neujahr. Was wird es uns bringen? Ich bin zuversichtlich. Erstaunlich, was wir Wenige in diesen anderthalb Jahren nach der Katastrophe wieder neu aufgebaut haben. Mit der Sonne steigen wir aufwärts. Das Schlössli hat Zukunft!

 


12. Dezember 2015

Heute Abend, aber auch letzte Nacht, wunderbarer Sternenhimmel. Schon vor Mitternacht Orion mit Sirius, Stier und Zwilling. Dazu farbenprächtige Abend- und Morgenrot-Inszenierungen. Heute machte ich einen ausgiebigen Waldspaziergang bei schönster Sonne und Aussicht auf das Alpenpanorama. Der Seeländer-Nebel ist im Moment wie weggeblasen.

Letzte Woche (9. bis 11. Dezember) war eine Gruppe Lehrlinge der bio-dynamischen Landwirtschaftslehre mit Dorothee Vogel im Battenhof. Ich gab ihnen Einführungen in die Astronomie. Die biodynamische Lehre will dem Prinzip des Hermes Trismegistos folgen: Was Oben ist auch Unten. Mikrokosmos und Makrokosmos bilden sich gegenseitig ab. D.h. je nach dem ob der Mond sich in einem Wurzel-, Blatt-, Blüten-, oder Fruchtsternbild befindet, kann entsprechen gearbeitet werden.

Es ist Adventszeit. Advent heißt Ankunft, auf griechisch auch Erscheinung. 1. Advent ist der Beginn des Kirchenjahres. Die Adventszeit mündet in Heiligen Abend mit den nachfolgenden 12 Heiligen Nächten, die wieder ein Abbild der künftigen 12 Monate sind. Die Adventszeit bereitet die Geburt des Heiligen Kindes vor. Eigentlich die Geburt aller Kinder. Advent bedeutet auch vor der Geburt. Die Seele, die auf dem Weg der Geburt ist, nimmt sich ja auch vor, was sie in diesem Leben vollbringen will. Jeder Mensch ist also der eigene Schmied seines Schicksals.

In der westlichen Welt braucht man, wenn überhaupt, den Begriff der Unsterblichkeit. Der Mensch ist unsterblich. Was ist unsterblich, wenn er stirbt? Nun, die Polarität zur Unsterblichkeit ist die Ungeborenheit. Für uns Westler eher ein ungewohnter Begriff. Das Ungeborene ist das noch nicht Geborene. Es gibt ein sehr schönes Gedicht von Max Hayek. Er ist 1882 geboren und in Auschwitz 1944 ermordet worden:

Das Leben, das ich selbst gewählt

Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde.
Da war die Kümmernis, da war der Gram,
da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte,
da war der Irrtum, der gefangen nahm,
da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Hass und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage,
Und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt.
Wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden
als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig Leben schaute,
da hört ein Wesen ich die Frage tun,
Ob ich dies zu leben mich getraute,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme
"Dies ist das Leben, das ich leben will!"
Gab ich zur Antwort mit entschloßner Stimme.
So wars als ich ins neue Leben trat,
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward ich geboren in diese Welt.
Ich klage nicht, wenns oft mir nicht gefällt,
Denn ungeboren hab ich es bejaht.

Dieses wunderbare Gedicht zeigt, dass die Kinder mit einem zielgerichteten Willen, was sie sich vorgenommen haben, sich in dieser Welt verwirklichen wollen. Es geht darum, dass wir Erwachsene als Helfer und Begleiter ihnen beistehen dieses selbstgewählte Ziel zu erreichen. Doch den Kindern sind viele Stolpersteine in den Weg gelegt. Schlimmer noch: Es geht um den Kindermord, mythologisch im Matthäus-Evangelium gezeigt. Dort werden die Kinder in Bethlehem ermordet. Obwohl das Jesuskind gerettet wird, die Kinder mussten wegen der Machtgier des Herodes sterben. Auch heute werden Kinder gemordet in all den Kriegen. Welch ein Potential unserer Welt, das mit neuen heilenden Kräften uns hätte helfen können. Der seelische Kindermord herrscht überall. Das Kind darf nicht Kind sein in der umsorgenden Umarmung der Mutter. Es wird in seiner Ureigenheit gestreckt und verkürzt, wie es die griechische Mythologie mit dem Prokrustesbett zeigt.

Die Ungeborenheit zeigt sich auch im Leben, wie es uns Rudolf Steiner zeigte: Der Mensch ist bei seiner Geburt nur physisch geboren. Es braucht noch die Schwangerschaft in der Ätherhülle der Mutter in den ersten sieben Jahren. Dann das Ausreifen unter der liebenden Autorität des Astralen. Und wo finden heute die Jugendlichen noch die Begleitung von Persönlichkeiten, an denen sich ihr Ich entfalten kann? Doch die Ungeborenheit geht auch im Erwachsenenalter weiter: Zwiebelschale um Zwiebelschalen fallen. Doch der eigentliche zur Geburt entfaltete Kern ist nur andeutungsweise zu sehen. Das Ich als Wesensglied bleibt noch babyhaft unentwickelt. Ausnahmsweise, bei Persönlichkeiten kann das Ich segensreich und stark in die Gesellschaft hineinwirken.

Ungeborene bleiben wir. Wenn wir nur möglichst viel, das was wir uns vor der Geburt vorgenommen haben, verwirklichen können, ist es gut. Doch, wenn auch nicht alles geboren werden kann, was veranlagt war, so wird auch nicht alles sterben. Das was wirklich geboren wurde von unserer Ichheit, wird auch unsterblich bleiben. So wie wir aus dem Geiste ins Leben hinein sterben, werden wir im Tode in die geistige Welt hinein geboren.

In der Adventszeit, in der Zeit der Ungeborenheit ist alles so weihnächtlich heilvoll. Doch das Matthäus-Evangelium zeigt die Realität dieser Welt. Hoffnung im Überleben des Jesuskindes, das Träger wird des Christuswesen. Die Ichheit ist unsterblich, wenn auch oft noch ungeboren. Und die Neuen Kinder zeigen oft schon starke Ichkräfte. Sie trotzen den widrigen Umständen. Sie führen ihre Ungeborenheit adventlich in die Unsterblichkeit.

 


02. Dezember 2015

Zwei Lichtblicke im Nebel-behangenen Seeland, im Neuwerden des Schlösslis:

Bleigiessen im Schlössli

Wie zuvor jahrzehntelang, kamen Menschen ins Gewölbe und bereiteten sich für das Zukunftsorakel vor. Im hinteren Gewölbe, wo uralte Zeichen in die Steinwände gemeißelt sind, standen sie nun und sprachen ihren eigenen Namen in die Tiefe. Begleitet von Flötenmusik stiegen sie die schmale Steintreppe hinunter. An der Seite überall von Kerzen beleuchtete Nischen. Unten nun standen sie vor zwei alchemistischen, von Aetti gebauten Öfen. Davor das flüssige Blei, wie das eherne Meer im salomonischen Tempel. Nun mussten die Ankömmlinge Fragen auf bestimmte Gegenstände beantworten. Zum Beispiel erhielten sie ein keltisches Kreuz mit einer Menschendarstellung. „Ist darauf ein Mann oder eine Frau?“ Viele zögerten und sagten Verschiedenes: „Ein Mann, eine Frau, ein Mensch.“ Dann konnten sie ihr eigenes heisses Blei ins kalte Wasser giessen. Alle vier Elemente waren dabei beteiligt: Das feste, nun durch Feuer flüssig gewordene Blei, die zischende Luft beim Eintauchen des flüssigen Bleis ins kalte Wasser. Nun konnte man die Zukunftsform des starr gewordenen Bleis in den Hände haltend anfangen zu erforschen. Man konnte wieder die Treppe hinauf ans Tageslicht steigen. Das uralte Ritual am Andreastag Ende des Novembers. Tief hinab in die Erde steigen, in die Seele hinein. Aufhorchen in der Adventszeit, was sich da Neues ankündet.

Kulturverein INSgeheim

Am 26. November ist von der Stradini-Schauspielgruppe und weiteren Personen dieser Verein gegründet worden. Kernaufgabe ist die Übernahme und Bewirtschaftung des Runensaals im Druidenhof. Es besteht schon ein Programm, wo jeden Monat ein Anlass wie Theater und Konzert stattfinden wird. Weitere Aufgaben des Vereins: Förderung des Kulturschaffens in Ins, partizipatives Mitwirken mit Vereinen, Institutionen und Schulen in Ins und in der Region Seeland. Veranstaltungen mit Künstlern und Organisationen aus der ganzen Schweiz, insbesondere in den Bereichen Kleinkunst, Musik für Kinder und Erwachsene, Organisation von Workshops.

Gestern abend fand eine erste Begegnung mit der Stiftung Seiler statt. Die Stiftung ist natürlich hocherfreut, dass wieder Kultur ins Schlössli einzieht. Die Stiftung ist ja auch die Organisation „KulturKraftOrt“. Sie organisierte Seminare und Anlässe im Schlössli. Der Kulturverein erweitert das Kulturangebot, ist autonom und voll verantwortlich für den Runensaal. Die Stiftung wird weiterhin den Saal als Übungssaal vermieten. Aber die Koordination liegt beim Kulturverein. Alle ihre Einnahmen von Anlässen kommen in einen Theaterfond, der vom Kulturverein verwaltet wird. Für mich ist diese Vereins-Gründung ein weiterer Schritt dem Ziel entgegen, das Schlössli als KulturKraftOrt zu entwickeln. Den Stradinis sei Dank.

Heute Morgen um 5 Uhr wunderbarer Sternenhimmel: Orion mit Sirius und Prokion, Stier mit den Plejaden, die Zwillingssterne und der Grosse Wagen im Norden. Im Osten der Halbmond, links unten der helle Jupiter, noch weiter links unten die Venus. Der Kontakt zum Universum noch ganz offen. Um 6 Uhr etwas dunstig. Um 7 Uhr wieder ganz klar, offen zum Osthorizont. Seit 8 Uhr sind wir in weisse Watte eingepackt.

 


23. November 2015

Nun sind wir wieder in Ins. Im Rosenhof wurde während unserer Abwesenheit das St. Martin -Fest gefeiert. Über 60 Menschen nahmen daran Teil. Auch die jugendlichen Flüchtlingen - mit Lampions, wie es sich gehört. Ich habe meine Emails gelesen und erfahren, dass alle Flüchtlinge den Tellenhof für immer verlassen werden. Umdisponieren ist aus organisatorischen Gründen offensichtlich notwendig, für uns aber unverständlich. Die Jugendlichen schätzen die Schlössli-Umgebung. Es gibt auch schon Beziehungen mit Nachbarn. Schade.

Unsere zwei Handwerker haben vieles repariert und aufgeräumt. Seit Sommer 2014 haben wir noch an vielen Orten Inventar. Dieses muss teils entsorgt, teils in unser Möbellager gebracht werden. Mehr und mehr können wir uns auch mit Dingen befassen, die nicht von erster Priorität waren. Tom Grossenbacher, unser Administrator, ist immer noch auf seiner Kubareise. In zwei Wochen ist er auch wieder da.

 


22. November 2015

Kamila und ich sind zurück vom über zweiwöchigen Aufenthalt in Tschechien:

Wir sind am 5. November nach Prag gefahren. Auf der Fahrt dorthin in Wolframs Eschenbach (Nahe Nürnberg, Ansbach) haben wir eine Freundin besucht. 65jährige Wirtschaftsleiterin, sie erzählte uns, wie sie täglich mit Flüchtlingen zu tun habe. Sie organisiert sich mit anderen Eschenbachern, um ihnen zu helfen. Nur durch diesen nahen Kontakt verliere sie die Angst vor den Flüchtlingen. Dass sie da sind, ist nicht ihre Sache. Das habe etwas mit Politik zu tun. Nun, das sind Schicksale, da gibt es nichts anderes als zu helfen. Wir, die alles und mehr haben, können durch unseren direkten Kontakt nur die Angst verlieren. Einige Bürger in der Stadt vermeiden den Kontakt und somit entwickeln sie noch mehr Ängste. ... Am Beispiel dieser Freundin menschliche Haltung einer deutschen Europäerin.

Schon am Freitag, den 6. November fuhr ich von Prag aus nach Příbram zu einem Waldorflehrerseminar. Eine interessierte Gruppe von über 30 Menschen verfolgten meinen Ausführungen über das Thema: „Neue Kinder brauchen eine Neue Pädagogik“. Immer zu Beginn der Lernblöcke sang ich mit ihnen Kanons. Der Kurs ging bis am Sonntagmorgen.

Am Montag, den 9. November zeigte uns der Direktor und seine Frau der Jinonicer- Waldorfschule die wunderbaren Werkräume und den Ausbau einer Freizeitschule. Der Direktor verlegt dort selber Elektrokabel.

Am Dienstag, den 10. November war ich den ganzen Tag in der Příbramer-Waldorfschule. Ich unterrichtete dort die Schüler in der Oberstufe und Lyzeum Parzival und Astronomie. Ich beriet die Lehrer und Schüler, wie sie auf dem Pausenhof eine Sonnenuhr und ein Regenbogeninstrument installieren können. Ich besuchte in diesen Klassen noch eine Englisch- und eine Musikstunde.

Vom Mittwoch den 11. November bis Freitag den 13. November unterrichtete ich Tagesstudenten der Akademie Tabor in Prag die nordischen Mythologien Edda und Kalevala. Daneben traf ich mich mit meinem Verleger Jiří Wald, der meine Bücher Farben, Sternenkunde integral und Parzival auf Tschechisch herausgegeben hat. Es braucht eine zweite Ausgabe des Farbenbuches. Mit Kamila war ich in diesen Tagen noch in der Staats-Oper und sah und hörte von Verdi den Troubadour.

Am Freitag Nachmittag fuhr ich mit dem Seminarleiter Tomáš Petr nach Brno an die dortige Waldorfschule, wo ich am Waldorf-Lehrerseminar übers Wochenende Goetheanismus und Farbenlehre unterrichtete. Da alles Experimente waren, wir also Phänomenologie betrieben und auch sangen, wurde das Seminar mit grossem Interesse aufgenommen.

Am Sonntag traf ich Kamila und wir fuhren zu einer ehemaligen Schlössli-Mitarbeiterin. Nachher fuhren wir nach Velké Meziříčí. Dort wohnt der Vater von Kamila. Es kamen auch noch ihr Bruder mit Familie. Ein schönes Familientreffen.

Am Montag, den 16. November fuhren wir nach Prag in unsere Wohnung zurück. Am Abend besuchten wir die Leiterin der anthroposophischen Akademie Tabor, mit der ich diese Akademie vor mehr als 20 Jahren gegründet habe und seither darin immer wieder unterrichte.

Am Dienstag, den 17. November fuhr ich mit Kamila nach Terezín (Theresienstadt) zur neu gegründeten Waldorfschule. Terezín erscheint einem als riesige Festung mit Burggräben, ursprünglich von der Donau-Monarchie als Bollwerk gegen die Preussen gebaut, im zweiten Weltkrieg als fürchterlicher Ort eines KZ missbraucht, wo die Elite von Tschechien zunächst eingekerkert, dann ermordet wurde. Wenn man in die Stadt hineinfährt, spürt man noch immer die schlechte Energie.

Dort wurde also anfangs September 2015 eine Waldorf-Klasse mit 12 Kindern eröffnet. Seit Jahren fuhr ich zu der nahen Stadt Litoměřice in die Vorbereitungsgruppe. Nun wurde es Wirklichkeit. In einer staatlichen Schule erhielt die Privatschule zwei Klassenzimmer. Man spürt in den Räumen das Wirken dieser wunderbaren Pädagogik. Mit der Klassenlehrerin und dem Team hatten wir ein Gespräch und erhielten Auskunft. In den Schulräumen kommen einmal in der Woche Kinder zusammen, die sonst zuhause unterrichtet werden. Es war gerade der Tag des tschechischen Nationalfeiertags, 17.11., und darum schulfrei. Man feiert in Tschechien die Befreiung vom kommunistischen Regime.

So beginnt das kleine Pflänzchen Waldorfschule innerhalb dieser Festung zu wachsen. Die Stadt ist sehr interessiert an diesem Projekt. Später soll mitten in der Stadt ein leeres Gebäude zu einer Waldorfschule umgebaut werden. Das Gebäude steht  in der Nähe vom jüdischen Museum, wo all das schreckliche faschistische Geschehen dokumentiert wird. Es besteht die Hoffnung, dass die Waldorfschule beitragen kann den Ort zu heilen.

Am Mittwoch, den 18. November fuhr ich nach Olomouc und wurde dort von der Leiterin der Waldorfschule am Bahnhof empfangen. Sie wurde begleitet von einer Klassenlehrerin die Deutsch spricht. In einer Gaststätte vernahm ich, wie es der Waldorfschule geht. Seit Jahren besuchte ich wiederholt die Schule und erlebte, wie gerade die Leiterin gegen schwierigste Probleme beharrlich ankämpft. Die Privat-Schule hat jetzt schon drei wunderbare Kindergärten und neun Klassen. Wobei die 7. Klasse fehlt. Über hundert Kinder gehen dort auf engstem Raum in die Schule. Es besteht ein Projekt, dass die Waldorfschule aus dem Staatsschulgebäude auszieht und in ein eigenes Schulhaus nahe dem Stadtzentrum einziehen darf.

Ich durfte bei der Deutsch sprechenden Klassenlehrerin übernachten und lernte auch ihren Mann, einen Projektleiter einer luxemburgischen Firma für Stahlbau, kennen. Beides wunderbare Menschen. Sie waren als Familie auch in Saarbrücken und gaben damals ihre Kinder an die dortige Waldorfschule. Dann wohnte die Familie in Ostrava. Die Klassenlehrerin war an der dortigen Waldorfschule Fachlehrerin, Klassenlehrerin und Direktorin. Jetzt hilft sie der Schule in Olomouc immer mehr Waldorfschule zu werden.

Am Donnerstag und Freitag besuchte ich die 1., 3., 5., 6., 8. und 9.Klasse. Besprach mit den jeweiligen LehreInnen und dem Direktor den Unterricht. Ich war überall erfreut wie engagiert und z.T. auch didaktisch geschickt die LehrerInnen arbeiteten. Es herrscht nirgends strenge Disziplin. Die Kinder sind interessiert und fröhlich. Die Beziehung zwischen LehrerInnen und Schülern ist liebevoll. Z.T. sah ich auch Gruppenarbeit, wobei Stärkere den Schwächeren helfen. Die Lehrer versammeln sich jeden Morgen mit dem Gitarre spielenden Direktor zum Gesang.

Ich besprach mit dem Leitungsteam personelle Fragen und Unterrichtgestaltung. An der Lehrerkonferenz konnte ich auch auf Fragen antworten. Am späteren Donnerstag versammelten sich über dreißig Eltern und Kollegen der Schule. Ich sang mit ihnen und führte sie ein in die 12 Sinne von Rudolf Steiner.

Am Samstag, den 21. November fuhren Kamila und ich mit einem Anthroposophen-Paar in die Nähe von Karlštejn. Sie zeigten uns ein gerade erworbenes Landstück an einem Abhang, gerichtet auf die (Grals) Burg Karlstein. In den Bauruinen und dem Land, das eine Quelle enthält und bis zu einem Flüsschen reicht, soll eine anthroposophisch-pädagogische Institution entstehen, die sich mit Tierpädagogik und Landbau beschäftigen will. Nachmittag waren wir bei den Initianten in ihrer wunderbaren Prager-Wohnung zum Essen eingeladen. Pläne wurden studiert, vieles besprochen. Eindrücklich bei einem Keim einer anthroposophischen Initiative dabeisein zu können.

Am Sonntag, dem 22. November fuhren wir staufrei in die Schweiz zurück.

 


01. November 2015

Wir im Schlössli haben eine ereignisreiche Woche hinter uns: Von Sonntag bis Samstag waren 11 Jugendliche mit vier Begleitern aus Tschechien bei uns und gestern Samstag ab 10 Uhr Dutzende Gäste von der Schauspielgruppe Stradini - die ebenfalls mithalfen, überall in den Schlössli-Liegenschaften zu arbeiten. Am Abend am Fest der Stradinis im Rosenhofsaal und in der Arena waren dann etwa 80 Menschen zu Gast.

Die Gruppe aus Tschechien wurde begleitet vom Direktor der Waldorfschule Jinonice in Prag, seiner Frau, einer Lehrerin und einem Schülervater. Eine Gruppe arbeitete an den Wegen im Park. Die Wege mussten nach dem Unwetter im Sommer mit Mergel versehen und dann mit einer Maschine verdichtet werden. Eine andere Gruppe arbeitete an der Zubereitung eines Komposts. Die dritte Gruppe errichteten auf dem Astrolabium ein neues Podium. Motiviert war dieses Arbeitslager aus der Dankbarkeit Tschechiens ans Schlössli, für die über 20-jährige Tätigkeit von mir in den Schulen Tschechiens. Die Begleiter sind ehemalige Studenten.

Auf der Hinreise aus Tschechien wurden sie durch das Goetheanum geführt. Am letzten Tag vor der Abreise besuchten sie den Berghof Stärenegg und die Kambly-Fabrik. Jeden Tag erhielten die Kinder eine Stunde Unterricht in Sternenkunde. Die Leiterin der Initiative im Rosenhof, Simone Graf führte sie konkret ein in die Welt der Wölfe und Pferde. Der Besuch dieser tschechischen Gruppe hat mich tief bewegt: Menschen die spüren, was für ein spiritueller Schatz im Schlössli liegt, der trotz der katastrophalen Zerstörung immer noch zu ahnen ist. Solche Solidarität brauchen wir für den Neuaufbau.

Dem Aufruf der Stradinis für einen Aktionstag und Fest an ihre Freunde folgten um die 80 Personen. Ein Teil kam schon Samstagmorgen, der Rest zum Fest. Folgende Arbeiten wurden realisiert: Weiterarbeit an den Wegen im Park, Gartenarbeit, Heckenschneiden, einen Blitzableiter an der Föhre hinter dem Fenishus wieder montieren und überall Lauben. Natürlich waren einige beschäftigt in der Küche für das Essen der vielen Leute. Am Abend war das Fest im Labyrinth mit Musik und Kreistänzen.

Wiederum sind alle Menschen begeistert vom Park, von den Schlösslihäusern, aber auch von der Atmosphäre, vom Kraftort Schlössli. Wir brauchen diese Menschen, diese Solidarität. So kann dem Schlössli mehr und mehr wieder regenerierende Kraft eingehaucht werden.

Ich selber werde in den nächsten Wochen wieder in Tschechien sein und dort durch Vorträge, Kurse und Besuche in den Waldorfschulen helfen. Das schon seit über 20 Jahren.

 


13. Oktober 2015

Heute Morgen kam auf den Balkon vor mein Büro immer wieder ein Rotbrüstli. Da seit einer Woche mein rechtes Auge operiert ist, ich aber vorher mein Leben lang schwer kurzsichtig war und nun hundert Prozent sehe, erkannte ich überhaupt das Vögelein. Es schaute mich immer wieder interessiert an. Was wollte es mir sagen? Ist es ein Botschafter aus höheren Welten? Auf jeden fall hat mich diese Begegnung tief berührt.

In der letzten Woche hat Regula Schmid, die Co-Hausmutter vom Rosenhof, an unserem Morgenritual im Gewölbe, einen Text von R. M. Rilke vorgelesen:

 

                                     Man muss den Dinge

                                         die eigene, stille

                           ungestörte Entwicklung lassen,

                                 die tief von innen kommt

                                und durch nichts gedrängt

                            oder beschleunigt werden kann,

                                  alles ist austragen- und

                                          dann gebären...

                                     Reifen wie der Baum,

                               der seine Säfte nicht drängt

               und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

                                            ohne Angst,

                             dass dahinter kein Sommer

                                        kommen könnte.

                                        Er kommt doch!

                    Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

                           die da sind als ob die Ewigkeit

                                         vor ihnen läge,

                                so sorglos, still und weit...

                                Man muss Geduld haben

                          mit dem Ungelösten im Herzen,

             und versuchen die Fragen selber lieb zu haben,

                              wie verschlossene Stuben,

          und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

                                      geschrieben sind.

                     Es handelt sich darum, alles zu leben.

                                 Wenn man Fragen lebt,

                           lebt man vielleicht allmählich,

                                   ohne es zu merken,

                                 eines fremden Tages

                                in die Antwort hinein.

 

Dieser Text hat mich beschäftigt: Als Choleriker will man gerne schon heute die Fragen endgültig beantwortet haben. Schön, wenn es einem manchmal gelingt warten zu können. Seit nun schon 15 Monaten arbeiten wir am neuen Schlössli. Vieles ist schon da. Doch mussten wir auch viele Rückschläge erleiden. Vielleicht auch Auswirkungen eines zu schnellen Handelns.  Doch einer meiner Lebensdevisen ist auch der Spruch: „Reculer, pour mieux sauter“. Das entspricht mir wieder mehr.

Ich will aber noch besser lernen Geduld zu haben mit dem Ungelösten des Herzens und versuchen, die Fragen lieb zu haben. Und getrost warten zu können. Der Frühling kommt sicher -  wenn es Zeit ist.

 


8. Oktober 2015

Unsere Jugendliche aus Eritrea, Mali und Afganistan im Tellenhof haben sich gut integriert. Kein schlechtes Wort höre ich im Dorf. Im Gegenteil: Mieter in unseren Häusern suchen Kontakt mit ihnen und bieten Hilfen an. Die Medien haben es erstaunlicher Weise noch nicht entdeckt, dass in  den Schlössli – Liegenschaften wieder mehr Kinder und Jugendliche sind als bei der Schließung der Schlösslischule Ende Juli 2014. Im Fenishus werden 10 Kinder in einer Tagesstruktur betreut, im Tellenhof 30 Jugendliche, im Rosenhof hat es angefangen, dass Jugendlichen dort Timeoutplätze angeboten werden. Dies alles tut meinem durch die Schließung verletzten Herz gut. Die Stiftung Seiler erfüllt wieder den Hauptstiftungszweck.

Von Francoise Folletete habe ich einen Dok – Film über Eritrea bekommen. Dunkle Schönheit Eritrea. Dieser Film zeigt ein Land mit ihrer spirituellen und ökologischen Kultur. Sie mutet geradezu postmodern und für uns als Vorbild an. Dort wird das Zusammenleben der zwei Weltreligionen – Christentum und Islam praktiziert.

Der Film zeigt nicht, warum unsere jungen Eritreer im Tellenhof Tausende Kilometer unter Todesrisiko unternahmen, um in unser scheinbar gelobtes Land Schweiz zu kommen. Vielleicht können sie uns SchweizerInnen einmal zeigen, was wirklich nachhaltige Kultur ist.

Für mich persönlich gibt es auch eine Erfolgsgeschichte: Seit ein paar Tagen sind meine Augen operiert. Heute Morgen um 6 Uhr stand ich unter dem Sternenhimmel und sah das erste Mal so viele Sterne, wie noch nie in meinem  Leben:  Die besondere Konstellation war, dass -  wie an einer Perlenschnur - die abnehmende Mondsichel, die Venus und der Mars am Himmel wie Gold glänzten. Alle standen im gut sichtbaren Löwen. Der Königsstern Regulus stand nahe der Venus. Majestätisch funkelte der Orion mit dem hellsten Fixstern Sirius und links oben der Prokyon. Darüber die liegenden Zwillinge. Rechts vom Orion der Stier mit dem rötlichen Aldebaran. Weiter rechts das Siebengestirn der Plejaden. Weiter westlich die Widdersterne. Daneben das Dreieck des Zeus: Hier hat  der Sternenkosmos Anfang und Ende, wie ich es in meinem Buch „Sternenkunde integral“ beschrieben habe. Hoch oben im Westen der michaelische Perseus, darunter die vor dem Drachen zu befreiende Andromeda.  Darüber die Kassiopeia, ihre Mutter, oder auch Himmels-W genannt. Um den kleinen Wagen sah ich den Drachen sich schlängeln. Weiter Rechts der Große Wagen auf dem Kopf. Für mich das erste Mal diese Sichtbarkeit. Ein wirklich erstmaliges Erlebnis meiner dreiundsiebzigjährigen Biografie.

 


27. September 2015

Gestern habe ich noch im Labyrinth gearbeitet. Da kamen drei Eritreer-Jugendliche vom Tellenhof.  Ich zeigte ihnen das Labyrinth. Schon liefen sie den Weg, lachten und rannten die Schleifen und wieder hinaus. Auch ihr Weg aus Afrika war labyrinthisch. Jetzt suchen sie ihre Heimat in ihrem eigenen Zentrum.

In den letzten Tagen schrieb ich noch die Meditation von Christian Morgenstern ins Zentrum des Labyrinths. Es sind die sechs Nebenübungen von Rudolf Steiner hinein geheimnist:

Geschöpf nicht mehr,
Gebieter der Gedanken.

Des Willens Herr,
nicht mehr in Willens Frone.

Der flutenden Gedanken
Maß und Meister.

Zu tief,
Um an Verneinung zu erkranken.

Zu frei,
Als dass Verstockung in ihm wohne.

So bindet sich der Mensch
ans Reich der Geister.

So findet er den Pfad
Zum Thron der Throne.

                           Christian Morgenstern

Dieser Spruch passt, weil er ein Meditationsprozess beschreibt, einen Übungsweg. Der Pfad zum Thron der Throne ist sinnig, da ja auch die Engelhierarchien ins Labyrinth eingeschrieben sind, also das Reich der Geister und die Throne nicht nur als Hierarchie in der Arena lebt, sondern auch die zwölf Tierkreis-Throne in der Peripherie.

Dazu bemalte ich noch mit gelber Farbe den Sonnenbogen, den Christusbogen. Damit zeigen wir deutlicher diese zentrale Halbschleife, die eben sonnenhaft ist.

 


24. September 2015

Nun sind sie da, die jugendlichen Flüchtlinge(bis 18jährig) aus Eritrea, Gabun und Afghanistan. Endlich, nach einem beschwerlichen, lebensbedrohenden Weg angekommen. Dankbare Gesichter strahlen einem entgegen, aber man spürt auch viel Schwieriges, das zu bearbeiten ist.

Für mich ist die Aufnahme der Jugendlichen  in einem unserer Häuser, im Parterre und 1. Stock des Tellenhofs, ein Freudentag: Aufs Mal sind da dreißig Jugendliche im Schlössli, gerade so viele ,wie es waren, bei der Schließung der Schlösslischule. Nach gut einem Jahr ist es uns gelungen, dass wieder Kinder und Jugendliche herum springen, lachen und schreien, spielen und sitzen, einfach da sind. Kindern in Not helfen, das war stets die Aufgabe der Stiftung Seiler.

Bedeutungsvoll könnte sein, dass diese Jugendliche im Tellenhof sind. Der Name Tell wird ihnen mindestens zunächst nicht geläufig sein. Die wenigsten Schweizer haben heute noch eine Beziehung zum Namen Tell. Ein Tell sein ist eine Aufgabe: Ein Tell handelt von sich aus, aus seiner Intuition und Individualität heraus. Das wünschen wir diesen flüchtigen Jugendlichen, die bisher instrumentalisiert wurden als politische Masse: Jeder soll sich selber werden, unveräußerliches Heimatrecht in sich selber finden. Die Tellen-Natur muss immer mehr die Welt ergreifen.

 


18. September 2015

Vieles bewegt sich im Schlössli. Kein Tag wie der andere.  Nun war Milan aus Tschechien mit seinem Sohn hier. Er kommt schon seit Jahren ins Schlössli. Er ist ein geschickter Handwerker und arbeitet speditiv. Nun war er 14 Tage hier. Mit unseren Handwerkern, Michal und Anatoli, zusammen, beendeten sie die Reparaturen im Dachstock des Tellenhofes und im Fenishus, die über ein halbes Jahr gedauert hatten. Die Holzsäulen des fast 50jährigen Bärwolfhauses sind wunderbar restauriert. Der ehemalige Kindergarten ist zu einer Wohnung umgebaut worden. Bei der Jurte(Rundzelt) in der Arena mussten die Stützen verstärkt werden. In einer Wohnung im Schärhaus wurde die Küche neu eingerichtet.

Mit Tom bin ich täglich im Büro um administrative Arbeiten zu erledigen. Julian hilft mit den Finanzen. Kamila hilft praktisch und beratend mit. So versucht unser kleines Team der Stiftung Seiler die Verantwortung für unsere Schlösslihäuser zu bewältigen.

Im Rosenhof mit Simone Graf hat sich eine Mitarbeitergruppe gebildet. Sie wollen Jugendliche aufnehmen, die es nötig haben, eine seelische warme Umgebung zu bekommen. Schon ist ein erster Betreuter eingetroffen. Das freut mich.

Neben täglicher intensiver Arbeit im Schlössli beschäftige ich mich auch immer wieder mit geistigen Dingen: Ich durchschreite jeden Tag das Schlössli-Labyrinth. Das ist meine Meditation.

Giovanni Segantini

Ende August sah ich den Segantini-Film von Christan Labhart im Inser-Kino. Diese Bilddokumentation, diese Texte von Bruno Ganz gesprochen, diese Musik vom Geiger Gyger inszeniert, waren etwas vom Schönsten, was ich je gesehen hatte. Darauf folgend las ich noch einmal die Biografie von Asta Scheib im Verlag Hoffmann und Campe 2011. Diese Biografie war auch die Grundlage des Filmes. Beim Lesen dieser Biografie erlebte ich das erschütternde kurze, aber einmalig kreative Leben des Giovanni Segantini: Diese eigentlich fast elternlose Jugend in Italien, dieser Kampf eines Kindes für das nackte Überleben. Dann die Zeit im Gefängnis und die Befreiung durch den Halbbruder. Jetzt arbeitet Giovanni schon in der Kunstschule in Mailand und findet dort den reichen Malerkollege und befreundet sich mit ihm. Durch ihn kommt er in die wohlhabende Bugatti-Familie und findet dort seine Frau Bice, die Schwester seines Freundes. Wie sich Giovanni und Bice finden, ist eine märchenhafte Schicksalsfindung, ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Jetzt malt Giovanni auf dem Land und gründet eine Familie mit Bice. Schlussendlich haben sie vier Kinder.

Dann ziehen sie, Giovanni staatenlos, nach Graubünden. Giovanni ist nun schon ein berühmter Maler. Trotzdem lebt die Familie immer wieder in Geldnot. Der Höhepunkt sind Arbeiten für die Weltausstellung in Paris. Er malt fast nur draußen, oft hoch oben in den Bergen. Dort stirbt der bisher immer gesunde Giovanni unerwartet an einer Bauchfellentzündung 41jährig. Warum dieser plötzliche Tod, der für Bice und ihre Familie eine Katastrophe war?

Obwohl Giovanni in seiner Jugend nicht schreiben gelernt hatte, gibt es wunderbare Zitate von ihm, von denen ich hier einige dokumentieren möchte:

Sind auf der Leinwand die Linien fest gelegt, die das, was ich geistig will, ausdrücken, so mache ich mich weiter an die so zu sagen allgemeine Kolorierung, als möglichst eng an die Wirklichkeit gehaltene Vorbereitung. Dazu benütze ich dünne, möglichst lange Pinsel, und ich beginne auf meiner Leinwand los zu arbeiten mit feinen dünnen und pastosen Pinselstrichen, in dem ich stets zwischen jedem Pinselstrich einen Zwischenraum lasse, den ich mit Komplementärfarben ausfülle, und zwar möglichst, wenn die Grundfarbe noch frisch ist, damit das Gemälde zerflossener wirkt. Das Mischen der Farbe auf der Palette führt dem Dunkeln entgegen; je reiner die Farben sind, die wir auf die Leinwand bringen, umso um so besser führen wir unser Gemälde dem Licht, der Luft und der Wirklichkeit entgegen.

Giovanni Segantini spricht in diesen Sätzen die wichtigen Prinzipien der Farbenlehre an, wie ich sie in meinem Farbenbuch dargestellt habe: Das Mischen(Subtraktion) führt immer in die Dunkelheit, das Addieren farbiger Lichter zur Addition, zum Licht.

Die Natur war für mich gleichsam ein Instrument geworden, das Töne von sich gab. Die all das, was mein Herz erzählte, begleitete. Und dieses sang die ruhigen Harmonien der Sonnenuntergänge und das innerste Wesen der Natur. So wurde mein Geist durch eine große Melancholie genährt, die in der Seele in unendlicher Süße wiederklang.

Es ist eine Art Naturfrömmigkeit, die ihn begleitet. Das Wesenhafte im goetheschen Sinne wird ihm offenbar. Die Natur wird ihm offenbares Geheimnis.

Suchet einen Gott  nicht außerhalb Eures Bewusstseins und Eurer Taten, weil Gott in uns  ist, und sich in unsern schönen Werken in den guten und edlen Tun enthüllt.

Hier haben wir den Mystiker und Ich-Menschen.

Der menschliche Geist soll in der Natur, der Mutter des Lebens wurzeln und mit dem unsichtbaren Leben der Erde und des Weltalls in Verbindung stehen.

Segantini der Kosmiker.

Ich werde an dem Tag glücklich sein, an dem wir, eine auserlesene Schar, vereint gegen die Banalität kämpfen werden für die sinnliche Schönheit der Farben, für das, das der Natur Leben gibt, für die lebendige und glühende Reinheit der Form, welche unserem Wirken jene ideale seelische Harmonie verleiht.

Kämpfer gegen die Banalität, die uns heute auf Schritt und Tritt begegnet.

Ich werde jetzt noch drei Bilder beschreiben:

Eines der bekanntesten Bilder ist „Ave Maria bei der Überfahrt“.

Wir sehen in einer Barke Mutter und Kind und ein betender Mann inmitten von Schafen. Die Gruppe wird um wölbt von runden Stangen. Diese geben der Gruppe wie ein Innenraum. Der Horizont mit Kirche zeigt die irdische Welt, die aber mit dem Kirchturm sich mit dem Geistigen verbindet. Sonst ist die Barke zwischen Himmel und Wasser, zwischen dem Geistigen und Seelischen. Das verbindende Element ist das Licht. Ein Weihnachtsbild.

Bünderin am Brunnen

Dieses Trinken aus drei kühlen Quellen über die warme Hand. Dieses Schöpfen aus der Dreieinigkeit, Vater Sohn und Heiliger Geist, oder: aus Gott geboren, in Christus gestorben im Heiligen Geist auferstanden, oder: Leib, Seele, Geist, oder: Kopf, Herz und Hand, usw.

Rückkehr vom Wald

Eine Frau zieht in einer Schneelandschaft einen Schlitten voller Holz nach Hause. Diese mühsame mütterliche Arbeit ist Vorsorge für die Wärme, die wir in der Kälte dieser Welt brauchen. Arbeit als vorsorgliche Fürsorge, als physische und seelische  Wärmegeberin. Wärme brauchen wir, dass unser Ich sich in dieser Welt inkarnieren kann. Ich habe in meiner Skizze über Wärmepädagogik schon lange auf dieses alchemistische Element der Transsubstantiation(Wesensverwandlung) hingewiesen.

 


2. September 2015

In den letzten Tagen las ich von Ibrahim Abuleish  „Die Sekem-Symphonie“. In diesem Buch beschreibt er autobiografisch sein Leben, sein Werk Sekem: Er wächst in Kairo in einer relativ reichen Familie auf. Er liest im Gymnasium Goethes „Werther“, während er selbst verliebt war.  Nach der Matur studiert er in Graz und wird Ingenieur der Ernährungswissenschaft und wird bekannt mit der bio-dynamischen Landwirtschaft. Er trifft eine ältere Anthroposophin, die ihn in das Werk Rudolf Steiners einführt. Er heiratet eine Österreicherin und es werde ihnen zwei Kinder geboren.

Er fährt nach Ägypten zurück und sieht wie das Land immer mehr ins  wirtschaftliche, politische und kulturellen  Elend versinkt. Er will selbst einen positiven Beitrag für Ägypten leisten: Nordöstlich von Kairo, mitten in der Wüste, gräbt er Brunnen, bewässert das Land, pflanzt Bäume, betreibt bio-dynamische Landwirtschaft, produziert Kompost. Heute ist diese Oase Sekem ein blühender Garten der Schatten spendet, Er wird Pionier der biologischen Baumwohlproduktion in Ägypten. Er gründet Firmen die Tee produzieren und verkaufen. Die Baumwolle wird zu Kleidern verarbeitet. Dazu kommen Pharmazie-Unternehmen. Aus den Gewinnen gründet er eine Waldorfschule, eine Eurythmieschule, Möglichkeiten für behinderte Kinder und Erwachsene, ärztliche Versorgung umliegender Bewohner, eine Universität Helipolis werden geschaffen.

Dies macht er mit Assoziationen, Handelsbeziehungen, Hilfswerken in Europa. Sekem wird weltweit bekannt und erhält den alternativen Friedenspreis. Sekem wird so zum Vorzeigeprojekt  Es zeigt wie die Welt gerettet werden könnte.

Er selbst ist Moslem, aber zugleich mit der Christologie Steiners bekannt

Er ist der Meinung, dass der Islam, wie zu Luthers Zeiten reformiert werden muss, arbeitet an einer, für die heutige Zeit entsprechenden Koranübersetzung. Er ist überzeugt, dass gerade durch die Polarität Islam-Christentum ein höheres Ganzes entwickelt werden kann.  Es ist das, was die Rosenkreuzer anstrebten: Eine Religion über den Religionen.  Ich habe Abuleish mein Grosses Parzivalbuch gewidmet. In dieser Geschichte verbindet sich der Christ Parzival mit dem Heiden Feirefis. Feirefis heiratet die Gralsträgerin Repanse de Schoye und gründet in Indien das sagenhafte Johannesreich.

Gestern hatte ich fünfzig 1. Klässler aus Port. Sie wollten in unserer Arena eine Stunde lang verbringen. Die Begeisterung war groß. Als ich sie auf die zwölf Tierkreis-Throne verteilte, wussten fast alle   in welchen Sternzeichen sie geboren sind. Dann liefen sie in Gruppen das Chartres-Labyrinth. Erstaunt waren sie wie da Umwege nach Innen und Außen gemacht werden müssen, um ins Zentrum zu kommen. Schlussendlich stiegen alle durch den höhlen oder höllenähnlichen Gang, durch die absolute Dunkelheit ins Licht, ins Paradies. Viele fanden dies megatoll und wollten gerade noch einmal hindurch.

 


30. August 2015

Nun bin ich schon wieder eine Woche hier in Ins, im Schlössli. Ich war mit Kamila und Alma zuerst in Wolframs Eschenbach bei unseren Freunden. Dann in Prag. Dann in Velke Mesirici in Mähren. Dann an einem Kongress im tschechischen Krumlau. Zurück in Prag über Mähren. Dann am 22. August zurück in die Schweiz.

Die ganze Zeit meines Auslandsaufenthalt las ich etliche Biografien: Henri Miller. Er hat mich schon früh fasziniert. Er ist vielleicht der obszönste Schriftsteller ohne obszön zu sein. Seine sexuellen Obsessionen ohne Gewalt sind aber eine Beschreibung eigener Wahrnehmungen und Erleben.

Das Geistige ist immer im Fleischlichen latent und umgekehrt, selbst in den ungehobelsten Stellen der Wendekreise. Alfred Perles.

Miller ist ein Anarchist und asketischer Mönch. In ihm leuchten die Höllenfarben Schwarz und Weiss und die Steigerung Purpur(Rein Rein) auf: Materie und Geist.

Miller befasste sich mit Svedenborg und Steiner. Offen gesagt, was ich heute noch entdecken möchte, sind die okkulten Autoren..  .Sie ziehen mich einfach an. Ich habe ein ausgesprochenes Faible für das, was man die okkulten Wissenschaft nennt. Henri Miller 1969. Henri Miller ist überzeugt, dass er mehrere Male gestorben sei. Seine Wiedergeburt sind ihm wirkliche Erfahrungen. Zu seiner Mutter, zu ihr er bis zu ihrem Tod keinen Zugang hatte, bekommt er nachtodlich ein versöhnliches Verhältnis. Im Traum trifft er sie und ruft: Mutter, ich hab dich lieb. Ich hab dich lieb. Hörst du mich rufen?

Bei der Totenwache am Sarge in seiner katalonischen Bibliothek meines Freundes und Kunsthistorikers Diether Ruddloff standen Henri Millers Wendekreise neben der Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner.

Frauen und Goethe: Goethe ist ein liebender Mensch. Sein Bezug zur Natur war liebend, umfangend. Seine Augen erblickte die Welt liebend. Und Lieben heißt zugleich Erkennen. Ohne Liebe ist keine  Wesenserkenntnis möglich. Sein Eros der Phänomenologie ist Liebe zur Schöpfung. Sein lebenslanges Lieben ist Kunst, ist Kunst des Liebens, wie es Erich Fromm beschreibt.

Die Liebe in Goethe ist immer früher als die von ihm geliebten Frauen. Die Frauen sind nicht Objekte, an denen sich die Liebe entzündet. Die Fähigkeit zu lieben ist immer schon vorher da.

Biografisch ist die sexuelle Liebe erst relativ spät von Goethe erfahren worden. Vorher floh er vor dieser im Irdischen angekommenen Liebe. Erst in Italien fand er die geschlechtsreife Liebe in einer Faustina. Zurückgekehrt fand er in Christiane Vulpius die sinnliche Liebe und zeugte seinen einzigen Nachkommen. Die eigentliche Liebe Goethes blieb bis ins hohe Alter in seinem Herzen, im Eros seines Genius. Die Frauen waren so Verkörperungen seines spirituellen und schöpferischen Schaffens.

Martin Buber: Seine Dialogik fand ich schon in den Sechziger-Jahren beeindruckend. Dass das Menschsein vor allem vom andern aus gedacht wird, vom Du aus, war entscheidend. Erst durch das Du kann sich das Ich entwickeln. Rudolf Steiner spricht vom Ich-Sinn, der eigentlich ein Du-Sinn ist und oberster Sinn der zwölf Sinne ist.

Der große humanistische Denker braucht ebenso die Welt der Offenbarungen. Sein chassidischer Humanismus gleicht den mystischen Erfahrungen z. B. eines Jakob Böhme.  Er ist der grosse Brückenbauer zwischen Judentum und Christentum.

Paracelsus: Schon vierzehnjährig las ich eine Biografie über Paracelsus aus Aettis Bibliothek. Er ist für mich einer der großen Renaissance-Menschen. Er wollte die Welt nur durch eigene Erfahrung verstehen. Er lernte das Handwerk Medizin nicht nur an der Universität, sondern vor allem auch bei einfachen Menschen und Hexen. Seine heute noch zukunftsträchtigen Weltsicht war ganzheitlich, spirituell: Er verband seine Tätigkeit als Arzt mit dem Kosmos und der jeweiligen konkreten Situation des Kranken. Sein Weltbild ist alchemistisch(Sulphur, Merkur und Sal) prozessorientiert, ätherisch, psychologisch und geistig. Er kämpfte gegen Ignoranz, Verstocktheit, Machtkartelle und war ständig auf der Flucht. Ein im echten Sinne Eidgenosse, der sich nicht von den Mächtigen dieser Welt runterkriegen ließ.

Rosa Luxenburg: Diese polnische Jüdin, die in der Schweiz studierte und vor allem in Deutschland als sozialistische Revolutionärin agierte und dann Ende des 1. Weltkrieg grausam ermordet wurde, hat mich schon immer beeindruckt. Sie kämpfte für ihre Ideale innerhalb und außerhalb der Gefängnisse kompromisslos als glänzende Rednerin für einen Kommunismus mit demokratischen, stets sich entwickelnden Wahrheiten. Nicht eine Machtelite sollte das Wahrheitsmonopol haben, sondern alle sollten sich für eine bessere Welt engagieren können. Sie ist eine Vorläuferin des Prager Frühlings, für einen Kommunismus mit menschlichen Angesicht, für den dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus.

So konnte ich mich mit Biografien beschäftigen, die auch meinen Lebensweg begleiten und beeinflussen.

In Wolframs Eschenbach konnte ich mich mit dem Dichter des Parzival verbinden und in der Bibliothek unseres Freundes und Dichter Peter Dreyling  neue Erkenntnisse entdecken. Ich fand doch einige Autoren, die Wagners Parsifal kritisch hinterfragen. Wenn auch Wagners Oper genial ist, sie überblendet den wolframschen Parzival und verfälscht ihn.

In Prag sahen wir eine Ausstellung der Maler und Visionäre von Monte Verita(Gräser) bis Hundertwasser. Eine Dokumentierung einer Fernsehsendung aus den Siebzigerjahren mit Hundertwasser zeigte eindrücklich seine visionäre Ökologie und phantasievolle Architektur.

Von Velke Mesirici aus besuchten wir das mährische Krumlau. Dort sahen wir vor Jahren eine Ausstellung über Paracelsus, die aber jetzt momentan? nicht zu sehen ist. Dort war Paracelsus vielleicht am östlichsten Punkt seiner europäischen Wanderung. In einem renovierten Teil des Schlosses war eine imposante Ausstellung über moderne Kunst zu sehen.

Dann fuhren Kamila und ich nach dem tschechischen Krumlau. Dort war nun schon zum 5. Mal ein anthroposophischer Kongress. Zunächst ging es dort um eine internationale Ärzteausbildung. Kamila hat dort immer übersetzt. Nun dieses Mal wurde der Kongress noch mehr geöffnet, auch für Therapeuten und Pädagogen. Das diesjährige Thema war die Partnerschaft zwischen Frau und Mann. Macht die lebenslange Ehe noch einen Sinn? Wunderbare Eurythmie in einem historischen Saal im Schlossareal. Dann nahmen wir Teil am Modellieren von embryonalen menschlichen Formen und an einem Kurs für die Beziehungspflege in der Partnerschaft. Gemeinsame Konzerte, Vorträge und Rückblicke im Theater mit etwa 300 TeilnehnerInnen waren eindrücklich.

Ich wurde gefragt, ob ich am Abend um 22 Uhr bereit wäre eine Nachtwanderung auf den nahen Kreuzberg zu machen. Über 50 Menschen folgten dem Zug durch die dunkle Nacht. Oben sahen wir das Sommerdreieck, den grossen und den kleinen Wagen, den Arkturus usw. Höhepunkt war der Meteoritenregen aus dem Perseus.

Dieser Kongress in diesem Dreiländereck(Tschechien, Österreich, Deutschland) wird von jungen Leuten geführt und ist ein Ort, wo viele auch junge Leute sich interessieren für die anthroposophische Sicht des Lebens.

Es ist gut möglich dass ich dort die vier nächste vier Jahre Lektor sein werde.

Diese wunderbare Stadt inner- und außerhalb der Flussschlaufen der Moldau, die historischen Häuser und das Schloss der Rosenberger, der Eggenberger und der Schwarzenberger ist wirklich ein Weltkulturerbe. Hier residierten die rosenkreuzerischen Rosenberger, die schändliche Dynastie der Eggenberger, die nach dem Kriege von Bila Hora mordend den tschechischen Adel, auch Comenius, vertrieben. Die Eggenberger, reiche Österreicher, kauften sich Adelstitel und bereicherten sich am hussitischen Volk unter dem Schutz der gegenreformatorischen katholischen Kräfte.

Die Stadt ähnelt der Stadt Bern. Sie hat auch einen Bärengraben.

Zurückgekehrt ins Schlössli konnte ich feststellen, dass meine Mitarbeiter in diesen drei Wochen meines Fortseins gut zur Stiftung geschaut haben.  Denn Vieles muss noch erledigt werden., Handwerkliches und Administratives. Wir in der Stiftung sind jetzt über ein Jahr daran, das Schlössli wohnlicher und menschlicher zu machen. Doch es hat immer noch viele Altlasten. Der tragische Tod von Elena, Mitarbeiterin in der Landwirtschaft und im Rosenhof, geben viele Rätsel und Fragen des Schicksals auf.

Simone Graf hat ihr Projekt im Rosenhof offiziell mit viel Musik und Ritualen eröffnet. Dieses Projekt hilft der Stiftung in einer Art Leaderposition die menschlichen Kräfte im Schlössli zu sammeln: Simone Graf übernimmt hinfort die Verantwortung von unserem Morgenritual, dem Gewölbe jetzt wieder um 8 Uhr. So hat es sich also gelohnt, dass die Stiftung das Gewölbe während eines Jahres durchgetragen hat.

Gestern hat uns der Rosenhof nun schon das zweite Mal eingeladen zu einem Vollmondfest. Suppe und Sonstiges gab es zu essen. Die Stradinileute waren auch da und bereicherten das Fest mit Musik und Feuerkunst auf dem Labyrinth. Sie sind zurück von ihrem Schweiz weiten Theatertournee.  Die Stradinis, die jetzt auch alle in unseren Schlösslihäusern wohnen, geben dem Schlössli den menschlichen und künstlerischen Zusammenhalt. In dieser Vollmondnacht ging ich glücklich ins Bett. Im Schlössli ist wieder eine Gruppe Menschen, die den Ort Schlössli dankbar schätzen und sich für den menschlichen Zusammenhalt engagieren.

 


25. Juli 2015

Ich sitze im Aetti-Müetigewölbe. Hier lagst Du Müeti vor Tagen im Sarg. Ein paar Tage und Nächte konnten wir von Dir Abschied nehmen. Dein in Stein gemeißeltes Angesicht harrte der Ewigkeit entgegen. Hier konnte ich frühmorgens bei deinem Sarg weinen. Eruptiv aus meinem tiefen Innern schluchzte und heulte ich. Schon lange habe ich nicht mehr geweint. Dann bei der Abdankung in der Kirche kam es wieder über mich. Ich konnte es nicht verhindern. Ich heulte öffentlich. Kaum konnte ich die Worte an die Anwesenden beenden. Es war mir tief peinlich. Doch ich heulte nicht, weil du endlich Dich von der Erdenwelt willentlich verabschiedet hast.

Ich spürte plötzlich all den Druck der letzten Schlössli-Jahre. Die Jahre der Katastrophe, der Schließung, der Anfeindungen, der Beleidigungen und Erniedrigungen. Offensichtlich habe ich das alles runtergebuttert.  Es ging ja nicht um mich, sondern um die Rettung des Schlösslis. Ich hörte Dich Müeti sagen: „Das isch doch kei Sach“.

Nun sitze ich vor Deiner Urne in diesem durch Dich geheiligtem Raum. Ich habe Dir an Deinem Sarg versprochen, weiterhin mich für den Kraft-Ort Schlössli einzusetzen. Mein ganzes Leben diene ich diesem Ort. Die Tage, Monate und Jahre, die mir noch verbleiben, werde ich es weiter tun. Ich kann nicht anders.

In diesem Gewölbe hat uns Aetti zu Gralsrittern geschlagen. Eine Art Initiation. Als Zwölfjähriger las ich den wolframschen Parzival in Versform. Dann habe ich eine Gralsburg im Rosenhof gebaut. Das heutige Türmli. Später Schülern und Studenten die Parzivalgeschichte erzählt und interpretiert. Dann konnte ich in den letzten Jahren all das in meinem „Grossen Parzivalbuc“ in deutscher und tschechischer Sprache veröffentlichen. All dies eine Frucht, deren Keim hier in diesem Gewölbe durch Aetti gelegt wurde.

Rudolf Steiner spricht im Zusammenhang mit dem Gral von Gradale. Es ist eine Stufenleiter zum Christlichen. Es wurde mein Zugang zum Christusimpuls.

Nun war ich gestern noch bei den sich verabschiedenden SängerInnen. Sie sangen mir noch ein chinesisches und portugiesisches Lied. Dann sangen und improvisierten sie beim Abwaschen und Sommerhitze „Oh Tannenbaum“ und „Stille Nacht“. Diese Kreativität beeindruckte mich. Der über zwanzigste

Gesangssommer ist Manda Seiler, meiner ältesten Tochter zu verdanken.   Auch diesmal aktivierten und verstärkten sie durch ihr Singen den Kraftort Schlössli.

Die Tatsache dieses Gesangssommers und die Gastfreundschaft von Simone Graf und ihren Helfern im Rosenhof stimmt mich frohgemut. Mein offensichtlich unbewusst blutendes Herz kann mehr und mehr genesen. Auch wenn im Schlössli noch weitere Herkulesarbeiten zu bewältigen sind, bin ich zuversichtlich.

Mit Müetis Tod ist ein wichtiger Abschnitt im Schlössli  zuende.    Nun fahre ich und meine Familie für fast einen Monat nach Tschechien. Zunächst nach Wolframs Eschenbach zu unseren Freunden. Peter Dreyling ist Kurator im dortigen Museum.  Er hat Hunderte von Büchern über Parzival.

Dann sind wir in Prag und Mähren. Wir nehmen an einer anthroposophischen Tagung in Krumlau teil.  Am 20. August sind wir wieder in Ins.

 


15. Juli 2015

Es sind Hitzetage. Doch am Morgen früh ist es noch kühl. Wenn ich zurück schaue, so waren die Tage von Müetis Sterben und die Abdankung eine wichtige Zeit, die in die Annalen vom SchlössLi eingehen werden.

Über ein Ereignis, das auch wichtig für das Schlössli ist, aber bis jetzt nicht in meinem Tagebuch formuliert werden konnte, ist das Rosenkreuzerseminar vom 4. Juli von Isabelle Val de Flor:

Das Thema des Seminars war Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert, wie Rudolf Steiner 1911 in Neuchâtel es formuliert hatte.

Isabelle Val de Flor forscht seit vielen Jahren vor allem nach dem Ort der Initiation von Christian Rosenkreuz durch die zwölf Weisen. Bei ihrer Forschung hatte sie noch den Neuenburger Schriftsteller Robert Ladame schriftlich befragen können. Doch die entscheidenden Angaben konnte ihr Aetti Seiler vom Schlössli Ins geben. Durch seine Hinweise konnte sie den „richtigen“ Rudolf von Fenis, Neuenburg und Nidau, den Troubadouren, identifizieren. (Es gibt nämlich drei) Er war der Beschützer der aus Südfrankreich flüchtenden Katarer. Er gründete das Kloster Gottstatt bei Orpund. Dort war vor allem eine Klosterschule, also ein spiritueller pädagogischen Impuls im 13. Jahrhundert im Seeland. Der Impuls kam von Rudolf von Fenis.

Nach Isabelle Val de Flor war Christian höchstwahrscheinlich in Gottstatt initiert worden.

Isabelle Val de Flor, Architektin aus Paris und Verfasserin des Büchleins „Christian Rosenkreuz im 13. Jahrhundert“ im Trixel-Verlag erschienen, zeigte sich im Seminar als gute Kennerin der Katarer und der Templer.

Isabelle Val de Flors Erlebnis mit Aetti Seiler brachte sie zur Einsicht, dass Aetti mit Rudolf von Fenis karmisch tief verbunden ist. Sein Impuls 1953 im Schlössli Ins eine spirituelle pädagogische Initiative zu begründen,  sieht sie im  Zusammenhang mit Rudolf von Fenis und seine Klostergründung in Gottstatt.

Erstaunlich ist aber auch das Datum des Seminars vom 4. Juli 2015. Es ist exakt der Jahrestag der Schließung der Schlösslischule am 4. Juli 2014. Damals wurden noch die restlichen Kinder und Jugendlichen vom Schlössli entlassen. An diesem Tag war ich in Bern und besuchte die anthroposophische Buchhandlung Anthrovita. Dort lachte mich das kleine Büchlein von Isabelle Val de Flor über Christian Rosenkreuz an. Ich kaufte das Büchlein und setzte mich in ein Restaurant. Darin erfuhr ich von den Gesprächen mit Aetti. Ich las aber darin auch die Rosenkreuzer-Vorträge von Rudolf Steiner. Darin schildert er, dass, wer ein echter Rosenkreuzer werden will am Abgrund stehen muss, eigentlich ein Todesprozess durchmachen muss.

Ich selbst erlebte diesen Tag als der schwärzeste meines Lebens. Ich war verzweifelt. Und nun das Büchlein von Val de Flor. Durch dieses Büchlein bekam ich Kontakt zu Isabelle Val de Flor und wir machten das Datum für dieses Seminar für den 4. Juli 2015 ab. Erst später bemerkte ich, dass dies ja der Jahrestag der Schließung war.

 


12. Juli 2015

Gestern, den 11. Juli, war ein ganz besonderer Schlössli-Tag: Am Morgen und Mittag die Abdankungsfeier für Müeti und am Abend die offene Stalltüre von Simone Graf.

Müeti ist am 7. 7. 15 frühmorgens um drei Uhr gestorben.

Doch schon sieben Tage vorher hat sie durch Verweigerung von Speis und Trank den Weg in die geistige Welt eingeleitet.

Müeti wurde in einen wunderbaren rohen Holzsarg gelegt, Ihr Bett war Heu. So lag sie mit ihrer Tracht in dieser schrecklichen aber zugleich bezaubernden Horizontale. Besucher am Sarg verglichen die Tote mit Hodlers Totenbilder seiner Freundin. Die markante Nase. Ein Monument. Definitiv.

Wir konnten nun jeden Tag, jede Nacht im Aetti-Gewölbe am Sarg Totenwache haben. Eine eigenartige Ambivalenz erlebte ich: Hier manifest der tote Leib von Müeti. Dieses fast hundertjährige Kunstwerk. Hier drin hat diese große Persönlichkeit gelebt. Hat diesen Leib individualisiert. Doch dieser Leib ist schon Vergangenheit. Ist Erinnerung.

Wo ist aber Müeti selbst zu finden? Sicher nicht mehr in diesem toten Leib.  Hat sie Aetti wieder im Himmel getroffen? Endlich. Den sie so liebt. Ist ihr Geist, der durch ihren alternden Leib oft nur noch schwer sich manifestieren konnte, jetzt befreit? Kann sie nun viel mehr durch uns wirken?

Du Müeti hast so stark in das Schlössli gewirkt. Hast das Schlössli zu diesem Kraftort für viele Menschen gemacht. Das Schlössli war Dein grösserer Leib. All die Liegenschaften der Stiftung Seiler.  Auch das Schlössli hat so einen Tod erlebt. Doch versuchen wir es zu reanimieren. Wir haben die Aufgabe, diesen wieder zu beseelen.

All diese Gedanken kamen mir an Müetis Sarg. Und das erste Mal konnte ich weinen. Wie ein Krampf löste sich von mir. Ich spürte plötzlich den unsäglichen Schmerz in mir, den ich durch die katastrophale Schlösslischliessung erfahren habe, die ich in mir versteckte, runterwürgte, indem ich versuchte das Schlössli zu retten, zu schauen, dass es weiter geht, dass das Schlössli bleibt. Meine Weinkrämpfe waren nicht wegen dem irdischen Verlust von Müeti, sondern wegen dem Geschehen im Schlössli. Gut, dass ich alleine war.

Die Abdankung gestern in der Kirche war wunderschön: Manda sang so innig, Karoline Arn erzählte so präzis und innerlich verbunden mit Müeti die Biografie, Michi stellte mit markigen Worte Aussagen von Müeti vor, die Pfarrerin machte es auch gut. Sie verglich die biblische Ruth mit Müeti. Nur ich versagte: Schon ganz am Anfang des Rituals spürte ich wieder dieses Würgen in meiner Seele. Ich konnte schlecht meine Worte vortragen. Ich heulte. Dann erst Recht bei dem Entgegennehmen des Beileids, all die ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen. Ich heulte. Das einstige Schlössli und jetzt das Desaster. Ich heulte. Ich hatte mich nicht mehr unter der Kontrolle. Ich weiß nicht ob ich mich darum schämen muss. Für mich schrecklich, so vor der Oeffentlichkeit zu stehen. Doch die Leute waren lieb. Sogar Michel sagte mir aufmunternde Worte.

KatrIn hat wieder ihr grosses Talent gezeigt in der Verköstigung der Leute in der Arena. Die Leute waren zufrieden. Ich selbst seelisch gerädert und zerschlagen. Wie nach einer schweren Krankheit.

Müetis Weg in die geistige Welt. Der Kosmos, die Sterne begleiteten sie folgender maßen:

Montag, den 30. Juni, Müetis 97. Geburtstag: Mond begegnet Saturn. Das Seelische zieht sich zurück, wird Keim und Same.

Dienstag, den 30. Juni: Müeti verweigert Speis und Trank. Der Sterbeprozess ist willentlich eingeleitet.

Mittwoch, den 1. Juli: Begegnung von Venus und Jupiter. Dieses Schauspiel konnte man schon seit Tagen am Abendhimmel  beobachten. Weisheit und Liebe vereinigen sich. Die weise Liebende, oder die liebende Weise ist auf dem Weg in den Himmel.

Donnerstag, den 2. Juli: Vollmond.  Im gleichen Moment wo die Sonne im Westen untergeht, geht gegenüber der Vollmond im Osten auf. Die Ergänzung von Geist und Seele.

Samstag, den 4. Juli: Seminar mit Isabelle Val de Flor und die Suche nach dem Ort der Einweihung des Christian Rosenkreuz. Aetti gab Isabelle den entscheidenden Hinweis auf den “richtigen“ Rudolf von Fenis, Nidau und Neuenburg, dem Beschützer der katarischen Flüchtlingen. In Gottstatt, dem von Rudolf gestifteten ehemaligen Kloster spürte Isabelle besonders stark die innige Verbundenheit von Rudolf und Aetti.     Dieser Samstag war zugleich der Jahrestag der inquisitorischen Schließung der Schlösslischule. Die Kinder mussten vor einem Jahr das Schlössli verlassen. Der schwärzeste Tag der über sechzigjährigen Bildungsstätte.  Wollte Müeti noch diesen Jahrestag abwarten? Wollte sie noch die Möglichkeit abwarten, dass das Schlössli überleben wird?

Montag, den 6. Juli: Vorabend des Todestages: Der Mond begegnet Neptun, die Seele dem Okkultist. Er ermöglicht der Seele den Blick ins Jenseits.

Dienstag, den 7.7 um 3 Uhr morgens. Müeti geht endgültig in die Geistige Welt. Aufbahrung im Aetti-Gewölbe.

Samstag, den 11.Juli. Abdankung in der Kirche in Ins. Mond ist in Opposition zum Saturns getreten. Seit dem Geburtstag von Müeti hat es der Mond von der Konjunktion zur Opposition zum Saturn geschafft. Der Todesbegleiter, der Schnitter Tod begleitete Müeti in die Anderwelt.

Simone Graf machte „Tag der offenen Stalltüre“:

Hier am Abend der Müeti-Abdankung erlebte ich Simone erneut als souverän, kompetent und menschlich äußerst tiefsinnig. Sie zeigte ihren Laufstall für ihre neun Pferde: Was sie und ihr MitarbeiterInnen hier an baulichen Massnahmen in diesen paar Wochen erreichte hat, ist unglaublich. Diese konsequente Tierumgebung nach neuesten Gesichtspunkten ist einmalig.

Dann zeigte sie, wie sie mit den Pferden arbeitet: Dieser gewaltloser Tanz mit den Pferden, diese innige Verbundenheit, diese Freude dieser Pferde. Die hierarchische Verantwortung für die Tierseelen! Ich erlebte Simon als spirituelle Pferdeflüsterin, als Magierin der Tiere, wie sie Aetti in den Bärwolfgeschichten darstellt. Ich sah in ihr den delphischen Wagenlenker.

So will sie auch mit Jugendlichen arbeiten. Ich bin stolz, dass dies in den Schlösslihäusern geschieht. Auch wie sie öffentlich dankbar, zu uns von der Stiftung steht, tut meiner wunden Seele gut. Sie ist auch so eine Verantwortliche wie es Müeti war. Sie setzt einen hoffnungsvollen Keim ins neue Schlössli. Danke.

 


8. Juli 2015 

Gestern, am 7. Juli morgens ist Müeti in die geistige Welt gegangen. Man sagt auch, dass dies eine Geburt sei in die Welt des Geistes.

Müeti hat es gut gemacht: Sie hat vor etwas mehr als eine Woche noch ihren 97. Geburtstag gefeiert und ein Paar Brosamen des Geburtstagskuchen gegessen und dann enthielt sie sich konsequent Speis und Trank, sieben Tage lang. Am letzten Abend hat sie noch fest atmen müssen, wie in einem Endspurt. Dann wurde der Atem ruhiger. Um drei Uhr morgen ist sie alleine aus dieser Welt gegangen. Wir sind stolz auf Müeti, dass sie willentlich aufbrach zu neuen Ufern.

In den letzten Jahren, wenn ich sie besuchte und ihr mein Name sagte und mit ihr sprach, hat sie sich oft auf meinen Besuch gefreut und wurde ganz zärtlich. Wenn ich sie dann fragte, wer jetzt bei ihr sei, sagte sie „Aetti“. Sie hat oft mich identifiziert mit Aetti. So spürte ich, welche Sehnsucht in ihr waltete nach Aetti. In mir steigt jetzt das Bild auf, dass Sie von Aetti empfangen wurde, dass es ein Riesenempfangsfest im Himmel gab.

Die Frage war noch und noch, warum Müeti in dieser Welt noch so lange ausharrte? Müeti hat sich Zeit des Bestehens des Schlösslis immer für unsere Gemeinschaft verantwortlich gefühlt. Und wenn ich ihr sagte, dass wir im Schlössli grosse Probleme haben, sprach sie etwa Folgendes aus: „Also schau, dass die Probleme gelöst werden!“

Ein paar Tage vor ihrem Tod war der Jahrestag der inquisitorischen Schlösslischliessung(4.Juli 2014), wo die Kinder und Jugendlichen entlassen wurden, sie ein neues Heim finden mussten. Der schwärzester Tag meines Lebens!  Doch bereits bei der Bekanntmachung der Schliessung durch das bernische Jugendamt haben die Jugendlichen viele Zettel im Schlössli aufgehängt mit dem Text: „Das Schlössli soll bleiben, es ist unser Herz und wird unser bleiben“.

Seit der Schliessung versucht ein kleiner Trupp der Stiftung Seiler, dass das Schlössli bleibt. Wir sind das allen ehemaligen SchülerInnen und MitarbeiterInnen aber auch zukünftigen Initianten schuldig. Wir wollen dass das Schlössli wieder zum Leben erweckt wird. In diesem Jahr haben wir schon Vieles erreicht. Siehe www.schloessli-ins.ch

Wollte Müeti noch warten, bis es uns im Schlössli besser geht, die Zukunft der Stiftung gesichert wurde?

Jetzt ist Müeti mit dem Aetti vereint in der geistigen Welt. Wir sind offen für ihre Hilfe.

 


Todesanzeige

Doch wie das große Werk getan,
Steh ich am Ende meiner Bahn,
Der Leib neigt sich dem Tode zu.
Der Engel spricht: Bald hast Du Ruh.
Die Ruhe hast Du wohlverdient.
Die Schulden mit dem Werk gesühnt.

                                                       Aetti

Heute Morgen ist unsere Mutter, Großmutter,  Urgroßmutter, Schwester und die Gründerin der Heimschule Schlössli Ins in die geistige Welt gegangen.

Müeti Ruth Seiler Schwab  •  29. Juni 1918  - 7. Juli 2015

Ueli und Kamila Seiler
Katrin und Antonio Tarelli
Michel und Holle Seiler
Christa Seiler
Helena Strebel
Hilde Madliger
Esther Wasserfallen
14 EnkelInnen und 19 UrenkelInnen

Abdankung in der reformierten Kirche in Ins:

• Samstag, den 11. Juli 2015 10.30 Uhr
• Kontaktadresse: Ueli Seiler, Kirchrain 15, 3232 Ins 
• Telefon: 032 535 57 17 / ueli.seiler@schloessli-ins.ch
www.schloessli-ins.ch

Anstelle von Blumenspenden:

• Stiftung für Heimpädagogik, Kirchrain 15, 3232 Ins. Postkonto: 30-35653-7

 


27. Juni 2015

Nun sind die Aufführungen der 6. Primarklasse der Staatsschule in Ins vorbei. Sie haben ja die Rote Zora gespielt und zwar als Musical. Die drei Abendvorstellungen waren alle voll besetzt und zwar vor allem von der Bevölkerung in Ins, die ihre Kinder sehen wollten. In der über sechzigjährige Geschichte des Schlösslis waren noch nie so viele Leute aus dem Dorf im Druidenhofsaal. Vielleicht wird in Zukunft der Saal vermehrt vom Dorf benutzt.

Die Aufführungen waren grandios: Die Freude und Einsatz der SchülerInnen war super. Die Songs perfekt. Nils Berghuis, der Regisseur und Klassenlehrer machte das Stück auch zum klassenkämpferischen Drama: Die Frage von Arm und Reich begeisterte die SchülerInnen. Und die Rote Zora ist ja die Anführerin der heutigen Neuen Kinder, die ichstark alte Strukturen auflösen und mitgestalten wollen.

Ich schmunzelte beim Betrachten der Kinder: Wie die Mädchen schon junge Damen, die Knaben noch Büblein waren. Keine Sorge, die Knaben werden in einigen Jahren die Mädchen schon noch einholen!

Die Stiftung Seiler ist stolz so ein tolles Projekt in ihren Häusern zu haben und schließlich sind Nils Berghuis und Jlona Voulgari (Musikerin) ehemalige LehrerInnen vom Schlössli. Die Besucher waren auch beeindruckt vom Theatersaal. Einmalig in der näheren Umgebung.

 


24. Juni 2015

Das Mittelalterfest vom 19. bis am 21. Juni im Rosenhof-Park ist vorbei. Viele Besucher haben das Fest genossen und rühmten die Stimmung im Park und in der Arena. Die Schäden im Park sind minimal. Die Parkplatzorganisation und die WC-Haltung wurden bemängelt. Ein Schock war der Brand unter dem Dach des Aetti Seiler-Gewölbe. Die Feuerwehr musste geholt werden. Auslöser war der Brand am Pizza-Ofen.

 


20. Juni 2015

Nun hatte die Stradini-Theatergruppe ihre Premiere. Mit viel Publikum, darunter viele Kinder, verfolgte das Spektakel. Der drohende Regen war dem Spiel gut gesinnt. Nie hat es störend geregnet. Im Gegenteil, Wasser und Trockenheit ist ja auch das Motiv des Spiels.

Von Anfang spannend mit der clownesken Erzählerin. Ihr Gesicht war eine wunderbar wechselnde Landschaft verschiedenster Gefühle. Man bemerkte sofort ihre Schulung bei Dimitri.

Die Geschichte bewegte sich vom Land aufs Meer und umgekehrt. Was verbindet die Wasserwelt mit dem Festland und wo ist sie tragisch getrennt? In vielen Märchen eine archetypische Mythe.

Die Lilith von einem Matrosen und von einer Seejungfrau gezeugt, wächst auf einem Bauernhof auf. Sie ist dort unbrauchbar. Eben halb Wasserwesen. Der Vater geht mit ihr wieder aufs Schiff. Doch Lilith muss sich als Mann verkleiden. Die Seejungfrau provoziert zornig einen Sturm. Lilith fällt ins Meer und geht ganz in die Wasserwelt hinein. Sie wird wieder ganz Wasserwesen. Doch sie wird von der Seejungfrau wieder zur Frau gemacht und Lilith kann wieder ans Land gehen. Eine neue Menschwerdung ist möglich geworden. Lilith ist sich selber treu geblieben und kann nun Wasser- und Erdenwelt in sich integrieren.

Die Geschichte durchschaut man nicht immer. Doch das Theaterspektakel lebt von starken dramatischen Bildern, aber auch lyrischen poetischen Stimmungen. Unvergesslich die Tierdarstellungen auf dem Bauernhof: Hühner, Kühe und Schweine rasen schlussendlich durchs Publikum!

Dann der Sturm auf dem Schiff. Fast wurde man schon beim Zuschauen seekrank. Mit eindrücklich bewegtem Spiel der Truppe zeigte sich die Könnerschaft der Truppe.

Dann Lilith in den Masten kopfüber hängend, mit wallenden Haaren sich als Frau zu erkennen gebend und Geige spielend. Ein solches Bild vergisst man nicht mehr.

Dann die starken körperbetonten Choreografien der Männertänze. Hier zeigt die Truppe einer ihren vielen Fähigkeiten.

Nun ist die Premiere vorbei. Nun ist es klar, warum dieses monatelange Üben.

Die Stiftung Seiler ist stolz, dass diese Gruppe ihre Zelte in ihren Häusern aufgeschlagen hat und jetzt mit ihren zwei Bussen, die zugleich Bühne, Küche und Schlafgemach bilden durch die Schweiz mit dreissig Aufführungen reisen. Schon jetzt ist es klar, dass so durch die ganze Schweiz sich das Kinderlachen und Kindergruseln  freudig fortpflanzt. Eine echte künstlerische Kulturinitiative, die dem Lande gut tut.

 


14. Juni 2015

Die ersten zwei Seminare „Parzivalbuch“ und „Chartres Labyrinth im Schlössli“ des „Kultur(Kraft)Ort Schlössli Ins“ sind vorbei. Wir konnten durch die Seminare zeigen, dass im Schlössli geistige Impulse wieder möglich sind

Die nun folgenden Events folgen nun jede Woche. Siehe Programm. Im Schlössli wird weiterhin renoviert und aufgeräumt. Fast täglich bekommen wir Anfragen für Raummieten. Wir müssen sorgfältig entscheiden. Jetzt haben wir mehr Zeit als am Anfang.

Ich fuhr für einige Tage ins Burgund nach Champlemy, nähe Nevers, südlich Vezelay. Dort haben ehemalige Kollegen aus meiner Seminarzeit und Freunde ein ehemaliges Chateau gekauft. Das eigentliche Schloss ist heute eine Ruine, aber im stattlichen Nebenhaus gibt es viel Platz für Gäste. Das Haus und der umliegende Park mit zwei Eseln ist wunderbar. Es gibt eine verwunschene Quelle, einer Merlinquelle gleich. Auch das Städtchen zeugt von verschwundener Pracht: Einmal lebte es sich hier wohlhabend und mit vielen Bewohnern.

Dort trafen wir uns ehemalige Kollegen des Lehrerseminars Muristalden in Bern. Es wurden nun viele Geschichten, die vor mehr als 50 Jahren passiert sind, aufgefrischt. Eindrücklich die schicksalshaften Biografien zu verfolgen. anzuhören und selber zu erzählen, wie es einem gegangen ist.

Ich freue mich auf nächsten Donnerstag, da wird die Theater-Gruppe „Stradini“ ihre Vorpremiere halten. Sie haben nun ein halbes Jahr in den Schlössliräumem geübt. Damit starten sie in auf die dreimonatige Reise durch alle vier Landesteile der Schweiz. Siehe Programm. Überall werden sie in Dörfchen und Städtchen für klein und gross aufführen.

 


1. Juni 2015

Nun bin ich schon eine Woche wieder in Ins. Meine Mitarbeiter von der Stiftung haben in der Zeit meines Wegseins gut gearbeitet. Nun hatten wir am letzten Samstag einen Werktag. Eingeladen hatte die Theatergruppe Stradini. Alle Mieter der Stiftung konnten im Rosenhofpark mithelfen, Vieles wieder in Ordnung zu bringen.  Und  es wurden intensiv Sträucher zurückgeschnitten, Rasen gemäht, das Labyrinth neu bemalt, Wege geputzt. Das erste Mal seit dem Neuanfang am 1.August 2015 spürte ich eine starke Solidarität zur Stiftung. Die Menschen erlebten den Rosenhofpark als Kraftort im weitesten Sinne.

Es gab ein wunderbares  Mittagessen im Rosenhof. Regula als Köchin zeigte ihre Kunst wie immer schon. Am Abend gab es ein Ritual im Labyrinth und danach ein Fest bis in alle Nacht hinein. Die vielen Gäste, auch ehemalige SchlösslerInnen, waren beeindruckt vom Park. Wieder einmal erzählte mir eine ehemalige Schülerin, dass ihr einstmaliger Aufenthalt im Schlössli die schönste Zeit ihres Lebens war.

Es häufen sich Besprechungen von Stiftungen und Gruppen, die sich konkret um Wohnraum im Schlössli bewerben. Ich bin zuversichtlich, dass ob kurz oder lang das Schlössli wieder belebt wird.

 


Tschechienreise vom 6. bis 25. Mai 2015

Ich und meine Frau Kamila fuhren am Mittwoch früh mit dem Auto über Karlsruhe nach Wolframs Eschenbach, nahe bei Ansbach und Nürnberg (Orte von Kaspar Hauser) und besuchten dort den Dichter und Kurator des Parzival-Museums und seine Frau. Gastlich wurden wir in ihrem Haus aufgenommen. Wir besuchten noch in diesem kleinen und schmucken Deutschritterstädtchen eine Ausstellung mit einer Plastik, die den leidenden Amfortas darstellt und das Parzival Museum.

Am Donnerstag fuhren wir nach Prag in unsere Wohnung. Am Freitag nachmittag holten mich Studenten mit dem Auto ab für den Kurs in Nová Ves (Nordböhmen) vom 8. bis 10. Mai. Das Thema war integrale Sternenkunde. Wir konnten mein, in die tschechische Sprache übersetztes Sternenbuch, gut gebrauchen. Schon am Abend hatten wir Glück: Wir konnten alle Sterne am Himmel sehen und Zusammenhänge begreifen. Ich konnte dort Anfänge einer biodynamischen Landwirtschaft sehen und mit Vertretern der Tilia-Werkstatt sprechen. Diese geschützte Werkstatt bekam seinerzeit eine Starthilfe von unserer Stiftung für Heimpädagogik und hat sich wunderbar entwickelt.

Am Dienstag 12. Mai habe ich mit meiner Frau in Olomouc ( Mähren) die Ausstellung Aenigma 100 Jahre anthroposophische Kunst gesehen. Eindrücklich, dass erste mal in der anthroposophischen Bewegung eine solche Ausstellung zu sehen ist. Die Ausstellung ist sehr schön gestaltet und ausserordentlich interessant.

An der Ausstellung traf ich noch die administrative Leiterin der  Waldorfschule in Olomouc. Ich war schon oft an dieser Schule als Mentor und war erfreut zu hören, dass sich diese Schule um Land für ein neues Schulhaus bemüht.

Vom 13. bis 15. Mai unterrichtete ich in der „Akademie Tabor für künstlerische Sozialarbeit“ in Prag die Tagesstudenten über Leben und Werk Rudolf Steiners.

Am Freitag bis Sonntag (15. Bis 17. Mai) erzählte ich den Studenten des Waldorflehrerseminars in Brno (Mähren) die Parzivalgeschichte. Wiederum konnten wir mein auf Tschechisch übersetztes Parzivalbuch gebrauchen.

Am Samstag nachmittag und Abend besuchte ich mit Kamila die Museumsnacht u.a. in der Festung Špilberk. Wir übernachteten in der Familie des Direktors der Waldorfschule in Brno.

Am darauffolgenden Montag früh fuhr ich für zwei Tage nach Příbram an die dortige Waldorfschule. Diese Schule hat ein wunderbar goetheanistisch gestaltetes Gebäude. Ich unterrichtete die Schüler in der 10. und 11. Klasse integrale Sternenkunde und besuchte die 5. und 7. Klasse. Am zweiten Tag gab ich vor Eltern und Lehrern einen Farbenkurs. Auch hier half mein auf Tschechisch übersetztesFarbenbuch. Eindrücklich die Stimmung in dieser Schule: Den ganzen Tag hörte ich Instrumentalmusik zur Vorbereitung der Olympiade am Wochenende. Die Schule steht unter Leitung einer sehr engagierten und geschickten Direktorin.

Am nächsten Tag (20. Mai) fuhr ich direkt nach České Budějovice zum Mutter-Kind-Zentrum Pansophia. Ich war dort schon oft zu Gast. Ich erzählte den Müttern und Interessierten über die „Neuen Kinder“ und machte mit ihnen Farbexperimente. Am Abend fuhr ich wieder nach Prag.

Am nächsten Tag (21. Mai) erarbeitete ich mit den Studenten in der Akademie Tabor „Die Soziale Dreigliederung“ von Rudolf Steiner.

Am Abend hielt ich  in der zweiten Waldorfschule Dědina in Prag vor Eltern und Lehrern einen Vortrag zum Thema „Neue Kinder brauchen eine neue Pädagogik“. Es kamen erstaunlich viele Menschen und ich konnte sie u.a. schöne Lieder lernen.

Am Freitag, mein erster freier Tag, den 20. Mai besuchte ich mit Kamila zwei wunderbare Ausstellungen: An der Karlova Strasse, wo die meisten Touristen vom Altstätterring zur Karlsbrücke laufen, war eine Ausstellung über die Biografie und Zeitgeschichte Viktor Ullmanns. Eindrücklich die Zeit im Ersten Weltkrieg, wo Ullmann an der Südfront (Italien/Österreich) als Artillerie-Offizier und Musiker Dienst leistet. Er erlebt den Gaskrieg und wird zum Kriegsgegner. Er macht seine Musiker-Karriere u.a. in Prag und wird Anthroposoph und Freund von Albert Steffen. Er schreibt die Oper „Der Antichrist“, die ja dieses Jahr in Olomouc, Prag und Dornach aufgeführt wurde. Seine Deportation als Jude nach Theresienstadt, seine unfassbare und unermüdliche Tätigkeit als Musiker und Dichter bis er 1944 ermordet wird, ist erschütternd. Es wird in einem Video eine Aufführung seiner Oper “Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ gezeigt. Diese Oper hatte er in dem Konzentrationlager Terezín ( Theresienstadt ) komponiert.

In der zweiten Ausstellung sahen wir im „Haus zur steinernen Glocke“ die Bilder des belgischen Symbolisten, Theosophen, Okkultisten und Maler Jean Delville (1867 – 1953 ). Seine Bilder und Motive sind einzigartig. So wie der Viktor Ullmann ist auch er ein Friedensaktivist.

Am Samstagmorgen waren wir in České Kopisty in Terezín in der Camphill Gemeinschaft. Dort veranstaltete die Initiativgruppe, die am 1. September 2015 eine Waldorfschule in Terezín beginnen wird, einen Kurs über die 12 Sinne, den ich zu geben hatte. Meine Frau übersetzte den Kurs. In den wunderbar gestalteten Wohnräumen nach den Prinzipien der organischen Architektur und im Garten versuchten wir uns an den umfassenden Kosmos der zwölf Sinne Rudolf Steiners anzunähern. Wir genossen die Umgebung des biodynamischen Hofes der mit dem Gemüse u.a. wöchentlich Interessenten bis nach Prag versorgt.

Am Sonntag früh (24. Mai) fuhr ich noch von Prag aus nach Tábor, wo schon bereits ein Waldorfkindergarten besteht, um dort einer interessierten Gruppe einen Farbenkurs zu geben. Dort will man spätestens 2017 eine Waldorfschule gründen.

Am nächsten Tag sehr früh morgens fuhren wir nach Ins zurück. Die leeren Strassen am Pfingstmontag erlaubten uns in etwa sieben und halb Stunden nach Hause zurück zu kehren.

Bei der Heimreise konnte ich noch einmal auf die reiche Zeit der vergangenen Tage zurück zu blicken: Überall die ernsthafte anthroposophische Arbeit. Wunderbare Orte, wunderbare Menschen. Mich freut vor allem, dass ich mit tätig sein kann bei der Gründung der Waldorfschule in Terecin. Auch eine Friedensinitiative im Sinne von Viktor Ullmanns.

 


5. Mai 2015

Gestern habe ich die Verträge für den Rosenhof unterschrieben. Nun ist Simone Graf für den Rosenhof verantwortlich. In unserer Website unter Initiativen beschreibt sie ihr Projekt. Am 25. Mai ziehen ihre 7 Rosse in den Bauernhof im Battenhof.

Am Samstag, den 30. Mai organisiert der Bewegungstheater-Verein Stradini einen Werktag, um vor allem im Rosenhof-Park notwendige Arbeiten zu erledigen.

Ich habe allen meinen Internetadressen unsere neue Website-Adresse geschickt. Täglich gibt es begeisterte Rückmeldungen für unsere Website.

Ich fahre morgen mit Kamila über Deutschland für fast drei Wochen nach Tschechien. In Deutschland besuchen wir noch unsere Freunde in Wolframs Eschenbach. Das Programm für Tschechien ist nachfolgend publiziert. Darin kann man sehen, was für Aufgaben ich in Tschechien habe. Seit über 20 Jahre.

Nach der Pressekonferenz der Stiftung Seiler vom 30. April, die in Radio, Fernsehen und Presse kommentiert wurde und der Vertragsunterzeichnung für den Rosenhof, kann ich getrost meinen Aufgaben in Tschechien nachgehen. Die Mitarbeiter der Stiftung werden in Ins zum Rechten sehen.


Tschechien Mai 2015

  • Fr  8.5. - Reise nach Nova Ves - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • Sa 9.5. - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • So 10.5.  - Fernstudium Akademie 1.+2. Jahr (Nova Ves - Sternkunde)
     
  • Mo 11.5. - Zahnarzt, eventuell Kollegium
     
  • Di  12.5. - Olomouc mit Kamila
     
  • Mi 13.5. - 09.00-12.30 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner Biografie und Werk) - nachmittags moglich Theater Sazava  - mit Studenten
     
  • Do 14.5. - 09.00-12.30 und 14.00-17.00 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…)    
     
  • Fr  15.5. - 09.00-13.00 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…) - nachmittags Abfahrt nach Brno
     
  • Sa 16.5. - Waldorflehrerseminar Brno (Parsifal)
     
  • So 17.5. - Waldorflehrerseminar Brno (Parsifal)
              
  • Mo 18.5. - Waldorfschule Pribram - Hospitation
     
  • Di  19.5. - Waldorfschule Pribram – Hospitation, abends Vortrag
     
  • Mi  20.5. - Pansofia České Budejovice – 2 Vortrage
     
  • Do 21.5. - 09.00-12.30 Tagesstudium Akademie (Rudolf Steiner…oder andere Thema…) - 18.30 Vortrag Waldorfschule Praha - Dedina (Neue Kinder brauchen neue Padagogik)
     
  • Fr  22.5.     
                    
  • Sa 23.5. - Terezín/Litomerice - Seminar (Sinneslehre)
     
  • So 24.5. - Seminar in (Stadt) Tabor (Farbenlehre)

30. April 2015

Julian, mein Sohn, ist gestern zwanzig jährig geworden. Er hat nun über ein Jahr mir in der Stiftung Seiler viel geholfen. Obwohl er diesen Sommer erst die Maturitätsprüfung in der Wirtschaftsmittelschule macht, ist er Mitglied in der Stiftung Seiler und für die Finanzen verantwortlich.

Ebenfalls gestern haben wir diese Website ins Netz gestellt. Seit einer Woche waren wir in gemeinsamer Arbeit daran, diese Schlössli-Website zu gestalten: Tom Grossenbacher, Leiter der Administration, richtete die Website ein, Kamila, meine Frau, korrigierte die Texte, mein Sohn Manuel gab seine wunderschönen Fotos dazu.

Ebenfalls gestern bekamen Kamila und ich Besuch aus Tschechien. Es war Pavel Selesi, Direktor einer Waldorfschule in Prag. Er wurde von der Stadt Biel eingeladen an einem Gespräch über neue Schulformen dabei zu sein. Er war der einzige Vertreter der Waldorfschulpädagogik. Nun Pavel war vor zwanzig Jahren mein Student an der Akademie für künstlerische  Sozialpädagogik in Prag und hörte dort von mir über die Waldorfpädagogik. Also, was ich damals von der Schweiz nach Tschechien trug, kommt heute zurück.

Heute war Pressekonferenz der Stiftung Seiler. Das erste Mal nach der Schliessung traten wir vor die Öffentlichkeit, um zu zeigen, was wir in der Stiftung tun. Stefanie Inhelder sprach über die  Theatergruppe Stradini und Simone Graf über ihr Rosenhofprojekt.  Dabei waren TeleBielingue und Canal3 und ein Journalist von der Zeitung „Der Bund“.